Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Julian Nida-Rümelin / Elif Özmen (Hrsg.): Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen, 3., neubearbeitete und aktualisierte Auflage, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-520-42303-0, 733 Seiten, 25 €

Die erste Auflage des Buchs erschien 1991 und bestimmte die nach dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Werke philosophischer Autoren als zur Gegenwartsepoche gehörig (vgl. Vorwort zur dritten Auflage, S. IX). Für die dritte Auflage war "eine neue zeitliche Fokussierung vorzunehmen: Aufgenommen wurden nur solche Philosophinnen und Philosophen, deren Hauptwerke erstmals nach 1970 veröffentlicht oder jedenfalls maßgeblich rezipiert wurden" (ebda.). Tatsächlich kommt Ende der sechziger Jahre eine Ära zum Abschluss; neue Fragestellungen werden virulent, die sich zum Beispiel am "Aufblühen der Ethik und der politischen Philosophie und der Etablierung der Bereichsethiken von der Umwelt- bis zur Medizinethik" ablesen lassen (ebda.).

 

Es gibt also signifikante Unterschiede zwischen der jetzigen philosophischen Epoche und der vorhergehenden. Jene lässt sich "durch die Aufzählung einzelner Denkansätze oder gar 'Schulen' nicht angemessen" beschreiben (Vorwort zur ersten Auflage, S. X). Für die Nachkriegszeit hingegen waren Grabenkämpfe zwischen theoretischen Positionen, die jeweils einen Alleinvertretungsanspruch erhoben, symptomatisch. Welcher Anhänger der Kritischen Theorie hätte wohl einem Heideggerschüler oder einem Vertreter der analytischen Philosophie zugebilligt, sich genauso unideologisch um Wahrheit zu bemühen, wie er es für sich in Anspruch nahm? Heute hingegen sind nicht nur, mit vielleicht einer Ausnahme, über die noch zu reden ist, solch kämpferisch-zänkische Verhaltensweisen obsolet geworden, es ist auch nicht mehr möglich, randscharf zwischen philosophischen Standpunkten zu unterscheiden.

Zum einen mag es ein Vorteil sein, sich nicht mehr einem Lager zuordnen zu müssen; zum anderen kann man es auch bedauern, dass es seit dem Ende der postmodernen Strömung noch nicht einmal mehr den Versuch gibt, eine philosophische Gesamtschau der Gegenwart zu begründen. Nichts wäre heute undenkbarer, als das Aufkommen einer Theorie und Praxis verbindenden Haltung, wie etwa der existentialistischen. Die Frage, warum das so ist, wird leider in der von Tania Eden und Julian Nida-Rümelin verfassten und von Elif Özmen aktualisierten Einleitung nicht gestellt.

Die Einleitung bemüht sich nicht um eine begriffliche Rekonstruktion der vergangenen philosophischen Phase und entsprechend auch nicht um eine theoretische Beschreibung der gegenwärtigen, der sie sich eben so zuordnet. In ihr wird detailliert erzählt, was sich auf philosophischem Gebiet zugetragen hat und gegenwärtig zuträgt; zu einer Beurteilung oder auch gesellschaftlichen Zuordnung des reflexiven Geschehens kommt es nicht. Immerhin mündet ihr letzter Absatz in die folgende Kennzeichnung: "Die Philosophie der Gegenwart befindet sich in einer Phase des Austausches und der Vielfalt, sie ist offener, in ihren Begründungsansprüchen bescheidener und zugleich selbstbewusster geworden" (S. XXXII). Aber ein wenig klingt das wie Gerede - was meint zum Beispiel "selbstbewusster"? Gerade Selbstbewusstsein ließ sich doch Sartre, Adorno oder Heidegger und ihrer philosophischen Attitüde nicht absprechen.

"Da sich der Band an deutschsprachige Leserinnen und Leser richtet, wurde die zeitgenössische Philosophie des deutschen Sprachraums überproportional berücksichtigt" (S. XI). Deswegen springt um so mehr ins Auge, dass die bedeutenden Neuansätze auf philosophischem Gebiet seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, sieht man von Luhmann und vielleicht Habermas ab, nicht aus Deutschland kommen, sondern aus den USA, was die Begründung der Bereichsethiken angeht, und überreichlich aus Frankreich - wobei auch dieser Strom seit den neunziger Jahren versiegt. Nicht von ungefähr aber liest man über die deutsche Rezeption französischer Autoren in den entsprechenden Artikeln immer wieder Formulierungen wie:" ... findet das Werk B.s [Badious] erst seit kurzem in Deutschland Beachtung, ganz im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern und insbesondere zu Südamerika, wo es mittlerweile einen der Marksteine der politisch-philosophischen Diskussion darstellt" - "In Deutschland wurden sie [die Theorieentwürfe Roland Barthes'] zunächst von der Literaturwissenschaft aufgegriffen ..." "In Deutschland wurde F. [Foucault] zuerst außerhalb der Philosophie [...] wahrgenommen" - "L.s [Lyotards] Konzeption der Postmoderne fand weltweite Resonanz. Die deutsche Rezeption hingegen war größtenteils ablehnend, weil man allein gegen das Schlagwort von der Postmoderne argumentierte ..." - "Im deutschen Sprachraum mit starker Verzögerung rezipiert, sind die Schriften von N. [Nancy] in Frankreich, Italien und der angelsächsischen Welt seit langem ein wesentliches Element in der poststrukturalistischen Diskussion ..." Der Eindruck entsteht unweigerlich, dass die Philosophie in Deutschland, seit Beginn der siebziger Jahre innovationsarm und sich häufig kraftlos an einer verengten Kant-Interpretation orientierend, sich erneuernden Einflüssen verschloss und schließlich in Lähmung und Bedeutungslosigkeit versank. Zu fragen wäre allerdings, ob eine solche Abwehrhaltung gegenüber anderen Ansätzen nicht bereits in der vorhergehenden Epoche vorbereitet wurde: Der Einfluss der Kritischen Theorie etwa bewirkte geradezu eine Blockade divergenter Denkhaltungen. Schließlich führten auch die Proteste einer schlecht informierten Alternativbewegung, besonders gegen Peter Singer, mit dazu, dass die Diskussion über Sterbehilfe und generell Probleme der medizinischen Ethik hierzulande verspätet begann.

Mit Beginn der neunziger Jahren ändert sich die Sachlage langsam. Auch die Philosophie öffnet sich den Fragestellungen einer veränderten Situation. Allerdings kommt es nicht zu grundlegend neuen Gesamtentwürfen, die in einer pluralistischen Zeit nicht à la mode sind, sondern zu Detailuntersuchungen besonders innerhalb ethischer Themenkomplexe. Schritte diese Entwicklung weiter fort, müsste eine vierte Auflage des Werks womöglich anders konzipiert werden - es wäre nicht länger sinnvoll, einzelne Philosophen zu porträtieren, eher hätte man sich an den unterschiedlichen philosophisch-gesellschaftlichen Bereichen und ihren jeweiligen Reflexionsbewegungen zu orientieren.

Die einzelnen Beiträge des Lexikons sind, wie zu erwarten steht, äußerst unterschiedlich. Nicht wenigen Autoren gelingt es, in der gebotenen Kürze einen gut verständlichen und interessanten Abriss von Leben und Werk des / der darzustellenden Philosophen / der Philosophin zu geben, das Unterfangen anderer hingegen schlägt fehl. Beginnen wir mit den letzten. Clemens-Carl Härle versucht, worum es in Badious "Le siècle" geht, so wiederzugeben: "B. interpretiert darin die revolutionäre und konterrevolutionäre Militanz ausgehend von einer Passion des Realen und stellt zu dieser das Schaffen der künstlerischen Avantgarde-Bewegungen, das nicht länger von einem romantischen, sondern materialistisch-noematischen Unendlichen getragen ist, in kontrastreiche Beziehung. Die Fragen nach dem Tod Gottes und nach dem von Foucault gegen Sartre in die Diskussion geworfenen Tod des Menschen erfahren eine ebenso präzise Lokalisierung wie die Bestimmung des Wunsches durch die Sexuation bei Freud" (S. 26). Das klingt grotesk, jedenfalls ist es unnachvollziehbar.

Klaus Wiegerling bemüht sich, die Derridasche Wortschöpfung différance zu erläutern: "D. bildet aus "différance" einen Neologismus [...]. Zum einen tut er das, um ein doppeltes Spiel zu artikulieren, zum anderen, um die besondere Differenzierungskraft der Schrift herauszuheben. [...] Allgemein lässt sich festhalten, dass différance der Ermöglichungsgrund aller inhaltlichen Bestimmung ist, aus dem Wahrheit, Subjektivität und Objektivität, Intelligibilität und Sensibilität erst hervorgehen" (S. 134). Allgemein lässt sich hier gar nichts festhalten (was Derrida ja auch nicht intendiert hat). Dergleichen Sätze bekunden sicherlich eine gewisse Hilflosigkeit des Autors, etwas schwer Greifbares wiederzugeben. Aber es wäre die Aufgabe der Herausgeber gewesen, hier auf größerer Deutlichkeit zu bestehen.

Ausgezeichnet hingegen ist der Artikel über Emmanuel Lévinas von Ludwig Wenzler, dem es gelingt, seinen Text auf die Zentren des Lévinasschen Philosophierens zu fokussieren: "In diesem Verhältnis des Antwortens und Sprechens [mit dem Anderen] werde ich selbst erst zum Subjekt" (S. 371) - "Die Idee des Unendlichen [...] tritt unableitbar, an-archisch mit dem Anspruch des Anderen ins Bewusstsein ein, sie "fällt ein". Sie kann nur gedacht werden in einem Akt, in dem das Denken in eine Bewegung des Transzendierens versetzt wird. Ein solches Denken [...] kehrt nicht in einem Akt des Identifizierens zu sich selbst zurück, sondern wird durch den Anruf des Anderen stets neu in Unruhe versetzt, erweckt, über sich hinausgeführt in die Bewegung des Antwortens, so dass es Denken für den Anderen, Verantwortung, Verlangen (désir) wird, Verlangen für den Anderen, Güte" (S. 374). Hier wird das Neue der Lévinasschen Ethik so vor Augen geführt, dass man sich ihrem transzendierenden Gedanken kaum zu entziehen vermag; Philosophie käme erst zu sich selbst, wenn sie Ethik wird und darin sich selbst überschreitet - wie jeder Mensch erst zu sich selber kommt, wenn er sich auch im Anderen verliert.

Auch die Beiträge von Klaus Wiegerling über Lévi-Strauss (verglichen mit dem Derrida-Artikel wie von einem anderen Autor verfasst), Christine Pries und Wolfgang Welsch über Lyotard, Angelika Krebs über Avishai Margalit, Wolfgang Kerstin über Thomas Nagel, wiederum Clemens-Carl Härle über Nancy (der an Derrida und Deleuze scheitert, hier aber äußerst konzis schreibt), sowie diejenigen über Patocka (Helmut Kohlenberger), Ricœur (Peter Welsen), Rorty (Tania Eden), Taylor (Georg Vielmetter), Vattimo (Rafael Capurro), Virilio (Georg C. Tholen), Waldenfels (Regula Giuliani) und Wolf (Elif Özmen) sind informativ und vermitteln einen zuverlässigen Eindruck, der jeden, der sich noch nicht weitgehender mit diesen Autoren befasst hat, zur Lektüre der Originalschriften anregt.

Susan R. Wolf ist übrigens die jüngste der aufgenommenen Philosophen; sie wurde 1952 geboren. Die Geburtsdaten der meisten anderen liegen zwischen 1910 und 1935, Giorgio Agamben,*1942, Derek Anthony Parfit,*1942, Otfried Höffe,*1943, und Peter Singer,*1946, sind bereits Ausnahmen. Abgesehen von diesen fünf fehlt die Generation der etwa 1940 - 1960 Geborenen bislang völlig. Wird hier ein Riss auftreten, der dann sicherlich etwas mit den so grundlegend veränderten kulturellen und, enger gefasst, hochschulpolitischen Bedingungen zu tun hätte? Spiegelt sich in der Philosophie, wie auch auf dem Gebiet der Kunst, Literatur und Musik, dass der Antrieb zur individualisierten Werkproduktion, also zu etwas, dessen spezifische Existenz sich dem gegebenen Realen entgegensetzt, darin einmündet, stattdessen partiell-plurale Façetten dieses Realen auf philosophischem und künstlerischem Gebiet zu kreieren?

Diese Frage muss noch unbeantwortet bleiben. Es scheint jedoch, als dokumentiere ein Lexikon der Gegenwartsphilosophie heute gerade eher die Zeit, die sich anschickt, zur unmittelbaren Vergangenheit zu werden, als unsere eigentliche Gegenwart. Der von Nida-Rümelin und Elif Özmen herausgegebene  Band informiert - überwiegend - zuverlässig über die der Nachkriegsära folgende philosophische Epoche und ihre Strömungen, den zweiten Schub der englisch-amerikanischen analytischen Philosophie, den Strukturalismus und Poststrukturalismus, wie den postmodernen und erneuerten phänomenologischen Ansatz, Hermeneutik und Diskurstheorie. Die heutigen Auseinandersetzungen finden bereits auf einem anderen Feld statt, auf dem, weil es um gesellschaftspolitische Weichenstellungen geht, durchaus wieder Grabenkämpfe ausgefochten werden, wie zwischen den Anhängern und Gegnern von Stammzellforschung und (aktiver) Sterbehilfe: "Die Lösung ethischer Probleme und ihre sittliche und politische Umsetzung wird vermutlich für die Zukunft der Menschheit eine bedeutsamere Rolle spielen als die Lösung technischer Probleme. Dies weist der Philosophie die besondere Aufgabe der praktischen Orientierung zu - eine Aufgabe, die von den technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen allein nicht geleistet werden kann" (Einführung, S. XVII). Will sie ihr gerecht werden, wird sie gänzlich neue ethische Modelle entwerfen müssen, um etwa den diffizilen Problemgehalt der medizinischen Forschung angemessen aufnehmen und umsetzen zu können. Gegenwärtig ergeht ein gesellschaftlicher Auftrag an sie, der ihr eine über den akademischen Bereich weit hinausgehende Bedeutung zumisst. Stellt sie sich ihm, wird sie sich in der globalisierten Lebenswelt des einundzwanzigsten Jahrhunderts einen Platz erobern, von dem aus sie sich zu Fragen der Politik, wie überhaupt des guten oder gelingenden Daseins äußern kann und muss. Allerdings zeichnet sich eine solche Entwicklung, zumindest in Deutschland, bislang nur in Ansätzen ab. Die bisher noch kaum im Lexikon der "Philosophie der Gegenwart" vertretene Generation ist aufgefordert, sie, etwa bereits durch die vermehrte Behandlung ethischer Gegenwartsprobleme in den philosophischen Lehrveranstaltungen, vorzubereiten.

Max Lorenzen

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