Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 4


 

Mein Buch des Monats August

 

Cormac McCarthy: Kein Land für alte Männer (No Country for Old Men). Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, ISBN: 978-34 980 45 029, 19,90 €

Die Helden in Cormac McCarthys Romanen – es sind ausnahmslos Männer in einer „Männerwelt“ – träumen den Traum vom besseren Leben, von der großen Freiheit und Unabhängigkeit. Ihre Träume werden jedoch nicht erfüllt, werden zu Alb- und Höllenträumen. Wenn sie daraus erwachen, sind sie bis in die tiefste Seele verwundet und für immer gezeichnet. Der romantisch-amerikanische Traum vom freien Leben hat sich als Trugbild erwiesen. – Deutlich wird diese Desillusionierung in McCarthys so genannter „Grenztrilogie“, also den Romanen All die schönen Pferde (1993), Grenzgänger (1995) und Land der Freien (2001), die, im Titel zwar an das amerikanische Genre des „Western“ erinnernd, gerade aber in der Zerstörung jeder „heilen Welt“-Romantik das Lebensgefühl des „Western“ weit hinter sich lassen und auf dem Hintergrund eines falschen, weil nur erträumten Lebens eine eigene, tief pessimistische Romanwirklichkeit kreieren.

In All die schönen Pferde reitet ein Sechzehnjähriger mit seinem Freund durch die Steppenlandschaften des amerikanischen Westens nach Mexiko. Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse, aber in die weite, schöne Welt romantischer Bilder und Vorstellungen vom freien Leben in der Natur. Die Reise endet in schrecklicher Gewalt. Am Ende kehrt der jugendliche Held als Geschlagener, an Leib und Seele Verwundeter an den Ort zurück, von dem er aufgebrochen war und an dem er nie mehr heimisch werden wird.

Auch im zweiten Buch der „border trilogy“, in Grenzgänger, steht ein junger Mann, Billy Parham, im Mittelpunkt der Handlung. Er rettet eine trächtige Wölfin aus einer Falle und versucht sie in die mexikanischen Berge zurückzuführen. Das Vorhaben scheitert kläglich. Das Tier wird ihm von mexikanischen Behörden weggenommen. Später trifft er die Wölfin in einem Zirkus wieder: Sie wird in Tierkämpfen missbraucht und gequält. Um sie von ihren Qualen zu erlösen, erschießt er sie.

Land der Freien erzählt die Geschichte von John Grady und Billy Praham, die, Freunde mittlerweile, als Cowboys auf einer kleinen Ranch arbeiten. John Grady verliebt sich in eine junge Prostituierte, Magdalena, und setzt alles daran, sie zu retten, um mit ihr zusammenzuleben. Sein Wunsch ist naiv und passt in keiner Weise in die Welt aus Zwang und Gewalt, zu der Magdalena gehört. John Grady findet das Mädchen mit aufgeschnittener Kehle in einem Totenhaus wieder. In einem brutalen Messerkampf mit dem Bordellbesitzer, der vorher Magdalena getötet hat, wird auch er tödlich verwundet. Billy kann ihm nicht mehr helfen.

McCarthys vorletzter Roman, Kein Land für alte Männer, 2005 in Amerika erschienen, jetzt erst, nachdem daraus ein preisgekrönter Hollywood-Film geworden ist, in Deutschland veröffentlicht, knüpft im Motiv der Zerstörung aller Lebensträume und der Desillusionierung jeglicher Vorstellungen vom besseren, freieren und gerechteren Leben an Themen der „Grenztrilogie“-Romane an. Im Mittelpunkt der Handlung dieses Buches, die der Autor in das Jahr 1980 verlegt hat, stehen drei Männer: Llewelyn Moss, der durch Zufall einen Koffer mit Drogengeld findet und glaubt, damit sein Glück und das seiner jungen Frau machen zu können, der Killer Chigurh, der in der klassischen Wild West-Krimi-Manier Moss das Geld abzujagen versucht, und Sheriff Bell, der kurz vor seiner Pensionierung steht und alles daran setzt, den Moss-Chigurh-Fall zu seinem letzten Erfolg zu machen.

Die Überlebens- und Erfolgschancen der drei Männer sind ungleich verteilt. Die schlechtesten Karten hat Llewelyn Moss, obwohl er glaubt, mit einem Mal – durch Zufall – ganz nah an seinem Glück zu stehen. An einem Morgen kurz nach Sonnenaufgang entdeckt er bei der Antilopenjagd in der Wüste Arizonas drei von Kugeln durchlöcherte Autos und fünf Leichen im Sand um die Fahrzeuge. Ein Mann sitzt schwer verletzt hinter einem Lenkrad und bettelt um einen Schluck Wasser. Moss kann ihm nicht helfen. Als er in einem Kofferraum Heroin entdeckt, weiß er, dass er auf das „Schlachtfeld“ eines „Drogenkriegs“ geraten ist. Er rührt das Rauschgift nicht an. Aber dann sieht er den Koffer, der sein Leben mit einem Schlag verändern sollte. Der Koffer ist vollgestopft mit Hundertdollarnoten, mit mehr als zwei Millionen Dollar insgesamt. „Er saß da, betrachtete das Geld, schloss dann den Deckel und verharrte mit gesenktem Kopf. Sein ganzes Leben lag da vor ihm. Tag für Tag, von morgens bis abends, bis zu seinem Tod. Alles konzentriert auf vierzig Pfund Papier in einem Aktenkoffer.“

Moss begeht zwei Fehler, die ihn von Anfang an aller Möglichkeiten berauben, mit dem Geld davonzukommen. Er nimmt den Koffer, obwohl er ahnt, dass er es bald mit einer Bande rücksichtsloser Krimineller zu tun haben wird. Schwerer wiegt etwas anderes. Er verhält sich in dieser kriminellen Situation zu menschlich. Denn in der darauffolgenden Nacht kehrt er noch einmal an den Ort des Verbrechens in der Wüste zurück, um dem sterbenden Mann einen Schluck Wasser zu bringen. Dabei wird Moss von den Drogendealern, die längst alarmiert sind, entdeckt und sofort gejagt. Er entkommt ihnen – vorerst – mit viel Glück, muss aber seinen Wagen in der Wüste zurücklassen und weiß, dass diejenigen, die hinter ihm und dem Geld her sind, über das Nummernschild seinen Namen und seinen Wohnort herausfinden werden. Sein „kleines“ Glück ist, dass es Samstag ist und die Behörden den Geldjägern die Auskunft über ihn erst am Montag erteilen können. Er hat also noch ein paar Stunden Zeit, seine Frau in Sicherheit zu bringen und selbst mit dem Geld der Drogenmafia zu fliehen. Der Roman handelt von seinem verzweifelten Versuch, der mit jeder Stunde und jedem Schritt hoffnungsloser und aussichtsloser wird, das Geld für die erträumte große Zukunft für sich und Carla Jean, seine Frau, zu retten. Wirkliche Chancen, seinen Traum vom Glück zu verwirklichen, hat er nicht. Je länger der Roman dauert, umso enger wird sein Handlungsspielraum, umso geringer werden seine Überlebenshoffnungen.

Daran ändert auch die zweite Hauptfigur in Kein Land für alte Männer nichts, Sheriff Bell, der bald die Zusammenhänge und Hintergründe des Verbrechens überblickt und die Gefahr erkennt, in die sich Llewelyn Moss mit dem Geldkoffer begeben hat. Er will – sein letzter Kampf vor seinem Abschied aus dem Sheriffamt – Moss´ Leben retten, muss also dem Killer Chigurh, der sich ohne Auftragsmänner allein auf die Fährte des Geldes macht, zuvorkommen.

McCarthy erzählt die Drogengeld-Geschichte abwechselnd aus der Perspektive des Gejagten Moss, des Sheriffs Bell und des eigentlichen Jägers Chigurh. Der ist in weiten Teilen des Romans die dominierende Gestalt, den beiden anderen immer einen Schritt „voraus“, auch wenn er Moss hinterherjagt. Chigurh lenkt das Geschehen, er bestimmt Moss´ Schicksal und in gewisser Weise auch das von Sheriff Bell. Keiner, der sich ihm bei seiner Dollar- und Menschenjagd in den Weg stellt, überlebt die Begegnung. Seine Waffe ist ein Bolzenschussgerät, mit dem im Schlachthof große Tiere getötet werden. Wie ein Todesbote oder Höllenengel tritt er mit dieser archaisch anmutenden Waffe auf. Alle, die ihm begegnen, sind dem Tode geweiht. Er lässt im wahren Sinn des Wortes eine Blutspur der Vernichtung hinter sich.

Der Roman beginnt mit einer Szene, in der Chigurh, aus irgendeinem Grund verdächtig geworden und vom Deputy-Sheriff in Fesseln ins Polizeigebäude gebracht, mit seinen Handschellen seinen Wächter erdrosselt und sich so befreit. Er fährt im Sheriff-Auto davon, hält bald darauf auf dem Highway ein Fahrzeug an und zwingt dessen Fahrer auszusteigen. „Der Mann trat vom Fahrzeug weg. Chigurh sah, wie sich angesichts der blutbefleckten Gestalt vor ihm Zweifel in seinen Blick stahlen, aber es war zu spät. Wie ein Wunderheiler legte er ihm die Hand auf den Kopf. Das pneumatische Zischen und Klicken des Bolzens klang wie das Geräusch einer sich schließenden Tür. Der Mann  glitt geräuschlos zu Boden, in der Stirn ein rundes Loch, aus dem Blut sprudelte, ihm in die Augen rann und mit sich nahm, was er von seiner langsam zerfallenden Welt noch wahrnehmen konnte. Chigurh wischte sich mit seinem Taschentuch die Hand ab. Ich wollte bloß nicht, dass Sie den Wagen vollbluten, sagte er.“

Auffällig – das zeigt dieser Ausschnitt – sind die innere Distanziertheit der Erzählung und die Kälte und Emotionslosigkeit der Sprache. Hier berichtet ein Erzähler, der aus wechselnden Blickrichtungen von außen auf das Geschehen blickt, innerlich unbeteiligt, unbewegt, gefühllos. Der Text erhält dadurch etwas Doppelbödiges: eine Vordergrundhandlung voller Action und blutiger Geschehnisse; dahinter aber eine andere Ebene, auf der die Handlungsabläufe eine symbolische Bedeutung annehmen, sich „aufladen“ mit einer ins Allgemeine reichenden Bildhaftigkeit. Vor dem Leser entfaltet sich eine verwirrend-verstörende Welt aus Verfolgern und Verfolgten, verblendeten Glückssuchern und emotionslosen Realisten, Guten und Bösen, eine Welt aus wenigen Gewinnern, vielen Verlierern, die sich kaum ordnen lässt, schon gar nicht nach den herkömmlichen Kriterien in Menschen, die richtig, und in solche, die falsch handeln.

Der Leser wehrt sich innerlich gegen die distanzierte Erzählhaltung, mit der er konfrontiert wird. Er möchte sich mit einer Figur wenigstens identifizieren können, erwartet vom Erzähler Urteile, charakterliche Ein- und Zuordnungen und Differenzierungen in „gut“ und „böse“. Das wird ihm im Roman verwehrt. Der Erzähler stellt dar und berichtet, wertet aber nicht. Es gibt keine Instanz im Roman – und fast darf der Leser schlussfolgern: auch darüber hinaus nicht, – die ein Urteil über die Menschen, die im Roman handeln, sprechen könnte oder die Wahrheit kennt oder zwischen „falsch“ und „richtig“ unterscheidet. Alles, so die nicht ausgesprochene, aber suggerierte „Botschaft“ des Erzählers, ist – zunächst jedenfalls – gleichermaßen „Wirklichkeit“, die nicht nach herkömmlichen Maßstäben „funktioniert“, sondern nach anderen, oft ganz vordergründig-banalen, z. B. der Flucht mit einem Koffer Geld oder der Jagd nach diesem Koffer mit allen Mitteln. Der Roman verbreitet in weiten Teilen eine Atmosphäre moralischer und rechtlicher Indifferenz. Damit kann der Leser nicht einverstanden sein. Er wird in eine produktiv-kritische Lesehaltung gedrängt, aus der heraus er korrigierend eingreifen möchte, ohne wirklich zu wissen, wo er ansetzen könnte.

Die „Hilflosigkeit“ des Lesers wird in jenen Passagen auf die Spitze getrieben, in denen Chigurh Schicksal oder Gott spielt. Zweimal kommen solche Szenen im Roman vor. In der einen hält Chigurh an einer Tankstelle, tankt sein Auto voll und führt ein Telefongespräch. Aus der geschäftsmäßig-freundlichen Frage des Tankstellenwarts nach dem Wetter – „Regnet´s denn auch mal in eurer Gegend?“ – entwickelt sich ein Gespräch voller innerer Aggressivität und Spannung, in dem der Tankstellenwart angesichts von Chigurhs latenter Brutalität mehr und mehr in die Defensive gerät. Am Ende wird er, verwirrt und eingeschüchtert, gezwungen, eine Münze, seine „Glücksmünze“, zu werfen. Die Münze, so Chigurh unbarmherzig-kalt zum verängstigten Mann vor ihm, „war zweiundzwanzig Jahre unterwegs, um hierherzukommen. Und jetzt ist sie da. Und ich bin da. Und ich hab die Hand drauf. Und jetzt heißt es entweder Kopf oder Zahl. Und das bestimmen Sie.“ Der Tankwart errät die „richtige“ Zahl und kommt mit dem Leben davon.

Anders verläuft das Gespräch in einer ähnlichen Szene gegen Ende des Romans, in der Chigurh in die Wohnung der Frau des gejagten Moss eindringt. Als Carla Jean Chigurh sieht, weiß sie, dass sie erschossen werden wird. Sie fleht um ihr Leben. Das einzige, was Chigurh ihr zugesteht, ist der Münzwurf. Aber das Glück verlässt sie, sie setzt auf die „falsche“ Münzseite. „O Gott, sagte sie. O Gott. / Tut mir leid. / Sie sah ihn ein letztes Mal an. Sie müssen das nicht, sagte sie. Sie müssen nicht. Sie müssen nicht. / Er schüttelte den Kopf. Sie verlangen von mir, dass ich mich verwundbar mache, und das geht auf keinen Fall. Ich habe nur eine Art zu leben. Sie lässt keine Sonderfälle zu. Vielleicht einen Münzwurf. In diesem Fall mit geringem Erfolg. […] Als ich in Ihr Leben getreten bin, war Ihr Leben vorbei. Es hatte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Das ist das Ende. Sie können sagen, dass es anders hätte ausgehen können. Dass es anders hätte verlaufen können. Aber was heißt das? Es ist nicht anders verlaufen. Es ist so verlaufen. Sie verlangen, dass ich den Lauf der Welt verändere. Verstehen Sie? / Ja, sagte sie schluchzend. Das versteh ich. Wirklich. / Gut, sagte er. Das ist gut. Dann erschoss er sie.“ – In seiner „Gottähnlichkeit“ zwingt Chigurh die Frau – eine äußerste Perversion –, ihr Schicksal anzunehmen und das „Todesurteil“ zu akzeptieren. Die Welt des Lesers mit den Prinzipien „gut“ und „schlecht“ wird auf den Kopf gestellt.

Nach einer Jagd auf den Geldkoffer, bei der der Leser bald Orte und Ereignisse, die unwichtiger und unwichtiger und allesamt austauschbar werden, nicht mehr auseinanderhalten kann, kommt das Ende von Moss und Chigurh überraschend schnell und fast wie nebensächlich. Moss wird in einem Motel von Mitgliedern der Drogenmafia, die auch hinter ihm her sind, erschossen. Allerdings finden sie das Geld nicht. Das holt sich Chigurh aus einem Luftschacht des Motels, in dem Moss den Koffer versteckt hat. – Auch Chigurh „verschwindet“ undramatisch aus der Handlung des Romans. Er wird nach seinem Mord an Moss´ Frau Carla Jean auf der Straße von einem Auto angefahren, schwer verletzt, kann aber entkommen. Keiner weiß, ob es ihm gelungen ist, zu überleben und wo er sich aufhält. Er wird zu einem Gespenst, zu einer Gefahr, die irgendwo lauert, immer zuschlagen kann, die man zu spät erkennt, um ihr auszuweichen.

Auch Sheriff Bell steht am Ende erfolglos da. Er beendet seinen Dienst, ohne Chigurh auch nur im entferntesten gefährlich zu werden. Manchmal kommt er ihm im Laufe der Verfolgung nahe. Er kann ihn aber nicht aufhalten und seinem Morden ein Ende setzen. „Es war ein kalter, windiger Tag, als er das Gerichtsgebäude zum letzten Mal verließ. Manche Männer konnten die Arme um eine weinende Frau legen, aber für ihn war das nie selbstverständlich gewesen. Er ging die Treppe hinunter und zur Hintertür hinaus, stieg in seinen Wagen und saß einfach nur da. Er konnte das Gefühl nicht benennen. Es war Traurigkeit, aber es war auch noch etwas anderes. Und dieses andere bewirkte, dass er dasaß, anstatt den Wagen anzulassen. Es war ihm schon einmal so gegangen, aber das war schon lange her, und als er sich das sagte, wusste er auch, was es war. Es war das Gefühl der Niederlage. Des Geschlagenseins. Für ihn bitterer als der Tod. Da musst du drüber wegkommen, sagte er. Dann ließ er den Wagen an.“

Llewelyn Moss, Chigurh, Sheriff Bell – sie unterscheiden sich in ihrem Handeln und in ihren Motiven, ähneln sich aber in dem, was für sie dabei „herauskommt“: wenig, nichts. Ein „Gewinner“ ist vielleicht am ehesten noch Chigurh. Er liefert den Geldkoffer an den Boss der Drogenmafia aus und kann in Zukunft mit weiteren Killer-Aufträgen rechnen. Wenn er nach dem Autounfall aber blutend davon humpelt, gehört auch er zu den Verlierern wie Moss, Sheriff Bell, Carla Jean und alle anderen, die bei der Moss-Chigurh-Jagd umkommen. Ob Geld ihr Leben bestimmt oder Liebe und Gerechtigkeit, ob sie morden oder ermordet werden – McCarthys Roman macht kaum Unterschiede in der Bewertung der einzelnen Figuren.

Kein Land für alte Männer belässt es nicht bei dieser pessimistischen Sich auf Leben und Welt. Der Autor fügt seiner Erzählung eine weitere Dimension hinzu, und zwar durch den Ich-Sprecher Sheriff Bell. Bell ist einmal Handelnder und damit in das unübersichtliche Geschehen des Romans verwickelt und zum anderen eine Figur, die außerhalb der Geldjagd-Geschichte steht und darüber in Ich-Form redet. Nicht Bell, der Chigurh erfolglos jagt und am Ende niedergeschlagen in seinem Auto sitzt, hat das letzte Wort, sondern Bell, der in einem Rückblick auf sein Leben die Chigurh-Moss-Geschichte kommentiert. Was in der Romanhandlung „objektiv“ dargelegt wird, wird in den auch durch Kursivdruck im Schriftbild vom übrigen Text hervorgehobenen Ich-Passagen, die an vielen Stellen des Romans eingeschoben sind und die jeweiligen neuen Kapitel einleiten, reflektiert, analysiert und individualisiert. Der Ich-Sprecher Bell versöhnt den Leser mit der moralisch indifferenten und deshalb verstörenden Handlung in Cormac McCarthys Roman. Wenigstens eine Figur übernimmt die Blickrichtung des Lesers und urteilt über das, was erzählt wird, blickt moralisch wertend auf die Moss-Chigurh-Sheriff Bell-Geschichte, bezieht Stellung zu den Umständen und Konsequenzen der Ereignisse, äußert Wünsche, erläutert ihre Vorstellungen vom richtigeren Leben, gesteht Versäumnisse und Fehler ein und scheut sich nicht, vom eigenen Versagen, das bis in den Zweiten Weltkrieg zurückreicht, zu sprechen. Der Leser hat damit eine Identitätsfigur, die ihm in vielem, z. B. der Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, Drogenmissbrauch oder jugendlicher Verwahrlosung, aus dem Herzen spricht. Wirklich hinwegtrösten über den Zustand der Welt kann sie den Leser nicht. Denn auch der Ich-Sprecher Bell wird mit dem Bösen um ihn herum nicht fertig. Auch er als kommentierender Beobachter entlässt den Leser nicht aus McCarthys düsterer und hoffnungsloser Wirklichkeit, in der es Glück und Versöhnung kaum, vielleicht nur für einige wenige Figuren gibt.

So erinnert sich der Ich-Erzähler Bell schon am Beginn des Romans an „einen Jungen“, den er wegen des Mordes an seiner vierzehnjährigen Freundin „in die Gaskammer von Huntsville geschickt“ habe. Er hat ihn, so fährt der Erzähler fort, mehrmals im Gefängnis vor seiner Hinrichtung besucht. „Und er hat mir gesagt, er hätte schon ungefähr so lange, wie er zurückdenken kann, vorgehabt, jemand umzubringen. Hat gesagt, er würd´s wieder tun, wenn sie ihn rausließen. Und er wüsste, dass er zur Hölle fährt.“ Für Sheriff Bell gehört das Böse zu seiner Welt. Er ahnt, dass er Chigurh auch deshalb nicht fassen kann, weil der als Verkörperung des Skrupellosen und Gewissenlosen schlechthin nicht fassbar sein kann. „Irgendwo da draußen gibt’s einen wahrhaftigen, lebendigen Propheten der Vernichtung, und dem will ich mich nicht stellen. Ich weiß, es gibt ihn wirklich. Ich hab seine Werke gesehen.“

Verstärkt wird die desillusionierende, pessimistische Weltsicht des Ich-Sprechers Bell durch eine Sprache, die vielleicht mit dem Begriff „poetische Alltagssprache“ bezeichnet werden kann. Die Sprache in ihrer literarisch-kunstvollen Einfachheit und Kargheit – in der deutschen Übersetzung geht das weitgehend verloren – charakterisiert den Sprecher als wahrhaftigen Menschen, einen Wahrheitssucher, den ehrlichen „Mann von nebenan“, realistisch, „erdverbunden“. Hier redet keiner, der sich von Utopien verführen lässt, sondern einer, dem man jedes Wort glauben kann, auch und vor allem seine so erschreckenden Weltanalysen.

McCarthys düstere Romane enden dennoch – gegen alle Leseererwartungen – oft mit einem Hoffnungsschimmer, der fast wie aufgesetzt wirkt und einen grotesk-absurden Schlusspunkt setzt. So wird zum Beispiel in seinem letzten Buch, dem Roman Die Straße, vielfach, u. a. mit dem Pulitzer-Preis, ausgezeichnet, der Junge, der mit seinem Vater durch eine apokalyptische, zerstörte, schier menschenleere Welt irrt, „gerettet“. – Auch Kein Land für alte Männer endet mit einem eher versöhnlichen, tröstlichen Abschnitt, der der blutigen Handlung des Buchs und der düsteren Weltsicht ein unrealistisch hoffnungsfrohes Bild entgegensetzt. Sheriff Bell schildert einen Traum, in dem sein früh verstorbener Vater vorkommt. „[…] das war so, als wären wir beide wieder in früheren Zeiten, und ich hab auf einem Pferd gesessen und bin nachts durch die Berge geritten. Hab diesen Gebirgspass überquert. Es war kalt, auf dem Boden hat Schnee gelegen, und er ist an mir vorbei- und immer weitergeritten. Hat kein Wort gesagt. Er ist einfach vorbeigeritten, und er war in eine Decke gehüllt und hatte den Kopf gesenkt, und wie er vorbeigeritten ist, hab ich gesehen, dass er Feuer in einem Horn trägt, so wie die Leute das früher gemacht haben, und sehen können hab ich das Horn wegen dem Licht innen drin. Hatte so ziemlich die gleiche Farbe wie der Mond. Und in dem Traum hab ich gewusst, dass er vorausreitet und irgendwo da draußen in der ganzen Dunkelheit und Kälte ein Feuer machen will, und wenn ich dann dorthin komme, ist er da.“

Der Titel der amerikanischen Ausgabe ist der Anfangszeile des berühmten Gedichts „Sailing To Byzantium“ von Yeats entliehen: That is no country for old men.

Herbert Fuchs

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