Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Richard Dawkins: Der Gotteswahn, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2007, 575 S., ISBN 978-3-550-08688-5, 22,90 €

Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam, Pattloch-Verlag, München 2008, 287 S., ISBN 978-3-629-02188-5, 16,95 €

Peter Strasser: Warum überhaupt Religion? Der Gott, der Richard Dawkins schuf, Wilhelm-Fink-Verlag, München 2008, 111 S., ISBN 978-3-7705-4612-1, 14,90 €

Der Rezensent bekennt, mit Richard Dawkins‘ Der Gotteswahn (Original The God Delusion, 2006) größte Probleme zu haben. Diese Mixtur aus Wahrheit und Wahn, Aggressivität und Anbiederung, Souveränität und Selbstverliebtheit, Überzeugungskraft und Überredungskunst kann die Nerven eines Lesers, der sich solide und seriöse Aufklärung über die Legitimität des Religiösen erhofft, schon arg strapazieren. Bei durchschnittlichem Lesetempo währt die Lektüretortur immerhin ca. 20 Stunden, so daß zuallererst eine kräftige Konstitution und unbeugsame Tapferkeit verlangt sind.

Der Evolutionsbiologe und Oxforder Professor Dawkins (in den späten 70ern mit Das egoistische Gen international hervorgetreten) scheint demonstrieren zu wollen, daß in so sensiblen Angelegenheiten wie der Frage nach der Wirklichkeit Gottes am besten weiterkommt, wer sich vom alten Gentleman-Ideal des manierlichen Benehmens verabschiedet und sich statt dessen in schicker Rücksichtslosigkeit übt. Um einen Eindruck von der Argumentationsweise des naturalistischen Atheisten Dawkins zu vermitteln, sei eine längere Passage (S. 427f.) aus dem Gotteswahn wiedergegeben:

„Solange wir das Prinzip anerkennen, dass religiöser Glaube respektiert werden muss, einfach weil es religiöser Glaube ist, kann man auch den Respekt gegenüber dem Glauben eines Osama bin Laden oder der Selbstmordattentäter kaum ablegen. Die Alternative springt so ins Auge, dass man sie nicht sonderlich betonen muss: Man kann das Prinzip des automatischen Respekts für religiösen Glauben aufgeben. Das ist ein Grund, warum ich alles in meiner Macht Stehende tue, um die Menschen nicht nur vor so genanntem ‚extremistischem‘ Glauben zu warnen, sondern vor dem Glauben überhaupt. [...] [D]er religiöse Glaube bringt rationale Berechnung besonders wirksam zum Schweigen und übertrifft darin meist alle anderen Motive. Nach meiner Vermutung liegt das vor allem an der einfachen, verführerischen Versprechung, dass der Tod nicht das Ende sei und dass auf Märtyrer ein besonders prächtiges Jenseits warte. Zum Teil hat es aber auch schlicht damit zu tun, dass der Glaube von seinem Wesen her kritische Fragen missbilligt. Das Christentum lehrt ebenso nachdrücklich wie der Islam, dass unhinterfragter Glaube eine Tugend ist. Man braucht für das, was man glaubt, keine Begründung. Wenn jemand verkündet, dieses oder jenes gehöre zu seinem Glauben, ist die gesamte Gesellschaft [...] aufgrund einer tief verwurzelten Sitte dazu verpflichtet, dies ohne weitere Fragen zu ‚respektieren‘; es wird respektiert, bis es seinen Ausdruck eines Tages in einem entsetzlichen Blutbad findet, beispielsweise in der Zerstörung des World Trade Center oder in den Bombenanschlägen von Madrid und London.“

Wen um Himmels willen glaubt der Apostel einer gottlosen Moral vor der Religion „warnen“ zu müssen? Hape Kerkeling? Bischof Huber? Die Greisin, die täglich tapfer auf ihren kaputten Knien den Schmerzensreichen Rosenkranz betet, weil sie darauf spekuliert, dereinst im Paradies von siebzig strammen Jünglingen beglückt zu werden? Oder gilt seine Predigt den vielen verwahrlosten und gewalttätigen Jugendlichen, die den lieben langen Tag gierig im Neuen Testament schnüffeln und aus der Bergpredigt das ideologische Rüstzeug zum Rentnerklatschen beziehen? Weg mit dem Gotteswahn, weil Osama bin Ratzinger in den Vatikanischen Gärten Jungkleriker zu Terrorpiloten ausbildet?

Tatsächlich hatte Benedikt XVI. kurz nach seinem Amtsantritt auf seinem Feldzug gegen den „Relativismus“ den nichtehelichen Lebensgemeinschaften und den „Pseudo-Ehen“ von Personen desselben Geschlechts das Idealbild von christlicher Ehe und Familie entgegengehalten; und prompt wurde ihm vom Grünen-Politiker Beck mangelnder „Respekt vor der homosexuellen Existenz“ (FAZ vom 8.6.2005, S. 1) vorgeworfen. Wenn der Papst, dem Dawkins „überhebliche[s] Selbstbewußtsein“ (S. 496, FN) attestiert, nun ebenso paranoid wäre wie der Autor des Gotteswahns, hätte er empört aufgeschrien, daß heutzutage von hochrangigen Politikern „automatischer Respekt für minoritäre Sexualorientierung“ eingeklagt werde. Und wenn das ehemals christliche Abendland heute noch wirklich so autoritär religiös wäre, wie Dawkins insinuiert, dann hätte im Jahr 2004 nicht Rocco Buttiglione seinen Hut als Kandidat für die EU-Kommission nehmen müssen, sondern sein Ankläger Daniel Cohn-Bendit, der nicht „respektieren“ mochte, daß der katholische Italiener die Homosexualität als „Sünde“ ansah.

„Bei der Homo-Ehe und in Fragen der sexuellen Orientierung haben sich die Grünen jenseits der christlich-moralischen Werte positioniert“, meinte Cohn-Bendit in der taz vom 6.6.2005. Heute koalieren die Grünen in Hamburg mit einer sich christlich nennenden Partei unter einem schwulen Ersten Bürgermeister. – Was soll uns angesichts dieser bunten Wirklichkeit der Hinweis darauf, daß, so Dawkins, unter den afghanischen Taliban „Hinrichtung die offizielle Strafe für Homosexualität“ war und daß dies „das klassische Kennzeichen des religiösen Absolutismus“ sei (S. 401)? Wir sollen offenbar zu der wahnwitzigen Auffassung verführt werden, es walte ein und dasselbe Unwesen, wenn dort Homosexuelle zu Tode gefoltert werden und hier das Sakrament der Ehe ausschließlich Mann und Frau gespendet wird. Falls aber diese indolente Differenzblindheit das „klassische Kennzeichen“ des sich im Aufwind der Kulturevolution wähnenden atheistischen Humanismus ist, dann gnade uns Gott.

Sicher: „Wenn man kein konfessionelles Brett vorm Kopf hat, dann muss man sagen, dass die Offenbarungsreligionen, insbesondere das dogmatische Christentum und der fanatische Islam, Dawkins abstoßendes Material genug geliefert haben – und zur Zeit gerade wieder einmal liefern –, um gegen Gott mobil zu machen.“ So der österreichische Philosoph Peter Strasser in seiner Anti-Gotteswahn-Streitschrift Warum überhaupt Religion?. (S. 35) Strasser mißbilligt sowohl die „Immanenzverblendung“ à la Dawkins als auch den – komplementären – „Transzendenzwahnsinn“ (S. 36) religiös Verblendeter wie etwa den der „UFO-gläubigen Raëlianer“ (S. 55) oder den des US-Präsidenten G. W. Bush.

Anders als Dawkins, dem alles Religiöse prinzipiell einerlei ist, unterscheidet Strasser zwischen „Afterreligionen“ und dem „Ernstzunehmende[n] im Glaubensbereich“ (S. 9, FN 2), umgeht jedoch vorsichtigst dieses verminte Theologenterrain und votiert für eine „aufgeklärte Gottesvorstellung“ (S. 49), für einen „Gott aller Menschen“, der aber gerade deshalb, weil er den Minimalanforderungen eines aufgeklärten Bewußtseinsstandes genügen soll, eben ein ganz unkonturierter, ein „schwacher Gott“ (S. 51) ist.

Dieser Gott, bei dem es sich, wie unschwer zu erkennen ist, um einen Gott der Philosophen und nicht um einen des frommen Gebets handelt, sei, wie Strasser immer wieder betont, ein „postmythologisches“ Wesen, weil sich von ihm nicht in traditioneller Glaubenssprache (Schöpfer-, Erlöser- oder Wundergott) reden läßt. Als eine gänzlich entmythologisierte, ungegenständliche Entität, deren Sein weder einer universalisierten Vernunft noch einer allgemeinen Ethik widerspricht, ist Gott dann auch nicht länger als eine Person denkbar, sondern höchstens als „transzendent“ in dem strengen Sinne, daß er im absoluten Jenseits jeder möglichen Erfahrung seinen Raum hat. Aber er korrespondiert immerhin doch mit dem, was Strasser programmatisch die „religiöse Haltung“ (S. 9) oder – noch zurückgenommener – eine „Art religiöser Haltung“ (S. 110) nennt, die mit dem genuin philosophischen Habitus in eins fällt: „Philosophieren heißt, eine Art religiöser Haltung einzunehmen.“ (S. 93)

Das Religionsverständnis Strassers ist zweifach kritisch motiviert: Erstens erkenne die philosophische Reflexion den reduktionistischen „Infantilismus“ (S. 45) des biologistischen Atheismus als eine jener Theoriebildungen, die, konsequent durchdacht, sich selbst – self-defeating – zerstören und aufheben: „Sind die Annahmen der Evolutionstheorie über die menschliche Erkenntnis objektiv wahr, dann ist bewiesen, dass nichts, was der Mensch erkennt, jemals objektiv wahr sein kann, also auch nicht die Annahmen der Evolutionstheorie.“ (S. 88) Zweitens lasse uns der momentan grassierende naturalistische Atheismus angesichts des tatsächlich gegebenen „ontologischen/metaphysischen/semantischen Überschuss[es]“ (S. 95) schon und gerade unserer alleralltäglichsten Erfahrungen in völliger Ratlosigkeit. Strasser schreibt: „Die religiöse Haltung, so möchte ich behaupten, ist etwas, was zu unserem Weltbezug primär und unhintergehbar dazugehört – dazugehört wie das Amen zum Gebet. Diese Haltung aufzugeben, bedeutet, unseren Weltbezug überhaupt zu verlieren.“ (S. 9)

Letztlich resultiert nach Strasser die Unhintergehbarkeit des Religiösen aus diesem „Überschussaxiom“ (S. 93). Philosophisch dränge sich das Religiöse etwa in Anbetracht der „Reflexivität des Bewusstseins“ (S. 84) oder im Hinblick auf die den Menschen auszeichnende, weil die biologischen Evolutionszusammenhänge übersteigende Potentialität des „Aus-sich-selbst-heraus-agieren-Können[s]“ (S. 84) auf. Kurz: Strasser wehrt sich gegen die szientifische Verramschung der „Struktur des Rätsels, das die Welt ist“ (S. 100); denn zum „Wesen des Menschen“ gehöre die „Suche nach dem Absoluten“, i.e. seine „Transzendenzstrebigkeit“. (S. 92)

Wie aber nun, wenn Strasser auf eine philosophische Gegenhaltung träfe, die durchaus nicht nach dem Trivialmuster der „Brachialatheisten“ (S. 107) vom Schlage Dawkins‘ argumentiert, sondern eine Geschichtsmetaphysik verficht, derzufolge wir in „nachmoderner“ Zeit, also nach der Höllenfahrt jeden verpflichtenden Sinns, „schlechthin transzendenzlos“ (Max Lorenzen, Das Schwarze, Eine Theorie des Bösen in der Nachmoderne, Marburg 2001, S. 92) dahinzuleben verurteilt sind? – „Es gibt“, so Max Lorenzen, „in dieser Welt kein Scheinen einer Idee, die als Konfiguration des Vergehenden doch über sich selbst hinauswiese: erst hierin begreife ich, was Kontingenz bedeutet. Was wir tun, worum wir uns mühen, das zerfällt.“

Die Entgegnung Strassers läßt sich erahnen: „Lieber Max Lorenzen“, würde er sagen, „just indem Sie die Kontingenz Ihres Daseins diagnostizieren, (re)aktualisieren Sie nolens volens die vorgängige Absolutheit des Nichtkontingenten und sind folglich nicht minder ‚religiös sensibel‘ (S. 93) als unsereins. Lassen Sie uns also Brüder, zumindest aber Freunde im Geiste sein.“

Warum sollten nicht auch – subkutan – Diskursfäden ausgespannt sein hin zu jenem Karol Wojtyla, dessen Vita ebenfalls das „Böse“ wie ein dunkles Fatum eingebrannt war: 1993 sagte er in einem Gespräch: „Es wurde mir das Schicksal zuteil, eine persönliche Erfahrung der Ideologien des Bösen zu machen“ (FAZ vom 2.3.2005, S. 38); und er meinte – hierin in einer gewissen Analogie zu Lorenzen – im besonderen die geschichts- und geistestraumatisierende Wahnwirklichkeit von Hitlerismus und Stalinismus. Als Papst faßte er 1998 in einer moraltheologischen Passage der Enzyklika Fides et Ratio das sittlich Böse, „die tragischste Form des Bösen“, auf als eine „Wunde, die von einem ungeordneten Sich-Äußern der menschlichen Freiheit herrührt“.

Wie der Titel besagt, erwägt die genannte Enzyklika das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Johannes Paul II. bestimmt es als ein prinzipielles Aufeinanderverwiesensein beider, wie es heißt, „Erkenntnisordnungen“. Und dieser Grundgehalt der päpstlichen Lehrschrift ist im Urteil des Kulturjournalisten Alexander Kissler (Der aufgeklärte Gott) dasjenige Dokument, das die – human unverzichtbare – Komplementarität von Vernunft und Glaube in vorbildlicher Weise auslotet; wobei nicht überraschen kann, daß aus katholischer Perspektive dann doch der Glaube – als eine Gestalt der Wahrheitserkenntnis und nicht als bloße Emotion notabene – prävaliert: „Nur der Glaube kann die Vernunft zu sich selbst befreien“ (S. 11), so der erste Satz in Kisslers katholischer Streitschrift. (Post)modernitätskritisch entnimmt er seiner Lieblingsenzyklika den folgenden Kerngedanken: „Der große Begegnungspunkt von Glaube und Wissen könnte also die Überzeugung sein, dass wir in keinem ganz geistlosen, unvernünftigem Universum leben; dass Zufall, Auslese und Chaos nicht ausreichen, um das Werden der Welt zu erklären.“ Kissler fährt dann mit nüchterner Illusionslosigkeit fort: „Wer einzig am ‚Prinzip Eigennutz‘ festhält wie Michael Schmidt-Salomon oder gar, wie Richard Dawkins, alle Lebewesen als Überlebensmaschinen egoistischer Gene begreift, wird auch an dieser Tür vorbeigehen.“ (S. 191)

Ganz am Ende von Fides et Ratio hatte der ebenso polnische wie katholische Papst die Formel vom „philosophari in Maria“ („philosophieren in Maria“) gefunden. Das sollte bedeuten: „Wie Maria durch ihre Zustimmung zu der von Gabriel verkündeten Botschaft nichts von ihrem wahren Menschsein und ihrer Freiheit eingebüßt hat, so verliert das philosophische Denken nichts von seiner Autonomie, wenn es sich der Anfrage stellt, die von der Wahrheit des Evangeliums kommt. Das philosophische Denken erlebt vielmehr, daß sein ganzes Forschen zur höchsten Verwirklichung angespornt wird.“

Nun gut, daß ein solcher marianischer Mystizismus uns, die wir glauben, alle fünf Sinne beieinander und alle Tassen im Schrank zu haben, am Atem des Geistes vorbeigeht ... geschenkt! Da glauben wir schon lieber an Absurditäten wie die des „egoistischen Gens“. – „Menschen sind komisch“, sagte einst Max Frisch in Homo Faber.

Franz Siepe

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