Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 4


 

„… ein elternloser Raum“

Anmerkungen zu dem Gedichtband „… ein elternloser Raum“  von Elke Therre-Staal

 

Zum Muttertag

Für dich, Ma, bodycocoon zieht schnell ein!
Die Haut ist fleckig, bis
zum Rand beschrien
mit Muttertagen, Zwergengalerien.
Die Fremde hoch im Turm mag
ich nicht sein.

Oblaten, Trösterchen und Tagebuch,
ein Bündel Mohn mein Leben
ohne Schlaf,
fest eingemeißelt bleibt im Epitaph
das Stundenglas im steten Widerspruch.

Nachkriegsbebauungsplan, das Herz
geht um,
im Garten Schotter, Wurzeln drum herum.
Wir haben uns ein schönes Haus gebaut.

Im Zeitgewölbe wächst ein neues Kind.
Der Engel sitzt im Säulengang und spinnt.
Entkernte Aprikosen deine Haut.

 

Wenn es ihn denn gäbe, den ´elternlosen Raum´, dann wäre er ein Wunschtraumraum: endlich frei von gut gemeinten Ratschlägen, Gängelung, Beaufsichtigung, Bevormundung. Ein Albtraumraum: völlig allein, verlassen, ein Waisenkind. Da es ihn nicht gibt, eröffnet dieser Titel, den Elke Therre-Staal ihrer Gedichtsammlung gegeben hat, einen wunderschönen weiten poetischen Raum. Und darin finden sich sechs – ich nenne sie - ´Muttergedichte´.

Fast in der Mitte des Bändchens – Zufall? – das Gedicht mit dem Titel „Krippe“, eine die Leserin, den Leser anrührende schützende Geste gegenüber der Mutter: „Ich habe in meinem Herzen / ein Lager gemacht / für mein Mütterchen“. (S. 46)

Am Beginn „Besuch bei der Mutter“ (als elftes der insgesamt 75 Gedichte), ein schmerzhaft gescheitertes Gespräch. „Unwichtig / Das Gesagte / Auf der Strecke bleibt / Das / Zu / Sagende / Zwischen / Den Zeilen / Zerquetschte“. (S. 12) Das schmerzhafte Scheitern in den Stakkato-Versen (ohne Punkt und Komma) förmlich körperlich spürbar gemacht.

Schließlich – „Verlorene Schatten“ (S. 76) – das Bewusstwerden der eigenen, der Mutter zu verdankenden, Körperlichkeit, der eigenen, der Mutter abgerungenen, Identität: „Am Poller von Porto Santo / kam mir mein Schatten abhanden. / Gerippt und gerunzelt lag er / im Meer unter mir / ich habe dich, / schrie ich, dem Faltenentwurf / der Mutter entrissen.“ Am Ende – „Sanft bewahrte / das Meer die dunkle Gestalt / und trug sie / am Ende des Urlaubs / an Land.“ – eine Vorbereitung auf das folgende Gedicht „Verwandlung“ (S. 77), auf das Loslassen der Mutter. Mit dem hilflos traurigen Satz „Du bist so dünn du könntest / meine Kleider tragen, Mutter.“ beginnend, endend mit der, von der Mutter gesprochenen, tiefen, mühsam errungenen, Weisheit: „Begegnung heißt Sterben.“

Das letzte ´Muttergedicht´, das Abschlussgedicht des Bandes, „Zum Muttertag“. Die Überschrift benennt ein zum gedankenlos praktizierten, kommerzialisierten Ritual verkommenes Datum. Der erste Vers spricht von solchem Ritual, so gedanken- und lieblos wie der Satz dahingesprochen wird, wird das Muttertagsgeschenk hingestellt, hingeknallt.  Was dann folgt, ist ein Aufschrei dagegen. Soll ich sagen ein Entlarven? Es geht um viel mehr und anderes als Entlarven. Mit den Bildern dringt das Gedicht zum Kern einer tiefen Beziehung vor, evoziert Therre-Staal einen Raum – einen ´elternlosen´?! – von einer neuen Qualität, noch jenseits der in den Gedichten vorher angesprochenen Empfindungen, Haltungen von schützend, schmerzhaft, scheiternd, der eigenen Identität bewusst werdend, loslassend. Ein Raum, der all dies auch umfasst und zugleich aufhebt. „Im Zeitgewölbe wächst ein neues Kind.“

Elke Therre-Staal hat ihrem Gedichtband ein Schillerzitat als Motto vorangestellt:

„Glaubt mir, es ist kein Märchen:
die Quelle der Jugend, sie rinnet
wirklich und immer: Ihr fragt, wo?
In der dichtenden Kunst.“

Der schmale Band bestätigt die Sätze Schillers; er enthält viele weitere lesenswerte – verspielte und ernste, aphoristische und lyrische, groteske und idyllische – Gedichte, die man selber entdecken, lesen und wiederlesen muß.

Manfred Jobst

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