Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

 

Globalisierung und Multiethnizität

Jan Nederveen Pieterses Beitrag zur Analyse struktureller Evolution

von Gerhard Preyer

 

 Inhalt

1. Modernisierung und Multikulturalismus
(a) Zur Fragestellung
(b) Kritik der Entwicklungstheorie
(c) Kritischer Holismus
(d) Hybridisierung und Globalisierungskonzepte
2. Entwicklungstheorie im  Zeitalter der Posthybridisierung
(a) Globaler Multikulturalismus
(b) Empire oder Globalisierung
(c) Der Neue Soziale Vertrag
(d) Zur Entwicklungspolitik

 

 1. Modernisierung und Multikulturalismus

 (a) Zur Fragestellung

Seit Anfang der 1990er Jahre setzt sich zunehmend ein Paradigmenwechsel in der Modernisierungs- und Entwicklungstheorie durch. Ausgelöst wurde er durch eine veränderte Grundsituation, die unter dem Stichwort Globalisierung notiert wurde. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Reform des chinesischen Wirtschaftssystems seit den 1980er Jahren bestätigte sich scheinbar das westliche Modernisierungsmuster. Bereits auf dem Forschungsstand in der Mitte der 1990er Jahre wurde aber deutlich, dass sich durch die Globalisierung des Wirtschaftssystems keine globale Modernität und Zivilisation verwirklichte.

Nederveen Pieterses Analyse der Ethnizitäten und des Multikulturalismus ist ein Beitrag zur Soziologie der Globalisierung. Sein Anspruch geht dahin, den Langzeitprozess von Globalisierung und Evolution zu beschreiben und zu systematisieren. Um seinen Ansatz angemessen zu erfassen, empfiehlt es sich, von seiner Kritik an den Entwicklungstheorien auszugehen. Das leitet zu seinem Globalisierungsbegriff über. Nederveen Pieterse beschreibt  Globalisierung als einen historischen Langzeitprozess, der auf den Interdependenzen der Kommunikation und des wirtschaftlichen Austauschs zwischen Ethnien beruht. Diese Vorgänge führen zu einer Hybridisierung, durch die kollektive Identitäten aufgespalten und neu zusammengesetzt werden. Strukturelle Evolution führt zu einer neuen Grundsituation des Gesellschaftssystems, die durch einen globalen Multikulturalismus der gesellschaftlichen Kommunikation beschrieben wird. Die wirtschaftliche Globalisierung ist durch eine Asymmetrie zwischen Entwicklung und Unterentwicklung, Wohlstand und Armut bestimmt.[1]   Die Expansion des Wirtschaftssystems, vor allem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, ist auf die Dominanz der US-amerikanischen Wirtschaftspolitik zurückzuführen, die ihren Vorlauf in der Deregulierungspolitik des amerikanischen politischen Systems seit Ende der 1970er Jahre hat. Der Neoliberalismus ist für Pieterse das Wirtschaftsprogramm, welches den amerikanischen Sozialstaat in der Folge des New Deal ablöste. Aus seiner Sicht hat sich die Grundsituation deshalb verändert, da imperiale Strategien der amerikanischen Regierung fortlaufend durch die militärische Überlegenheit der Vereinigten Staaten eine politische Asymmetrie herbeiführen und der Neo-Liberalismus durch die Institutionalisierung der Binnenstruktur des amerikanischen Wirtschaftssystems auf globaler Ebene durch die WTO die wirtschaftliche Asymmetrie zwischen den Industriestaaten und der Dritten Welt verstärkt. Demgegenüber bedarf es nach Nederveen Pieterse eines Neuen Sozialen Vertrages, der den wirtschaftlichen und politischen Asymmetrien entgegenwirkt. Problematisch ist aus meiner Sicht Nederveen Pieterses Rückgriff auf die politische Ökonomie bei der Analyse der Globalisierungsprozesse und des Multikulturalismus.[2] Seine Soziologie der Ethnizitäten und des Multikulturalismus legt eine mitgliedschaftstheoretische Interpretation nahe. Strukturelle Evolution des Gesellschaftssystems kann deshalb als eine Variation, Selektion und Restabilisierung von Mitgliedschaften in sozialen Systemen beschrieben werden.

  

(b) Kritik der Entwicklungstheorie

Nederveen Pieterse kritisiert die vorliegenden Entwicklungstheorien, wie die klassische Modernisierungstheorie der 1950er und 1960er Jahre, die Konvergenztheorien, den Human Development Ansatz der 1980er Jahre der UNO, die Weltsystemanalyse (Wallersteinschule), die Dependenztheorie und den Neoliberalismus mit dem Argument, dass sich — auch unter der Voraussetzung eines globalen Wirtschaftssystems — keine einheitliche Entwicklung nichtwestlicher Gesellschaften belegen lässt. Die Anwendung der Modernisierungs- und Entwicklungstheorie seit den 1950er Jahren mit dem Ziel, die Unterentwicklung zu beseitigen und der Verbreitung von Armut entgegenzuwirken, können als gescheitert beschrieben werden.

Nederveen Pieterse charakterisiert die Veränderungen in den Entwicklungskonzeptionen vom 19. bis zum Ende des 20. Jhds. als eine Umorientierung von einer makro-strukturellen sozialwissenschaftlichen Analyse zu einem mehr akteurtheoretischen Ansatz.[3] Diese Veränderung erklärt er mit den neu auftretenden philosophischen und sozialwissenschaftlichen Ansätzen, z.B. dem wachsenden Einfluss der Phänomenologie, des Existentialismus, des symbolischen Interaktionismus, der Ethnomethodologie und des Feminismus. Das hatte für die Entwicklungsforschungen zur Folge, dass sie sich an besonderen lokalen und regionalen Gegebenheiten orientierten. Pieterse wendet sich vor allem gegen den Eurozentrismus in der Entwicklungstheorie, der davon ausgeht, dass nachholende Entwicklung sich an der Version der westlichen Modernisierungen auszurichten habe. Sie unterscheidet strukturell zwischen traditionalen und modernen Gesellschaften. Es interpretiert den Übergang zur modernen Gesellschaft mit einem evolutionären Stufen- und Fortschrittsmodell. Insofern gehen sie von der Grundannahme aus, dass es einen evolutionären Fortschritt gibt, der in den westlichen Gesellschaften eingetreten ist und dem eine paradigmatische Bedeutung zukommt. Das betrifft in dem Paradigma der Entwicklungstheorie vor allem die Beschreibung des Strukturwandels von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Ihr   widerspricht die Entwicklung in der Dritten Welt, in der die staatliche Wirtschaftspolitik  sowohl eine Freihandels- als auch eine merkantile Strategie verfolgt. Der grundlegende Konflikt, der eine weitgehende exogene Einflussnahme verhinderte, war das politische und kulturelle Autonomiestreben gegenüber dem Westen. Die Verallgemeinerung der westlichen Erfahrungen führte dazu, dass eine „Dritte Welt“ von Seiten des Westens konstruiert wurde, die gerade nicht dieselben historischen Erfahrungen hatte. Diese Konstruktion geht auf die klassische Entwicklungstheorie zurück. Insofern besteht bereits in der Konstruktion der Entwicklungstheorien eine nicht beseitigbare Divergenz, die ihre blinde Stelle ist. Es ist somit die Folgerung zu ziehen, dass weder Universalismus, noch Relativismus, weder Globalisierung, noch Regionalisierung auf die Probleme der ungleichen Entwicklung und auf die Modernisierungsanforderungen unterschiedlicher Regionen der Weltgesellschaft eine Antwort auf die Beseitigung dieses Divergenz geben.[4]

Nederveen Pieterses Untersuchungen laufen darauf hinaus, dass die Globalisierung des Wirtschaftssystems nicht zu einer globalen Modernität und einer globalen Kultur, sondern zu einer, durch das Wirtschaftssystem bedingten, Multiethniziät führt. Historisch rückblickend unterscheidet er Formationen der Multiethnizität in „Vormoderne, Frühe Moderne, Moderne und Postmoderne“ unter dem Gesichtspunkt der ökonomischen Organisation, und er thematisiert die Beziehung zwischen Nation und Ethnizität.[5]  Modernisierung und Ethnifizierung schließen sich nicht aus, und die Nationenbildung schließt ethnonationale Bestandteile ein. Die strukturellen Veränderungen des Gesellschaftssystems werden von Nederveen Pieterse durch das Ausmaß der Mobilität charakterisiert. Es ist hervorzuheben, dass sein Begriff der Multikulturalität auf seinen Ansatz in der politischen Ökonomie und der Wohlstandsasymmetrien abgestimmt ist. Das lässt sich an dem Zitat verdeutlichen: „Multiculturalism is inherently linked to inequality in the world, an articulation of global inequality.“[6]

Nederveen Pieterses leitet mit seiner Kritik an der Entwicklungstheorie einen Paradigmenwechsel in der Modernisierungstheorie ein, der bereits auch  bei S. N. Eisenstadts Theorie der strukturellen Evolution, der Multiple Modernities, vorliegt. Er unterscheidet sozio-kulturellen und geschichtlich bedingte Versionen der Modernisierung, und keine dieser Versionen ist verallgemeinerbar.[7]  Insofern ist die Kritik an der Entwicklungstheorie in den Kontext der Neufassung der Modernisierungstheorie einzuordnen. Das leitet zu dem Ansatz des kritischen Holismus, der Hybridisierung und Posthybridisierung (Global Mélange) in der Globalisierungs- und Entwicklungstheorie über. Die Beiträge zur Neufassung der Modernisierungstheorie sind in den Bezugsrahmen der Analyse der strukturellen Evolution des Gesellschaftssystems einzuordnen. Gehen  wir davon aus, dass sich Modernisierung und Ethnifizierung nicht ausschließen, dann ist die Analyse der strukturellen Evolution auf die Differenzierung und Restrukturierung der askriptiven Solidarität in der Folge der Funktionsdifferenzierung der Teilsysteme des Gesellschaftssystem (Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Recht) umzustellen.

 

  (c) Kritischer Holismus

 Für die soziologische Theorie vertritt Nederveen Pieterse eine Version des kritischen Holismus.[8]  Darunter versteht er eine Synthese aus kognitiver Wahrnehmung und sozialer Gerechtigkeit. Der kritische Holismus ist analytisch, anti-dogmatisch und an sozialer Gerechtigkeit orientiert. Er wendet sich gegen den Cartesianismus, Positivismus und den wissenschaftlichen Realismus, die neoklassische Wirtschaftstheorie und er geht davon aus, dass an den cultural turn, die Anthropologie in der Entwicklungstheorie und die Einbeziehung von organisationstheoretischen und managerialen Dimensionen in die Institutionentheorie anzuschließen ist. Der Taoismus dient ihm dazu, die Einbeziehung der Wissenschaftsperspektive „als ganzheitlich“ einzunehmen und in dieser Einstellung den dogmatischen Wissenschaftsbegriff zu relativieren. Unter Holismus versteht man die Theorie von ganzen Entitäten, die fundamental die Bestandteile der beobachtbaren Realität bestimmen. Er besagt, dass das Ganze mehr ist als seine Teile. Nederveen Pieterse nimmt die Unterscheidung zwischen Ganzheit (wholeness) und Holismus auf. Ihre Anwendung auf die Sozialwissenschaft besagt für ihn, dass sich Ganzheit auf das soziale Feld bezieht, das unterschiedliche Bereiche umfasst und die wissenschaftliche Systematisierung dieser Fragmente ist eine Version des Holismus. Die Ganzheit hat unterschiedliche Dimensionen, wie z.B. Mystizismus, Mythen, Religion. Dabei geht es um eine Fusion des westlichen Wissens und der östlichen Weisheit. Nederveen Pieterse stellt die Problematik dieser Ansätze in den Bezugsrahmen der Paradoxien der Modernität und der Entwicklung des Hochmodernismus seit dem 19. Jahrhundert. Er wendet sich gegen einen kurzschlüssigen Holismus und charakterisiert ihn als eine neolithische Nostalgie. radoxien der Modernität und der Entwicklung des HochmodernismusWelche Relevanz hat ein kritischer Holismus für Nederveen Pieterses Resystematisierung der soziologischen Theorie? Aus seiner Sicht ist er nicht in eine allgemeine Entwicklungstheorie zu übersetzen. Es mag einen Mystizismus des menschlichen Körpers geben, aber er ist nicht auf das soziale Universum übertragbar.

Nederveen Pieterse unterscheidet zwischen Kultur, im Singular, der Human Software (deep background knowledge), den Lernerfahrungen der Mitglieder sozialer Systeme und Kulturen, im Plural, d.h. den emotionalen und kognitiven Lernprozessen, die in unterschiedlichen sozialen Gruppen (regional, national, urban) vorliegen (lokaler Hintergrund).[9] Ethnien sind nach Nederveen Pieterse relational bestimmte Selbstidentifikationen von sozialen Gruppen, z.B. lebt man als Türke in Hessen, grenzt sich aber gegenüber Afrikanern ab. Insofern bestimmen Grenzziehungen die kollektive Identität der sozialen Gruppen. Man kann diesen Zusammenhang auch so beschreiben, dass die kollektive Identität der Mitglieder sozialer Systeme keine natürlichen Entität ist, sondern bestimmen und identifizieren sich selbst durch soziale Grenzprozesse und ihre Stabilisierung. Die transnationale Kultur entsteht im Unterschied dazu aus dem translokalen Einfluss und der Kooperation in den Medien, der populären Kulturen, der Kunst und den funktionalen Bereichen, z.B. dem Wirtschaftssystem, der Weltkunst, der Massenmedien ua. Wenn wir dieses Bezugsproblem der soziologischen Theorie im Blick haben, dann ist Nederveen Pieterses kritischer Holismus als die Systematisierung der Ebenen der Kultur im Singular, im Plural und der transnationalen Kultur zu interpretieren, die asymptotisch ihr Zusammenspiel rekonstruiert.

Der kritische Holismus ist insofern der theoretische Ausgangspunkt seiner Entwicklungstheorie, als er ihn in der Analyse befähigen soll, Entwicklungssituationen anti-dogmatisch zu erfassen und externe Entwicklungsprogramme zurückzuweisen. Der Taoismus bietet für ihn daher die Grundlage dafür, eine bestimmte Einstellung zu Situationen und Situationsimperativen nach dem Prinzip wu-wei (Handeln durch Nicht-Handeln, Nicht-Intervention) einzunehmen und sie dadurch auch zu handhaben. Zu diesem Prinzip fügt er die Herstellung von sozialer Gerechtigkeit als  Entwicklungsperspektive hinzu, welche die negativen Auswirkungen der sich fortlaufend verändernden Sozialstrukturen kompensiert. Das Tao von Entwicklung ist nach Nederveen Pieterses Sicht asymptotisch. Es ist kein Gleichgewicht, sondern eine Balance zwischen den unterschiedlichen Anforderungen unseres kollektiven Daseins. Seine Version von Holismus geht nicht dahin, ein nichtteilbares Ganze und eine geteilte Welt gegenüber zu stellen, sondern die Sozialwissenschaft hat die unterschiedlichen Ebenen und Bereiche des sozialen Universums durch ein kombiniertes Wissen zu systematisieren. Die soziologische Theorie hat sich deshalb aus seiner Sicht neu auszurichten und das soziologische Wissen unter dem Gesichtspunkt der Affinität zwischen den räumlich ausgedehnten Dimensionen und den Langzeitprozessen, von Globalisierung und Evolution, theoretisch zu beschreiben.

Nederveen Pieterses Ansatz beansprucht, die Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung von Gesellschaft neu einzustellen. Dabei stellt sich das Problem der Erreichbarkeit der Gesellschaft.[10]  Wenn wir in der Gesellschaft über die Gesellschaft kommunizieren, so hat auch der Sozialwissenschaftler an der gesellschaftlichen Kommunikation teil. Gehen wir davon aus, dass die Entscheidung über Mitgliedschaft die System-Umwelt Differenz sozialer Systeme hervorbringt und sie sich durch diese Entscheidung in der Zeit reproduziert, dann ist das Gesellschaftssystem, das alle sozialen Systeme umfasst, nicht kommunikativ erreichbar. Nederveen Pieterses erkennt, in seiner Kritik an dem Holismus, dass die Unterscheidung zwischen Ganzem und Teil ein Rätsel geblieben ist, da keiner weiß, wie sich das Ganze selbstrepräsentiert. Die Teile können nicht das Ganze oder im Ganzen sein. Es fragt sich, welche Teile die außerordentliche Eigenschaft haben, das Ganze zu repräsentieren. Die Ontologie des Ganzen und seiner Teile bleibt an eine religiöse Weltdeutung gebunden. [11]

Nederveen Pieterses Strategie der Resystematisierung sollte derart reinterpretiert werden, dass die Unterscheidungen eines Beobachters und die Beobachtung dieses Beobachters auf einer mehrstufigen Kybernetik der erkenntnistheoretische Ausgangspunkt der soziologischen Theoriebildung ist. Sie ist keine Version eines Holismus, da wir ihre letzte Stufe nicht erreichen, auf der wir das Tiefenhintergrundwissen (deep background knowledge) des lokalen Hintergrunds der Kulturen und der transnationalen Kultur der Mitglieder sozialer Systeme systematisieren könnten. Die Mitglieder sozialer Systeme erreichen nicht die letzte Kommunikation. Eine erste Kommunikation kann es nicht geben, da die gesellschaftliche Kommunikation zirkulär konstruiert ist. Insofern spiegelt eine mehrstufige Kybernetik nicht den Hintergrund der Mitgliedschaft in sozialen Systemen. Die Sprache, in der wir den Tiefenhintergrund ausdrücken, darstellen und mitteilen, ist keine universale Sprache. Insofern stellt sich für die sozialwissenschaftliche Resystematisierung des Tiefenhintergrunds, des lokalen Hintergrunds und der transnationalen Kultur als ein Dazwischensein (in-betweeness) zwischen beidem das Interpretationsproblem für den Sozialwissenschaftler. Das erfordert die Angabe der Erfüllungsbedingungen der Übersetzung der individuellen und kollektiven Äußerungen der Mitglieder sozialer Systeme in die Sprache des jeweiligen Interpreten (Übersetzer), der ein Interesse daran hat, sie zu verstehen und zu erklären. Dieses Problem stellt sich aber bereits in seiner Heimatsprache. Insofern liegt es nahe, den von Nederveen Pieterses  verfolgten Ansatz der asymptotischen Resystematisierung des soziologischen Wissens in die mehrstufige Kybernetik zu übersetzen.

 

(d) Hybridisierung und Globalisierung

In der Sozialwissenschaft wurden die durch Globalisierung herbeigeführten Strukturprobleme durch drei Paradigmen beschrieben, dem des Kampfs der Kulturen, der McDonaldisierung und der Hybridisierung. Huntingtons Kampf der Kulturen geht von unüberbrückbaren kulturellen Differenzen und Rivalitäten aus, die er an den blutigen Grenzen des Islams exemplifiziert. Die McDonaldisierung beschreibt die Weltgesellschaft durch eine fortlaufende Standardisierung und Uniformierung. Ihr ordnet Nederveen Pieterses M. Webers Rationalisierungsthese der Modernisierung zu.  Modernisierung ist in diesem Modell an  der Berechenbarkeit, der Effizienz, der Vorhersagbarkeit und der Steuerung der gesellschaftlichen Kommunikation orientiert. Es lassen sich jedoch Belege angeben, dass sich Markteinführung von Produkten nicht erfolgreich durch Rationalisierung durchführen lässt. Der Versuch, McDonalds in Moskau zu etablieren, führte zu dem Problem, dass die Standards der Effizienz, des Preises und der Kalkulierbarkeit des Markterfolges nicht gegeben waren. Die erfolgreiche Positionierung des Produktes durch gegenläufige Strategien hat die lokale Kultur, den lokalen Markt, Geschäftspraktiken und Milieus zu berücksichtigen. Diese Belege leiten zu der Hybridisierung als einer kultureller Mischung von kulturellen  Identitäten über, die in der kulturellen Sprache, der Grammatik und den Weltreligionen belegbar ist.

Die Analyse der Hybridität, des Synkretismus und der Kreolisation von Kulturen und Ethnien sind uns mittlerweile vertraute sozialwissenschaftliche Ansätze und Forschungsstrategien. Zu den neuen soziologischen Begriffen der Resystematisierung der Entwicklungstheorie und der durch Globalisierung herbeigeführten strukturellen Veränderungen des Gesellschaftssystems gehören die Begriffe der Hybridisierung und der Post-Hybridisierung (Global Mélange). Es ist Nederveen Pieterse Verdienst, dass er die Hybridisierungsforschung resystematisiert hat. Der Ansatz der Hybridisierung ist die folgenreichste Innovation in der soziologischen Theorie, da er die Rationalisierungstheorie und die Typologie des Rationalismus M. Webers und alle rationalitätstheoretisch orientierten Ansätze in der Soziologie hinter sich gelassen hat. Unter Hybridisierung ist ein analytisches Werkzeug, eine Kritik an sozialen und kulturellen Grenzen sowie an besonderen Machtrelationen zu verstehen und sie ist empirisch belegbar. Sie verhält sich zur Kultur so wie Dekonstruktion zum Gespräch, da sie binäre Unterscheidungen hinter sich lässt. Sie ist ein Dazwischensein (in-betweeness), welches das sozio-kulturelle Dazwischen und den Zwischenraum reorganisiert. Hybridität bedeutet keine Parität von Kulturen, sondern sie ist zugleich mit Machtstrukturen verbunden. Hybridisierung ist eine Kritik an dem klassischen Paradigma der Modernisierungstheorie. Sie wurde am Beispiel der Modernisierung des „globalen Südens“, der sozialen und politischen Modernisierung Afrikas, Lateinamerikas und Asiens bereits exemplifiziert. [12]

Der Begriff der Hybridisierung geht auf W. Rowe and V. Schelling zurück. Darunter versteht man „the ways in which forms become separated from existing practices and recombine with new forms in new practices”.[13] Hybridisierung als eine Vermengung von lokalen und globalen Identitäten findet auf der Ebene der transnationalen Kultur statt. Sie entwickelt sich durch die Steigerung der Mobilität bestimmter Gruppen, der technologischen Entwicklung und eines globalen Wirtschaftssystems. Hybridisierung verbindet die Reorganisation von unterschiedlichen Kulturbestandteilen. Gleichzeitig werden durch sie Konflikte herbeigeführt, die auf die tieferliegenden Kulturbestandteile zurückzuführen sind. Nederveen Pieterses Analyse beansprucht eine Brücke zwischen der  Beschreibung von Globalisieurng als McDonaldisierung und als Clash of Civilization zu schlagen.

Globalisierung ist nach Nederveen Pieterses ein strukturelles Ereignis in der Evolution des Gesellschaftssystems. Sie wird dadurch charakterisiert, dass sie hybride Sozio-Kulturen hervorbringt. Die Hybridisierungsergebnisse sind gemischte neue Identitäten, die nicht auf nur einen einzigen Kulturbestandteil zurückzuführen sind. Hybridisierung führt zu einer  Posthybridisierung als einem globalen Kulturgemenge. Beispiele dafür sind  die Chinese tacos und die Irish bagels in der amerikanischen Esskultur, der Japanische Impressionismus (Japonisme), Jazz, Hiphop ua. Für die Gegenwartsgesellschaft folgert er daraus, dass sie durch einen Multikulturalismus und durch keine Einheitskultur gekennzeichnet ist. Sie ist ein globaler kultureller Supermarkt. Globale Multikulturalität wird als Neo-Medievalism i.S. der sich überlappenden Autoritäten und überschneidenden Loyalitäten (H. Bull), nomadisch und kaleidoskopisch charakterisiert. Das ist in Harmonie mit der postmodernen Gesellschaftsbeschreibung als einer Neu-Barocken-Befindlichkeit als Ausdruck der Gegenwartsgesellschaft (S. J. Kobrin, O. Calabrese). [14]

Nederveen Pieterse geht von der Globalisierungsforschung aus, die seit Anfang der 1990er Jahre vorliegt. Dabei hebt er hervor, dass sowohl bei Soziologen[15]  als auch bei Anthropologen der Kulturbegriff für die Analyse von Globalisierung eine neue Relevanz bekommt. Er grenzt sich gegenüber den vorliegenden Ansätzen deshalb ab, da er den klassischen soziologischen Kulturbegriff, der in der Tradition M. Webers und des südwestdeutschen Kantianismus Kultur werttheoretisch beschreibt, für die Analyse der Beziehung von Kultur und Globalisierung für ungeeignet hält.[16] Das betrifft aber nicht nur die Wahrnehmung, Beobachtung und Beschreibung von Kultur in der globalen Szene, sondern auch ihre Funktion in der strukturellen Evolution des Gesellschaftssystems. Kultur ist nach seinem Ansatz nicht das Ergebnis einer eigensinnigen Rationalisierung von Wertsphären, sondern sie besteht in einer  Hybridisierung von Ethnien und Kulturen. In einem gewissen Sinn aktualisiert er damit die alte diffusionistische Kultur- und Entwicklungstheorie.[17]

Bei der Beantwortung der Frage, „Was heißt Globalisierung?“ geht Nederveen Pieterse davon aus, dass die Entgegensetzung Globalisierung vs. Regionalisierung als Charakterisierung der unterschiedliche Modernisierungen nicht zutreffend ist, z.B. in Indien, China, Russland. Sein Globalisierungskonzept steht im Kontext seiner Kritik an der Entwicklungstheorie. Globalisierung ist nach Nederveen Pieterse ein historischer Langzeitprozess. Er wird durch grenzüberschreitende Populationsbewegungen, die Weltreligionen und ihre Verbreitung und die Diffusion von Technologien ausgelöst (neolitische Agrikultur, Militärtechnologie, Erfindung und Verbreitung der Schrift, Wissenschaft und Philosophie, religiöse soziale Bewegungen). Die Langzeitveränderungen sind nicht als ein linearer (vorwärtsgerichteter), sondern als ein „dialektischer Prozess“ zu beschreiben. Historisch (empirisch) wirkt sich Globalisierung als eine steigende Verbindung zwischen dem Wirtschafts- und dem politischen System aus. Die Wahrnehmung globaler Interdependenzen wird durch „global Panic“ (Aids, SARS, Klimaerwärmung), die Internationalisierung der Menschenrechte, z.B. durch Amnesty International, Wirtschaftskrisen und die Verbreitung atomarer Waffen herbeigeführt.

Im Unterschied zu einer deskriptiven Analyse von Globalisierung gibt Nederveen Pieterse zugleich eine bewertende Charakterisierung, da er danach fragt, inwiefern Globalisierung zu einer sozialen Integration im Sinne einer Human Integration führt. Das könnte man auch deskriptiv interpretieren. Der Sozialwissenschaftler bewertet nicht die Erkenntnisse seiner Forschung. Insofern besteht M. Webers Forderung der Wertfreiheit objekttheoretisch zu Recht. Metatheoretisch kann er ganz unterschiedliche Bewertungen vornehmen. Nederveen Pieterse unterläuft diese beiden Ebenen. In seiner Zugangsweise ist die Fragestellung aber nicht gesellschaftspolitisch neutral gestellt, da sein Ansatz auf einen Neuen Sozialen Vertrag des Ausgleichs zwischen den entwickelten und unterentwickelten Regionen in der Weltgesellschaft hinausläuft. Angesprochen ist damit die Neufassung der Theorie der sozialen Integration.

Das gegenwärtige Stadium der Globalisierung unterscheidet sich ihrer antiken und modernen Ausprägung durch den Umfang des wirtschaftlichen Austausch, die Geschwindigkeit des Austauschprozesses und die Vielfalt der wirtschaftlichen Leistungen (Güter, Energie und Information). Getragen werden diese Entwicklungen durch utopische Visionen der menschlichen Natur (human unity), die von den Stammesgesellschaften zu den universalistischen Religionen verläuft. Universalisierungen sind in unterschiedlicher Weise sowohl in der Jüdisch-Christlichen Tradition und im Taoismus, Buddhismus, Hinduismus und Islam zu belegen. Die historischen Imperien haben zu ihrer Verbreitung beigetragen. Die gegenwärtigen Trends der Human Integration in der Folge von Diaspora und Migration leiteten zu dem Zeitalter der Ethnizität über. Ethnizität ist als kollektive Identität von sozialen Gruppen zugleich eine kulturelle und politische Abgrenzung. Ihre Mitglieder verfolgen dadurch zugleich ihre Interessen. Wirtschaftliche Grenzüberschreitungen führten zu einer Überlappung von kulturellen und sozio-ökonomischen Unterschieden als auch zu einer Überbrückung des Nord-Süd Entwicklungsgefälle. Beispiele hierfür sind transnationale Unternehmen bis hin zu kriminellen Organisationen. Als Reaktion darauf werden die institutionellen Barrieren von Migrationsländern erhöht. Daraus ergibt sich eine hierarchische Integration, die durch die Schattenwirtschaft unterlaufen wird.

Die durch Globalisierung herbeigeführten Grenzüberschreitungen führen zu einem globalen Multikulturalismus, der die Beobachtung der gesellschaftlichen Kommunikation neu einstellt. Er leitet aber auch die Neufassung der Theorie der sozialen Integration ein, da globaler Multikulturalismus durch die Ethnienökonomie eine Restrukturierung der askriptiven Solidarität herbeiführt. Ethnizität wird fortlaufend dekonstruiert und rekonstruiert. Die kollektiven Identitäten verschwinden dadurch aber nicht, sondern sie werden durch Hybridisierung als Medium in der gesellschaftlichen Kommunikation restabilisiert.

 

2. Entwicklungstheorie im  Zeitalter der Posthybridisierung

(a) Globaler Multikulturalismus

Kulturelle Hybridisierung ist eine Mischung der asiatischen, afrikanischen, amerikanischen und europäischen Kultur. Hybridisierung ist nicht nur eine Überschneidung von Kulturen, sondern ihre Überführung von einer lokalen in eine transnationale Kultur. Ethnizität ist nach Nederveen Pieterse eine kulturelle, historische, relationale Eigenschaft sozialer Gruppen und keine natürliche Eigenschaft.[18]  Zu unterschiedlichen Arten der Ethnizität und ihre Variationen im Hinblick auf ihre Dominanz, ihre Abgrenzungen, ihren Wettbewerb und ihrer Wählbarkeit.[19]  In einer historischen Sicht wird herausgestellt, dass der Multikulturalismus auf lokaler, nationaler, regionaler und globaler Ebene kollektive Identitäten ausbildet, wobei diese Gruppen auch in einen Kontakt eintreten. Der Multikulturalismus als ein Aushandlungsverfahren zwischen Ethnien geht auf die Kolonialgesellschaft, den Kulturkampf, die Erfahrungen der Siedlungsgesellschaften und die Ethnienökonomie zurück.[20]

Nederveen Pieterse analysiert Ethnizität sowohl kulturell als auch politökonomisch. Die Rolle der Ethnien im Wirtschaftssystem betrifft die Rolle der Migranten in den nationalen und transnationalen Unternehmen und die damit einhergehenden formalen und informalen kulturellen Mischungen. Das ist für die ethnische Analyse der Schichtung des modernen Wirtschaftssystems und des Prestiges sozialer Gruppen bei der Überquerung kultureller Grenzen relevant. Die politökonomische Dimension zieht er dazu heran, den Abgrenzungsprozess zwischen den Ethnien zu erklären, z.B. italienische, türkische, asiatische Restaurants. Den kulturellen Ansatz wendet er auf die Analyse der Interaktion der Ethnien an. In der politökonomischen Dimension wird die Grenzziehung zwischen den ethnischen Gruppen stabilisiert, da sich eine Ethnienökonomie etabliert, durch die eine Ressourcenverteilung an die Mitglieder dieser Ethnien vorgenommen wird. In der kulturellen Dimension treten mehr oder weniger erfolgreiche Aushandlungsprozesse ein, die sich auf den Austausch zwischen den ethnischen Gruppen, ihren Konflikten und ihre mögliche Integration beziehen.[21]

Nederveen Pieterses Untersuchungen sind ein Erkenntnisfortschritt gegenüber den klassischen Modernisierungstheorien, da er die strukturelle Evolution des Gesellschaftssystems am Leitfaden der Differenzierung und der Restrukturierung des askriptiven Komplexes (Ethnizitäten) beschreibt und resystematisiert. Ethnizitäten sind Cluster von kulturellen Differenzen. Diese theoretische Beschreibung der zeitübergreifenden Multiethnizität in der strukturellen Evolution wird dann trennscharf, wenn wir sie auf die Variation, Selektion und Restabilisierung der Mitgliedschaftsbedingungen von sozialen Systemen spezifizieren.[22]  Damit ist ihre evolutionäre Variation angesprochen. Die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen, formalen Organisationen und die Teilnahme an einfachen Interaktionen als soziale Systeme definiert aber zugleich soziale Grenzen und strukturiert dadurch die gesellschaftliche Kommunikation. Insofern selektiert sie in der Evolution des Gesellschaftssystems asymmetrisch gebaute Kommunikationssysteme, durch die sich die gesellschaftliche Kommunikation strukturiert und reproduziert. Ihr Wettbewerb um Statusposition führt zu dem Problem der Restabilisierung der ethnischen Einheit. Dadurch treten fortlaufend Konflikte und Spannungen zwischen der askriptiven (ethnischen) Partikularität und der optionalen Mitgliedschaftsbedingung ein, z. B. zwischen lokalen Minoritäten und regionalen Majoritäten, dem transnationalen Einfluss auf internationale Konflikte, ethnischem Nationalismus, ethnischen Säuberungen als Folge der Durchsetzung von Ethnokratien. Gehen wir davon aus, dass Ethnien relational zu bestimmen sind, so sind sie durch ihre sozialen Umwelt-Relationen zu beschreiben. Die Selektion von evolutionären Mitgliedschaften ist nach Nederveen Pieterse kein selbstrefenzieller Prozess, sondern er wird durch Mobilität (Wanderungen, Migrationen) herbeigeführt. Insofern stellt sich für die Festlegung der Mitgliedschaft fortlaufend der funktionale Imperativ der Restabilisierung, der durch exogen veranlasste Variationen bedingt ist, z.B. der Mitarbeiter von global operierenden Wirtschaftsunternehmen, von Organisationen des politischen Systems und zivilgesellschaftlicher globaler Organisationen. Die Restrukturierung der askriptiven Solidarität, auch durch die Ethnienökonomie, führt zu der Dekonstruktion und Rekonstruktion der Ethnizität. Typisch für die dadurch eintretende Restabilisierung durch hybride Ethnien ist es aber, dass ihre Mitglieder den primordialen Kontakt nicht verlieren und aufrechterhalten.

Die postmoderne kulturelle Orientierung dezentriert den Universalismus der Aufklärung. Sie hat einen multiplen Identitätsentwurf zu ihrem Ergebnis, der gleichzeitig einer kognitiven Orientierung entspricht. Nederveen Pieterse Befund, dass Globalisierung zu einer hybriden Multikulturalität, nicht zu einem Konsens und zu einer Vereinheitlichung der Weltkultur führt (McDonaldisierung) ist eine Erkenntnisfortschritt in der soziologischen Theorie. Es bleibt aber die Frage offen, ob sich die partikularen kollektiven Identitäten durch die globalen wirtschaftlichen Vernetzungen auflösen. Wenn wir davon ausgehen, dass in der Dimension der Kultur eine Hybridisierung stattfindet, so heißt das nicht, dass die kollektive Identität der ethnischen Gruppen mit ihren primordialen Bestandteilen verschwinden werden. Das würde Nederveen Pieterse auch nicht a grosso modo bestreiten, da die Mitglieder hybrider Ethnien den Kontakt zu ihrer Herkunftswelt aufrecht erhalten. Es ist aber nicht zu erkennen, dass globale Multikulturalität eine Mitgliedschaftsbedingung in den ethnischen Gruppen ist. Auch erhöhte Mobilität der sozialen Gruppen, Migration, Diaspora führt zu keiner Variabilität der Mitgliedschaft. Nederveen Pieterse geht zwar auf das Problem der Exklusion, der Marginalisierung und der ethnischen Konflikte ein, aber er kann nicht erklären, warum gerade ethnische Konflikte eruptiv ausbrechen und sich über größere Zeitstrecken kaum regeln lassen. Das führt zu dem Problem der Dominanz der kollektiver Identitäten und der Selbstbehauptung sozialer Gruppen durch Grenzziehung. Hervorzuheben ist in diesem Kontext, dass Ethnizität und die Herkunftswelt der Mitglieder sozialer Systeme etwas nicht-rationales ist. Wir mögen uns ihr überlegen fühlen, sie mag auch hybridisiert sein, für sie können wir uns aber nicht entscheiden. Der soziologisch interessante Gesichtspunkt ist dabei, dass auch dann, wenn wir sie persönlich distanziert haben, sie uns von außen zugeschrieben wird. Sie ist ein Orientierungswissen der Mitglieder sozialer Systeme. Aus meiner Sicht ist die durch Globalisierung herbeigeführte Differenzordnung der askriptiven Solidarität und Multikulturalität kein Ergebnis von Aushandlungen, da wir nur bedingt über unsere Herkunftswelt disponieren können. Auch nach Nederveen Pieterse führen Hybridisierung und Global Mélange nicht zu einer Fusion der Kulturen und der ethnischen Identitäten, da die tieferliegenden Kulturbestandteile erhalten bleiben. Das zieht dem Einverständnis durch Aushandlungen erkennbare Grenzen. Das gilt auch dann, wenn für die Gegenwartsgesellschaft ein Multikulturalismus erkennbar ist, der zu einer Hybridisierung und keiner Einheitskultur führt.

Nederveen Pieterse erkennt, dass die Theorie der sozialen Integration neu zu fassen ist. Es geht dabei aus meiner Sicht darum, welches Bild wir von der nächsten Gesellschaft haben. Es wird eine Gesellschaft sein, die grenzenlos sowie horizontal in Regionen und vertikal in von der Lokalität bis zur Globalität differenziert sein wird.[23] Wir erkennen mittlerweile, dass die Globalisierung des Wirtschaftssystems nicht zu einer globalen Modernität und keiner globalen Kultur führt. Die strukturellen Veränderungen werden auch durch das Ausmaß der Mobilität ausgelöst. Nederveen Pieterse zieht Folgerungen aus den Untersuchungen der gegenwärtigen Soziologie und ihrer Situationswahrnehmungen. Die Einsicht in die veränderte Grundsituation betrifft nicht nur das Problem des Ausgleichs zwischen Entwicklung und Unterentwicklung, sondern der Resystematisierung und Neufassung der klassischen Modernisierungstheorie, die auf M. Webers Analyse der Entstehung des okzidentalen Rationalismus und seiner Innovationen in der modernen Wissenschaft, des modernen Rechts, der modernen Wirtschaft, der prinzipiengeleiteten Lebensführung und der modernen Gemeinschaftsbildung zurückgeht.

Globaler Multikulturalismus ist kein Gesellschaftsmodell eines individualistischen Pluralismus, der die Wohlstandsasymmetrien durch die Umverteilung des Wohlfahrtsstaats kompensiert. Es stellt sich somit das grundsätzliche Problem, welche Folgen die Ablösung des Wohlfahrtsstaates durch einen Wohlfahrtspluralismus für die solidarische Integration hat. Nach Nederveen Pieterse bedarf es für die neuen Formen der solidarischen Integration und der globalen Ökumene eines Neuen Sozialen Vertrags.

 

(b) Empire oder Globalisierung

Hybridisierung und Global Mélange führen nicht zu einer Fusion der Kulturen und der ethnischen Identitäten, da die tieferliegenden Kulturbestandteile erhalten bleiben und durch die technologischen Entwicklungen fortlaufend restabilisiert werden können, wie z.B. bei den Tamilen in Kanada, die sich über Internet mit ihren Verwandten und Freunden über die Ereignissen in Sri Lanka mit ihren Verwandten und Freunden austauschen.

Hybridisierung wird durch das globale Wirtschaftssystem ausgelöst. Nederveen Pieterse geht davon aus, dass das Modell dieser Dimension der Globalisierung das Finanz- und Wirtschaftssystem der Vereinigten Staaten ist. Daraus resultieren aus seiner Sicht die neuen Konflikte zwischen den an diesem System beteiligten Gruppierungen und Organisationen. Die Umsetzung des Modells des amerikanischen Wirtschaftssystems führt zu neuen Asymmetrien, Exklusionen und damit zu einer Verschärfung von Interessenkonflikten innerhalb des Wohlstandsgefälles. Nederveen Pieterse diagnostiziert in dem globalen Weltsystem, vergleichbar mit der amerikanischen Gesellschaft, Einkommens-, Einfluss- und Machtunterschied, den unterschiedlichen Zugang zu Solidarleistungen als auch die Vergrößerung der Exklusionsbereiche.[24]  Nach dem Ende des Kalten Krieges 1990 hat sich die politische und wirtschaftliche Konstellation dahingehend verändert, dass die Vereinigten Staaten in dem technologischen und militärischen Sektor weiter an Dominanz gewonnen haben. Zur Kontrastierung dieser Entwicklung stellt Nederveen Pieterse dem Globalisierungsprozess der Imperienbildung den neo-liberalen Imperialismus gegenüber. Er wendet sich gegen die Auffassung, dass es sich bei der Globalisierung um ein globales amerikanisches Imperium handelt, wie es z.B. von M. Hardt und A. Negri dargestellt wird.[25]  Er vergleicht deshalb die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen Globalisierung und Imperienbildung. Die Gemeinsamkeit besteht in einer hierarchischen Integration der gesellschaftlichen Kommunikation und den hierarchischen Machtverläufen.[26]  Im Unterschied zur Imperienbildung unterscheidet sich Globalisierung durch das Fehlen einer durchgreifenden politischen Steuerung, des Verzichts der Durchsetzung einer Zentrumskultur gegenüber der Peripherie und es werden keine geopolitischen Strategien mit militärischen Mitteln durchgesetzt, sondern Globalisierung wird durch die Verbreitung der amerikanischen Wirtschafts- und Finanzordnung herbeigeführt. In diesem Punkt stellt Nederveen Pieterse den Zusammenhang zwischen Hybridisierung und einer konfliktträchtigen Globalisierung her. Im Gegensatz zu dem Eintreten einer kulturellen Hybridisierung auf der globalen Ebene verschwinden nicht die Konflikte, die aus hierarchischen Unterschieden und asymmetrischen Zugangsweisen zu Einkommenschancen, Statusverbesserungen und Transferleistungen herrühren. Hybridisierung führt zwar zu einer translokalen Identitätsbildung, sie kompensiert aber nicht die Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung, da sie die sozialen Asymmetrien des globalen auf der lokalen Ebene restabilisiert, z.B. Immigranten, die zwar in ihrem neuen Heimatland aus der Sicht ihrer Herkunftswelt privilegiert sind, aber gleichzeitig unqualifizierte Tätigkeiten ausüben (Haushaltshilfen, Kellner ua.).

Diese Asymmetrien stellen sich nach Nederveen Pieterse auch auf globaler Ebene ein, da die technologischen und militärischen Entwicklung der Vereinigten Staaten zu einem Machtgefälle innerhalb der globalisierten Welt herbeiführt. Im Unterschied zur Imperienbildung vollziehen sich die Asymmetrien nicht mehr ausschließlich durch die militärische Überlegenheit, sondern durch die selektive Zugangsweise zu technischen und wirtschaftlichen Ressourcen. Am Beispiel des Nord-Süd Gefälles exemplifiziert Nederveen Pieterse, wie es durch den Anpassungsdruck an das globale Wirtschaftssystem zu geteilten Zugängen und Exklusionen kommt.[27]  Aus seiner Sicht ist die gegenwärtige Globalisierung derart zu beschreiben, dass sie die sozialen Asymmetrien im Wohlstandsgefälle unter der neo-liberalen amerikanischen Wirtschaftsphilosophie vergrößert. Er betont die Negativseite der wirtschaftlichen Globalisierung als eine Folge der Strategie der amerikanischen Politik.[28]  Das Strukturproblem des globalen Wirtschaftssystems, das wir dabei erkennen, ist aus meiner Sicht darin zu sehen, ob die Durchsetzung eines freien Marktes und damit des amerikanischen Wirtschaftsmodells eine intendierte Folge ist oder ob es durch die veränderte Struktur der wirtschaftlichen Globalisierung herbeigeführt wird. Die Hybridisierung des chinesischen Wirtschaftssystems als Anpassung an das globale Wirtschaftssystem ist ein Gegenentwurf zu Nederveen Pieterse Einschätzung, da sie nicht als eine Strategie der amerikanischen Politik zu beschreiben ist. Der Aufbau von chinesischen Großunternehmen, wie z.B. PetroChina, als Konkurrenten zu amerikanischen Unternehmen, sind Belege dafür, dass ihre technologische und wirtschaftliche Dominanz nicht restabilisierbar ist.

 

(c) Der Neue Soziale Vertrag

Die Modelle der überlieferten Entwicklungstheorien sind nach Nederveen Pieterse nicht dazu geeignet, entwicklungspolitische Antworten auf den durch Hybridisierung herbeigeführten Multikulturalismus zu geben. Hybridisierung als Langzeittrend der strukturellen Evolution tritt in eine Post-Hybridisierung ein. Das besagt, dass die Kulturüberschneidungen in eine neue Phase des interkulturellen Kontaktes überführt werden. Post-Hybridisierung wird derart eingeschätzt, dass sie eine strukturelle Langzeitwirkung haben wird. Um diese Situation handhaben zu können, bedarf es anderer Entwicklungsmodelle und Programme. Nederveen Pieterse führt zwar die Entwicklungstheorien seit den 1950er Jahren nicht fort, er geht aber davon aus, dass auch unter der Voraussetzung von Globalisierung und den mit ihr einhergehenden neuen Herausforderungen, wie z.B. den Migrationen, der neuen Diasporas, der Unterentwicklung, der Umweltbelastungen und Klimaveränderungen, die Entwicklungstheorie im Hinblick auf die sich durchsetzende Post-Hybridisierung reformuliert werden kann und soll.[29]  Aus seiner Sicht stabilisieren die institutionellen Abschottungen die vorhandenen Entwicklungsdifferenzen. Insofern werden für die Verminderung dieser Differenzen die vorhandenen Institutionen, wie z.B. IMF,UNDP,Weltbank, keine Schrittmacherrolle einnehmen können. Unabhängig von der Sympathie, die man für die Postentwicklungs- und die alternativen Entwicklungsansätze haben kann, diese Programme schreiben nach Nederveen Pieterse den „Mythos der Entwicklung“ fort und überwinden nicht die ethnozentrische Sichtweise.

Strukturelle Entwicklungsprogramme führen nicht zur Verringerung der Entwicklungsdifferenzen. Als Alternative dazu sollten aus Nederveen Pieterse Sicht institutionelle Umwelten eingerichtet werden, die Investitionsnetzwerke über Gruppen und Gemeinschaften hinweg stärken. Das soll durch die Orientierung an einem Neuen Sozialen Vertrag als einem Neuen Sozialen Kompromiss stabilisiert werden. Ein positives Beispiel dafür ist nach Nederveen Pieterse die Ethnienökonomie, da sie Brücken über Entwicklungsdifferenzen schlägt.[30]  Eine „Weltentwicklung“ und ihre Institutionen unterscheidet sich grundsätzlich von den Modellen der klassischen (Entwicklungs-) Modernisierungs-, Dependenztheorie und der Antientwicklung (Antiglobalisierung) als auch der entwicklungspolitischen Strategie der Autonomisierung von Regionen. Sie ist für ihn eine Alternative zu den Programmen und Modernisierungen des konventionellen Marxismus und Keynesianismus der 1950er Jahre.

 

(d) Zur Entwicklungspolitik

Was sind die Folgerungen, die wir aus der Entwicklungspolitik der letzten fünfzig Jahre ziehen können? Hervorzuheben ist dabei, dass makroökonomische Stabilität eine unabdingbare Voraussetzung für ein wirtschaftliches Wachstum ist. Das gilt global. Aber Wachstum wird eben nicht nur Vorteile für alle mit sich bringen. Für Entwicklungspolitik gibt es keinen Königsweg, der von den politischen Entscheidungsträgern gegangen werden könnte, sondern es wird eine Vielfalt von Maßnahmen benötigt, die auf einer lokalen -, der nationalen Ebene und durch internationale Institutionen einzubinden sind. Es werden in Zukunft Institutionen eine entscheidende Rolle spielen, die unterschiedliche Gruppen einbeziehen und die in der Lage sind, mit der veränderten Grundsituation umzugehen. Davon ist vor allem der Aufbau von berechenbaren lokalen Verwaltungen in den Entwicklungsländern betroffen. Das wird Auswirkungen für die Entwicklungspolitik der Weltbank haben, die sich bereits abzeichnen. Zu lösen sind nicht nur der Abbau von Armut, sondern es sind den Problemen der Ernährungssicherheit, der Wasserknappheit, der Alterung der Bevölkerung, dem Verlust kultureller Eigenheit und der Umweltzerstörung zu begegnen. Dafür gibt es keine einfache Lösungen. Die Entwicklungspolitik wird durch die technologischen Innovationen, die Ausbreitung von Wissen, das Bevölkerungswachstum und die Zusammenballung von Städten, das Zusammenwachsen im Finanzbereich und der Forderung nach demokratischer Mitbestimmung zunehmend verändert. Wir werden dabei davon auszugehen haben, dass sich gerade in den Entwicklungsländern das Bevölkerungswachstum und die Gewährleistung der Energiebeschaffung dramatisch bemerkbar machen.

Wirtschaftliche Globalisierung wird in Zukunft bei den nationalen Regierungen immer mehr dazu führen, internationale Partnerschaften einzugehen, die einen Abbau von Handelsbeschränkungen und den freien Fluss der Finanzströme befördern. Dazu gibt es bereits keine Alternative mehr. Lokalisierung, die andere Seite von Globalisierung, wird andererseits die Regierungen dazu nötigen, auf die regionalen Belange und Interessen einzugehen und sich ihnen gegenüber anzupassen. Auf der regionalen Ebene werden die Institutionen der Verwaltungsstruktur, Verhandlungen, Koordinierung und Regulierung eine Schrittmacherfunktion einnehmen, die den Anschluss an die globale Ebene herbeiführen. Worin bestehen aber die Grenzen des entwicklungspolitischen Machbaren? Das Scheitern der Planwirtschaft hat uns allen verdeutlicht, dass eine zentrale Planung einer Volkswirtschaft keinen Erfolg für eine langfristige erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung hat. Diesbezüglich sind wir mit einer Desillusionierung gegenüber der Steuerbarkeit, nicht nur des Wirtschaftssystems, sondern auch Gesellschaftssystems konfrontiert. Daraus sind für die Entwicklungspolitik entsprechende Folgerungen im Hinblick auf ihre Chance auf Nachhaltigkeit und die Überbrückung des Gefälles zwischen der lokalen und der globalen Ebene zu ziehen. Damit ist das Problem der Steuerung sozialer Systeme angesprochen.

1. Jede nachhaltige Entwicklung verfolgt viele Ziele, z.B. die Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens ist durch bessere medizinische Versorgung, bessere Bildungsmöglichkeiten, Ausgleich zwischen den Generationen u.a. zu ergänzen.
2. Die Entwicklungspolitik hat immer eine Vielzahl von vorliegenden gesellschaftlichen Faktoren zu berücksichtigen, z.B. bei einem ungünstigen politischen Umfeld, wird jede Entwicklungspolitik scheitern; man denke diesbezüglich an das Problem der Korruption. Insofern bedarf es einer abgestimmten politischen Agenda.
3. Die Berechenbarkeit von Regierungen und ihre Einbindung in internationale Institutionen spielen insofern für den Erfolg der Entwicklungspolitik eine grundlegend Rolle. Es gibt aber kein festgeschriebenes Regelwerk für die Maßnahmen ihrer Entwicklungspolitik, das einfach nur anzuwenden wäre. Die entsprechenden Maßnahmen sind immer auf dem Entwicklungsstand des jeweiligen Landes, seiner Einbindung in die globale Wirtschaft als auch der Einstellungen der Eliten auszuarbeiten.
4. Das wichtigste ist jedoch eine Umdenken von einer Programm- zur Prozessorientierung: Ein sich Einlassen auf Prozesse ist für den Erfolg von Entwicklungspolitik in Zukunft wichtiger als eine Orientierung an festgelegten Programmen, wie es in der Entwicklungspolitik bis in die 1980er Jahre in der Regel praktiziert wurde.

 Wir befinden uns in einer Situation, in der neue Leitlinien für die Entwicklungspolitik zu erstellen sind. Dabei sollte man sogar das Wort „Entwicklung“ vermeiden, da es irreführende Konnotationen hat. Die Evolutionstheorie und soziologische Theorie hat evolutionäre Entwicklungstheorien bereits aufgegeben. Das ist substanziell in Harmonie mit Nederveen Pieterse Ansatz. Die Rede von Entwicklung geht immer davon aus, dass von einem Ursprung ausgegangen wird, worin dieser auch immer besteht, in dem das Folgende bereit potenziell angelegt ist. Die Leitlinien der Entwicklungspolitik betreffen eine Neubestimmung ihrer Ziele, ihre Einbindung in interdependente politische Abstimmungen auf der lokalen, nationalen und globalen Ebene als auch die Orientierung an ihrer Nachhaltigkeit und der Gestaltung der Anschlussrationalität in der gesellschaftlichen Kommunikation. Sie wird aber nicht den Anspruch haben, das Gesellschaftssystem zu steuern. Die Steuerung sozialer Systeme werden wir in einem ganz anderen Ausmaß an sie selbst zurückzugeben haben. Vermutlich sind sie klüger, als die Programme des politischen Systems.

Die Abstimmung der lokalen, der nationalen und der globalen Ebene der Entwicklungspolitik können wir uns an einem Schulbauprojekt gut verdeutlichen. Dabei ist der Bau eines Gebäudes erst der Anfang. Für die wirkliche Erhöhung des Bildungsstandes sind weiter andere Voraussetzungen erforderlich, wie z.B. die Auswahl, Ausbildung und Entlohnung der Lehrer, die Bereitstellung von Lehrmitteln und die Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder auf eine Schule zu schicken. Was dieses scheinbar einfache Beispiel zeigt, gilt aber auch für andere Projekte sei es für Privatisierungsprogramme, soziale Sicherungsnetze und umweltfreundliche Energiekonzepte. An diesen Fällen können wir erkennen, dass die Entsprechungen zwischen Projekten und Prozessen die Chancen des Erfolgs erhöhen kann. Dabei wird man soziale Systeme viel mehr der Selbststeuerung überlassen, als das die uns bekannten Programme der Entwicklungspolitik in der Regel vorsehen.[31]  Da sich soziale Systeme „Systeme“ mit Zeitdimension sind, kann es immer auch eintreten, dass die an den Projekten beteiligten Systemzeiten nicht oder nur schwer aufeinander abstimmbar sind und sie deshalb scheitern. Diesbezüglich gibt es keine Steuerung der gesellschaftlichen Kommunikation, die Systemkatastrophen vermeiden könnte. Welche Institutionalisierung von Schadensbegrenzungen sich im Zeitalter der Posthybridisierung sich ausbilden, wird man der Evolution zu überlassen haben.

Entwicklungspolitik wird durch die kommunikationstechnologische Entwicklung am  folgenreichsten verändert werden. Durch Internet und E-Mail können wir in Erfahrung bringen, was sich in einem Haushalt, an der Börse, in Unternehmen „am anderen Ende der Welt“ ereignet. Wir haben davon auszugehen, dass Dienstleistungen und Informationen in einer globalen Wirtschaft weiter an Bedeutung gewinnen werden. Diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen, und wir stehen erst an ihrem Anfang. Informationen und Dienstleistungen werden durch das Internet zur Verfügung gestellt, über das der globale Handel und die Finanzströme verlaufen. Das bedeutet aber, dass Investitionen in Humankapital und das Bildungswesen in Zukunft wichtiger sind als in physisches Kapital. Vor allem ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben, dass die Finanzdienstleister in einem globalen Wirtschaftssystem eine neue Rolle spielen. Für die Entwicklungspolitik bedeutet dies, dass die Entwicklungsländer eine Reform des Bankensektors und eine Förderung der Kapitalmärkte einleiten müssen. Das ist schon deshalb erforderlich, da sie noch nicht über entsprechende Aktien- und Anleihemärkte verfügen. Insofern sind die Banken die einzigen wichtigen Anbieter von Finanzmittel. Ein zuverlässiges Bankensystem ist in den Entwicklungsländern insofern eine unerlässliche Voraussetzung für jede Entwicklungspolitik. Daraus folgt aber für die Entwicklungspolitik, dass sich die Entwicklungsländer darum bemühen müssen, ein investitionsfreundliches Umfeld zu schaffen.

Die entwicklungspolitischen Konzepte sind in den letzten fünfzig Jahren unterschiedlich ausgefallen und zu bewerten. Wir erkennen mittlerweile ihre Zeitbedingtheit. Das schützt uns vor Vereinseitigungen in ihrer Bewertung und der Folgen, die wir daraus ziehen. Markterfolg und Marktversagen, der Staat als Interventionist oder als Passivaktor, Offenheit für Handel, Sparen und Investitionen, das Bildungswesen, die Stabilität des Finanzwesens, die Verbreitung von Wissen, makroökonomische Stabilität standen im Vordergrund der Entwicklungspolitik. Wir sollten uns und darauf einstellen, dass es in Zukunft kein einziges Erfolg versprechendes Konzept von Entwicklungspolitik geben wird. Als Orientierung für die Nachhaltigkeit und Steuerung von Entwicklungspolitik ist davon ausgehen, dass solide, somit auch berechenbare, Institutionen für das Finanzwesen und politische Absprachen als auch Investitionen in den Bildungssektor ein unumgehbares Erfordernis jeder zukünftigen Entwicklungspolitik sind. Dazu gehört aber auch eine wirtschaftliche Deregulierung der Märkte, da nur ein deregulierter Markt ein beschleunigtes wirtschaftliches Lernen ermöglicht.

Bei dem Paradigmenwechsel in Entwicklungstheorie handelt es sich nicht um die Fortführung der Gewährleistung der Nachhaltigkeit von Entwicklungspolitik durch staatliche Eingriffe und Entwicklungsprogramme, durch die Anpassungsprogramme der Neo-klassischen Wirtschaftslehre, er ist keine Erneuerung des Sozialstaates und seiner globalen Verbreitung und keine Fortführung des Neo-Liberalismus. Es geht dabei um eine Selbstregulierung durch die Verstärkung der eigenen Entwicklungsdisposition durch Glokalisierung und vermittelnde Institutionen zwischen den sich mittlerweile restrukturierenden Funktionssystemen des Gesellschaftssystems.  Offen ist aus unserer gegenwärtigen Sicht, welche neuen Institutionen der Schadenbegrenzungen nach dem Wohlfahrtsstaat sich herausbilden werden. Das wird der Evolution überlassen bleiben. Es ist aber auch immer das Ergebnis von historischen Konstellationen und Kämpfe. Es wird auch immer Modernisierungsverlierer geben. Das wird sich von der Anlage her nicht beseitigen lassen.

Nach Nederveen Pieterse ist die soziologische Theorie analytisch, anti-dogmatisch und an sozialer Gerechtigkeit orientiert. Das ist, was die soziale Gerechtigkeit betrifft, ein weitgehender Anspruch. Aus meiner Sicht kann Soziologie Gerechtigkeit nicht wertend einklagen. Damit bringt sie sich in die Abhängigkeit von wirtschaftlichen, politischen und religiösen Interessengruppen, von der sie als Wissenschaft Distanz gewinnen sollte. Die Erfahrungen, die diesbezüglich in der Geschichte des Fachs vorliegen, sind nicht ermutigend. Sofern der Sozialwissenschaftler in den Austausch mit anderen Teilsystemen als Experte eintritt, sollte er sich der Differenz zwischen seinen theoretischen auch wissenschaftspolitischen Interessen und den seiner Klienten bewusst sein. Er sollte sich nicht instrumentalisieren lassen, da dadurch seine Professionsethik unterhöhlt und er in der fachwissenschaftlichen Öffentlichkeit unglaubwürdig wird. Die soziologische Theorie hat ganz andere Probleme als über Gerechtigkeitsfragen nachzudenken. Es sind ihre Theoriemittel zu explizieren und der Beobachtung auszusetzen. Dazu hat Nederveen Pieterse unabhängig von seinem sozialpolitischen Engagement einen Beitrag vorgelegt.[32] 

 

Anmerkungen

 [1] Welche Einstellung man dazu auch immer ausbildet, unterbestimmt ist in Nederveen Pieterse Ansatz das Problem der Rechtfertigung der Ungleichheit. Dazu T. Parsons, „Equality and Inequality in Modern Society, or Social Stratification Revisited”, in: Social Systems and the Evolution of Action Theory, New York 1977: 321-80.
[2]  Der politökonomische Ansatz ist m.E. nicht dazu geeignet, das Wirtschaftssystem und seine evolutionäre Differenzierung angemessen zu erfassen. Dazu bedarf es für die Theorie des modernen Gesellschaftssystems der Analyse seiner multiplen Konstitution. In der deutschen Soziologie wurde zwischen 1979-1986 eine Debatte über die Rekonstruktion und die theoretische Beschreibung funktionaler Differenzierung im Kontext einer konstruktiven Neuaneignung von Webers und Durkheims Soziologie geführt. Institutioneller Kontext waren Veranstaltungen der Theoriesektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und Treffen mit der Theoriesektion der Amerikanischen Gesellschaft für Soziologie. Wünschenswert wäre die Fortführung des Austauschs, um die unterschiedlichen Perspektiven abzustimmen. Zur multiplen Konstitution des modernen Gesellschaftssystems R. Münch, Die Struktur der Moderne. Grundmuster und differentielle Gestaltung des institutionellen Aufbaus der modernen Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1984, G. Preyer, Soziologische Theorie der Gegenwartsgesellschaft. Mitgliedschaftstheoretische Untersuchungen, Wiesbaden 2006: Zu dem Bezugsrahmen System, Gesellschafts- und Evolutionstheorie 28-32, zur funktionalen Differenzierung 87-143.
[3] Diese Beschreibung ist m.E. zu einseitig, da sie die Systemtheorie nicht angemessen berücksichtigt. Zur akteurtheoretischen Soziologie im Anschluss an Renate Mayntz siehe auch U. Schimank, Handeln und Struktur. Einführung in die akteurtheoretische Soziologie, München 2000.
[4] J. Nederveen Pieterse, Development Theory. Deconstruction/Reconstruction, London 2001: Zur gegenwärtigen Entwicklungstheorie 1-17, zu dem Dilemma der Entwicklungstheorie 18-33, zur Rolle der Kultur in der Entwicklungstheorie 60-72, zur Bedeutung des Entwicklungsbegriffs Tabelle 1.1. Meanings of Development over Time 7, zu den Trends in der gegenwärtigen Entwicklungstheorie Tabelle 1.4 Current Trends in Development Theory 16, Tabelle 6.1 Development Models 91.
[5]  Ebenda: „Table 1.2. Multiethnicity over time“.
[6]   Ebenda: 190.
[7] S. N. Eisenstadt, “Multiple Modernen – Fallstudien“, in: Theorie und Moderne. Soziologische Essays, Wiesbaden 2006, Protosociology Vol 24 2007: Eisenstadt: Multiple Modernities. A Paradigma of Cultural and Social Change.
[8]  Nederveen Pieterse, a.a.O. 2001: 129-149. Er widmet das Kapitel V. Tucker, Critical Holism: toward a Health Modell, Cork University College 1996, ders., Cultural Perspectives on Development, London 1996. Die zweite Hälfte der Philosophie und Wissenschaftstheorie ist vom Holismus dominiert. Wir unterscheiden einen erkenntnistheoretischen Holismus (C. Hempel, W. v. O. Quine), den semantischen Holismus W. Sellars (conceptual role (inferential role) Semantik), den Holismus der radikalen Interpretation (Überzeugungsholismus) (D. Davidson). Gegenpositionen sind M. Dummetts Molekularismus und J. Fodors und E. Lepors semantischer, compositionaler Atomismus.
[9]   Nederveen Pieterse, Ethnicities and Global Multiculture. A Pant for an Octuopus, Lanham 2007: 195. Dazu meine Besprechung in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 1 2008.
[10]  N. Luhmann, „Die Erreichbarkeit der Gesellschaft“, in: Die Gesellschaft der Gesellschaft (2 Bd.), Bd. 2, Frankfurt am Main 1997: 866-79.
[11] Zu der alteuropäischen Ontologie des Ganzen und seiner Teile Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: 912-30.
[12]   Nederveen Pieterse, Globalization and Culture. Global Mélange, Lanham 2004: Zur Hypridisierung 64-69, zu Global Mélange 69-71, zu Post-Hybridity 77-81, Varieties of Hypbridity 87-91.
[13] W. Rowand, V. Schelling, Memory and Modernity: Popular Culture in Latin Amerika, London 1991: 231.
[14]  Zu einem alternativen Globalisierungskonzept, das Globalisierung nicht als historischen Landzeitprozess beschreibt Preyer, Soziologische Theorie der Gegenwartsgesellschaft. Mitgliedschaftstheoretische Untersuchungen: 181-215.
[15]  Z.B. R. Robertson, Globalization: Social Theory and Global Culture, London 1992.
[16]   Luhmann hat nicht ganz zu Unrecht von Kultur „als einen der schlimmsten aller Begriffe, die je gebildet worden sind“ gesprochen, da er die Selbstbeschreibung als Operation (Unterscheidung) von sozialen Systemen verdeckt. Kultur ist ein Begriff, der am Ende des 18. Jahrhundert aufkommt und dem Vergleich dient. Sie ist somit ein Medium der Beobachtung gesellschaftlicher Kommunikation. Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1997: 337-38.
[17]   Siehe zu J. Nederveen Pieterse, Globalization and Culture. Global Mélange, New York 2004, zu den Globalisierungsbegriffen der sozialwissenschaftlichen Disziplinen Tabelle 1.3 Globalization According to Social Science Disciplines 16, Zu den Globalisierungsdefinitionen in der Wirtschaftswissenschaft, der Soziologie, Geschichtswissenschaft und Anthropologie Tabelle 1.4. Definitions of Globalization 17, zur Temporalisierung der Globalisierung Tabelle 1.5 Major Views on the Nature and Timing of Globalizaiton 17, zur Interpretation von Globalisierung Tabelle 1.6 Perspectives on Globalization 18, Tabelle 1.7 Policy Perspectives in Relation to Globalization 19.  
[18]  Nederveen Pieterse, a.a.O. 2007: 19.
[19]  Ebenda: Dazu das 2. Kapt.
[20]   Ebenda: Dazu das 4. Kapt.
[21]   Ebenda: Zur Übersicht „Tab. 5.1. Reponses to Group Differences“ 119. Das Kapt. über den Islam beansprucht zu belegen, dass er historisch kosmopolitisch und dezentral angelegt ist. Es ist vor allem daran orientiert, die amerikanische Sicherheitspolitik der Bush-Regierung zu problematisieren: 169-173.
[22] Zur Soziologie der Mitgliedschaft Preyer, Soziologische Theorie der Gegenwartsgesellschaft. Mitgliedschaftstheoretische Untersuchungen: 23-64, Soziologische Theorie der Gegenwartsgesellschaft III. Mitgliedschaft und Evolution, Wiesbaden 2008.
[23]  R. Münch, Offene Räume. Soziale Integration diesseits und jenseits des Nationalstaats, Frankfurt a. M. 2001: 255-56.
[24]  Nederveen Pieterse, Globalization or Empire?, New York 2004: 61-76.
[25] Ebenda: 36, M. Hardt and A. Negri, Empire, Cambridge 2000.
[26] Ebenda: 35-39.
[27]   Ebenda: 107-113.
[28]   Ebenda: 11-15, 131-139.
[29] Ebenda: 73-169.
[30] Nederveen Pieterse, a.a.O. 2001: 167.
[31]  Zur Selbststeuerung sozialer Systeme K. O. Hondrich, Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist, Frankfurt a. M. 2007, vor allem 230-51.
[32] Reuss-Markus Krausse hat den Text kommentiert und wichtige Anregungen beigesteuert.

 

Bezugnahmen

Eisenstadt, S. N., “Multiple Modernen – Fallstudien“, in: Theorie und Moderne. Soziologische Essays, Wiesbaden 2006.
Hardt M. and A. Negri, Empire, Cambridge 2000.
Hondrich, K.,  Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist, Frankfurt a. M. 2007.
Münch, R., Offene Räume. Soziale Integration diesseits und jenseits des Nationalstaats, Frankfurt a. M. 2001.
Nederveen Pieterse, J., Ethnicities and Global Multiculture. A Pant for an Octuopus, Lanham 2007.
—. Development Theory. Deconstruction/Reconstruction. London: SAGE Publications, 2001.
—. Globalization and Culture. Global Mélange. New York: Rowan and Littlefield Publications, 2004.
—. Globalization or Empire? New York: Routledge, 2004.
Preyer, G., Soziologische Theorie der Gegenwartsgesellschaft. Mitgliedschaftstheoretische Untersuchungen, Wiesbaden 2006.
—. Soziologische Theorie der Gegenwartsgesellschaft III. Mitgliedschaft und Evolution, Wiesbaden 2008.
—. Besprechung Ethnicities and Global Multiculture. A Pant for an Octuopus, Lanham 2007, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 1 2008.
ProtosociologyVol 24 2007: Eisenstadt: Multiple Modernities. A Paradigma of Cultural and Social Change.
Robertson,R., Globalization: Social Theory and Global Culture, London 1992.
Rowand, W., V. Schelling, Memory and Modernity: Popular Culture in Latin Amerika, London 1991.
Tucker, V., Critical Holism: toward a Helth Modell, Cork University College 1996.
—. Cultural Perspectives on Development, London 1996.

Prof. Dr. phil. Gerhard Preyer
Professor of Sociology
Protosociology
Research Project and
An International Journal of Interdisciplinary Research
Including Philosophy
J. W. Goethe-University
D-60054 Frankfurt am Main

www.protosociology.de

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