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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 4
»Konstruktion der Gegenwart« - so hat Walter Benjamin die Arbeit des Historikers bestimmt. Darüber ist viel geschrieben worden. Doch die dieser Forderung zugrunde liegende Einsicht, daß der herkömmliche Anspruch des Historikers auf objektive Erkenntnis dessen, was gewesen ist, mit der Annahme einer zeitlosen Erkenntnissubstanz einhergeht, die der Historizität der zu erforschenden Gegenstände widerspricht, bedarf weiterer Klärung. Diese Einsicht, auf zureichenden Grund gestellt, dürfte nämlich den theoretischen Punkt markieren, an dem sich ein für allemal die Unhintergehbarkeit dessen erweist, was, einer verbreiteten Sage nach, als »spekulative« Geschichtsphilosophie längst schon der Vergangenheit hatte angehören sollen, hätte angehören müssen. In diesem Sollen, in diesem Müssen sind Vorurteile wirksam, die ängstlich darauf bedacht sind, weltanschauliche Motivationen zu verbergen, deren Kern überhaupt kein spezifischer Inhalt ist, sondern die Angst vor der Kraft des zuende gedachten Gedankens. Bei der Paradoxie, daß der Historiker, der seine Arbeit ernst nimmt, mit der historischen Gewordenheit seiner eigenen Methode und Intention sich konfrontiert sehen muß, hört das Denken nicht auf, sondern fängt erst an. Es hat die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß das Wesen historischer Erkenntnis sich am reinsten nicht dort ausspricht, wo ihre Genese abgeschlossen scheint, sondern gerade an ihrem Ursprung, den spätere Stadien je eher verdeckten als wahrten.

An diesem zu befragenden Ursprung sind Wilhelm Schmidt-Biggemanns Forschungen zur frühen Neuzeit angesiedelt. Der vorliegende Band ist eine Sammlung von Aufsätzen, die in den letzten fünfzehn Jahren zu verschiedenen Gelegenheiten verfaßt und an verschiedenen Stellen publiziert worden sind. Die Texte bewegen sich thematisch in dem Rahmen, den Schmidt-Biggemann mit seinen beiden wohl wichtigsten Arbeiten eröffnet hat: »Topica Universalis. Eine Modellgeschichte humanistischer und barocker Wissenschaft« (1983) und »Philosophia perennis. Historische Umrisse abendländischer Spiritualität in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit« (1998). Daß das neue Buch indes mehr ist als eine bloße Sammlung ergänzender Studien; daß man es nach aufmerksamer Lektüre vielleicht sogar als drittes Hauptwerk wird bezeichnen dürfen, liegt zum einen daran, daß Schmidt-Biggemann die bereits publizierten Aufsätze durch einige neue, eigens für dieses Buch verfaßte Texte ergänzt hat, welche einen theoretischen Horizont kenntlich machen, der sich mit Benjamin eben als »Konstruktion der Gegenwart« begreifen läßt. Es liegt zum anderen daran, daß dieser theoretische Horizont auch den einzelnen Studien so tief eingeschrieben ist, daß sie selber bereits ihn hervortreten lassen in den gegenseitig sich erhellenden Konstellationen eines Zeitalters, in welchem sich die noch heute gültigen Modi des Erkennens von Welt und Wirklichkeit formierten. Noch die entlegenste, abstruseste, unserer Gegenwart scheinbar fremdeste Theorie vergangener Jahrhunderte wird durch den - freilich methodisch abzusichernden - Zugriff des Betrachters zu einer Möglichkeit der Begegnung mit dem Urbild unserer selbst: dem möglichen Sinn der Bedeutungen, die wir je unserem Leben aufprägen. Was oberflächlich betrachtet nur als eine Vertiefung der früheren Arbeiten über Topik und Philosophia perennis erscheint, wird durch die Reflexion auf den Charakter von Historie und Wissenschaft selbst auf eine völlig neue Grundlage gestellt. Der Gegenstand der Betrachtung wird zugleich der Rahmen, in dem die Betrachtung sich selber Gegenstand und Frage werden kann.
Schon Titel und Untertitel des Buches enthalten die zugrunde liegende Theorie. Daß Welt entworfen, und daß Wissen erzählt wird, gehört mit zu der Lehre, die die Betrachtung der frühen Neuzeit ihrem Gegenstand entnehmen, und an der sie allererst gültige Erkenntnis werden kann. Der Zusammenhang von Apokalypse und Philologie bezeichnet dabei den als heilsgeschichtlich zu identifizierenden Rahmen dieser Einsicht, den wiederzugewinnen, wie die kurze Einleitung »Über Wissensgeschichten« darstellt, freilich eine Notwendigkeit nicht zunächst theologischer, sondern wissenschaftlicher Natur ist. »Der Ausschluss der Theologie aus dem positivistischen Wissensdiskurs war selbst ein Resultat des Prozesses, der in den vorliegenden Studien dargestellt wird. Der Anspruch der philosophischen Theologie, den Rahmen einer Philosophia perennis bereitzustellen und damit die Unveränderlichkeit ewiger Ideen zu garantieren, war im Prozess der Historisierung aller Wort-Wissenschaften zerbrochen. Durch dieses Scheitern verlor die Theologie ihren Wissenschaftsstatus. Schließlich waren die Ansprüche der Theologie, eine unveränderliche, eben ewig gültige Offenbarung zu verwalten, dadurch diskreditiert, dass sich der ewig gültige Anspruch als historisch kontingent erwiesen hatte. Diese Diskreditierung der Theologie wirkte auf die Wissenschafts- und Philosophiegeschichte dergestalt zurück, dass die Theologie auch als historisches Wissensphänomen nicht mehr ernst genommen wurde. So geriet die Wissensstruktur der Frühen Neuzeit, in der die Theologie eine entscheidende Rolle spielte, aus dem Blick - zum Schaden der Wissenschaftsgeschichte. Diese Fehlinterpretation soll mit den vorliegenden Studien korrigiert werden.« (S.19)
Diesem Programm folgend, thematisieren die vier Aufsätze des ersten Teils der vorliegenden Sammlung die Entstehung der Philologie als eigenständige Wissenschaftsdisziplin aus den innertheologischen Konstellationen des Konfessionenstreits im 16. Jahrhundert. Der erste Aufsatz, »Protestantische Exegese im Streit«, beschäftigt sich mit der Auseinandersetzung um das »Württembergische Bekenntnis« von 1552, mit dem der protestantische Theologe Johannes Brenz (1499-1570) als offizieller württembergischer Abgeordneter zum Konzil von Trient gereist war. Schmidt-Biggemann nennt drei Grundthesen, mit denen sich die protestantische Theologie des 16. Jahrhunderts der katholischen Tradition gegenüber zu behaupten suchte: »1. Die Schrift ist Predigt des Heiligen Geistes. 2. Die Schrift ist deshalb Norm für allen Glauben und allen Gottesdienst. 3. Diese Aussage bedeutet auch, dass die Bibel als zureichende Norm gesehen und dass die Tradition insgesamt nicht als Norm neben der Bibel akzeptiert wird.« (S.26) Der Philologie mußte im Rahmen dieses Programms die zentrale Aufgabe zufallen, kritisch jenen einwandfreien Text herzustellen, der fortan als »Predigt des Heiligen Geistes« gelten sollte. Der Versuch, unmittelbar den Sinn der Schrift ergründen zu können und ihn zur alleinigen dogmatischen Grundlage des Glaubens zu machen, führte zu einer Freisetzung des spiritualistischen Elements, welchem gegenüber der Protestantismus keine Abwehrkräfte zu etablieren vermochte. Allen Bemühungen um eine neue, in der Dialektik von sola fide und sola scriptura gründende Orthodoxie zum Trotz, blieb die »entscheidende Frage, ob eine spiritualistische ›wilde‹ Exegese mit den Argumenten der Confessio Virtembergica ausgeschlossen werden konnte« (S.37), im Raum des Protestantismus unbeantwortet. In der Gewalt gegen vermeintliche Ketzer entlud sich nur das Bewußtsein des eigenen Scheiterns. So konnte, wie der zweite der Aufsätze des ersten Teils darstellt, der katholische Theologe Bellarmin (1542-1621) mit einigem Recht den Protestantismus insgesamt als spiritualistisch diskreditieren, ohne, wie der dritte und der vierte Aufsatz darstellen, einen Prozeß aufhalten zu können, der auch im Katholizismus zur Ausbildung eines geschärften philologischen Bewußtseins führte - mit der Folge einer Destruktion traditionaler Elemente, die vor allem traf, was als »Platonismus« identifiziert worden war. »Mit der Trennung von Theologie und Philosophie wird der Anspruch der Theologie schlechthin positiv. Damit sind Theologie und Dogmatik vom philosophischen Vernunftanspruch getrennt; die Dogmatik bekommt ihre eigene, regionale Logik. Das hat für die Institution Kirche zur Folge, dass sie [sich] selbst durch die Rechtsansprüche, die aus der Positivität des Glaubens abgeleitet werden, stabilisieren muss, nicht durch philosophische Vernunft. Die Kirche wird damit zur Instanz, die nicht mehr durch Vernunft gerechtfertigt ist, sondern nur noch durch ihre eigene historische Positivität.« (S.129)
Beschreibt der erste Teil die Geburt der Philologie aus den Konstellationen des Konfessionenstreits, so ist das innere Thema des zweiten Teils, überschrieben »Politische Theologie im Zeitalter der Apokalyptik«, die Auswirkung der Philologie auf die traditionalen Gehalte von Topik und Philosophia perennis, die im dritten Teil je gesondert behandelt werden. Was ist überhaupt Topik? Als historische Wissenschaft untersucht sie die Positivität der menschlichen Redensarten, Bedeutsamkeiten und Geltungen. Sie »gilt als eine rhetorisch-philosophische Argumentationslehre, die zwischen rhetorischer Überredung und philosophischer Überzeugung oszilliert« (S.229). »Wissen wird als historisch gegeben vorausgesetzt und in einer zweckmäßigen Ordnung präsentiert. Als Gedächtniswissenschaft ist Topik mit der Frage, worin denn die Ordnung bestehe, deren sie sich bediene, überfragt.« (S.237) »Die Aufgabe einer wissenschaftlich-disziplinären Topik besteht in der Identifizierung und argumentativen Verwendung der Leitbegriffe, die Disziplinen konstituieren.« (S.233) Indem in diesen Horizont die Fülle des menschlichen Wissens sich einschreibt, wird Topik tendenziell enzyklopädisch. Das geschah in der frühen Neuzeit innerhalb des theologisch-heilsgeschichtlichen Rahmens der Philosophia perennis, des geoffenbarten, zeitlosen Urwissens. Petrus Ramus »hatte in seiner Lehre den enzyklopädischen Umgang mit dem überlieferten philosophischen und theologischen Stoff praktiziert und in seiner höchst einflussreichen Dialektik die Homogenität des Lehrstoffs und die lückenlose Deduktion der Lehrinhalte aus übergreifenden Prinzipien als ›Methode‹ beschrieben.« (S.143) Doch »über den Wahrheitsanspruch dessen, was da geordnet wurde, konnte keine andere Aussage gemacht werden als die, dass ein Topos nun einmal historisch oder natürlich vorliege.« (S.144)
Aus dieser Lage ergibt sich eine Position, die am konsequentesten der calvinistische Gelehrte Johann Heinrich Alsted (1588-1638) entwickelt hat, mit dessen Leben und Werk sich der erste Aufsatz des zweiten Teils, »Apokalyptische Universalwissenschaft«, beschäftigt. Schmidt-Biggemann faßt Alsteds Position wiefolgt zusammen: »1. Die Schöpfung war in ihrer Struktur und im Plan ihrer Historie vollkommen.« Das ist der traditionelle Standpunkt der Philosophia perennis. »2. Diese vollkommene Schöpfung konnte vom Menschen aufgrund seiner Sündenschäden nicht vollkommen in ihren Gründen, sondern nur in ihrer Faktizität erkannt werden. Die Schöpfung barg deshalb in ihrer natürlichen und historischen Dimension Geheimnisse - es musste mit einem unerklärten Raum zwischen den Grenzen der exakten Erkenntnisfähigkeit des Menschen und dem Sinn, den Gott in die Schöpfung gelegt hatte, argumentiert werden. Das war der Raum, den die Alchemie und die Konzepte der Magia naturalis ebenso benutzten wie die biblische Prognostik und der Millenarismus. Denn was für die Schöpfung galt, galt a fortiori für die biblisch-historische Offenbarung: Der Raum der biblischen Geheimnisse barg - über die Offenbarungen Christi in seiner Zeit hinaus - den zukünftigen Sinn der Weltgeschichte, das verheißene Endgericht, das die Weltgeschichte an der Gerechtigkeit maß. Hier lag der Bereich, in dem die Argumentation mit Geheimnissen den Chiliasmus legitim machte.« (S.148)
Diese theoretisch zentralen Sätze markieren einen höchst interessanten Perspektivenwechsel: hatte Schmidt-Biggemann im ersten Teil des Buches noch gezeigt, wie der katholische Standpunkt der Tradition der Freisetzung spiritualistischer Elemente gegenüber gewappneter war als das vergebliche Bemühen der Protestanten um Orthodoxie, so zeigt der zweite Teil ein objektives Moment des Spiritualismus selbst auf. Wenn die Herausgeber des Bandes im Vorwort anmerken, daß es sich bei den Theorien, mit denen sich der zweite Teil beschäftigt, »keineswegs um esoterische Spinnereien« handelt (S.14), so deshalb, weil die im 16. Jahrhundert um sich greifende Apokalyptik ihren Ort an der Grenze des Rationalen selbst hat und diesem somit dialektisch zugehört. Diese noch immer gefährliche und doch unabweisbare Einsicht, die der Aufsatz über Johann Heinrich Alsted entwickelt, bietet das methodische Grundgerüst auch der folgenden beiden Aufsätze »Politische Apokalyptik: Comenius´ Prophetiensammlung Lux in Tenebris« und »Erlösung durch Philologie: der poetische Messianismus Quirinius Kuhlmanns«.
Zwar löste sich die apokalyptische Spannung mit Ausgang des Dreißigjährigen Krieges und angesichts der absolutistischen Bestimmung des Staates im Barock wieder; doch die Freisetzung von Spiritualismus, Irrationalismus und Apokalyptik birgt, wie Schmidt-Biggemann behutsam andeutet, einen objektiven Bewußtseinskern, der immer neu - und bis auf den heutigen Tag - sich geltend macht. Dem widerspricht nur scheinbar der Prozeß der Verwissenschaftlichung und der Historisierung, den der dritte Teil »Wissensordnungen im Umbruch« nachzeichnet. Die ersten beiden Aufsätze dieses Teils, »Topik als Methode historischer Wissensordnungen« und »Enzyklopädie und Philosophia perennis«, umreißen die traditionellen Konzepte der Topik und der Philosophia perennis, in deren Rahmen sich, wie der dritte Aufsatz »Welche Natur wird nachgeahmt?« beschreibt, jener neuzeitliche Begriff von »Natur« verfestigen konnte, dessen Eindeutigkeit als Produkt eines eher kontingenten historischen Prozesses kenntlich wird. Innerhalb dieses Prozesses nimmt Leibniz eine höchst merkwürdige Position ein, mit welcher der vierte Aufsatz »Der letzte Vertreter der Philosophia perennis« sich beschäftigt. Daß nicht eigentlich »Verwissenschaftlichung« des Wissens es war, was den traditionellen Raum der Philosophia perennis zum Zerspringen brachte, sondern Historisierung - also Verzeitlichung - ist Thema des fünften und sechsten Aufsatzes des dritten Teils: »Heilsgeschichtliche Inventionen: Annius von Viterbos Berosus und die historische Genealogie« und »Von der heiligen Weisheit zur archaischen Wildheit. Vico und die Renaissancephilosophie«. Giambattista Vicos (1668-1744) Scienza Nuova, »der entscheidende Schritt zur Auflösung der Philosophia perennis und zur Säkularisierung der Geschichte« (S.356), hat den Raum gestiftet, in dem geschichtsphilosophisches Denken noch heute zu verankern ist. Den nie zur vollen Entfaltung gebrachten Implikationen dieses Raums nachzuspüren, ist das Anliegen des »Nachspiels« des vorliegenden Bandes: »Ereignis, Zeit, Erzählung. Eine geschichtsphilosophische Betrachtung«. Wenn Schmidt-Biggemann abschließend vermutet, es gebe »keinen Begriff von radikaler Geschichtlichkeit der Welt ohne theologische Begrifflichkeit«, so konstruiert er damit einen Begriff von Gegenwart, in den sich durch alle Brüche hindurch der gesamte Gehalt einer Tradition einschreibt, die sich jedem unmittelbaren Zugriff versagt.
Timo Kölling