Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 4


 

Ansgar Nünning / Vera Nünning (Hrsg.): Einführung in die Kulturwissenschaften, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart - Weimar 2008, 392 S., ISBN 978-3-476-02237-0, 19,95 €

„Der wahre Zweck des Menschen – nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt – ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“ So schrieb der junge Wilhelm von Humboldt in den Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen. Das ist ein Kernsatz des humanistischen Universalismus, der unser Bildungsideal bis noch vor wenigen Dekaden grundierte und der inzwischen aus allerlei Gründen – respektablen und weniger respektablen – allgemein in Mißkredit geraten ist, wenngleich Humboldts Name – insonderheit im Selbstrekrutierungsdiskurs unserer Neo-Eliten – gegenwärtig renobilitiert zu werden scheint.

Wer jedoch Humboldts o. g. Schrift weiterliest, wird bald feststellen, daß das dort unterbreitete Entwicklungsideal des Zu-sich-selbst-Kommens des menschlichen Geistes an sich frei ist von jeder Exklusivitätsaspiration, so unzulässig highbrow-normativ es uns, die wir Jauch-TV für Bildung halten, auch vorkommen mag. Die Sachlage erlaubt vielleicht die Wiedergabe einer längeren Passage:

„Man glaube auch nicht, daß jene Geistesfreiheit und Aufklärung nur für einige wenige des Volks sei, daß für den größeren Teil desselben, dessen Geschäftigkeit freilich durch die Sorge für die physischen Bedürfnisse des Lebens erschöpft wird, sie unnütz bleibe, oder gar nachteilig werde, daß man auf ihn nur durch Verbreitung bestimmter Sätze, durch Einschränkung der Denkfreiheit wirken könne. Es liegt schon an sich etwas die Menschheit Herabwürdigendes in dem Gedanken, irgendeinem Menschen das Recht abzusprechen, ein Mensch zu sein.“ Und dann sagt Humboldt etwas, das für uns alle gelten könnte, wenn es denn noch für uns alle gelten könnte: „Keiner steht auf einer so niedrigen Stufe der Kultur, daß er zur Erreichung einer höheren unfähig wäre; und sollten auch die aufgeklärteren religiösen und philosophischen Ideen auf einen großen Teil der Bürger nicht unmittelbar übergehen können [...], so verbreitet sich doch die Erweiterung, welche alle wissenschaftliche Erkenntnis durch Freiheit und Aufklärung erhält, auch bis auf sie herunter, so dehnen sich doch die wohltätigen Folgen der freien, uneingeschränkten Untersuchung auf den Geist und den Charakter der ganzen Nation bis in ihre geringsten Individua hin aus.“

Tatsächlich befällt uns mittlerweile Unbehagen, und wir lächeln allenfalls müde, falls wir einmal einem derart idealistischen Humanitätsbegriff mitsamt den dazugehörigen Essentialismen wie „ewig unveränderliche Vernunft“ oder „Geist und Charakter der ganzen Nation“ begegnen. Schließlich sind, wie der Gießener Philosophieprofessor Franz Josef Wetz hier im Marburger Forum ( http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2008-3/Wetz_MW.htm) jüngst dekretierte, „alle substantiellen Sinn- und Orientierungswahrheiten ihrer weltanschaulichen Prägung wegen nicht verallgemeinerungsfähig“.

Derjenige, der Franz Josef Wetz und damit dem derzeit gängigen Postulat folgen möchte, daß die Geltung ethischer Aussagen von nichts anderem als von ihrer Universalisierbarkeit abhängt, tut mithin gut daran, einen – minimalistisch-postaufklärerischen – Verzichtsappell an sich selbst zu richten: „Habe Mut, dich deines sinndurstigen Geistes zu entledigen, wenn du nicht von der Indifferentistenmajorität aus der Diskursgemeinschaft ausgeschlossen werden willst!“ – Was soll dann aber eine Ethik, die sich dadurch legitimiert, daß sie per se von jedermann akzeptierbar ist?

Freilich ist mit der Erosion aller metaphysischen/ontologischen/anthropologischen Maßgeblichkeiten auch die für das Humboldsche Verständnis von Menschlichkeit wesentliche Differenzierung zwischen „höherer“ und „niederer“ Kultur obsolet geworden: Welche – verallgemeinerbaren – Kriterien sollten uns denn etwa noch zur Verfügung stehen, um eine Mozart-Messe für sublimer zu halten als Gangsta-Rap oder Michelangelos Weltgericht für höherrangig als tätowierte Hinterbacken? (Eine Marginalie: Bernard Stieglers Die Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien, Suhrkamp / edition unseld, Frankfurt am Main 2008, läßt keinen Zweifel daran, daß es Geld- und Machtinteressen sind, welche die Höllenmaschinerie der Massenverdummungsmedien betreiben, um uns von dem abzuschneiden, was in konservativer Terminologie einmal „kulturelles Erbe“ hieß.)

Inzwischen hat – wir kommen zu dem von Vera und Ansgar Nünning herausgegebenen Sammelband Einführung in die Kulturwissenschaften – das bizarre Konstrukt der anglo-amerikanischen Cultural Studies in Gestalt von „Kulturwissenschaft“ resp. „Kulturwissenschaften“ (das schwankt in der Tat zwischen Singular und Plural) auch die deutschen Hochschulen erfaßt; und der Prozeß der sukzessiven Ablösung der alten Geisteswissenschaften durch diesen – durchaus nicht überall willkommenen – Import scheint mit dem Bolognaprozeß eine unaufhaltsame Dynamik zu erfahren.

Wir hatten uns die Freiheit eines längeren Zitats vom ausgemusterten Humboldt genommen, weshalb wir uns nun aus Paritätsgründen auch einen ausführlichen Ausschnitt aus dem aktuellen, wahrscheinlich überaus generalisierungsfähigen Kuturtext à la Nünning/Nünning genehmigen wollen. Es handelt sich um einen Passus des Beitrags des Münsteraner Germanisten (sic) Moritz Baßler mit der Überschrift „New Historicism, Cultural Materialism und Cultural Studies“. Auf S. 150 unseres Buches haben wir zu vernehmen: „‚It [i. e. die cultural studies (im Englischen/Amerikanischen ein Nomen, das ein Verb im Singular erfordert)] does not take its questions from theory or even from particular academic disciplines‛, sondern ist primär ‚politically driven‘ [Hervorgeh. im Orig.], genauer: ‚committed to producing knowledge that both helps people understand that the world is changeable and that offers some direction for how to change it (Grossberg 1997, S. 264). Oder etwas peppiger formuliert: ‚I’m trying to return the project of cultural studies from the clean air of meaning and textuality and theory to the something nasty down below‛ (Hall 1992, S. 278). Das Projekt der Cultural Studies-Forscherin ist somit von Beginn an ‚explicitly political and interventionist (Musner 1999, S. 581). In der Praxis heißt das: Sie nimmt sich einen aktuellen Gegenstand der Gegenwartskultur [Hervorgeh. im Orig.] vor – Fotos von AIDS-Patienten, Nippes in einer Immigranten-Wohnung, eine Baustelle, Hip Hop-Platten, Fußballfans, einen Schwarzenegger-Film, die deutsch-polnische Grenze, einen neuen Typ von Straftat, eine Sit-Com, den Prozess gegen O. J. Simpson, um nur ein paar reale Beispiele zu nennen. Diesen Gegenstand analysiert sie auf seine diskursiven, politischen und lebensweltlichen Implikationen und Kontexte hin.“

Zugegeben: Es handelt sich um ein extremes Beispiel. Trotzdem gibt sich in dieser Kostprobe eine Reihe von Charakteristika der „Kulturwissenschaften“, so wie sie sich im hier zu besprechenden Band präsentieren, paradigmatisch zu erkennen. Ins Auge springen das Globalisierungskauderwelsch (multilingual zusammengequirlte Sprachbrühe); das zwanghafte „Gender-Mainstreaming“ (Obschon die drei zitierten Autoren männliche Vornamen tragen (Lawrence, Stuart und Lutz), beharrt der Verfasser auf feministischer Korrektheit, indem er sie grammatisch verweiblicht (Cultural Studies-Forscherin).); das unverblümte Eingeständnis der Parteilichkeit („politically driven“) und schließlich der Hang zum Niedrigen und zum Schmuddeligen (Die Formulierung „to the something nasty down below“ läßt allerlei assoziieren; am ehesten solche Dinge, die derzeit unter „Feuchtgebiete“ laufen.).

Nun denn. Im Vorwort legen Nünning/Nünning den Zweck und die Adressaten ihrer Einführung in die Kulturwissenschaften folgendermaßen fest: „Der Band richtet sich zum einen an Studierende (und Lehrende) der neuen kulturwissenschaftlichen Studiengänge, zum anderen an Studierende der im Zuge des Bolognaprozesses allerorts neu etablierten B.A./M.A.-Studiengänge in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Damit trägt er der Tatsache Rechnung, dass die Kulturwissenschaften auch in den Philologien – von der Anglistik und Amerikanistik über die Germanistik bis zur Romanistik und Slavistik – sowie in zahlreichen weiteren Fächern (von der Geschichte und Kunstgeschichte bis zur Politikwissenschaft und Soziologie) inzwischen Fuß gefasst haben und dass viele der neuen B.A./M.A.-Studiengänge entweder eine kulturwisssenschaftliche Ausrichtung oder aber kulturwissenschaftliche Anteile oder Module haben.“ (S. XII)

Wer sich nun das bißchen Mühe macht, sich einmal im Internet umzusehen, wie denn so ein kulturwissenschaftlicher Studiengang alla bolognese (pardon für den Kalauer!) eigentlich aussieht, findet z. B. zur Universität Bremen eine Profilskizze, in der völlig schamlos die marktkonforme Globalisierungstauglichkeit dieses Ausbildungsangebots angepriesen wird. Offenen Mundes las der Rezensierende: „Flexibilität ist im öffentlichen Kulturbetrieb und in privaten kulturellen Unternehmungen hinsichtlich des sich ständig weiterentwickelnden Kulturmarktes zunehmend erforderlich. Eben diese Fähigkeit der Anpassung sollen die Studierenden erwerben.“
(http://www.acquin.org/de/akkreditiert/akkreditiertstudiengang2.php?id=485&)
Möglicherweise wird ein dieses Studium erfolgreich absolviert habender Bachelor (Bachelorin?) irgendwo ein Pöstchen als garantiert „angepaßter“ Agent des „Kulturtransfers“ ergattern, womit sie/er dann, wie unser Buch auf S. 319 tönt, zu den „Vermittlerinstanzen“ gehört – zu den „Vermittlerinstanzen (oder -figuren) wie die Übersetzer, Verleger, Dramaturgen und Schriftsteller anderer [?] Sprach- und Kulturräume, die sich etwa mit Shakespeares Werk auseinandergesetzt haben und hierbei den spezifischen kulturellen und sozialen Erwartungshorizont der Zielkultur zu berücksichtigen suchen; oder die Marketingchefs, aber auch die Leiter der McDonald’s Restaurants vor Ort, die mit Blick auf kulturspezifische Essens- und Verhaltensgewohnheiten sowie das kulturelle Wertesystem der Kunden das Essensangebot, die Raumgestaltung, den Serviceablauf, die Werbung und Öffentlichkeitsarbeit kulturspezifisch anzupassen suchen.“

Der/dem Studierenden der Kulturwissenschaft resp. der Kulturwissenschaften steht allerdings auch die Option offen, sich sogleich auf den Schwerpunkt „Kulturraumstudien“ (Area Studies) zu spezialisieren, deren Ziel es ursprünglich (in den 1940ern) war, „Kultur und Mentalitäten und damit die Wertvorstellungen und Reaktionsmuster der mit den USA konkurrierenden oder ihnen feindlich gegenüber stehenden Mächte zu erforschen und Spezialisten für die entsprechenden Praxisbereiche auszubilden“ (S. 309), und deren Aufgabe heutzutage darin besteht, den Globus auf friedlichem Wege mit dem American way of life zu beglücken.

Daß diese Sicht auf die intentionale Verfaßtheit der Kultuwissenschaft(en), indem sie sich auf die Fast-food-Aspekte kapriziert, einigermaßen polemisch zugespitzt ist, sei freimütig eingeräumt. Immerhin aber spricht selbst Doris Bachmann-Medick in ihrem Aufsatz über „Kulturanthropologie“ (ehemals Ethnologie) vom „Ende des Kulturbegriffs“ (S. 96), auf das der von dieser Disziplin forcierte Kulturrelativismus zusteuere. Zweifellos ist Bachmann-Medick eine Kennerin der Materie und hat mit Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften (rowohlts enzyklopädie, Reinbek bei Hamburg, 2. Aufl. 2007) eine lesenswerte Übersichtsdarstellung der diversen „Wenden“ (Interpretive Turn, Postcolonial Turn, Iconic Turn etc.) vorgelegt.

Am Ende sei, um auch einen Eindruck von der Vielfalt der Arbeitsfelder zu geben, die Liste der Kapitelüberschriften der Einführung in die Kulturwissenschaften vorgestellt:

Kulturwissenschaften: Eine multiperspektivische Einführung in einen interdisziplinären Diskussionszusammenhang (Vera Nünning und Ansgar Nünning)
Kulturbegriffe und Kulturtheorien (Claus-Michael Ort)
Kultursemiotik (Roland Posner)
Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft (Wilhelm Voßkamp)
Kulturanthropologie (Doris Bachmann-Medick)
Historische und literarische Anthropologie (Harald Neumeyer)
New Historicism, Cultural Materialism und Cultural Studies (Moritz Baßler)
Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen (Astrid Erll)
Kulturgeschichte (Ute Daniel)
Kultursoziologie (Rainer Winter)
Kulturpsychologie und Psychoanalyse als Kulturtheorie (Jürgen Kramer)
Kulturökologie (Peter Finke)
Kulturwissenschaftliche Xenologie (Aloys Wierlacher und Corinna Albrecht)
Kulturraumstudien und Interkulturelle Kommunikation (Hans-Jürgen Lüsebrink)
Kulturwissenschaften und Geschlechterforschung (Renate Hof)
Medienkulturwissenschaft (Siegfried J. Schmidt)

Es hat sich also Beachtliches während der letzten Jahre im Bereich der guten alten Geistes- und Sozialwissenschaften getan. Das hier vorgestellte Buch ist als Dokument dieses Geschehens auch von dem ernst zu nehmen, der es vorzieht, skeptisch auf Distanz zu bleiben.

Franz Siepe

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