Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 4


 

Kunst in Marburg 2008. Ausstellung des Marburger Kunstvereins (4. Juli - 21. August 2008)

Gerhard Pätzold, Vorsitzender des Kunstvereins, weist in seinem Vorwort des Kataloges darauf hin, dass sich "die Anzahl der Ausstellenden von bisher 44 im Jahr 2006 auf 75 in diesem Jahr erhöht" habe. Der Anstieg spiegele "den veränderten Kontext von Ausstellungen in Marburg wider" und sei auch das Ergebnis "zunehmende[r] Ausbildungsmöglichkeiten".

In der Tat zeigt die Ausstellung ein breites Spektrum heutiger Kunst. Dennoch stellt sich nach einem Rundgang kein Eindruck von Beliebigkeit ein: Offenbar hat die Jury eine glückliche Hand bei der Auswahl der Werke gehabt, die sich bei aller Unterschiedlichkeit einem Gesamteindruck von Farbe, Fläche und Raumanspruch einordnen.

Luisa Biland: Blickwinkel V

Luisa Biland, deren Arbeiten ab August in einer eigenen Marburger Ausstellung zu sehen sein werden, ist mit zwei Bildern vertreten. Bilands Malweise ist unverkennbar - sanft, gleichsam nächtliche Bereiche öffnend, in die aber Licht einströmt, so dass eine fragile Balance zwischen Gegensätzlichem entsteht und damit die eigentliche Region ihrer Kunst. Man erkennt Reminiszenzen an Gegenständliches, Häuser, die unmittelbar im Sternenhimmel zu schweben scheinen. Sie sind dem Offenen und Weiten ausgesetzt, das aber nicht zur direkten Bedrohung wird. Eher transportiert der Spannungsbezug von Irdisch-Menschlichem und Kosmischem eine Ahnung von Glück und Schönheit. Wer sich auf diese Bilder einlässt, wird weit weg getragen, in eine Gegend, in der genau kontrollierte Intuitionen, der Ursprung archetypischer Fantasie, die Konstituentien ihrer Konturen stiften. Auch der Einbruch möglicher Gewaltsamkeit - das Rot des zweiten Bildes, das sich, scheinbar aus dem dunklen Hintergrund kommend, zwischen das lichtere Blau schiebt - kann das Gleichgewicht der inspirativen Bewegung nicht zerstören, sondern gehört ihm vielmehr selber an. Je länger man die Bilandschen Farben auf sich wirken lässt, um so deutlicher wird die Empfindung, dass sie mit Tiefenregionen unserer Seele kommunizieren. Was sich dort ballt, drängt und löst, unsichtbare Strukturen auf- und wieder abbaut, findet seine Entsprechung in diesem Draußen, in dem es sich wiedererkennt und in solchem Spiegelungsprozess von der eigenen Zwanghaftigkeit befreit.

Annegert Nitschke: Strand im Nebel

Annegert Nitschke nennt ihr Bild "Strand im Nebel" und verweist damit, man ist versucht zu sagen leider, auf einen konkreten Bezug der abstrakten Darstellung (so dass man nun meint, in dem schraffierten schwarzen Gebilde rechts vom Zentrum eine Kirche zu erkennen). Wird man diese gegenständliche Relation wieder los, sieht man eine Struktur, deren weicher beige-oder cremefarbener, sowie grauer Hintergrund - dieser schiebt sich, schleierartig verdünnt, vor jenen und kontrahiert sich im Zentrum zu einem Weiß, das von ihm aufsteigt und zugleich nach unten verfließt - die Basis einer schwarzen Form und roter Striche, die Übergänge im Konturlosen schaffen, bildet. Die Fragilität dieser Übergänge deutet an, dass die Kontinuität von Individuationsszenarien und erst recht von künstlerischen Inspirationsvorgängen, dem Nach- oder Vorbild jeder Individuierung, Brüche nicht ausschließen darf, sondern im Gegenteil mit ihnen operieren muss.

Gerda Waha: Macht-Los

Eine Serie der Afrika-Bilder Gerda Wahas ist in der Bilder-Rubrik des Forums zu sehen; der Marburger Kunstverein zeigt gleichfalls zwei von ihnen. Was besonders beeindruckt, ist die Schönheit ihrer Rot-Töne, die aber, schaut man auf die Gestalten, die einmal ("Verwirrung ") gegen einen unsichtbaren Angreifer zu kämpfen scheinen, ein anderes Mal ("Macht-Los") apathisch dahocken oder verzweifelt die Arme, in einem Hilferuf, der sich an niemanden richtet, nach oben strecken, etwas Lebensfeindliches bekommt. Beides, Schönheit und Todesbedrohung, gehen eine beunruhigende Verbindung ein, die uns zwingt, über die Faszination, die diese Arbeiten hervorrufen, nachzudenken. Sie sind also nichts weniger als immer plakative Kunst mit moralischem Zeigefingercharakter, sondern vielmehr der innere Austrag eines Reflexionsprozesses über den der Malerei immanenten Zusammenhang von Schönheit und Gewalt.

Lies Kruschwitz: ohne Titel

Die Arbeit von Lies Kruschwitz, die ebenso wie Gerda Waha Mitglied der Radenhausener Künstlergruppe ist, ist rein abstrakt, aus gedämpften Farben aufgebaut, die aber nicht wie bei Luisa Biland an Sternenräume denken lassen. Trotz der lichteren Gelbtöne fühlt man sich eher, sicherlich wegen des Rotbrauns des unteren Bildteils, an unterirdische Regionen erinnert. Eine verschobene Diagonale trennt das linke, hellere, Bilddrittel von der rechten Fläche; aber in beiden Partien gibt es ein konzentrisches dunkleres Gebilde, das mit seinem Gegenstück kommuniziert. Es scheint so, als würde das kompositionelle Gefüge etwas Besänftigendes enthalten und mitteilen.

Petra Börner: Libelle

Petra Börners "Libelle" ist aus sechs Teilen aufgebaut. Jeweils drei gehen trotz der verschiedenen Farbgrundierung ineinander über, wobei allerdings die erste der drei rechten Flächen einen stärkeren Akzent setzt. Was in der Malerei als "Natur" erscheint, ist aus unterschiedlichen Segmenten, die doch verbunden sind, aufgebaut. Merkwürdig genug, wird der Eindruck des Gemeinsamen durch die Trennungslinien verstärkt. Die Wirklichkeit unserer Apperzeption besteht aus Komponenten, die wir, mithilfe von Differenzsetzungen, zu einem offenen Ganzen zusammenfügen.

Maria Baum: ohne Titel (Textilcollage mit Stickerei)

Von Maria Baum sind zwei Textilcollagen mit Stickerei zu sehen, deren Plazierung in einem kleinen Nachbarraum des Obergeschosses sie ausgezeichnet zur Geltung kommen lässt. Sie vertragen nämlich kein weites Umfeld; ihre unglaubliche Ruhe und Stille bedarf der Abgrenzung. Dabei sind die kleinen Objekte nicht etwa spannungslos. Aber ihre Bewegung ist im wahrsten Wortsinn eingewoben in den Stoff, der sie dämpft - und trägt. Es ist tatsächlich, als ob, was sich als senkrechter oder diagonaler Impuls behauptet, doch von seinem Grundelement umfangen bleibt: Der Gegensatz darf sich aussprechen und ist zugleich in seiner mütterlich sanften Umgebung geborgen. Das Material entfaltet seine Wirkung. Rot, Blau, Grün und Grau schaffen gemeinsam, in freundlicher Differenz, einen Bereich des Friedfertigen.

Burgi Scheiblechner: Schlafes Bruder oder wer die Augen verschließt

Burgi Scheiblechners "Schlafes Bruder oder wer die Augen verschließt" zeigt zehn Köpfe mit geschlossenen Lidern. Diese Menschen schlafen nicht, noch sind sie wach, sondern wie in einem somnambulen Zustand gefangen. Manche scheinen beinahe verklärt zu lächeln. Der Titel gibt weiteren Aufschluss. Wer die Augen verschließt - vor dem Zustand der Welt oder Vorkommnissen der eigenen Umgebung, die ein Eingreifen verlangten - , erzeugt eine Verfassung von Selbsthypnose, etwas spezifisch Widersprüchliches, gewollten Schlaf. Man sieht direkt in die Seelen dieser Personen, deren wächserne Gesichtsblässe an Leichenstarre denken lässt. Die Figuren scheinen der von Dante beschriebenen Vorhölle zu entstammen. Das Bild provoziert einen Fehlschluss: So bin ich nicht, ich schaue mir Diese ja wach und aufmerksam an. Aber es greift über seinen Titel hinaus und öffnet eine Zwischensphäre des Beunruhigenden. Wer sieht oder nicht sieht, agiert oder nicht agiert, gehört doch einem Bereich an, in dem Personen nur Masken sind, die abgenommen werden können. Darunter verbergen sich Kräfte des Anonymen, die uns um so leichter steuern, je wacher und selbstbewusster zu sein wir uns einbilden.

Claudia Maria Riehl: ohne Titel

Zum Schluss des fragmentarischen Rundgangs durch die Ausstellung seien zwei Bilder ähnlicher Thematik, die wohl deswegen nebeneinander hängen: beide zeigen Gebäude, betrachtet. Claudia Maria Riehl drängt den Ausschnitt eines roten Hauses auf die Leinwand. Die Fensterhöhlen, nur eine ist ganz zu sehen, spiegeln nur Leere. Ein grelles Licht fällt auf die Mauern und wirft scharfe Schatten, so dass sich auch, was ein Baum sein könnte, zwischen Mauerwerk und Fenstern abzeichnet. Der Stil solcher Malerei ist durchaus bekannt, aber seine Umsetzung ist hier vollständig gelungen. Was wir sehen, ist Kulisse, eine festgebannte Front, hinter der sich nichts Lebendiges aufhalten kann. Dächte man sich menschliche Gestalten in oder vor dieses Haus, sie müssten selber erstarren (aber Scheiblechners Wächserne könnten hier nicht existieren). Diese Realität hat sich in ihr eigenes Bild verwandelt und gibt dem Betrachter zu verstehen, sie sei ein Bild, weil sie so real ist. Nimmt man diesen Widerspruch in Form und Farbe der Arbeit unmittelbar wahr, bekommt ihr Stummes den Ausdruck des Wirklich-Unwirklichen - unserer sich virtualisierenden Welt, die immer mehr zur Bühne, angefüllt mit Requisiten, eines endlosen Theaterstücks wird.

Helga Becker-Sulzer: Industrielandschaft

Die "Industrielandschaft" Helga Becker-Sulzers ist eigentlich kein Bild, sondern etwas wie ein fotografierter Realitätsausschnitt. Die Anlagen des Industriekomplexes türmen sich übereinander, aber paradoxerweise entsteht nicht der Eindruck von Größe, vielmehr wirken sie wie geschrumpft. Das Bildformat mag dabei eine Rolle spielen, eher jedoch die Dimensionslosigkeit des Aufbaus. Der rechte weiße Annex des dunklen Gebäudes im Vordergrund scheint klein wie eine Puppenstube, das offenstehende Tor beinahe in der Bildmitte könnte keinen Menschen aufnehmen. Aber diese unstimmigen Details sind es nicht, die das Misslingen der Arbeit verursachen; Schuld an ihm ist das Überwiegen des Realen, das umstandslos, ohne Transformation, ins Kunstwerk transportiert wird. Seine Übermacht zerstört, und verniedlicht es dadurch, dessen eigengesetzliches Dasein.

Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung werden noch eine ganze Reihe interessanter Bilder und Objekte der Marburger Künstlerinnen und Künstler entdecken, erwähnt seien zumindest noch Renate Brühl, Ursula Eske, Manfred Held, Günther Hermann, Johann Lämmle, Rainer Lather, Dieter Liedtke, Amélie Methner (großartig ihr trockenes, abgestorbenes, aber ganz unverletztes, gewissermaßen wiederauferstehendes Blatt mit schräg nach oben abstehendem Stengel einer Kastanie), Luise Raband-Dula, Stefan S. Schmidt, Johannes Schönert und Hartwig Schuchart. Zuviel der Eindrücke für einen Rundgang, empfohlen sei ein wiederholter Besuch.

Max Lorenzen

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