Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 4


 

Michael Gamper: Masse lesen, Masse schreiben. Eine Diskurs- und Imaginationsgeschichte der Menschenmenge 1765-1930, Wilhelm Fink Verlag, München 2007, 582 S., ISBN 978-3-7705-4436-3, 68,00 €

Im Jahresbericht 2004 der Universität Zürich (S. 20) findet man das Fotoporträt eines jungenhaften, ausgesprochen sympathisch lächelnden Wissenschaftlers: Michael Gamper hält einen dicken Stoß Bücher mit leichter Geste in Händen und präsentiert darunter die Kurzskizze seines Forschungsprojekts Masse lesen, Masse schreiben: „In meiner Arbeit zur Konzeptgeschichte der Menschenmasse versuche ich zu zeigen, wie seit dem 18. Jahrhundert die Erfahrung der unzählbar Vielen [sic] vom kritischen Gegenstand menschlicher Wahrnehmung zu einem zentralen Moment des modernen Wissens beziehungsweise Imaginären geworden ist – und welche Rolle dabei der Begriff der ‚Masse‘ gespielt hat. Für einen Germanisten bedeutet dies: kaum Begegnungen mit Menschen, aber viel Kontakt mit Massen, nämlich mit Massen von Büchern.“

Nun liegt also seit 2007 Gampers Habilitationsschrift in Druckfassung vor und stellt den Leser, dem der Untertitel (Eine Diskurs- und Imaginationsgeschichte ...) eigentlich vorbereitende Warnung genug hätte sein können, erst einmal vor eine Reihe von Verständnisfragen – zunächst schon vor die, mit welchem Untersuchungsgegenstand wir es überhaupt zu tun haben. Zumeist nämlich vernachlässigt Gamper die in der Soziologie nicht unübliche Unterscheidung zwischen „Masse“, verstanden als eine Menschenzusammenkunft anläßlich eines Ereignisses oder Anlasses (Fußball, Christopher Street Day oder Hexenjagden), und „Masse“, verstanden als nicht weiter qualifizierte Bevölkerungsmehrheit (wie in „Massenkonsum“, „Massenkommunikation“, „Massengesellschaft“ etc.), und läßt den um terminologische Transparenz bemühten Leser wissen: „‚Masse‘ blieb [...] stets ein zwischen Metapher und Begriff schwankendes, semantisch mehrfach determiniertes und immer wieder neu konstruierbares Konzept, so dass unter verschiedenen Bezeichnungen der gleiche Gegenstand und unter gleicher Bezeichnung verschiedene Phänomene erfasst werden konnten.“ (S. 20) Immerhin jedoch stehe „Masse“ grundsätzlich in der „doppelten Beziehung zu Aufruhr und Nivellierung“. ( S. 41)

Der Autor setzt das Wort „Masse“ fast durchgängig in einfache Anführungszeichen und möchte damit den ganz speziellen epistemologischen Status dieses sprachlichen Ausdrucks indizieren: „[D]amit soll deutlich gemacht werden, dass hier eine Konzept-, Imaginations- und Diskursgeschichte der ‚Masse‘ erzählt wird.“ (S. 17, FN 20) Oder: „Auch hinsichtlich [der] Überlegungen zur historischen Semantik erscheint es sinnvoll, ‚Masse‘ bzw. ‚Vermassung‘ in einfache Anführungszeichen zu setzen, um so die zu beschreibenden diskursiven Zurichtungen des Kollektivs kenntlich zu machen“. (S. 20, FN 26) Einfacher gesagt, handelt es sich also in diesem Buch nicht um die Sache, sondern um das „Lesen“ und „Schreiben“ von Masse, also um Diskursgeschichte. Gamper erklärt: „Auch für das Auftreten der ‚Masse‘ gilt, was Foucault über das Gesetz des ‚Archivs‘ sagte: nämlich, ‚daß man, wenn es gesagte Dinge gibt [...] [Auslassung im Original], nicht die Dinge, die sich darin gesagt finden, oder die Menschen, die sie gesagt haben, sondern das System der Diskursivität und die Aussagemöglichkeiten und -unmöglichkeiten, die es ermöglicht, nach dem unmittelbaren Grund dafür befragen muß‘.“ (S. 15f.)

So weit, so foucaultianisch, so gut. Damit aber nicht genug: Jetzt kommt auch noch das „Imaginäre“ ins Spiel; präziser: das „radikal Imaginäre“, wie Cornelius Castoriadis es in Gesellschaft als imaginäre Institution entwickelt hatte. Es (das Imaginäre bzw. auch das radikal Imaginäre) bildet „ein autonomes, prä-reales und prä-rationales, kollektiv verfügbares Bilderreservoir, aus dem die Gesellschaft qua Instituierung ihre konkreten Verkörperungen bezieht“. (S. 34f.) Die „Gesellschaft selbst aber ist“, so möchte Gamper uns Castoriadis verständlich machen, keineswegs, wie wir es vielleicht gedacht hatten, ein „System von Mengen und Strukturen“, sondern „Magma“. (S. 36)

Unter diesem „Magma“ nun versteht man, so Castoriadis im Originalton, „eine Vielheit, die nicht im üblichen Sinne des Wortes eine ist, die wir aber als eine kennzeichnen. Sie ist auch keine Vielheit in dem Sinne, daß wir tatsächlich oder potentiell abzählen könnten, was sie ‚enthält‘. Dennoch lassen sich in ihr Terme kennzeichnen, die nicht vollends ineinander verschwimmen. Man hat sich also eine unbegrenzte Masse von Termen vorzustellen, die obendrein noch changieren können und nur durch eine fakultativ transitive Prä-Relation – die Verweisung – zusammengehalten werden; ein Konglomerat nicht streng voneinander geschiedener Bestandteile einer Mannigfaltigkeit; ein unentwirrbares Bündel verfilzter Gewebe aus verschiedenen und dennoch gleichartigen Stoffen, übersät mit virtuellen und flüchtigen Eigenheiten.“ (S. 37)

Doch hat man sich bei der Lektüre der – weitgehend chronologisch gereihten – sieben Hauptkapitel auf 500 engbedruckten Seiten nicht nur auf einen modernistischen Wissenschaftsjargon einzustellen, der jeden Manierismusallergiker nach einem starken Antihistaminikum verlangen läßt, sondern wird auch vom dauernden Unbehagen befallen, die Abhängigkeit Gampers von Foucault sei dermaßen gravierend, daß schwerer Methodenabusus vorliegen könnte. Das gilt insbesondere im Hinblick auf die Verwendung des Paradigmas der „Gouvernementalität“, das Foucault 1978/79 in die Diskussion um die Analyse von Macht und Herrschaft eingebracht hatte und mit dem sich heute ziert, wer kulturwissenschaftlich en vogue sein will. Möchte man den Zungenbrecher „Gouvernementalität“ meiden, kann man statt dessen wohl „Regierung“ als diskursanalytischen Terminus technicus verwenden, um die Beobachtung zu benennen, daß moderne Staaten mit liberaler Verfassung bei der Herstellung von Konformität nicht so sehr auf äußeren Zwang als vielmehr auf die Selbstlenkung der Subjekte resp. Untertanen oder Bürger setzen.

Gampers Absicht ist es nun, anhand der Analyse von Texten unterschiedlichster Gattungen und Fachdisziplinen darzulegen, mittels welcher Zähmungsstrategien und -techniken das in jeder Hinsicht schwer greifbare Phänomen „Masse“ diskursiv zugerüstet und domestiziert wurde. Beispielsweise hätten Herder (mit seinen Bemühungen um die Volkspoesie) oder Schiller (mit seinen Bemerkungen zur Funktion der „Schaubühne“) eine „Technik perfektioniert, die Foucault mit Johann Jacobi von Wallhausen, einem Kriegstheoretiker des frühen 17. Jahrhunderts, die ‚Kunst der guten Abrichtung‘ nennt und die sich, etwa in den pastoralen Praktiken der Policey, daran gemacht hat, ‚die unsteten, verworrenen, unnützen Mengen von Körpern zu einer Vielfalt von individuellen Körpern, Elementen, kleinen abgesonderten Zellen, organischen Autonomien, evolutiven Identitäten und Kontinuitäten, kombinatorischen Segmenten‘ zu formen. Am Ende dieser Entwicklung steht das verlässliche, innengelenkte autonome Individuum“. (S. 82f.)

Mit Verblüffung hat man demnach zur Kenntnis zu nehmen, daß der Autor der Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen dingfest gemacht wird als „Teil [...] einer Bewegung, in der sich Staatsmacht immer subtiler in Bereiche vorschob, die zuvor der Politik nicht zugänglich waren.“ (S. 78) Schiller, ein mit allen Wassern gewaschener Agent der „Staatsmacht“. Wer hätte das gedacht!

Daß „Weiber zu Hyänen“ werden, war freilich ein Topos der zeitgenössischen Berichterstattung über die Zustände der Französischen Revolution. Besonders der konservative Engländer Edmund Burke (Burkes „crowd“ verdeutschte sein Übersetzer Gentz mit „Masse“, wodurch dieses Wort erstmals im nichtphysikalischen Gebrauch in unsere Sprache gelangte) nahm kein Blatt vor den Mund und nannte die revolutionären Frauen „höllische Furien“ (S. 137). Ob aber nun die europaweit kursierenden Nachrichten über die Revolutionsexzesse, in denen auch von Anthropophagie die Rede war, den Tatsachen entsprachen oder ob es sich um bloße Propaganda handelte, das schert einen veritablen Foucaultianer nicht im geringsten. Denn: „Den Darstellungen wohnt eine irreduzible Perspektivität inne, die objektive Information verunmöglicht.“ (S. 165)

Die dazugehörige Fußnote (FN 200) gewährt einen aufschlußreichen Einblick in die skurrile Denkweise von Diskursanalytikern: „Damit soll nicht in Zweifel gezogen werden, dass tatsächlich Gräuelakte [sic] mit kannibalischen Praktiken vorgekommen sind, vielmehr soll bloß die Frage nach der Objektivität beziehungsweise Adäquatheit des Geschilderten suspendiert bleiben. Von Interesse ist hier nicht die Existenz von Kannibalismus, sondern lediglich der diskursive Effekt von dessen Behauptung.“ – Man stelle sich vor, eine derartige – tendenziell exkulpatorische – forschungslogische Prämisse würde von anderen für andere historische Gegenstände geltend gemacht, etwa für die Verbrechen der Nazis ... sapienti sat! (Es ist, nebenbei gesagt, überhaupt keineswegs einsichtig, warum Gamper seinen Untersuchungszeitraum mit dem Jahr 1930 enden läßt; da also, wo der Massenwahn in Deutschland katastrophal wurde.)

Dem durchgängig fein und vornehm gepflegten Verzicht Gampers auf historische Wirklichkeitserkenntnis korrespondiert eine grobe Hermeneutik des Verdachts, die in nur schlecht verhohlener Parteilichkeit gründet. Masse lesen, Masse schreiben sympathisiert, speziell in den Kernpassagen zur Französischen Revolution, erwartungsgemäß mit dem „Anderen“: mit dem undomestiziert „Wilden“ und auch mit der „Frau“ (S. 151f.), wohingegen die Sicht „des elitären weißen Mannes“ (S. 150) durchgängig mit Mißtrauen beäugt wird. – Eine feministische Tendenzschrift aus den späten 1990ern (S. 150, FN 122) gebe verläßliche Auskunft über die tatsächliche, „bemerkenswert[e]“ Beteiligung der Frauen an den Revolutionsereignissen.

Es ist schon kurios, wenn ein „elitärer weißer Mann“ wie der nunmehr zum Professor der Germanistik avancierte Autor Michael Gamper sich selbst und seinesgleichen diskursanalytisch desavouiert, um im Wissenschaftstrend zu liegen. Schlichtweg unentschuldbar aber ist es, daß Gamper auf Seite 181 Christoph Martin Wieland, einen der gelehrtesten, freiesten, aufgeklärtesten, unabhängigsten und unbestechlichsten Geister deutscher Sprache, denunziert, und zwar deshalb, weil Wieland – unparteiisch – die „Wahrheit“ über die Französische Revolution suchte.

Der durchschnittliche Leser hat sich also auf zahlreiche Eigenwilligkeiten, Schwerverständlichkeiten und, sagen wir es neudeutsch: „Herausforderungen“, einzustellen. Sei es, wenn es im weiteren Verlauf um die Interpretation von Novalis’ Glauben und Liebe geht, um konservative Staatstheorien im Kontext der Spätromantik (Adam Müller und Joseph Görres), um Bevölkerungspolitik und Proletariat und das Kommunistische Manifest; sei es, wenn Nietzsches Antiegalitarismus mitsamt seinen Folgewirkungen um 1900 oder die „Diskursivierung“ von „Masse“ in Soziologie, Psychologie und Literatur am Ende des Untersuchungszeitraums verhandelt werden.

Ein Fazit gönnt uns Gamper am Ende nicht. Statt dessen liefert er ein Capriccio zu zwei Gegenwartsstücken (Rainald Goetz’ Heute Morgen und Elfriede Jelineks Ein Sportstück). Philosophisch Interessierte hätten sich vielleicht eher gefreut zu erfahren, was Gamper über Peter Sloterdijks wahrhaftig hochgescheites Suhrkamp-Bändchen von 2000 (Die Verachtung der Massen), die gedruckte Version eines 1999 an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München gehaltenen Vortrags, denkt. Sloterdijks Überlegungen bringen die aktuell wuchernde Debatte um „Elite“ und „die anderen“ unter dem Leitmotiv „Entvertikalisierung“ weitsichtig und philosophiegeschichtlich tiefgehend punktgenau auf den Begriff.

Des weiteren übergeht Gamper auch – dies mag der zeitlichen Überschneidung geschuldet sein –, daß die älteste und zäheste Massenorganisation der Welt, die katholische Kirche, das Problem des Status „der vielen“ seit 2005 mit großem theologischem Aufwand nachvatikanisch wieder diskutiert. Wer sich hierüber informieren möchte, ist sehr gut beraten, den 2007 bei Herder von dem Freiburger Fundamentaltheologen Magnus Striet herausgegebenen Aufsatzband Gestorben für wen? zur Frage der eucharistischen Wandlungsworte („pro multis“) zu Rate zu ziehen.

Franz Siepe

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