Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Hermann Schmitz: Der Weg der europäischen Philosophie. Eine Gewissenserforschung, Band 1: Antike Philosophie, Freiburg/München: Karl Alber Verlag, 419 Seiten, ISBN 978-3-495-48261-2, 29,00 €

Hermann Schmitz: Der Weg der europäischen Philosophie. Eine Gewissenserforschung, Band 2: Nachantike Philosophie, Freiburg/München: Karl Alber Verlag, 853 Seiten, ISBN 978-3-495-48262-9, 49,00 €

„’Gewissenserforschung’ ist ein Wort aus der katholischen Beichtpraxis. Es wird hier doppelsinnig verwendet: Ich erforsche mein Gewissen, indem ich meine Überzeugungen an dem Gedankengut der philosophischen Überlieferung messe, und ich rede dieser Überlieferung gleichsam ins Gewissen, indem ich nicht nur deren Gedankengut kritisch prüfe, sondern mir auch herausnehme, den Erfolg zu bilanzieren, um ein Urteil darüber vorzubereiten, was die europäische Philosophie für die menschliche Kultur geleistet und wo sie geschadet hat. Die Zeit dafür ist gekommen“ (1, 15). So beginnt der Kieler Phänomenologe Hermann Schmitz seine zweibändige Nachzeichnung des nun 2700jährigen Weges der europäischen Philosophie von Homer bis Merleau-Ponty. Sie soll der gegenwärtigen Erstarrung der Geschichte gewordenen Philosophie zu einem schlafenden Bildungsgut entgegenwirken und stattdessen Zusammenhänge und Wendepunkte dieser Geschichte aufweisen, die bis heute bestimmend sind, ja die diesem (sich allzu oft nur von heute glaubenden) Heute sein maßgebliches Gesicht verleihen. Nehmen wir diese für Schmitz entscheidenden Marksteine gleich vorweg; ihre Namen lauten Demokrit, Plotin, Wilhelm von Ockham und Johann Gottlieb Fichte. Im Gegensatz zu Heidegger, der seinerseits eine vor allem an den Namen Platon und Descartes orientierte, groß angelegte Rekapitulation abendländischer Metaphysik als Geschichte der „Seinsvergessenheit“ vorgelegt hatte, konzentriert sich Schmitz auf die zunehmende Auflösung dessen, was er die „binnendiffuse Bedeutsamkeit der Situationen“ nennt, kurz, die Entfremdung aus der gemeinsamen, unwillkürlichen Lebenserfahrung zugunsten der Ausbildung einer abstrakten Vernetzung künstlich singularisierter Faktoren. Dieser „Konstellationismus“, also die Auffassung, wonach das Wirkliche aus für sich stehenden, gewissermaßen nackten Entitäten besteht, die beliebig miteinander verknüpft werden können, bildet nach Schmitz den bestimmenden Grundzug unserer Gegenwart: „Der Triumph der Digitalisierung führt einerseits zu einer ungeheuren Vermehrung der Angebote und ihrer Kombinierbarkeit, andererseits zu einer enormen Verarmung der Lebensführung und Gestaltungskraft. Die Möglichkeiten, [...] zu tun, zu leiden, zu genießen, sind viel zahlreicher als zuvor, aber sie sind schon abgepackt, vorfabriziert; man kann nicht mehr aus dem Vollen schöpfen, nicht mehr der Ganzheit von Situationen mit binnendiffuser Bedeutsamkeit selbstexplizierte Bedeutungen abgewinnen, sondern findet mit fertigen Bedeutungen abgestempelte Gegebenheiten vor. Die Welt hat die Fülle […] zugunsten der Menge verloren“ (2, 818).

Trotz ihrer großen kritischen Aufschlusskraft für die Ontologie einer Zeit, die meint, keiner Ontologie mehr zu bedürfen, wird diese Konsequenz abendländischer Philosophiegeschichte leider weder gedanklich vertieft noch eigens ausgeführt [1]. Schmitz beschränkt sich stattdessen auf den erneuten, im Wesentlichen aus seinen bereits vorliegenden Arbeiten schöpfenden Aufweis der lang angelegten Spur. Der erste Band seiner Philosophiegeschichte behandelt die antike Philosophie: 1. das archaische, sich aus der unwillkürlichen Lebenserfahrung nährende menschliche Selbst- und Weltverständnis ausgehend von Homer; 2. den Bruch dieses Erfahrungsbereiches und seine Engführung auf die Verfügbarkeit stabiler Strukturen bei Demokrit; 3. den spätantiken heidnischen Neuplatonismus (Plotin, Proklos, Damaskios), dessen Gedanke der Vieleinigkeit die physikalistische Verengung unterläuft, ohne sie jedoch abwenden zu können. Sein letzter Anhänger im Mittelalter soll Johannes Scotus Eriugena gewesen sein; seitdem wurde er nur noch in der mehr oder weniger „irrationalen“ Tradition virulent: bei Paracelsus etwa, im Deutschen Idealismus, in der so genannten Lebensphilosophie (Bergson, Dilthey, Klages) sowie im Ereignis-Denken des späten Heidegger.

Es ist vor Platon Demokrit, nach dem der konfuse Stoff der sinnlich erfahrbaren Welt erst durch die „Atome“, genauer durch ihre „standardisierten Merkmalsorten“ Gestalt, Anordnung und Lage, hinreichend Struktur empfängt; Demokrit muss somit als der Begründer der westlichen Verobjektivierung der Welt betrachtet werden. Sein Versuch rekonstruierender Strukturierung der Wirklichkeit durch Suche nach kleinsten Teilchen und deren anschließende Zusammensetzung bildet bis heute die Abstraktionsgrundlage der Physik. Schmitz verfolgt ihr philosophiegeschichtliches Band unter dem Begriff des „Singularismus“, d. h. der sich vor allem in der Scholastik Wilhelms von Ockham endgültig verhärtenden Grundauffassung, dass alles ohne Weiteres einzeln und nur einzeln ist. Vor allem als „permutatorischer Singularismus“ bildet er die Voraussetzung für den gegenwärtigen (etwa bis auf die Ebene der so genannten „totipotenten Stammzellen“ vorgedrungenen) Konstellationismus, in dem die Welt zu einer sich unablässig ablösenden Neutralität erstarrt ist. Die immer wieder vorgebrachte Beteuerung etwa, man habe eine den früheren Welten unendlich überlegene Stufe an Virtualität und Vielfalt erreicht, lässt sich mit Rekurs auf Schmitz’ Aufweis verschiedener Typen von Mannigfaltigkeit als schlicht numerische Vielfalt („Menge statt Fülle“) ausweisen. (Überhaupt wird Schmitz als jemand, der sich um eine präzise, nicht zwanghaft inchoative Begrifflichkeit bemüht, nach wie vor viel zu wenig rezipiert.)

Mit der Neutralisierung der Welt in eine objektive Außenwelt singulärer Fakten, die von Bacon an zum ausdrücklichen Ziel neuzeitlicher Weltbemächtigung wird, hängt die Genese einer in sich abgeschlossenen privaten Innenwelt (Seele) zusammen; erst beides zusammen ergibt das von Schmitz seit Jahrzehnten kritisch verfolgte „psychologistisch-reduktionistisch-introjektionistische Paradigma“ (2, 211 ff.) der europäischen Intellektualkultur. Mit dieser, unter dem Stichwort der „Subjektivität“ entfalteten Geschichte der Innerlichkeit betreten wir den zweiten, unter dem Titel Nachantike Philosophie zusammengefassten Band. Nach Schmitz „bedurfte es der völligen Neutralisierung aller Tatsachen, […] damit ein Philosoph sich fragte: Wo bleibe ich denn selber in diesem Milieu der bloß noch objektiven Tatsachen?“ (2, 15). Dieser Philosoph war Johann Gottlieb Fichte. Erst seit Fichte wird das Subjekt nicht mehr substrathaft gedacht („Was ist der Mensch?“), sondern „in einem strikten und radikalen Sinn“ (2, 427) als die Subjektivität affektiver Betroffenheit, als die Subjektivität, die ich je selbst bin. Weil er sich nach Schmitz nicht von der Auffassung befreien konnte, dass alle Tatsachen objektiv und neutral sind, gab Fichte im selben Zuge dieser Entdeckung jedoch den „Anstoß zu der seither virulenten rezessiven Entfremdung der Subjektivität“, ihrer „Ausstoßung aus der Welt“ (2, 721). Schmitz verfolgt diese Geschichte der Entfremdung über die Frühromantik (Schlegel, Novalis), Max Stirner, Kierkegaard und Nietzsche bis hin zu Heidegger, der durch den Aufweis des menschlichen In-der-Welt-seins zwar zunächst eine „Ontologie der Situationen“ (2, 736) vorbereitet. Aufgrund seines tiefen Unverständnisses gegenüber dem Phänomen der Leiblichkeit werde die existenziale Analytik jedoch später wieder preisgegeben zugunsten der die rezessive Entfremdung der Subjektivität auf den Punkt bringenden Metapher von der „Hineingehaltenheit“ des menschlichen Daseins in das „Nichts“.

In ihrer strengen, sich freilich ganz auf den zweiten Aspekt der Gewissensforschung, das Reden ins Gewissen der Überlieferung beschränkenden Einseitigkeit ist diese Nachzeichnung des Weges der europäischen Philosophie ebenso aufschlussreich wie ärgerlich. Einerseits kann gar nicht genug Nachdruck auf das Bestreben der (wohl nicht nur der von Schmitz begründeten Neuen) Phänomenologie gelegt werden, die Abstraktionsbasis philosophisch-wissenschaftlicher Begrifflichkeit nicht als den Boden, sondern als einen Abkömmling der viel reicheren unwillkürlichen Lebenserfahrung aufzuweisen. Die subjektiven Tatsachen sind eben nicht Schatten der objektiven Tatsachen, „sondern die volleren, und diese ihre abgeblassten Reste“ (2, 423). Hier hat Schmitz ohne Zweifel Bedeutendes vorgelegt. Andererseits ist nicht ganz einsichtig, was die Wiederaufbereitung dieses bereits Geleisteten in Form einer Geschichte der Philosophie dazu eigens beitragen soll. Der vom Autor herausgestellte Bogen des „Singularismus“/„Konstellationismus“ und der „rezessiven Entfremdung der Subjektivität“ hätte längst nicht aller Namen bedurft; die ausdrückliche Begrenzung auf die Perspektive eines Weges wäre hier fruchtbarer gewesen. Auf der anderen Seite werden gerade Denker, die eine Auseinandersetzung mit und Vertiefung von Schmitz’ kritischer Diagnose des „Konstellationismus“ zugelassen hätten, merkwürdig verkürzt – wie etwa Nietzsches Gedanke von der „Ewigen Wiederkehr des Gleichen“, der als anima-Projektion entlarvt wird (2, 562), die völlige Verkennung der Heideggerischen Diagnose „Sein ist heute Ersetzbarsein“ (2, 772) oder die Schmitz’ ganzen Ansatz konterkarierende Behauptung, die homerischen Figuren der Ilias erlebten etwa so, „wie neuronale Netze in Computern funktionieren“ (1, 19). Hier wird die oft so präzise Aufschlusskraft Schmitzscher Begrifflichkeit durch eine Wurstigkeit unterhöhlt, die der prekären Sicherheit dessen entspringt, der meint, sich endgültig auf seinem, in mittlerweile 40 Büchern niedergelegten Gewissen ausruhen zu können. Der Begriff des „Gewissens“, immerhin Teil der Buchtitels, kommt nebenbei gesagt auf den 1300 Seiten gerade 4 Mal eher äußerlich zur Sprache. So fragt man sich, was das eigentlich für ein „Gewissen“ sein soll, dem Schmitz zureden will: das der Geschichte oder das ihrer toten Denker? Das der „Situation“ oder das der „Subjektivität“? Wer sitzt hier eigentlich im Beichtstuhl wem gegenüber? Bei der Prüfung seines eigenen Gewissens zumindest, genauer: bei der Prüfung des in den letzten 40 Jahren an der Geschichte Geleisteten, herrscht bei Schmitz auf jeden Fall durchweg eine so nachdrückliche „Befriedigung“ (1, 18) vor, dass sie dem vorliegenden, offenbar als „Abrundung“ (ebd.) gedachten Alterswerk eines großen Autors eher schadet.

Cathrin Nielsen

[1] Vgl. jedoch Hermann Schmitz: Situationen und Konstellationen. Wider die Ideologie totaler Vernetzung, Freiburg/München 2005.

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