Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Kurt Bayertz: Warum überhaupt moralisch sein?, Verlag C. H. Beck, München 2006, 288 S., ISBN 978-3-406-54132-2, 12,90 €

Dieses Taschenbuch des Münsteraner Philosophen Kurt Bayertz geht zurück auf eine Reihe seiner Lehrveranstaltungen zur Moralphilosophie. So, wie der Text sich uns nun anbietet, hat er aber jeden akademischen Habitus abgestreift und präsentiert sich als eine wirklich kurzweilige Lektüre, die bis zum – verblüffenden – Schluß das Reflexions- und Urteilsvermögen des Lesers aufs feinste und schönste stimuliert. Bayertz ist nämlich ein begnadeter Didaktiker, der seine Führung durch das Labyrinth der Moralphilosophie so geschickt gestaltet, daß er uns in scheinbarer Naivetät allerwegen zu Einsprüchen nötigt, um sodann unsere Position bestätigen zu können. So freuen wir uns über lange Strecken, vom Autor angeleitet, uns für gescheiter als ihn zu halten; bis wir schließlich da sind, wo er uns haben möchte: im Stadium des gelehrten Nichtwissens. Man darf dabei wohl an die sokratische Ironie denken.

Um Bayertz‘ Pointe vorwegzunehmen: Fünf Seiten vor Schluß wird demjenigen (dem „Amoralisten“, i. e. dem vom Autor gewählten Lieblingsantipoden), der sich bislang – durchaus mit guten Gründen – sämtlichen Gründen fürs Moralischsein verweigert hatte, kurzerhand angedroht: Na gut, wenn du nicht moralisch sein willst, kriegst du eben Ärger. Mit den Worten des Autors: „Du sollst moralisch sein, weil du sonst mit Sanktionen rechnen mußt!“ (S. 259)

Das ist fraglos von entwaffnender Philosophenehrlichkeit; ist das Eingeständnis dessen, daß die Ethik-Profis nach dem Studium von 2500 Jahren Philosophiegeschichte es auch nicht viel besser wissen, als wir selbst es längst schon ahnten. – „Wenn es sich hier um eine Blamage handelt,“ so kommentiert Kurt Bayertz diesen desillusionierenden Befund mit Montaignescher Nonchalance, „dann ist festzuhalten, daß es deren etliche gibt. Es gibt kein rational zwingendes Argument für (oder gegen) die Realität der Außenwelt. Es gibt kein rational zwingendes Argument für (oder gegen) die Existenz Gottes. Es gibt kein rational zwingendes Argument dafür (oder dagegen), daß menschliche Erkenntnis wahr sein kann. Insofern gilt abermals, daß wir auf dem Gebiet der Moral nicht grundsätzlich anders dastehen als auf anderen Gebieten des philosophischen Denkens.“ (S. 256f.)

Natürlich steht dieser auf- und abgeklärte Skeptizismus, der nach eigenem Bekunden keiner sein will („Der Skeptizismus stilisiert die bei der Beantwortung solcher [ethischen] Fragen auftretenden Schwierigkeiten zu einer prinzipiellen Unmöglichkeit.“ (S. 27)), in einem gewissen Kontrast zum Umschlagtext des Buchs, der selbstbewußt verkündet: „Daß wir moralisch sein sollen, ist jedem von uns (hoffentlich) klar. Aber es dürfte manchem schwerfallen, eine klare Antwort auf die Frage zu geben, warum wir es sein sollen. Eine solche Antwort gibt dieses Buch.“

Unmittelbarer als Klappen- und Umschlagstexte prädeterminieren Titel und Untertitel unsere Leseerwartung, weshalb es legitim ist, beim Urteil über ein Buch auch den Gesichtspunkt zu berücksichtigen, inwieweit der Inhalt dem sich dort ankündigenden Thema entspricht. Erinnert sei hier an meine Rezension über Dawkins‘ Gotteswahn und seine Kritiker ( http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2008-3/sie_kis.htm). Dort stand u. a. auch ein Büchlein des Philosophen Peter Strasser aus dem Fink-Verlag zur Debatte, dem man, wohl um auf der Dawkins-Welle mitreiten zu können, den Untertitel Der Gott, der Richard Dawkins schuf gab. Der Haupttitel lautete: Warum überhaupt Religion? Heraus kam ein zweifellos gutes Buch mit einem vernünftigen Plädoyer gegen konfessionelle Religionen und für eine philosophisch motivierte – konfessionell indifferente – „religiöse Haltung“. Ein wenig ähnlich verhält es sich hier: Der Becksche Buchtitel lautet Warum überhaupt moralisch sein?; und es kommt heraus, daß es gute Gründe zum moralischen Handeln gibt, aber eben nur vorletzte. Beidesmal wird die Hoffnung auf die endgültige Antwort auf eine der großen Lebensfragen geweckt; beidesmal wird man belehrt, und zwar nicht zuletzt darüber, daß man im Hinblick auf die letzten Dinge weiterhin intellektuelle Bescheidenheit zu üben hat.

Die untersuchungsleitende Absicht seiner W-Frage („Warum überhaupt ...?“) erläutert Bayertz so: „Es wird nicht darum gehen, was die Moral von uns fordert, sondern warum wir tun sollen, was sie fordert.“ (S. 19) Gemäß dieser Eingrenzung des Untersuchungsfeldes stünde eigentlich die Titel-Formulierung „Warum überhaupt das moralisch Richtige tun?“ als „zentrale Frage dieses Buches“ (S. 19) zu erwarten; und Bayertz räumt selbst ein, daß diese seine Prämisse, insofern sie lediglich die Diskussion des Handlungsaspekts zulassen möchte, „nicht unumstritten“ ist, weil man ja das Gebiet des Moralischen ebensogut nach dem Verständnis des „Sein-Sollens“ (S. 266) auffassen könnte.

Nun schränkt Bayertz den Gegenstandsbereich aber nochmals ein, indem er ausschließlich die „Moral im engeren Sinne“ zur Debatte stellen möchte, deren Forderungen fremdnützig das „Überleben anderer“ (S. 40) sichern sollen, während uns die „Moral im weiteren Sinne“ für die eigene Lebensgestaltung einen Leitfaden an die Hand gibt (etwa in Gestalt des Summum bonum der antiken Ethiken oder des Himmelreichs im Christentum). Nach der Delegitimation der traditionalen allgemeinverbindlichen metaphysischen und religiösen Orientierungs- und Begründungssysteme habe jedoch modern bloß die „Moral im engeren Sinne“ als universal geltungsfähiges Orientierungs- und Normgefüge überlebt, welches dem einzelnen die Schädigung der vitalen Interessen der anderen durch Handlungen wie „Diebstahl, Betrug oder Mord“ (S. 42) untersagt.

Nachmetaphysisch versteht man, so Bayertz, den genuin moralischen Forderungsmodus des „Sollens“ am besten als das institutionalisierte „Wollen der anderen“ (S. 112ff.), die von mir – mit vernünftig nicht anfechtbarer Geltungswirkung – verlangen, daß ich ihnen an Leib, Leben und Besitz keinen Schaden zufüge.

Soweit also das Bayertzsche Minimalprogramm des Moralischseins, angesichts dessen man wohl fragen darf, ob der Reduktion des Ethischen auf das Postulat der Unterlassung des Stehlens, Mordens und Betrügens etc. doch nicht womöglich ein unnötig eng gefaßter Moralbegriff zugrunde liegt, der nur übrig läßt, was durchs (Straf-)Recht ohnehin geschützt ist. Und wenn dann das Recht wie im unglaublichen Fall Guantanamo sich selbst desavouiert, was mag dann ethisches Argumentieren fruchten, selbst wenn man dem die Folter betreibenden und/oder rechtfertigenden Amoralisten noch so überzeugend entgegenhält, daß es prinzipiell keineswegs unklug ist, moralisch zu sein, und ihm, bevor man ihm als Ultima ratio Sanktionen ankündigt, ins Gewissen redet: „Du sollst moralisch sein, weil du damit Schädigungen anderer vermeidest und auf diese Weise zum Wohl aller beiträgst!“ und händeringend den Appell hinzufügt: „Du sollst moralisch sein, weil du die Institution der Moral selbst willst.“? (S. 246f.)

Bayertz sieht dieses Problem freilich auch und diskutiert es unter dem Stichwort „selektiver Amoralismus“. Es ist ja eine häufig festzustellende Tatsache, daß Individuen sich gegenüber Angehörigen der eigenen Gruppe ohne weiteres moralisch verhalten, während sie es andern gegenüber eben nicht tun. „Mit dem Appell an die eigenen Interessen ist ein Sklavenhalter, ein Feudalherr oder ein Kapitalist nicht zu moralischem Handeln zu bewegen; das eigene Interesse dieser Reichen und Mächtigen weist in eine vollkommen andere Richtung: in Richtung auf eine organisierte und (wie fadenscheinig auch immer) legitimierte Unmoral.“ (S. 219) Das sind klare Worte, an deren Anschluß wir den Sozialmoralisten Kurt Bayertz vernehmen: „Es ist daher selbst eine moralische Forderung: daß Verhältnisse geschaffen werden müssen, die moralisches Handeln leicht machen, anstatt es zu einer Heldentat werden zu lassen.“ (S. 219f.)

Es gehört nämlich unbedingt zu den Adäquatheitsbedingungen der Antwort auf die W-Frage, daß das Moralischsein prinzipiell allen Menschen (i. e. universell, nicht selektiv) zugute kommt. Mit plausiblen Argumenten widerspricht Bayertz den Verfechtern der sogenannten Erweiterungsstrategie, denen zufolge eine universelle Moral nichts weiter ist als die graduelle Ausdehnung desjenigen Schonverhaltens, das jeder von uns im Kreis seiner Nächsten (Familie, Freundeskreis, Räuberbande) ohnehin walten läßt. Deshalb spricht Christus ja auch: „Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ (Mt 5,46ff.)

Im Kontext der Zurückweisung der „Erweiterungsstrategie“ zieht Bayertz eine beachtenswerte Passage aus Henri Bergsons Die beiden Quellen der Moral und der Religion heran, in der der französische Philosoph – ähnlich wie Bayertz – zwischen zwei Moraltypen unterscheidet: Es gebe erstens die – naturhaftere, „primitive“ – Moral, welche uns zur Solidarität mit unserer unmittelbaren Sozialumgebung (Familie, Nation) verpflichtet, und zweitens eine Moral, welche die gesamte Menschheit im Visier hat. Die erste Moral wird laut Bergson durch „Druck oder Stoß“ seitens der Gesellschaft ins Leben gerufen; die zweite ist reiche Frucht eines Appells, der von Heroen oder Religionsstiftern ausgeht.

Bayertz zitiert nun aus Bergsons Moralschrift u. a. folgendes: „Zu jenen [den Verwandten und Mitbürgern] zieht es uns geradewegs, zur Menschheit gelangen wir nur auf einem Umwege; denn nur durch Gott hindurch, nur in Gott, kann die Religion den Menschen dazu bringen, das Menschengeschlecht zu lieben“. (S. 214) Während indes bei Bergson die – cum grano salis Bayertzsche – „Moral im engeren Sinne“ prinzipiell selektiv und partikular bleibt, möchte Bayertz bereits diese universalisiert wissen und läßt daher Bergsons – anti-erweiterungsstrategisches – Theorem vom „Satz“ (im Sinne von „Sprung“), der allein von der „niederen“ zur „höheren“ Moralart führt, als Voraussetzung schon für seinen – notabene universellen – ersten Moraltyp (Moral im engeren Sinne) gelten.

Erstaunlicher allerdings als diese Inkongruenz bei tiefreichender Übereinstimmung zwischen Bayertz und Bergson scheint mir der Befund, daß der Münsteraner Philosoph explizit unentschieden läßt („An dieser Stelle kann offenbleiben ...“ (S. 214)), ob denn nun eine metaphysische Garantieinstanz wie die der Religion für die nichtlineare Transgression vom partikularistischen Nutzenkalkül hin zu einer humanen Moral unverzichtbar ist oder nicht. Und wenn er dann auch noch von einer „echten Konversion zur moralischen Tugend“ (S. 215) spricht, ist man fast versucht, über eine mehr als nur räumliche Nähe des Philosophischen Seminars der Westfälischen-Wilhelms-Universität zum Paulus-Dom in Münster zu spekulieren.

Derzeit arbeitet Bayertz an seinem Opus magnum, einem metapherngeschichtlichen Werk über den „aufrechten Gang“. Da dieses anthropologische Bild seit alters mit starker Normativität aufgeladen ist, darf man besonders gespannt darauf sein, wie der Autor die moralphilosophischen Implikate des bedeutungsreichen Gegenstands auslegen wird.

Franz Siepe

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