![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 5
„Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde“.
„Kreativität entspringt aus dem Bewußtsein der Sterblichkeit und Vergänglichkeit, aus der Dialektik von Eros und Thanatos“. ( Philipp Blom)
In Anlehnung an Devereux verlasse ich die „Vogelperspektive“, um das Dilemma zu umgehen, „einen Menschen erforschen zu wollen, ohne selbst menschlich zu sein“. Was bedeutet, eben nicht in eine „schwelgerische Form lyrischer Poesie“ zu verfallen, zu welchen Gefühlsprojektionen die Beschäftigung mit Goethe uns führen könnte. Empathie wird mir helfen, letztlich zu sagen:
„Und das nehme ich wahr“ ( Devereux). Und erlaube mir, Goethe zu fragen: wie hielt Er es denn mit der Empathie?
Aus neurobiologischen Forschungsergebnissen ist bekannt, dass eine der im Gehirn nicht verankerten menschlichen Fähigkeiten die ist, empathisch zu sein. Eine andere ist die fehlende Hemmung, Artgenossen zu töten. Immerhin unterschrieb Goethe auch Todesurteile. Wir wollen jedoch nicht rein neurobiologisch erklären, was aus der persönlichen Geschichte eines Menschen heraus verständlich wird. Bei näherer Betrachtung von Goethes Angst- und Konfliktlösungsstrategien verstehen wir den Ausdrucksgehalt seines Mangels an Empathie, seiner affektiven Apathie, seiner „Leere außen und innen“(nach dem Tod Chrsistianes) als Schutzpanzer. Im Werther spricht Goethe von einer Lücke und gibt somit Aufschluss darüber, dass er diesen Zustand kannte.
„Ach, diese Lükke! Diese entsetzliche Lükke, die ich hier in meinem Busen fühle! ..“ Faust wird aus demselben Mangel heraus später resigniert-polemisch fragen: „ Hier soll ich finden, was mir fehlt?“ ( aus: G. Oberlin, S.65).
Hypothese:
Goethe war ein Trennungsgeschädigter.
Psychosomatische Erkrankungen und hypochondrische Befürchtungen halfen ihm, Angst vor Gefühlen und Abhängigkeitskonflikte durch Distanzierung und Rückzug auf sich selbst zu bewältigen. Ein Traum aus der Leipziger Zeit dient als Metapher für die gefürchtete Vereinnahmung durch eine Frau.
Der Körper wurde für Goethe zur Bedeutungslandschaft für abgespaltene und verdrängte seelische Vorgänge, speziell von Affekten wie Trauer, Schuld und Wut.
Dies ist eine Folge früher Traumatisierungen durch Trennungs- und Verlusterlebnisse.
1. Prägende Erfahrung des achtzehn-jährigen Johann Wolfgang Goethe von Sterben und Wiedergeburt.
Als Goethe auf der Fahrt nach Leipzig in der Gegend von Auerstädt bei der festgefahrenen Kutsche zupacken wollte, zog er sich eine über zwei Jahre andauernde schmerzhafte Zerrung zu.
In der Weltstadt Leipzig wurde er mit seinem Frankfurter Dialekt und der altmodischen Kleidung schief angesehen. Zwei Jahre verbrachte er in Leipzig in emotionalem Chaos, indem er mehr malte, feierte, dichtete als studierte.
Dann erlitt er einen Blutsturz und schwankte mehrere Tage zwischen Leben und Tod. Er schrieb : ..“und selbst die Freude an einer erfolgenden Besserung wurde dadurch vergällt, dass sich bei jener Eruption (Blutauswurf`) zugleich ein Geschwulst an der linken Seite des Halses gebildet hatte“.
Diesem Blutauswurf ging eine Episode voraus, die ich als psychotisches Durchgangssyndrom bezeichne. Der Auslöser war eine nachvollziehbare seelische Belastungssituation.
„Als eine große Meerenge, wo alles durch muß“, erlebte Goethe diesen todesnahen Zustand. Die Analogie zum Geburtsvorgang drängt sich auf.
1a) Interpretation
Goethe verleugnete die depressiven Aspekte seines Individuations- und Autonomiekonfliktes und wehrte Anpassungsschwierigkeiten durch manisches Agieren ab.
Einerseits bedeutete Freiheit für den jungen Goethe Befreitsein vom strengen, zwanghaften Vater. Andererseits konnte das Fehlen der äußeren Kontrolle noch nicht durch eine stabile innerseelische Struktur ersetzt werden.
Sein Selbstbewusstsein regelte er in arroganten Briefen an die Schwester:„Sei stolz darauf, Schwester, dass ich Dir ein Stück Zeit schenke, die ich so notwendig brauche. Neige Dich für diese Ehre, die ich Dir antue, tief, noch tiefer, ich sehe gern, wenn Du artig bist...“
(Brief vom 6.12.1765, aus : Linden).
1b) Rückschau zu früheren gescheiterten Autonomiebestrebungen und zu Trennungserlebnissen.
Mit 15 Jahren war Goethe in einen Kreis junger Leute geraten, der sich als Betrugsring, und das schöne Gretchen, in die er so verliebt war, als käuflich entlarvte. Die Haltsuche in einer Peergroup und die stürmische Verliebtheit erwiesen sich also als flop, die Wiederholung in Leipzig traf daher schon auf diese frühere Kränkung.
In Goethes Kindheit waren Trennungen immer mit Sterben und Tod verbunden.
Mit 4 Jahren hatte er die sterbende Großmutter erlebt, ein Jahr später den Tod der zweijährigen Schwester Catharina Elisabeth, ein Jahr danach eine Fehlgeburt der Mutter. Da ein Sarg angeschafft wurde, ist anzunehmen, dass es eine Bestattungszeremonie gab, welche nicht spurlos an dem sechseinhalbjährigen Knaben Johann Wolfgang vorbeigegangen sein dürfte. Drei Jahre später erkrankten er und sein drei Jahre jüngerer Bruder Hermann Jacob schwer an Pocken. Er erinnerte sich, mit entstelltem Gesicht von Fieber geschüttelt gewesen zu sein.
„..ich lag mehrere Tage blind und in großen Leiden.“ schrieb er später. Und genesend erlebte er: „ aber die Bildung war merkwürdig verändert. Ich selbst war zufrieden, nur wieder das Tageslicht zu sehen..“. Jacob überlebte die Erkrankung nicht. Johann Wolfgang zeigte keine Trauer. Das Fehlen einer Gefühlsregung anlässlich des Todes seines geliebten Bruders war der Mutter aufgefallen.
(Elisabeth Goethe:) „Als ich ihn nun nach acht Tagen fragte, ob er den Bruder nicht lieb gehabt? lief er in seine Kammer und brachte unter dem Bett eine Menge Paper hervor, die er mit Lektionen und Geschichten beschrieben hatte. Dies alles, sagt er, habe ich gemacht, um es den Bruder zu lehren“ ( aus: Goethes Mutter von Dagmar von Gersdorff, S.76).
Im selben Jahr war die Schwester Johanna Maria im Alter von zwei Jahren verstorben. Als er zwölf Jahre alt war, starb sein Bruder Georg Adolf im Alter von einem Jahr.
In dem Jahr, da Goethe nach Leipzig aufbrach, erlitt die Mutter, nur 18 Jahre älter als Goethe, im Alter von 34 Jahren eine Totgeburt. Insgesamt hatte sie sieben Schwangerschaften und begrub fünf Kinder.
Als von den gemeinsamen fünf Kindern mit Christiane nur ein Sohn am Leben blieb, den Goethe sogar noch in hohem Alter überlebte, muss Goethe dies wie ein zyklisches und zynisches Schicksal erlebt haben, dem er nur entkommen konnte, indem er sich auf sich selbst zurück zog.
1c) Interpretation
Aus den Fallgeschichten von überlebenden Geschwisterkindern sind tiefsitzende Schuldgefühle bekannt.
Die Leugnung jeglicher Affekte war für das Kind Wolfgang notwendig geworden, um nicht beim Sterben eines Geschwisterkindes das Überleben als Schuld zu sehen. Die Reaktion auf den Tod von Hermann Jacob kann auch gedeutet werden als Leugnung des Todes überhaupt: es gab ihn nicht, wenn Goethe für seinen Bruder weiterhin Aufgaben schrieb.
Musste Goethe nicht in jeder folgenden Erkrankung damit rechnen, dass nun er an der Reihe sei, zu sterben? Überleben als Sieg und Beweis, auserwählt zu sein, wie verständlich wird das.
In seinem Aufsatz: „Psychoanalyse und Schuldgefühl“ schreibt D.W. Winnicott über das „Schuldgefühl, das durch seine Abwesenheit auffällt“ ( S. 31 ff). und fügt ergänzend hinzu: „Der schöpferische Künstler: Es ist interessant, dass der schöpferische Künstler eine Art Sozialisation erlangen kann, die Schuldgefühle und die damit verknüpfenden wiedergutmachenden und wiederherstellenden Handlungen überflüssig macht, die die Grundlage gewöhnlicher konstruktiver Arbeit sind. Der schöpferische Künstler oder Denker wird möglicherweise die Gefühle der Anteilnahme und Sorge, die einen weniger kreativen Menschen motivieren, gar nicht verstehen oder gar verachten....“ ( S. 32)
Zum Aspekt des Fehlens von Feinfühligkeit findet sich ein Hinweis in „Bindungstheorie und Psychoanalyse“ (Martin Dornes, Psyche 4/52, S. 307), der insofern bemerkenswert ist, als Elisabeth Goethe eine durchaus warmherzige Mutter gewesen war.
„.. die Irritierbarkeit a m b i v a l e n t e r Kinder durch Trennungen und ihre schwere Tröstbarkeit bei der Wiedervereinigung ( ist) Ausdruck eines s c h w i e r i g e n Temperamentes, nicht Resultat von Beziehungserfahrungen. Die (scheinbare) Ruhe v e r m e i d e n d e r Kinder bei der Trennung ist in dieser Sichtweise eher auf ihr „stoisches Temperament zurückzuführen, nicht darauf, dass sie auf Grund von Zurückweisungen ihrer Trostbedürfnisse im ersten Lebensjahr gelernt haben, diese zu unterdrücken“.
1d) Auslöser und Ausbruch der Erkrankung in Leipzig
Goethe war 17 Jahre alt, als er in Leipzig den elf Jahre älteren Ernst Wolfgang Behrisch kennen lernte. Drei düstere Oden schrieb er an ihn, die (Zitat aus : John R. Williams, The life of Goethe, S. 8) “express an intensity of personal and introspective emotion unusual in his poetry at this time“. Behrisch wurde von Goethe als ein etwas wunderlicher Kauz geschildert, geistreich und spöttisch, dem der Sinn immer nach Streichen, Spott und Zynismus stand. Aber er war auch der Mann, der wusste, wie man mit Mädchen redet und sie an sich ziehen kann. Er lieferte das Muster für den späteren Entwurf des Mephisto.
Aber der Freund verließ Leipzig nach ein einhalb Jahren. Goethe beklagte seinen Fortgang: „ Freund, Freund! Warum hab ich nur Einen?“ ( Eissler, S. 113). Jahre danach schüttelte er den Kopf über diese Zeit, die ihm im Rückblick gänzlich trostlos schien ( aus: Richard Friedenthal, Goethe, sein Leben und seine Zeit, S.47).
Briefe an den Frankfurter Mitgenossen Horn, aus dessen Nachlass übersandt, vernichtete er als „unerfreuliche Jugenderinnerungen“.
In dem Monat, da Behrisch abreiste, entwickelte Goethe einen Zustand, den Kurt Eissler als eine „akute paranoid psychotische Episode“ bezeichnet ( S. 101). Zitat aus einem Brief von Goethe an Behrisch Anfang Oktober 1767:
„Es ist ein Argwohn der bei mir einen hohen Grad von Gewissheit hat“.
Es ging um eine Geste von Käthchen Schönkopf, die er mit überscharfer Wahrnehmung gegen sich gerichtet erlebte und sich zutiefst entwertet sah: „ he had burned much of his juvenile writing in a crisis of inadequacy in October 1767“( Williams, S. 8).
In der Nacht vor Behrischs Abreise träumte Goethe den bedeutungsschweren Sack-Traum, der als Leitmotiv in Goethes Liebesbeziehungen bis ins hohe Alter wirksam bleibt:
„Küsse im Vorbeyfliegen...und dann auf einmal, Ft. Da hatte sie mich in einen Sack gesteckt.....“
Zur gleichen Zeit schrieb G. in einem Brief an seine Schwester: „ Im Vertrauen zu reden ich bin diesen Morgen sehr lustig, ob gleich Behrisch diesen Abend fortgeht“.
Er bediente sich der manischen Abwehr und. verkehrte Trauer ins Gegenteil, ins Lustigsein, ein Selbstheilungsversuch, der missglückte.
Im November, einen Monat später, erlitt Goethe erneut einen Rückfall von Verzweiflung und Raserei für die Dauer von mindestens vier Tagen.
Eissler geht soweit, diese psychotische Krise als Grundlage zu verstehen, „ dass literarische Schöpfung für ihn (Goethe) einen rettenden Ausweg öffnete“ ( S. 114). Denn Goethe schrieb nach diesem Rückfall an Behrisch, er lege ihm eine „hübsche Anlage zu einem Werckgen „ bei.
Am 2. November 1767, vor dem Rückfall, stürzte Goethe vom Pferd und erwähnte diesen Sturz in einem Brief an Behrisch: “ .. ich bin vom Pferd gestürzt, oder eigentlicher, ich habe mich vom Pferd gestürzt.... Aber, Gott sei Dank, ich habe mir keinen Schaden getan, denn du kannst wohl raten, dass ich ein aufgestoßnes Kinn, eine zerschlagene Lippe und ein geschellertes Auge nicht unter die großen Schäden rechne“.
Die Beschreibung dieses Unfalls diente der Kontaktaufnahme, war aber auch eine Botschaft an den Freund: eine tabuisierte Aggression, die sich gegen ihn selber kehrte. Goethe aber verarbeitete den Sturz durch Bagatellisierung, er zog ihn sogar ins Lächerliche. Er behauptete,
sich vom Pferd gestürzt zu haben. Aber wie oft werden in unbewusstem Todeswunsch Unfälle herbeigeführt, als Ausdruck der seelischen Erschütterung nach fundamentalem Verlust emotionaler Sicherheit.
Wenige Tage darauf bekam Goethe Fieber, „das mich diese Nacht mit Frost und Hitze entsetzlich peinigte“. Auch dies musste er dem Freund wieder schriftlich mitteilen. Er erklärte dies mit der Kränkung, die ihm Käthchen Schönkopf zugefügt hatte:„Diese Aufführung (die Unfreundlichkeit von Käthchen Schönkopf) , die sie den ganzen Abend und den ganzen Montag fortsetzte, verursachte mir solches Ärgernis, dass ich montags abends in ein Fieber verfiel, das mich diese Nacht mit Frost und Hitze entsetzlich peinigte“
Acht Monate nach dieser Episode kam es zu dem o.g. nächtlichen Blutsturz. Manche Goethe- Interpreten sprechen von Tuberkulose.
Ferner ist von einem „Knoten“ am Hals die Rede.
Goethes Kommentar zum Blutsturz: er habe seinen Organismus derart „verhetzt“, dass die „darin enthaltenen besonderen Systeme zuletzt in eine Verschwörung und Revolution ausbrechen mussten, um das Ganze zu retten“ (R. Friedenthal, S.50).
Später schrieb er an Käthchen Schönkopf: „ Ich habe viel in der Krankheit gelernt, das ich nirgends in meinem Leben hätte lernen können“, und damit gewann er die Position des handelnden Subjekts zurück, das sich nach erlittenen Schmerzen durch Sinngebung wiederfindet.
1 e) Rekonvaleszenz und narzisstische Restitution
Wieder wie acht Jahre zuvor, als der Bruder an seiner Statt gestorben war, war Goethe dem Tode entronnen. Oder anders ausgedrückt: Goethe hatte ihm wieder einmal in sein grässliches Angesicht geblickt.
Zurück aus Leipzig hinein in den mütterlichen Schoss, umhegt von schwesterlicher Liebe, verbrachte Goethe einen langen Winter. Im Dezember 1768, fünf Monate nach seiner Rückkehr, erlitt er einen Rückfall und wurde erneut von Todesangst heim gesucht,
Insgesamt kränkelte Goethe über 16 Monate, war unglücklich und belastet durch die Zurückweisung des enttäuschten Vaters. Zudem litt er unter vielfältigen Beschwerden, die ihn sein Leben lang quälen sollten: Bronchialkatarrhe, Schwindel, Verdauungsstörungen, Zahnschmerzen, Abszesse, Muskel- und Gelenkschmerzen, Wetterfühligkeit, Reizbarkeit, Lärmempfindlichkeit, letztere Symptome wären nach altmodischer psychiatrischer Diktion als Neurasthenie bezeichnet worden. Ekel vor Krankheiten und dem als widerwärtig erlebten Anblick kranker und hilfloser Menschen weisen auf die narzisstische Kränkung durch die eigene Anfälligkeit hin.
Die Mutter Elisabeth Goethe trat in dieser Zeit nochmals als die Magierin und Allmächtige der frühesten Kindheit in Aktion, als sie bei dem krisenhaft-todesnahen Zustand Goethes durch einen Hinweis in der Bibel eine Wende in der medizinischen Behandlung herbeiführte und ihm quasi damit das Leben rettete.
Nennen wir daher diese 16 Monate die Zeit der zweiten uterinen Bebrütung.
In einer Freundin der Mutter, Susanna Katharina von Klettenberg, fand Goethe ein Muttersubstitut. Die „sich nach einem Freund umsah, der ihr in diesem Wechsel von Licht und Finsternis Gesellschaft leistete“( Goethe). Ihr Glaube an Gottes Gerechtigkeit beeindruckte den jungen Goethe. Diesen Zusammenhang offenbarte er in Dichtung und Wahrheit II,8: nämlich dass er ihre „Bekenntnisse einer schönen Seele“ später im 6. Buch von Wilhelm Meisters Lehrjahren übernahm.
Gesundet startete Goethe einen dritten, vom Vater abgesegneten Trennungsschritt: nach Straßburg zum Studium. Diesmal schaffte er es. Dort bewies er sich als Selbstbezwinger, diszipliniert bearbeitete er Ängste, z.B. seine Höhenangst, vor kranken Menschen durch Kontakte über Medizin studierende Freunde.
1 f) Interpretation
Die Reaktion auf den Verlust des Freundes Behrisch verdeutlicht, welche Bedeutung dieser für Goethe hatte, gebunden an körperlich sicht- und fühlbare Verfügbarkeit: Vater-Substitut, alter ego, Hilfs-Ich, container-function für idealisierende Projektionen. Die Unfähigkeit, angemessen damit umzugehen, gipfelten in der psychotischen Fragmentierung mit Wahnbildung und Wahngewissheit. Über den Mechanismus der Verschiebung entwickelte sich statt Trauer ein Paranoid, gerichtet auf die Frau als mächtige Instanz für Sein oder Nichtsein.
Der Sturz vom Pferd zeigte: da bahnte sich schon etwas an, das Goethe zu entgleiten drohte. Er hatte das Tier, wie auch sein zitterndes Inneres, nicht mehr unter Kontrolle.
Die Metapher des Sackes erklärt die Angst vor der Nähe, die Goethe mit den Jahren zu beherrschen lernte: es ist die Angst vor der Auslöschung des Selbst, wenn die Verschmelzung mit der ersehnten Frau zu konkret wird. Sie ist ein Charakteristikum der narzisstisch konfigurierten Objektwahl. Denken wir an die Auflösung seiner Verlobung, die Flucht nach Italien, nach der sich übrigens seine Wetterfühligkeit legte, sein Rückzug von Frau von Stein.
Balint(1988, 19949) spricht in diesem Zusammenhang von der schizoiden Ambivalenz zwischen Objekthunger und Objektscheu.
Die beschriebene Episode in Leipzig ordne ich einer schwellentypischen Reifungskrise zu im Rahmen der Adoleszenz.
Der englische Psychoanalytiker D. Winnicott schreibt zur Adoleszenz: „In dieser Phase des individuellen Wachstums ist es gewiß sehr schwierig, Gesundheit und Normalität zu diagnostizieren und sie von Störungen aus dem Bereich der Psychiatrie zu unterscheiden“ (S.326). In dieser Umbruchszeit werden Ichideale, Haltungen, die durch Tradition und elterliche Lehren diktiert sind, revidiert, geändert und neu organisiert.
Wichtig daher der Kontakt zur Schwester, den Goethe am Tag des Abschieds von Behrisch herstellte, in dem er sein verletztes Ego zu reparieren trachtete.
„Die Bindung an sie schützt ihn vor der Regression auf ein Niveau, auf dem die äußere Welt entwertet wäre und die Welt des Unbewussten Besitz von seinem Geist ergriffen hätte“( Eissler, S. 110).
Acht Monate lagen zwischen dem oben beschriebenen Psychotischem Durchgangssyndrom und dem Ausbruch der körperlichen Erkrankung.
Die französische Psychoanalytikerin Gisela Pankow beschreibt diese Phänomene, dass psychosomatische Erkrankungen nach psychotischen Episoden auftreten und dazu dienen, dass diese Menschen wieder dahin gelangen können: „ihren Körper zu bewohnen“. Die Psychose beruhe darauf, dass eine andere Person unbewusst einen Teil des Subjekts repräsentiere....Auffallend sei, dass Trennungen einer narzisstischen Bindung zu akuten psychotischen Episoden bei Patienten führen, die dazu prädisponiert sind. (McDougall. S.421).
Nach der zweiten uterinen Bebrütung in Frankfurt war das Gesetz des Vaters verinnerlicht: Affekte so zu verdrängen, dass sie wie nichtvorhanden erscheinen, ein Rüstzeug, das dem handelnden Ich bei der späteren politischen Berufstätigkeit zur Verfügung stand.
Und Goethe war nun gefeit vor der Verführung des archaisierenden Ideals der Mutter-Kind-Symbiose, die er im Werther, veräußerlicht und literarisch gebunden, in Lottes Mütterlichkeit darstellte. ( G. Oberlin, S. 74 ff).
Denn die Verarbeitungsmechanismen, psychoanalytisch heisst dieser Vorgang eine manische Abwehrt, der beschriebenen Reifungskrise führten Goethe in einen so hochenergetischen Zustand, dass er innerhalb von 6 Wochen den Werther niederschrieb. Goethe trat in eine neue Stufe der Ich-Organisation, eine „integrative Katharsis „ ( G. Oberlin, S. 73).
Goethes Kommentar: „Ich fühlte mich wie nach einer Generalbeichte, wieder froh und frei, und zu neuem Leben berechtigt,... warf alle hypochondrischen Fratzen weg, und beschloß zu leben. Um dies aber mit Heiterkeit tun zu können, musste ich eine dichterische Aufgabe zur Ausführung bringen, wo alles, was ich über diesen wichtigen Punkt empfunden, gedacht und gewähnt, zur Sprache kommen sollte“.
So entstand der „Werther“.
Der Schritt zum Erwachsensein war vollzogen, die aufgebrochene Seele geschlossen.
Der Körper übernahm nun die Verantwortung für die inneren Vorgänge.
In seiner Ausdruckssymptomatik wurde er zur Bedeutungslandschaft.
Acht Jahre schrieb Goethe an Gräfin zu Stolberg: (Zitat) „ Man weiß erst dass man ist wenn man sich in andern wiederfindet“. ( aus: G. Oberlin, S.67).
Im selben Jahr, 1775, Werther war längst über die Landesgrenzen berühmt geworden und Vorbild für viele selbstmordgefährdete junge Männer, hatte Goethe den ersten Entwurf von „Faust“ fertig gestellt.
Nochmals acht Jahre vergingen, und er unterzeichnete Todesurteile unter anderem gegen die Dienstmagd Johanna Katharina Höhn, weil sie ihr Neugeborenes getötet hatte.
Als der 81- jährige Goethe 1830 vom Tod seines Sohnes erfuhr, erlitt er erneut einen „Blutsturz“. Wieder bediente er sich der manischen Abwehr: „Und so über Gräber vorwärts“ (Brief an den Freund Zelter). Und doch spricht das Symptom für ihn: die Betroffenheit bis ins Innerste beim Verlust eines Menschen, der wie ein verlängertes Selbst erlebt wurde.
2.) Nähe zum Tode und Auferstehungsrituale über das Phantasma der Liebe beim 65-Jährigen
1812 hatte eine Herzerkrankung begonnen. Schon länger hatte Goethe unter Schwindel gelitten, nun kam Luftnot hinzu. Anfang 1813 bekam er einen Angina pectoris- Anfall. Wenig später begann er mit den ersten Gedichten für den Westöstlichen Diwan. Denn Hafis mit seiner überwältigend poetischen Lebens- und Liebeskraft wurde für den alternden Mann zum
„ lieblichen Lebensbegleiter“.
Während, wie wir uns erinnern, 48 Jahre zuvor, noch in pubertärer Suche nach haltgebenden väterlichen Objekten diese Rolle der zwiespältige Freund Behrisch inne hatte und die Trennung von ihm mitverursachend für das psychotische Durchgangssyndrom war. Die Kur Juli/August 1814 in Wiesbaden war wieder einmal eine Flucht aus der Weimarer Enge, aus der immer schwieriger werdenden Ehe, aus Belastungen, die die Arbeit als Minister mit sich brachte: z.B. musste er Stellung nehmen, ob Deserteure aus der Armee des Herzogs mit dem Tode bestraft werden sollten.
Eine der ganz seltenen Belege Goethes über die Auslegung seiner schöpferischen Prozesse sei hier zitiert und zwar im Zusammenhang mit dem oben erwähnten Zyklus des Westöstlichen Diwan und dessen Entstehungsgeschichte:
„Alles was dem Stoff und dem Sinne nach bei mir Ähnliches verwahrt und gehegt worden, that sich hervor, und dieß mit solcher Heftigkeit, als ich höchst nötig fühlte, mich aus der wirklichen Welt, die sich offenbar und im
Stillen bedrohte, in eine ideelle zu flüchten, an welcher vergnüglichen Theil zu nehmen meiner Lust, Fähigkeit und Willen überlassen war“.
Am 4. August dieses Jahres lernte Goethe Marianne Willemer kennen. Sie wurde seine „Suleika“. Als der Zyklus beendet war. stellte er abrupt eine räumliche und zeitliche Distanz her, kurz gesagt: er verließ sie. Er hatte Marianne als Teilobjekt wahrgenommen, als Erweiterung und Verlängerung seiner Selbst. Ihr brach es das Herz.
Ihn bereicherte die Begegnung. Das ist auch ganz konkret zu verstehen, da er ihre drei Gedichte für den Diwan als eigene ausgab.
2a) Interpretation
Eros und Thanatos: die schwere Herzerkrankung wurde wiederum zur intensiv erlebten Grenzerfahrung. Statt dem Tod ins Auge zu blicken, spiegelte Goethe sich im Gesicht der ihm liebend zugewandten Frau als Genesender, dem Leben wiederum Geschenkter. Bei ihr, bei Marianne, erlebte er „ eine temporäre Verjüngung“, eine „wiederholte Pubertät“, wie er 14 Jahre später als Greis seinem treuen Eckermann 1828 erläuterte.
1815 von August bis September, Goethe war immer noch sehr krank, der linke Arm tat ihm so weh, dass er ihn kaum bewegen konnte, die gichtigen Schmerzen nahmen zu, gestattete er sich und Marianne sechs Wochen extremer Nähe. Dann begann sein unaufhaltsamer Rückzug, der die Frau in Verzweiflung und Depressionen stürzte.
1832, kurz vor seinem Tod, nannte er diese Zeit die schönsten Tage seines Lebens. Als autarker Stratege seines Lebenskunstwerkes und um sich der gelungenen Distanzierung zu vergewissern, im Zuge wieder erlangter Handlungsfreiheit, küsste er 14 Tage nach dem Abschied von Marianne auf der Rückfahrt ein „junges, frisches Mädchen“. Als würde er aus einer frischen Quelle trinken.
Die drei von Marianne verfassten Gedichte nahm er in den Diwan auf : „..in der Stille mir lächelnd angeeignet, was denn wohl auch im schönsten Sinne mein eigen genannt werden dürfte“, schrieb Goethe an Marianne 1824.
“..ich war mir selbst ein Rätsel..“, hatte sie 1819 an Goethe geschrieben.
Da sie sein verlängertes Selbst war, sah er kein Problem in dieser Vereinnahmung.
2 b) Zusammenfassung und Psychoanalytischer Erklärungsansatz
Johann Wolfgang Goethe durchlitt mindestens sieben mit Todesangst begleitete schwere gesundheitliche Krisen. Insgesamt hatte er neunundzwanzig Heilbäder besucht, davon dreizehn in Karlsbad und drei in Marienbad: „durch das neue Ambiente belebt, ließen vielfach auch die körperlichen Beeinträchtigungen nach. Goethe im Bad - ein Lehrstück für die Berechtigung psychosomatischer Ansätze.“ ( aus: Goethe und die Medizin, S. 75)
Dass Vorstellungen, unerwünschte Affekte und Fantasien vom Bewusstsein ausgeschlossen werden können, wird heutzutage nicht mehr geleugnet. Schmerzsignale, seelische wie körperliche, werden so lange ignoriert, bis die Betroffenen schwer erkranken. Patienten mit Lungentuberkulose sind dafür bekannt. Und so wird im seelischen Bereich auch der Nährboden für Erkrankungen bereitet, wenn sich die Seele schmerzhaften Affekten gegenüber in Taubheit übt. Wenn sie Gefühle des Schmerzes, der Verzweiflung, der Leidenschaft, Schuld und Wut nicht zu psychischer Repräsentanz gelangen lässt und im Vorfeld dieses Prozesses jegliche Bedeutung negiert, kann zum Beispiel Unlust der Angst nicht mehr vom Schmerz der Trauer unterschieden werden. Und wenn Goethe nach jahrelanger Übung auch noch die Angst leugnet, bleibt der Körper als Gefäß übrig und erkrankt.
Beispiel:
Während der drei Tage des Todeskampfes von Christiane lag er krank wegen eines Katarrhs darnieder. 6.6.1816 : „Nahes Ende meiner Frau, letzter fürchterlicher Kampf ihrer Natur. Sie verschied gegen Mittag. Leere und Todtenstille in und ausser mir...“ (aus: Tagebücher 1813 bis 1816).
Sein Eintrag im Tagebuch verdeutlicht die Gratwanderung zwischen Todeserfahrung und Rettung.
Wieder hilft die manische Abwehr, die Verkehrung ins Gegenteil: lustig statt traurig: zwei Sätze weiter schreibt er: „Abends brillante Illuminaton der Stadt“, es war ihm eine Erwähnung wert nach einem solchen Tag.
Sein Leben lang führten die Blockaden von Angst, Trauer und Schuldgefühlen zu den psychosomatischen Erkrankungen wie: Herz-Kreislaufstörungen, Magen- und Verdauungsbeschwerden, Muskel- und Gelenkbeschwerden. Er musste über Jahre schwere Schmerzen erleiden wegen Zahnwurzelabszessen, Nierensteinen, Rheuma, Angina pectoris. Die Abspaltung von Gefühlen führten zu Symptomen wie: Schwindel, Höhenangst, Reizbarkeit, Wetterfühligkeit.
Die Immunschwäche mit Neigung zu Infekten, Bronchialkatarrhen, Entzündungen und die Befindlichkeitsstörungen sind insofern als psychosomatisch zu verstehen, als sie dazu dienten, sich auf sich selbst zurück zu ziehen, wenn durch starke emotionale Belastungssituationen die Kohärenz des Selbst gefährdet war, Ich-Auflösung und Desintegration drohten. „Das psychosomatische Bild spielt für die Identität des Ich eine grundlegende Rolle, und die Art und Weise, in der eine Person ihren Körper erlebt, sagt uns viel über die Struktur ihrer Beziehungen zu anderen“. (aus: Joyce McDougall: Plädoyer für eine gewisse Anormalität, S. 408)
Was er vermeiden wollte, holte ihn ein.
Und er konnte zwar vor der äußeren Bedrohung fliehen, nicht aber vor dem eigenen Körper. Indem er sich äußeren Objekten entzog, wurde der Körper zum Objekt, das sich ihm entzog.
In dem Zusammenhang will ich kurz auf das Thema S c h m e r z eingehen.
Der Schmerz stellt eine Brücke zwischen Seele und Körper dar. Aber die Unterscheidung ist nicht so eindeutig, wie wir gern glauben möchten. Die Sprache des Schmerzes konfrontiert uns mit einem Paradoxon: „..dass der Körper für das Ich keinerlei Existenz hat, solange er nicht zu psychischer Repräsentation gelangen kann.“
„Das Heil des Körpers war zu nahe mit dem Heil der Seele verwandt“, schrieb Goethe in „Dichtung und Wahrheit“. Er gebrauchte gern das Bild der Schlange, die sich häutet.
Zudem litt Goethe unter hypochondrischen Ängsten und zeigte eine heftige Abneigung gegen Raucher und Träger von Augengläsern. Christiane 1803: „ denn man muß ihm ja nicht sagen, dass er krank ist... er ist manchmal ganz hypochonder,..“ ( ebenda, S. 63).
Die Hypochondrie dient der „ symbolischen Wiederherstellung der frühesten Körpereinheit zwischen Mutter und Kind“.
Wenn wir der Einteilung Anna Freuds (1952, S. 1274) der bei Hypochondern prägenden Mutterfiguren bleiben, nämlich im Hinweis auf den dominierenden überfürsorglichen Typ II ( M.Hirsch S. 91), so denken wir an die altmodische Kleidung des „Hätschelhans“ in Leipzig, das Flickenkleid des Parzival könnte man auch sagen.
Hypochondrie wird psychoanalytisch als Wunsch gedeutet, „in ein Objekt einzudringen, mit ihm zu verschmelzen, um nicht allein zu sein,...hypochondrische Symptome treten in Zeiten erhöhter Identitätsanforderung auf, in der Adoleszenz und im mittleren Lebensalter, ..in Trennungssituationen, bei Todeserlebnissen, aber auch besonders beim Sesshaftwerden und beruflicher Festlegung“. (aus: Matthias Hirsch: Der Eigene Körper als Objekt, S.90)
Mathias Hirsch beruft sich in dem Buch: „Der eigene Körper als Objekt“ auf Freud, um den narzisstischen Charakter der Hypochondrie zu belegen, die so der Psychose näher stehe als die von der Objektlibido beherrschte Neurose. Differentialdiagnostisch sei die Hypochondrie von der Phobie abzugrenzen, bei der die Quelle der Angst, das „böse Objekt“, außerhalb gesehen wird, andererseits von der psychosomatischen Erkrankung, in der die Angst als Affekt nicht mehr auftritt, weil sie im Körper gebunden bleibt.
Ergänzend dazu schreibt Lou Andreas- Salome in einem Brief an Freud:
„Durch die hypochondrische Angst wird ein harmonisches narzisstisches Grundgefühl des E i n s s e i n s mit dem Körper gestört. Es ist eine Veränderung des Verhältnisses zum eigenen Körper, die ihn uns plötzlich sehr bewusst als Objekt, als ein mit uns gar nicht mehr recht identisches Stück gegenüberstellt, - als ein Außerhalb; schon der kleinste Leibesteil der schmerzt, wird auf einmal wie ein F r e m d k ö r p e r empfunden, man unterscheidet sich voll Empörung von ihm als von einem gegnerischen Etwas“.
Obige Ausführungen erklären Goethes Arztwechsel, seine jeweilige Idealisierung und Entwertung, seine Gereiztheit: „Goethe ist ein etwas ungestümer Kranker“(Goethe und die Medizin, S. 65). Er war ein „missgelaunter Dichter, der sich selbst bemitleidete“ ( aus: Goethe und die Medizin, S. 55).
Zu den genannten Konfliktlösungsmechanismen gehört insbesondere der Umgang mit den phobischen Ängste vor Nähe, vor dem „IndenSackgestecktwerden“, Goethes Alptraum in Leipzig.
Und diese beziehen sich ganz konkret auf Frauen. Im primären Kontakt wird verschmelzende Vereinigung als Verführung und einzig mögliche Form der Beziehungsaufnahme angeboten und im folgenden Schritt, wenn sich der andere Mensch als anders, als ein eigenes Wesen offenbart, abgebrochen. Wenn diese Art der Kontaktaufnahme und Objektvereinnahmung beibehalten wird, wird ein Leben lang jeder andere Mensch als verlängertes Selbst erlebt.
„Die Spiegelung im Anderen ist eine „Konstituierungsphase des menschlichen Subjekts “, schreibt der französische Psychoanalytiker Lacan, und gehört in die Zeit zwischen die ersten sechs bis achtzehn Monate. Denken wir daran: in diese Zeit wird die 1 Jahr jüngere Schwester Cornelia geboren, da konstituiert sich also schon das genannte Beziehung die Etablierung des Narzissmus. Dieser erste Entwurf des ICH steht aber noch auf sehr wackligen Füßen, denn noch sind die Ich-Grenzen instabil, und intensive Nähe bedroht, da sich das ICH im Andern verliert bzw. der Andere Teil von einem Selbst wird. Da hilft nur, sich zu entfernen, wenn dieser Andere stirbt, um nicht mit zu sterben.
Es wäre ein eigenes Thema wert, inwieweit Marianne Willemer, komplementär zur narzisstischen Vereinnahmung, ohne ein eigenes authentisches Selbst zu befangen war, um auf ihrer Autorenschaft und damit ihrem Getrenntsein vom geliebten Mann zu beharren. Da sie sich mit Goethe projektiv identifizierte, und zwar so weit gehend, dass sie für ihn und in seinem Sinne dichtete.
Dafür spricht, dass sie diese ihre eigenen Werke nicht ich-synton und selbstständig handelnd erlebte, sondern als etwas, das mit ihr geschah.
Er wiederum musste fliehen vor der Liebe einer Frau, die es schaffte, mit seiner Zunge zu sprechen, ihm seine Worte aus dem Mund, ihn demzufolge von innen her in Besitz nahm. Die Dialektik, dass das, was er zu beherrschen glaubte, ihn zu beherrschen drohte, führte zur Verstrickung, der er sich unbedingt entziehen musste.
3) Fazit
Durch viele Todesfälle und Verlusterfahrungen war Goethe trennungsgeschädigt. Als Überlebender leugnete er Trennung und Tod.
Jedoch erlitt er durch den eigenen Körper immer wieder das, was er vermeiden wollte: Schmerzen, Todesnähe und Vernichtungsgefühle.
„Sie trennen mich, und richten mich zugrunde“, schrieb er mit 74 Jahren, nachdem sein Wunsch nach Vermählung, dem einzigen Heiratsantrag seines Lebens, mit Ulrike von Levetzow, von deren Mutter durch eine plötzliche Abreise abschlägig beschieden worden war. Seine nachfolgende November-Erkrankung äußerte sich in massiven Herzbeschwerden bis zu drohender kardialer Dekompensation und Luftnot, begleitet von tiefen Depressionen.
4) Goethes Resümee im Alter von 81 Jahren:
„Es ist unglaublich, wie viel der Geist zur Erhaltung des Körpers vermag....Der Geist muss nur dem Körper nicht nachgeben!..“
So konnte Goethe sich immer wieder neu erschaffen aus dem Stirb und werde heraus, als Bezwinger und Wortschöpfer und war doch ein Gepeinigter sein Leben lang.
Die Sprache, hat Heidegger geschrieben, ist das Haus des Menschen, und sich dabei auf einen Vers von Hölderlin bezogen:
„Dichterisch wohnet der Mensch“.
Das hatte Goethe uns voraus und vorgelebt.
Dass die Psychoanalyse nicht an das Phänomen Kunst heran reicht, das betont Adorno (ausdrücklich) in seiner Ästhetischen Theorie:
“Nur Dilettanten stellen alles in der Kunst aufs Unbewusste ab....Im künstlerischen Produktionsvorgang sind unbewusste Regungen Impuls und Material unter vielem anderen.“ (Adorno 1970, S. 21, aus: Gerhard Oberlin: Goethe, Schiller und das Unbewusste, S.45)
Zum Schluss die letzte Strophe aus dem Zyklus: Trilogie der Leidenschaft, entstanden 1823/24, die uns nun nach all dem den tiefen, ganz persönlichen Sinn der Worte enthüllt:
Du lächelst, Freund, gefühlvoll, wie sich ziemt:
Ein gräßlich Scheiden machte dich berühmt;
Wir feierten dein kläglich Missgeschick,
Du ließest uns zu Wohl und Weh zurück;
Dann zog uns wieder ungewisse Bahn
Der Leidenschaften labyrinthisch an;
Und wir, verschlungen wiederholter Not,
Dem Scheiden endlich – Scheiden ist der Tod!
Wie klingt es rührend, wenn der Dichter singt,
Den Tod zu meiden, den das Scheiden bringt!
Verstrickt in solche Qualen, halbverschuldet,
Geb ihm ein Gott zu sagen, was er duldet.
Literatur:
18) D.W. Winnicott: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Kindler 1974.