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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 3
Die Errungenschaften der älteren Kritischen Theorie werden seit geraumer Zeit verdrängt und vergessen. Wer erlebt hat, wie ein Professor vor versammelter Studentenschaft deklariert, Th. W. Adornos „Negative Dialektik“ trage nichts zur Soziologie bei, dem wird klar, was wohl inzwischen akademischer Usus ist.
Umso erfreulicher ist es, wenn jüngere Autoren an den Strängen Kritischer Theorie weiterflechten. Denn es gilt nicht nur, die Meinungsfreiheit hochzuhalten, sondern auch, wie Lothar Baier bemerkte, die Freiheit von der Meinung.

Leitendes Vorhaben der Dissertation ist es, mit den Mitteln kritischer Gesellschaftstheorie gegenwärtig typische Formen von Subjektivität zu beschreiben und zu analysieren. Ausgehend von den Marxschen Entfremdungstheorien und dem Verdinglichungsbegriff Lukacs’ hebt Gruber unter den Vertretern der älteren Kritischen Theorie E. Fromm hervor. Dessen Verbindung von Marxianismus und Psychoanalyse resultiert in der Diagnose des analen Charakters, der für den „innengeleiteten“ bürgerlichen Geist zutreffend sein soll. Letzterer zeichnet sich durch die Einschränkung des Genusses, rationale Ordentlichkeit und das lustvolle Sparen und Besitzen aus.
Mit der Verschiebung hin zum „aussengeleiteten“ Charakter beschreibt Fromm, durchaus in Vorwegnahme heutiger Sozialpsychologie, den Marketing-Charakter. Er besteht darin, dass keine spezifische und dauerhafte Form der Bezogenheit entwickelt wird. Gefördert werden diejenigen Eigenschaften, die sich am besten verkaufen lassen. Fromms Marketing-Charakter ist eine Aktualisierung des Entfremdungsbegriffs Marx’, insoweit er nicht mehr an der Lebens- und Arbeitswirklichkeit von Arbeitern, sondern an derjenigen von Angestellten orientiert ist, bei denen sich Fromm gemäss die höchste Form der Entfremdung ausgebildet hat.
Adorno und M. Horkheimer entwerfen in der „Dialektik der Aufklärung“ eine Geschichtsphilosophie als negative Dialektik, in der jeder Schritt hin zu Autonomie und Erkenntnis verschlungen ist mit Herrschaft und Barbarei. Komplementär zur fortschreitenden Naturbeherrschung vollzieht sich eine regressive Anthropogenese. Integraler Bestandteil des universellen „Verblendungszusammenhangs“ ist die Kulturindustrie. Durch sie werden die prekären Anpassungsleistungen, die die Menschen einmal vollbracht haben, immer aufs Neue vorgemacht und in ihnen selber wiederholt. Die Kulturindustriethese wird vervollständigt durch die Theorie des Ich-Zerfalls, wonach durch den Autoritäts- und Funktionsverlust des Vaters und einer vermehrten Bedeutung ausserfamilialer Sozialisation neben der Entstrukturierung des Über-Ichs eine narzisstische Regression des Ichs vor sich geht. Adorno spricht von der „Selbsterhaltung ohne Selbst“ und dem Schwinden des Individuums im Sinne der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Die vollständige Reduktion des Menschen auf die Ware Arbeitskraft ist für Adorno die psychologische bzw. anthropologische Voraussetzung für die Anfälligkeit der Individuen im Spätkapitalismus gegenüber totalitären Massenbewegungen. Freilich geht Gruber konform mit J. Habermas’ Kritik an Adorno, derzufolge Adornos Hypostase der instrumentellen Vernunft der Ausdifferenzierung in Wissenschaft, Recht, Moral und Kunst nicht gerecht werde. Für A. Honneth wiederum begeht Adorno einen manipulationstheoretischen Kurzschluss, der die Möglichkeiten zu einer widerständigen Aneignung kulturindustrieller Produkte negiere. Gruber sieht jedoch die Möglichkeit, Adorno weiterhin im Rahmen einer Hermeneutik der verfehlten Lebensform zu lesen, ohne dabei auf geschichtsphilosophische und monokausale Verkürzungen zu rekurrieren.
Zur Darstellung der gegenwärtigen, „postfordistischen“, von der Dienstleistung geprägten Arbeitswelt nimmt Gruber neben R. Sennett auch die Studien von L. Boltanski / E. Chiapello auf. Danach ist das typische Produkt der flexiblen und projektorientierten Arbeitsgegebenheiten der „Netzwerkopportunist“, der permanent einen möglichst grossen Profit aus jeder Operation zieht, ohne an Spätfolgen zu denken. Vom Netzwerkmenschen wird nicht nur mehr Anpassungsfähigkeit, sondern auch immer mehr instrumentalisierbare „Autenthizität“ abverlangt. Die spezifischsten, inneren Eigenschaften des Menschen werden in den Dienst des Profitstrebens gestellt. Die Menschen werden zu „Arbeitskraftunternehmern“ (H. Pongratz / G. Voss). Gruber konstatiert: „Die Anpassungsleistungen zur Ausbildung eines Marketing-Charakters genügen den modernen Anforderungsprofilen nicht: Es müssen gleichzeitig ein ‚unternehmerisches Selbst’ und ‚Masken der Authentizität’ entwickelt werden, um zugleich lebensweltliche Ressourcen zu ökonomisieren und sie als Ausdruck authentischer Individidualität erscheinen lassen zu können.“ Durch die Nutzung privater Gefühle für den öffentlichen Gebrauch erfahren jene eine Standardisierung und Kommerzialisierung. Gefragt ist eine letztlich uniformisierte „emotionale Intelligenz“. Hinsichtlich des Körpers sind die Individuen dazu angehalten, andauernd an der Optimierung ihrer Fitness zu arbeiten. Natur und Landschaft verlieren ihren beeindruckenden Totalcharakter und werden auf Gebrauchsgegenstände reduziert, die nützlich zur Produktion sportiv erzeugter Körpersensationen sind. Laut W. Bätzing gleichen sich die neuen Freizeitaktivitäten durch zunehmende Angleichung an die Arbeitswelt aus.
Im Bereich der Untersuchung von Psychopathologien, die durch die gegenwärtige Kapitalismusformation auftreten, ist sicherlich G. Eisenberg, der als Gefängnispsychologe direkte Anschauung hat, hervorzuheben. Geglückte Integration triebdynamischer «Phasen» im Sinne S. Freuds werden, so Eisenberg, durch das allmähliche Verschwinden des familialen Schonraums (und dessen Ersatz durch eine «Gerätefamilie») immer unwahrscheinlicher. Das Einbrechen von «System»imperativen in die primäre Sozialisation erlaubt nur noch die Bildung eines fragilen und oberflächlichen Ich - Über-Ich-Gehäuses. Darunter brodeln schwach gesteuerte, manichäische und projektive Aggressionsenergien. Das borderlineartige, strukturschwache und sublimationsunfähige Individuum ist, so die provokative Konklusion Eisenbergs, nicht die pathologische Ausnahme, sondern typischer Repräsentant des gegenwärtigen Zeitalters. Gruber bespricht darüber hinaus weitere zeittypische Krankheiten wie Depression, Burnout, Alexithymie und Normopathie.
Um die diagnostizierten und prognostizierten Auswirkungen der Flexibilierung des Kapitalismus auf den Sozialcharakter zu verhindern, hält Gruber politische Veränderungen für dringlich. Dabei kann es selbstverständlich nicht darum gehen, auf fordistische Zustände zurückzugreifen. Voraussetzung für eine selbstbestimmte Individuation wäre die Möglichkeit zu entscheiden, ob man überhaupt eine Form von Arbeitskraft und Subjektivität ausbilden will, für die gesellschaftlich eine Nachfrage vorhanden ist. Als einen geeigneten Ansatz hierzu betrachtet Gruber die Einführung eines bedingungslosen und existenzsichernden Grundeinkommens, das einen Lebensstandard für alle Menschen oberhalb der Armutsgrenze sicherstellen könnte, unabhängig von deren Leistungsvermögen und –bereitschaft. Im Gegensatz zu marktliberalen Vorstellungen müsste dieses Einkommen allerdings durch Besteuerung von Einkommen, Kapital und Vermögen zustandekommen: „Durch die Abschaffung der Nötigung zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft würde (…) zumindest die nach Marx und Lukacs zentrale Ursache für (Selbst)Entfremdung und (Selbst)Verdinglichung beseitigt.“
Einige eher nebensächliche Aspekte in Grubers Arbeit mögen diskutabel sein. So ist es nicht ganz zutreffend, dass Adorno F. Pollocks Staatskapitalismusthese derart eindeutig gestützt hat. Dennoch ist Gruber eine ausgezeichnete Synthese der Diagnostik des gegenwärtigen Kapitalismus gelungen, die sich auch sehr gut als Nachschlagewerk eignet.
Johannes Gruber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Basel / Schweiz
Stefan Zenklusen
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