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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 4
Die Tatsache, daß die indischen Religionen im Buchhandel aus dem wissenschaftlichen Bereich in den der Esoterik abgewandert sind, ist für die mit ihnen befaßten Geisteswissenschaften in mehrerlei Hinsicht problematisch. Denn sie bedeutet, daß dort, wo indische Religionen zu finden sind, Wissenschaft von Natur aus keinen Platz mehr hat. Somit kann die Geisteswissenschaft ihrer sichtbarsten Funktion, nämlich sachlich begründete Information bereitzustellen, nicht nachkommen und erscheint gesellschaftlich als nicht mehr relevant. Die Folge sind Stellenstreichungen, wodurch die Schieflage allerdings noch verstärkt wird. In diesem Kontext wird es nicht verwundern, daß der neugegründete Verlag der Weltreligionen aus dem Hause Suhrkamp - wie der Verlagschef in einem Interview bemerkte - bei den Wissenschaftlern offene Türen einrannte. Denn häufig waren Sondierungen bei Verlagen immer wieder mit dem Hinweis auf mangelnde wirtschaftliche Erfolgschancen ins Leere gelaufen, nach dem Motto: Indische Religionen? Leider nur in der Esoterik.
Natürlich kamen verschiedene Dinge zusammen: Religion ist gerade ein mediales Thema - wir reden hier natürlich nicht so sehr von Wissen- als von Marktwirtschaft - und: die Neugründung wurde von einer privaten Stiftung gefördert. Die Sterne standen also günstig für eine Neuauflage einer großen Bibliothek der Religionen, ähnlich wie sie Max Müller mit seinen Sacred Books of the East vor mehr als einhundert Jahren versucht hatte. Insofern ist das Unternehmen ein Glücksfall für die an der Erforschung der indischen Religionen beteiligten Disziplinen, denn hier sollen im großen Stil wesentliche Werke unter anderem der indischen Religionen einem weiteren Publikum nahegebracht werden. Was diesen Plan im Vergleich mit ähnlichen Unternehmungen hervorhebt, ist zum einen der geplante Umfang, aber auch, daß für die Übersetzungen Fachspezialisten gewonnen werden konnten, und sich somit die Qualität wohltuend von den eher auf den esoterischen Markt schielenden Werken abhebt.
Eröffnet wird die Reihe mit einer neuen Übersetzung des Rigveda durch Michael Witzel und der Bhagavadgita durch Michael von Brück, die im folgenden besprochen werden soll. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Beschreibung auf der homepage des Verlags:
Die Bhagavad Gita (Der Gesang des Erhabenen), das
bedeutendste religionsphilosophische Gedicht
des Hinduismus, ist Teil des umfangreichen
Sanskritepos Mahabharata (entstanden zwischen dem 4. Jh.
v. Chr. und dem
4. Jh. n. Chr.). Gott Vishnu steht in menschlicher Gestalt
als Wagenlenker Krishna dem Helden Arjuna vor der
furchtbarsten Schlacht der indischen Mythologie zur
Seite. Arjuna zweifelt in einem Pflichtenkonflikt:
Seiner Aufgabe als adeliger Krieger (Kshatriya) gemäß soll
er einen »gerechten Krieg« führen, um Recht und Ordnung in
der Gesellschaft wiederherzustellen; auf der Gegenseite
sind aber zahlreiche Verwandte und Lehrer angetreten, die
er zu
schützen hat. Krishna zeigt ihm, daß der Rückzug aus der
Welt keine reife spirituelle Lösung ist, und belehrt ihn
über die Ordnungen der Welt, des Geistes und das
menschliche Leben. Das Handeln ohne ich-hafte Absichten
und die
vollkommene Hingabe an Gott führen auf der Basis von
Erkenntnis zur Befreiung aus dem Leiden.
Unter dem Begriff ›Yoga‹ wird auf vielfältige Weise
sichtbar gemacht, worauf es bei einem spirituell
verantworteten Leben ankommt, das sich nicht aus den
Konflikten der Welt verabschiedet. Der Mensch im
Widerspruch zu sich selbst,
zur Gesellschaft, zu der Weltordnung überhaupt, das ist
die Situation, in der die Gita, zunächst von ganz
weltlichen Erwägungen ausgehend, den Blick auf
metaphysische Zusammenhänge richtet und dabei immer wieder
zurückkommt auf die
Frage nach dem rechten Handeln im alltäglichen Leben.
In der Bewältigung einer existentiellen Erfahrung und in
der Verbindung von Tradition und Modernität liegt der
Hauptgrund für den unvergleichlichen und anhaltenden
Erfolg der Bhagavad Gita. […]
Dem unvoreingenommenen Leser, der hier vermutet, daß um die Zeitenwende in Indien schon einige Probleme der modernen Welt gelöst wurden, kann der nüchterne Philologe leider nur entgegenhalten, daß dem historischen Kontext nach der Grundkonflikt der Bhagavadgita ein Spezialproblem eines Angehörigen der indischen Kriegerkaste ist. Für Angehörige des Wehrstandes gehört Gewaltanwendung im Kampf zur sozialen und damit letztlich religiös begründeten Pflicht und die Bhagavadgita ist dem Kontext nach eine ausführliche Begründung für diese göttliche Sozialordnung. Der potentielle Aussteiger wird mit den besten Argumenten dazu gebracht, seiner durch Geburt vorgegebenen Bestimmung zu folgen. Erst wenn man die Episode des riesigen Epos aus dem militärischen Kontext löst, lassen sich andere Elemente stärker betonen. Die Forschung hat gelegentlich die Argumente für eine solche kontextunabhängige Interpretation geliefert, indem sie die Bhagavadgita als Einschub deutete. Wie andere religionsgeschichtlich wirksame Texte gewinnt die Bhagavadgita erst durch eine Art Überinterpretation in verschiedene Richtungen die wirksamste Bedeutungsebene. Dennoch dauert es bis ins 19. Jhd. bis die Gita wie das heilige Buch der Hindus par excellence gehandelt wird.
Was dem Leser vermutlich nicht richtig bewußt wird, ist, daß die Bhagavadgita erst zu dem Zeitpunkt ihre jetzige Geltung erreicht, als sie im Westen rezipiert wird. Der deutsche Leser sollte sich also nicht als Ethnologe sehen, der staunend einem anderen Land und seiner Religion zum erstenmal begegnet, vielmehr hält er hier in besonderem Maße das Ergebnis langer Verhandlungen und Interaktionen auch zwischen seiner eigenen und der indischen Kultur in den Händen. Der Übersetzer von Brück weist auf diese Tatsache durchaus hin (S.202f.), aber es wäre wohl kontraproduktiv, zu sehr zu betonen, daß der Verlag damit, daß er diesen Text an den Anfang stellt, in eine riesige Kerbe schlägt, die nur bedingt mit den indischen Verhältnissen zu tun hat - die ersten Seiten über die ,,Bedeutung der Bhagavadgita`` lesen sich daher auch eher als Bestätigung der Weltgeltung der Bhagavadgita (127ff). Aber bei aller Beliebtheit kann die Gita, auch wenn sie beispielsweise von Anhängern der sivaitischen Religion als mit eigenen Vorstellungen konform kommentiert wurde, gar keinen Platz in deren Kanon offenbarter Werke beanspruchen. Als Teil der ``allgemeinen Literatur'' des Hinduismus - als Teil des Mahabharata ist sie weder offenbart, noch Bestandteil der sektenspezifischen Literatur - konnten sich viele mit ihr identifizieren. Dennoch erscheint der Siegeszug der Gita, wie er vom Übersetzer eingangs beschworen wird ein wenig überzeichnet. Auch die Begeisterung in Deutschland sollte man nicht überbewerten. Es gab in der Frühzeit der Indienforschung sehr wenige Drucke und Handschriften, so daß die Vorauswahl der Handschriftensammler oder Ersteditoren wie Charles Wilkins die weitere Rezeption der indischen Literatur entscheidend prägten. In manchen Bereichen der indischen Literatur- und Geistesgeschichte hat man sich von diesen ersten Prägungen erst in jüngster Zeit erholt.
Auch im Verlag der Weltreligionen kann man sich der populären Wahrnehmung nicht entziehen. Aus dem großen Bereich der religiösen Lyrik wurde beispielsweise mit dem Gitagovinda ein Werk gewählt, das bereits 1799 von William Jones im Westen bekannt gemacht, von Goethe gelesen wurde und seither zum Kanon indischer Literatur gehört. Natürlich spricht nichts gegen eine bessere Neuübersetzung, doch gäbe es durch die wünschenswerte Einbeziehung von Experten für indische Literaturgeschichte endlich die Möglichkeit, über einen etwas angestaubten Kanon hinauszukommen.
Dennoch: die Bhagavadgita wird als Pflichtprogramm empfunden und der Münchner Religionswissenschaftler Michael von Brück hat sich der Aufgabe einer Präsentation der Bhagavadgita recht offensiv gestellt und den 124 Seiten Übersetzung eine sehr umfangreiche Einleitung (S. 125-287) und einen ausführlichen Stellenkommentar (S. 288-413)nebst Anhängen folgen lassen. Die ,,Einleitung`` stellt eine sehr lesenswerte Einführung in verschiedene Bereiche des Hinduismus dar, bietet aber auch eine tour de force zur Rezeption der Bhagavadgita in Indien und Europa.
Was die Übersetzung angeht, so hat sich von Brück nicht dazu entschließen können, eine der älteren Übersetzungen nachzudrucken, sondern eine eigene zugrundegelegt. Nun muß man vorausschicken, daß die Bhagavadgita ja nicht zum ersten, auch nicht zum zehnten Male übersetzt wird, sondern sie stellt das wohl am meisten übersetzte Buch des Hinduismus dar. Es hätte also auch auf deutsch zahlreiche Kandidaten zum Nachdruck gegeben, mit denen sich die vorliegende Übertragung nun vergleichen lassen muß. Ohne hier auf die komplexen Fragestellungen der Übersetzungsmethoden einzugehen: die Neuübersetzung ist eine einfache Prosa, welche die Verszeilen des Originals im Schriftsatz nachahmt, ohne jedoch Anspruch auf eine rhythmische Übertragung zu erheben. Nach indologisch-fachlichen Kriterien weist sie - wie Bodewitz in einer demnächst erscheinenden Rezension in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft ausführlich nachweist - erhebliche Probleme auf und es ist für jeden, der nicht in den aktuellen Forschungsstand eingearbeitet ist, naturgemäß schwer, die Problembereiche glücklich zu umschiffen. Ähnliches gilt für viele Details in Brücks Einleitung wie auch in dem vom Verlag der Weltreligionen herausgegebenen Almanach. Der Artikel zur indischen Mystik dort ist zum Beispiel im Bereich des Shivaismus ohne Kenntnis der Forschung des letzten Jahrzehnts geschrieben. Wir lesen dort: der ,,auf Gottesliebe vertrauende und darum häufig mehr dualistisch argumentierende Shaiva Siddhanta im Süden, und der tantrische Shivaismus in Kashmir []`` (Almanach, 223) Tatsächlich wurzelt der Shaiva-Siddhanta ebenfalls in Kashmir, war dort die mit den Monisten rivalisierende dualistische Philosophie, wobei der Stellenwert der Gottesliebe ungefähr vergleichbar war. Sie war auch nicht der Grund für deren Dualismus, sondern eher die erst in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitete Tatsache, daß die Anhänger des Siddhanta einen anderen Teil des sivaitischen Kanons als die Monisten für gültig hielten. Weitere vergleichbare Probleme liegen in der Trennung von Shivaismus und Shaktismus (ebenda, 234). Tatsächlich verehren die monistischen Saivas häufig weibliche Gottheiten. Die Aussage, daß Abhinavagupta gegen Sankara polemisiert (210), müßte fachlich begründet belegt werden, da die Fachwelt bisher davon ausging, daß er ihn nicht kannte.
An vielen Stellen mangelt es bedauerlicherweise an indologischer Kompetenz, wobei das Problem natürlich dadurch, daß der Autor große geisteswissenschaftliche Bereiche durchdringen möchte, verschärft wird. Der Begriff vivarta ist ein komplexer philosophischer Terminus, der am besten mit ,,Scheinentfaltung`` übersetzt wird, um eine ,,Spiegelung`` (so Brück, S. 181) handelt es sich dabei nicht. Der Sanskritbegriff vyutthana stammt aus der Yogaliteratur und bezeichnet den Wachzustand, insbesondere im Gegensatz zum Versenkungszustand, nicht ein ,,ununterbrochenes Gewahrsein`` (S. 209).
Manchmal werden da, wo Details für die Beschreibung von Entwicklungszusammenhängen fehlen, Vermutungen als Bindeglieder geboten, jedoch nicht immer mit der gebotenen Vorsicht. Von Brück schreibt wie folgt über Friedrich Schlegel: ,,Ab 1802 hatte er aber in Paris begonnen, sich ernsthaft mit dem Studium des Sanskrit und morphologischen Sprachvergleichen zu befassen, und dies mag dazu beigetragen haben, Indien differenzierter zu sehen.`` (S.260) Nach Berichten von Zeitzeugen scheint eher das Gegenteil der Fall gewesen zu sein: Schlegels Indienbegeisterung und -obsession war nicht einmal von seinen Freunden oder seinem Lehrer im Sanskrit zu kühlen und endete erst mit seiner Konversion zum Katholizismus. Ein weiterer Punkt, an welchem die konfessionsgebundene Religionswissenschaft von der Indologie abweicht, ist die Darstellung indischer Inhalte in einer Mischdiktion, etwa die Deutung eines Zugs der tantrischen Philosophie als ,,Sakrament des konkret Sinnlichen`` (S.203), worin sich das hinreichend bekannte Spannungsfeld zwischen Missions- und Religionswissensschaft auf der einen Seite und den philologischen Fachwissenschaften und der unabhängigen Religionswissenschaft auf der anderen artikuliert.
Den gewöhnlichen Leser müssen die wenigen sachlichen Ungenauigkeiten, die ohnehin nur dem Fachmann auffallen, nicht stören, denn er bekommt einen sehr gut lesbaren und informativen Abriß über die Geschichte der Bhagavadgita und des Hinduismus überhaupt.
Jürgen Hanneder