Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 4


 

Rolf Degen: Das Ende des Bösen. Die Naturwissenschaft entdeckt das Gute im Menschen, Piper Verlag, München/Zürich 2007, 295 Seiten, ISBN-13: 978-3492050319, 19,90 €

Längst genügt den Naturwissenschaften die Herrschaft über Labortische und Versuchsanordnungen nicht, sie dominieren die Seminarbänke und Feuilletons, bestimmen die Debatten, die endlich an ihr unphilosophisches Ende kommen und die schlechte Unendlichkeit überwinden sollen. Die Bewegung der Begriffe wird vom Oszillieren der Gehirnströme abgelöst, die den universalen Kausalzusammenhang weniger verwirren, eher widerspiegeln. Gleichwohl bleiben die Ergebnisse hoffnungsvoll widersprüchlich: Auf die Entzifferung der DNA durch Craig Venter und andere folgte der Nachweis, daß sie weit weniger informationsträchtig ist als befürchtet, daß die Gene die Bemühungen der Umwelt um sie nicht autoritär verweigern, sondern der Erziehung Spielraum lassen. Und die gehirnforsch vorgetragenen Thesen von der Nichtexistenz des freien Willens, das Leuchten von Arealen gegen das gedämpfte Schimmern von Argumenten setzend, ließen offen, warum sie ihre Lehre mit Gründen zu vertreten suchen, wo sie doch nur zerebralen Strukturen gehorchen. Eine erfolgreiche Debattenmethode, nämlich die, sich ins Wort  zu fallen, bewahrt ihre Aktualität jedoch und bewährt sich damit als unabhängig von der jeweiligen Leitwissenschaft.

Gehört es zum zeitgemäßen guten Ton, den freien Willen in Frage zu stellen, ist der Zweifel an der menschlichen Fähigkeit, moralisch zu handeln, bereits vor einigen Jahren tonangebend geworden. Richard Dawkins' 1996 übersetztes Buch "Das egoistische Gen" bot auf dem silbernen Tablett der Allgemeinverständlichkeit die Lösung für das Rätsel, wie es sein kann, daß Menschen Nachteile in Kauf nehmen, um anderen zu nützen. Dawkins vertrat die Auffassung, daß sich der scheinbare Widerspruch zum Darwinismus verflüchtigt, wenn man statt des Überlebens des Individuums als Programm der Natur die Weitergabe von Genen beachtet. Eine Mutter, um das Standardbeispiel zu nehmen, die ihr Leben opfert, um das ihres Kindes zu retten, handelt nur vordergründig altruistisch; indem sie dafür sorgt, daß ihr genetisches Material fortlebt, erfüllt sie ein egoistisches Ziel. Damit war einmal mehr eine verführerische Theorie in die akademische Welt getreten, die immer recht hatte und unwiderlegbar war, denn gleichgültig, wie die Mutter handelte, ob sie das Kind rettete oder sich, sie folgte dem Prinzip der Selbsterhaltung.

Rolf Degen setzt bei seiner Relativierung Dawkins' auf die Fachwissenschaft und weist nach, daß Moral von der Biologie weder als Illusion abgetan noch überflüssig gemacht wird, sondern vielmehr natürliche Wurzeln hat. Plausibel wird dies durch eine Vielzahl von Untersuchungen und Beobachtungen, welche bei höher entwickelten Tieren die Vorformen und Formen moralischen Verhaltens bestätigt haben. Schmetterlinge berücksichtigen die Regel "wer zuerst kommt, malt zuerst", die im Gegensatz zur Annahme steht, daß der Stärkere alles für sich beansprucht; Murmeltiere stehen für die Gruppe Wache, obwohl ihre Warnung vor dem Steinadler sie in tödliche Gefahr bringt, Fledermäuse geben weniger erfolgreich jagenden Artgenossen von ihrer Beute ab; fremde Not veranlaßt Schimpansen zur Hilfeleistung; unbeteiligte Raben bestrafen Artgenossen, die sich Futter aneignen, das ihnen nicht zusteht. Eindrucksvoll der Hinweis, daß Affen, die sich durch einen Hebeldruck Nahrung verschaffen können, dies unterlassen, sobald sie merken, daß derselbe Hebeldruck bei einem anderen Affen zu einem elektrischen Schlag führt, und tagelang aus Mitgefühl auf Essen verzichten. Die Kluft zwischen Mensch und Tier, als eine zwischen Uneigennutz und Eigennutz kartografiert, ist also eher ein schmaler Graben. Gelehrt und belehrend auch die psychologischen Experimente, die Degen referiert, alle geeignet, die in den sich gerne zu den Naturwissenschaften rechnenden Wirtschaftslehren gemachte Grundannahme des stets seinen Vorteil kalkulierenden homo oeconomicus in Frage zu stellen. Ob bei ausgelegten Geldbeuteln überraschende 45 % unangetastet abgegeben werden oder Schwerkriminelle es entsetzlich finden, kämen ihre Kinder vom Pfad der Tugend ab, ob das menschliche Gerechtigkeitsgefühl sich über Mißstände empört, die das Individuum nicht betreffen, oder der Neid erfolgreich durch Normen gebändigt wird, Degen schildert die Varianzbreite menschlichen Verhaltens, zu dessen Möglichkeiten die Moral auch deshalb gehört, weil sie nicht nur für die Gesellschaft unabdingbar ist, sondern den Einzelnen belohnt: Dankbare Menschen leben zufriedener, zuverlässige haben größere Chancen bei der Partnerwahl, die Fähigkeit zu verzeihen fördert die Gesundheit. Eine wesentliche Rolle für Degens These vom Ende des Bösen spielt das berühmte Gefangenendilemma, in welchem zwei Angeklagte vor dem Angebot stehen, als Kronzeuge gegen den jeweils anderen einen Freispruch zu erhalten, während der Mitangeklagte zwanzig Jahre ins Gefängnis muß. Gestehen beide, hat dies zehn Jahre Haft zur Folge, bleiben beide standhaft, beträgt das Strafmaß fünf Jahre. Das Dilemma wird in Varianten experimentell durchgespielt, die zu unterschiedlichen Ergebnissen führen, als Fazit aber hält Degen fest, daß nie die Mehrheit der Probanden auf die egoistische Karte setzt. Dem Autor, der seine journalistische Absicht nicht versteckt, gelingt es, die schwarze Anthropologie aufzuhellen. Doch zeigt der häufige Gebrauch des Modaladverbs "vielleicht", welches Wilhelm Busch als "Hinterpförtchen" empfohlen hat, daß die Indizien auf den guten Willen der Weltanschauung angewiesen sind.

Um ihre Bedeutung einzuschränken, bedarf es einer Analyse der Begrifflichkeit, die, das oben Gesagte variierend, an einem Beispiel skizziert sei. Ein Kind bricht auf einem vereisten See ein, A kommt auf dem Weg zu einer  Besprechung vorbei und hört die verzweifelten Schreie. Er reagiert sofort und rettet das Kind, wobei er sich eine Lungenentzündung zuzieht; außerdem verpaßt er einen einträglichen Geschäftsabschluß. B entscheidet konträr: Er überhört die Rufe, da er nicht befürchten muß, daß jemand sein moralisches Versagen bemerkt, und kommt rechtzeitig zum Termin, der finanziell erfolgreich verläuft. Der Anschein gegensätzlichen Verhaltens löst sich scheinbar auf, wenn man A persönliche Vorteile als Motiv unterstellt: A will den Gewissensbissen ausweichen, die ihn plagen würden, wenn er das Kind nicht rettete. Oder: A will die soziale Anerkennung, welche für seine Tat zu erwarten steht. Oder: A will religiöse Anerkennung. Als gläubiger Mensch nimmt er an, etwas für sein Seelenheil getan zu haben und im Himmel belohnt zu werden. Oder: A denkt daran, daß er ein Kind hat, das in eine ähnliche Lage geraten könnte, ein Fall des sogenannten reziproken Altruismus, und da er möchte, daß andere Menschen handeln wie er, entscheidet er sich für die Rettung. Weitere Mutmaßungen sind denkbar, das Vorgehen bliebe dasselbe. Es gilt, die schmutzigen Wurzeln der leuchtenden Blüte zu zeigen, und die Tatsache auszunutzen, daß keine Handlung in ihren Motiven vollständig durchsichtig ist, auch dem Handelnden nicht. Mag solches Psychologisieren boshaft und eigennützig wirken, entscheidend ist seine begriffliche Unschärfe. Betrachtet  man nämlich die gleich gesetzten Motive genauer, stehen bei A ideelle Werte im Vordergrund – Gewissen, Ansehen, Gegenseitigkeit, Seelenheil –, wohingegen B materiellen Werten folgt – Gesundheit, Bequemlichkeit, finanzieller Nutzen. Bs Vorteile sind handfest, unmittelbar und gewiß, As Vorteile vage, mittelbar und ungewiß. Es zeigen sich zwei 'Sorten' Egoismus: der von B, der konkrete Vorteile wahrnimmt, selbstischen Motiven gehorchend, und der von A, der abstrakte Vorteile berücksichtigt. Beachtet man, daß der Egoismus Bs sich obendrein für andere negativ auswirkt, besteht kein plausibler Grund dafür, zwei in Motiv und Auswirkung unterschiedliche Handlungen mit demselben Terminus zu bezeichnen und alles menschliche Verhalten unter dem individuellen oder kollektiven Eigennutz zu subsumieren. Gegenteilige Verhaltensweisen unter demselben Begriff zu subsumieren, heißt Faule und Fleißige als Faußige um ihre Unterschiede bringen. Es bleibt über dem Markttreiben der Meinungen das Spruchband Pascals zu Recht aufgespannt: Der Mensch ist weder Engel noch Tier, und das Unglück ist, daß, wer einen Engel aus ihm machen will, ein Tier aus ihm macht.

Michael Rumpf

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]