Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 5


 

Wieso können wir die Welt erkennen?
Die Antwort der Evolutionären Erkenntnistheorie

von Friedhelm Decher

In memoriam Max Lorenzen (1950 – 2008)

Ich möchte mit einigen kurzen Vorüberlegungen beginnen, die klären sollen, warum es überhaupt die philosophische Disziplin „Erkenntnistheorie“ gibt. Danach komme ich auf die Grundprobleme der Erkenntnistheorie zu sprechen und skizziere die klassischen Antwortversuche des Rationalismus, des Empirismus und des Kantischen Ansatzes.
Anschließend möchte ich gern auf Vorläufer einer Evolutionären Erkenntnistheorie hinweisen – nämlich auf Schopenhauer, Nietzsche und Konrad Lorenz, die den Grundgedanken einer Evolutionären Erkenntnistheorie auf den Weg gebracht haben, der dann von Autoren wie insbesondere Karl Raimund Popper, Gerhard Vollmer  und Rupert Riedl  weiterentwickelt und ausformuliert worden ist. [1]
Dann stelle ich Ihnen die Kernthese der Evolutionären  Erkenntnistheorie vor und versuche, deren zentrale Bestandteile zu erläutern. Ich schließe meine Ausführungen, indem ich kurz den beiden Fragen nachgehe:

  1. Was leistet die Evolutionäre Erkenntnistheorie?
  2. Wo liegen ihre Grenzen und wo lauern Gefahren?

Philosophen sagt man gerne nach, sie seien sich über wenig oder gar nichts einig. Nun, zumindest in einem Punkt herrscht seit der Antike weitgehende Übereinstimmung: nämlich daß das Ziel der Philosophie Erkenntnis sei, wie Bertrand Russell es einmal formuliert hat. [2] Aber spätestens dann, wenn man sich von hier aus den weitergehenden Fragen zuwendet, was denn Erkenntnis sei, wie man überhaupt Erkenntnis gewinnen, ja wie man gar zu wahrer Erkenntnis gelangen könne – ja, dann hört die Gemeinsamkeit rasch wieder auf. Die antike Welt zog es vor, sich auf solche Fragen nicht allzu eingehend einzulassen. Das heißt nicht, daß sich Autoren wie beispielsweise Platon oder Aristoteles keine Gedanken über Erkenntnislehre und Wahrheit gemacht hätten. Aber ihr zentrales Erkenntnisinteresse war ein anderes – begriffen sie sich doch in der Tradition jener Denker stehend, die der – scheinbar! – kindlich-naiven Frage nachsannen: Warum ist überhaupt etwas? Warum gibt es diese Welt mit ihrem Formenreichtum? Warum gibt es diesen Kosmos? Warum gibt es nicht nichts? Mit anderen Worten: Die antike Welt ging – ohne das großartig zu problematisieren – davon aus, daß es etwas gibt. Erkenntnis, so hielt denn Platon fest, muß Erkenntnis von etwas sein. [3] Und dieses Etwas muß sein und kann nicht nichts sein. Erkenntnis, und damit die auf Erkenntnis abzielende Philosophie, wird von „dem Seienden“, das heißt von den Dingen, den Gegenständen, der Natur, der Welt selbst auf den Weg gebracht. Erkenntnis des Seienden aber ist, mit einem Fremdwort gesagt, ontologische Erkenntnis.
Dieses ontologische Leitbild bestimmte die philosophische Szenerie bis zu Beginn der Neuzeit, genauer gesagt, bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts. Jetzt machte sich hinsichtlich der Erkennbarkeit der Dinge zunehmend Skepsis breit. Diese Skepsis führt zu einer Neubesinnung, zu einem erneuten Nachdenken über das, was man bisher für selbstverständlich gehalten hatte: daß die Dinge einfach da sind und von uns ohne große Probleme erkannt werden können. Die skeptische Neubesinnung ist eine reflexive Einstellung: Denken und Erkennen werden selbst zum Gegenstand des Nachdenkens, und es kommt die Frage auf: Wie ist es mir überhaupt möglich, etwas zu erkennen? Und woher nehme ich die Gewißheit, daß es sich bei dem, was ich erkenne, um wahre Erkenntnis handelt?
Die Konsequenz hieraus ist: Die Philosophie kann nicht mehr mit dem Staunen und der Verwunderung darüber beginnen, warum überhaupt etwas ist. Sondern sie muß den Zweifel und die Skepsis, nachdem beide nun einmal in der Welt sind, ernst nehmen. Das aber heißt: Sie muß den Zweifel zu ihrer eigenen Sache machen und versuchen, ihn so in den Griff zu bekommen, daß Philosophie als Streben nach wahrer Erkenntnis möglich bleibt. Das aber verändert die Blickrichtung fundamental. Denn die Ausgangsfrage kann fortan nicht mehr lauten: „Was ist?“, sondern: „Was können wir erkennen? Was kann ich wissen?“
Für René Descartes, den „Vater der neuzeitlichen Philosophie“, wie er genannt worden ist, ist Philosophie dann folgerichtig nicht mehr Ontologie, sondern in erster Linie ein Nachdenken über die „Prinzipien der menschlichen Erkenntnis“. [4] Damit bahnt er einer philosophischen Disziplin den Weg, die seit dem 19. Jahrhundert „Erkenntnistheorie“ heißt. Die Erkenntnistheorie untersucht nicht die Welt oder das Seiende, sondern unser Wissen von der Welt. Mit einem Fachausdruck gesagt: Die Erkenntnistheorie ist eine Metatheorie par excellence.
Als Grundfragen der Erkenntnistheorie können etwa die folgenden angegeben werden:

  1. Wie erkennen wir? (=> diese Frage zielt auf Formen und Wege des Erkennens)
  2. Wie weit reicht unsere Erkenntnis? (=> hierbei geht es um den Umfang und die Grenzen unserer Erkenntnis)
  3. Warum erkennen wir gerade so, wie wir erkennen? (=> hier steht die Erklärung unseres Erkennens im Zentrum)
  4. Wie sicher ist unsere Erkenntnis? (=> das stellt auf die Geltung ab)
  5. Und: Worauf beruht solche Sicherheit? (=> hier ist nach der Begründung gefragt)

Bereits John Locke wies in seinem 1690 erschienenen Essay über den menschlichen Verstand von daher der Erkenntnistheorie die Aufgabe zu, Ursprung, Gewißheit und Umfang der menschlichen Erkenntnis zu untersuchen. Und Immanuel Kant greift im späten 18. Jahrhundert diese Sicht der Dinge auf und führt sie weiter, wenn er die Ansicht vertritt, man müsse nicht mit der Untersuchung der Gegenstände beginnen, sondern mit der Untersuchung der Möglichkeiten und Grenzen unserer Erkenntnis der Gegenstände.
Schon im 17. Jahrhundert bilden sich zwei rivalisierende Ansätze heraus, die Fragen, wie die soeben genannten, zu beantworten versuchen: der Empirismus einerseits und der Rationalismus andererseits. Ich kann diese zwei Ansätze hier nur in aller Kürze vorstellen. Allerdings ist ein Blick auf sie unerläßlich, weil nur vor dem Hintergrund der Probleme, die diese beiden Richtungen aufwerfen, letzten Endes so etwas wie die Evolutionäre Erkenntnistheorie entwickelt werden konnte.
Die Rationalisten (z. B. Descartes und Leibniz) sind der Ansicht, es gebe Begriffe und Prinzipien, die dem Geist eingeboren sind. Sie bezeichnen das als „eingeborene Ideen“. Diese sind uns immer schon mit unserer Vernunft gegeben und können deshalb ohne Hilfe der Erfahrung entwickelt werden. Dazu rechnen sie grundlegende Prinzipien und Axiome der Logik und der Mathematik, ferner die Idee Gottes, aber auch ethische Prinzipien, so zum Beispiel den Pflichtbegriff.
Wenn der Rationalist gefragt wird: Wenn du Theorien aufstellst, die du unabhängig von der Erfahrung gewonnen hast, wieso kannst du dann sicher sein, daß deine Erklärung tatsächlich auf die Dinge zutrifft?, dann weiß der sich mit der Annahme zu helfen: Der Vernunft und der erfahrbaren Wirklichkeit liegen gleiche, aufeinander zugeordnete Strukturen zugrunde. Der Rationalist behauptet also eine Gleichförmigkeit – eine Isomorphie – zwischen Erkenntniskategorien – sprich: den eingeborenen Ideen – und realer Welt.
Als das Problematische am Rationalismus gilt insbesondere seine Annahme der eingeborenen Ideen, die vor aller Erfahrung – also a priori – in unserem Geist bereitliegen sollen.
Die Empiristen weisen die Annahme eingeborener Ideen zurück. Ihrer Ansicht nach sind unsere Sinne die Quellen all unserer Erkenntnis, „die Eingangspforten in unser Bewußtsein“. [5] Popper hat diese Erkenntnistheorie als „Kübeltheorie des Geistes“ bezeichnet, weil sie davon ausgeht, unser Geist sei anfangs eine Art leerer Kübel, in den nach und nach immer mehr Material durch unsere Sinne hineingelangt und „verdaut“, das heißt umgeformt, bearbeitet wird. John Locke, ein Hauptvertreter des Empirismus, faßt diese Sicht der Dinge mit der von Thomas von Aquin entlehnten Formulierung zusammen: „Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war“.
Der Empirismus zieht Kritik auf sich, sofern er Erkenntnis als überwiegend passives Abbilden von Welt begreift.
Immanuel Kant nun war es, der den Streit zwischen Rationalisten und Empiristen zu schlichten versuchte und damit ein neues erkenntnistheoretisches Leitbild entwickelte. Kant zeigte auf: [6] Die beiden Quellen all unserer Erkenntnis sind Sinnlichkeit und Verstand. Die Sinnlichkeit ist rezeptiv, passiv: sie empfängt Material aus der Außenwelt. Der Verstand hingegen ist aktiv, „spontan“, wie Kant sagt. Denn er ordnet das durch die Sinne empfangene Material, etwas salopp gesagt, in Schubladen ein: in die sogenannten Verstandesbegriffe oder Kategorien, über die wir immer schon a priori, also vor aller Erfahrung, verfügen. Erkenntnis ist demnach keine bloße, mehr oder weniger passive, Abbildung der äußeren Wirklichkeit, sondern ein aktiver, konstruktiver Prozeß. Unser Verstand schreibt also, mit Kant gesagt, der ungeordneten Masse der Sinnesdaten seine Gesetze, seine Regeln vor und ordnet sie dadurch.
So weit, so gut, könnte man meinen.
 Nun hat aber schon Johann Gottfried Herder [7] bei Kant eine genetische Deutung unserer Verstandestätigkeit angemahnt und ihm vorgehalten, er – Kant – vertrete im Blick auf den Verstand und seine Kategorien einen ungeschichtlichen Ansatz. Das heißt, Herder argumentiert, Kant ziehe erst gar nicht in Betracht, daß auch der Verstand mit seinen Ordnungsfunktionen eine Entwicklungsgeschichte haben könnte. Damit bahnt Herder einer Sicht den Weg, welche auf die dann vor allem von der Evolutionären Erkenntnistheorie vertretene Ansicht hinausläuft, unsere subjektiven Erkenntnisstrukturen seien biologisch bedingt, hätten sich im Zuge der Evolution des Menschen und seines Geistes in Anpassung an die Wirklichkeit herausgebildet.
Unabhängig von Herder entwickelten zwei Denker des 19. Jahrhunderts, die selbst von einem so prominenten Vertreter der Evolutionären Erkenntnistheorie wie Gerhard Vollmer nicht als wichtige Vorläufer gewürdigt werden, eine ähnlich gelagerte Perspektive. Ich meine Schopenhauer und Nietzsche. Daher sei solche Würdigung hier kurz nachgeholt.
Schopenhauer zufolge werden ausnahmslos alle Vorgänge in der Natur von dem gesteuert, was er den „Willen zum Leben“ nennt. Auf den untersten Stufen der Entwicklungsreihe wirkt der Wille als blinde, dumpfe – und das heißt: erkenntnislose – Kraft. In diesen unteren Bereichen der Natur erhalten sich die Lebewesen, indem sie die notwendige Nahrung auf Reize hin assimilieren. Mit steigender Entwicklungsstufe nun tritt die Individualität der Lebewesen immer deutlicher hervor. Im Menschen erreicht sie ihren bisher höchsten Ausprägungsgrad. Daher wird laut Schopenhauer die zur Selbsterhaltung unabdingbare Nahrung eine speziellere. Zudem kann auf dieser hohen Stufe der Eintritt eines Reizes nicht abgewartet werden – die Zufallshäufigkeit der auf Reize erfolgenden Nahrungsaufnahme wäre nämlich zu gering. Also muß das höhere Lebewesen seine Nahrung selbst aufsuchen und auswählen. Zu diesem Zweck hat der Wille zum Leben differenziertere Erkenntnisstrukturen hervorgebracht. Schopenhauer schreibt in diesem Zusammenhang: „Die Erkenntnis überhaupt, vernünftige so wohl als anschauliche, geht also ursprünglich aus dem Willen selbst hervor, gehört zum Wesen der höhern Stufen seiner Objektivation als eine bloße mechané, ein Mittel zur Erhaltung des Individuums und der Art so gut wie jedes Organ des Leibes“. [8] Unsere Erkenntnisstrukturen wären demnach biologisch bedingt: ihnen käme allem zuvor die Funktion zu, die Erhaltung höherer Lebewesen, insbesondere des Menschen, sicherzustellen. Anders gesagt, Schopenhauer begründet die Entwicklung der Erkenntnisstrukturen, über die wir verfügen, mit ihrer Lebensnotwendigkeit.
Nietzsche nun hat diesen Ansatz weitergeführt. So notiert er sich einmal: „Der sogenannte Erkenntnißtrieb ist zurückzuführen auf einen Aneignungs- und Überwältigungstrieb: diesem Triebe folgend haben sich die Sinne, das Gedächtnis, die Instinkte usw. entwickelt“. [9] Und an einer anderen Stelle: „Sein [des Menschen] Mittel, sich zu ernähren und die Dinge sich anzueignen, ist, sie in ‚Formen’ und Rhythmen zu bringen: das Begreifen zuerst ein Schaffen der ‚Dinge’. Erkenntniß ein Mittel der Ernährung“. [10] Zugleich ventiliert er den Gedanken, die Kategorien, von denen Kant behauptete, bei ihnen handele es sich um apriorische Strukturen, also um Strukturen, die vor aller Erfahrung in unserem Verstand bereitliegen, hätten sich im Zuge der Menschheitsentwicklung a posteriori herausgebildet, weil sie sich nämlich als nützlich für das Überleben der Gattung Mensch erwiesen haben könnten. [11]
Ähnlich argumentierte dann in den 1940er Jahren Konrad Lorenz, der die Ansicht vertrat, die Erkenntnisfähigkeiten von Tieren und Menschen hingen von den physischen Bedingungen ab. Infolgedessen interpretierte er die von Kant als apriorisch angesehenen Erkenntnisstrukturen als Produkt der biologischen Evolution. Das heißt: Diese Erkenntnisstrukturen haben wir im Laufe der Evolution a posteriori erworben, so daß wir Heutige immer schon über sie verfügen. Für uns also gelten sie a priori, vor aller Erfahrung. Lorenz blieb aber insofern Kantianer, als er Kants Kategoriensystem akzeptierte und nur nach dessen Herkunft fragte. [12]
Jedenfalls war mit den Überlegungen von Konrad Lorenz der Grundstein gelegt für ein neues Leitbild der Erkenntnistheorie: das evolutionäre. Seit den 1970er Jahren wurde der Begriff „Evolutionäre Erkenntnistheorie“ einem weiteren Kreis vor allem durch die Arbeiten Karl Raimund Poppers bekannt. Nun hat Popper diesen Begriff keineswegs geprägt; er stammt von dem britischen Psychologen Donald T. Campbell, der diese Wendung zur Kennzeichnung des Popperschen Denkansatzes verwendete. „Evolutionäre Erkenntnistheorie“: das meint bei Popper folgendes. Seiner Überzeugung nach sind alle Organismen ständig, auch im Schlaf, mit dem Lösen von Problemen beschäftigt. Das gilt mithin, wie er gerne hinzufügt, von der Amöbe genauso wie von Einstein. Popper nun setzt das aus der biologischen Evolutionstheorie bekannte Schema „Mutation – Selektion“ in Analogie zu dem Schema Versuch und Fehlerelimination. Die Problemlösungsmethode schlechthin ist für Popper diejenige von Versuch und Irrtum, von Versuch und Fehlerbeseitigung. Wenn wir ein Problem zu lösen versuchen, so argumentiert er, formulieren wir eine Hypothese, eine Theorie, eine Vermutung, wie dieses Problem zu lösen wäre, also einen vorläufigen Lösungsversuch. Diesen unterziehen wir dann dem Verfahren der Fehlerelimination, das in kritischer Diskussion und experimentellen Prüfungen bestehen kann. Hält unser Problemlösungsversuch dieser kritischen Prüfung stand, dann kann er als vorläufig bewährt angesehen werden – so lange, bis sich eine konkurrierende Hypothese findet. Aufgrund der Konkurrenz dieser zwei (oder mehrerer) Hypothesen kommt es zu einer natürlichen Auslese von Hypothesen. Unsere Erkenntnis besteht demnach aus denjenigen Hypothesen, die ihre relative Überlebensfähigkeit dadurch bewiesen haben, daß sie in ihrem Existenzkampf bislang überlebt haben.
Dieses Problemlösungsschema findet sich nach Poppers Sicht der Dinge in drei Bereichen wieder: erstens im Bereich der phylogenetischen, also der stammesgeschichtlichen Entwicklung, zweitens im Bereich der Ontogenese, der Entwicklung des einzelnen Individuums, und drittens schließlich im Bereich der Evolution unseres von ihm so genannten „objektiven“ Wissens.
Poppers Evolutionäre Erkenntnistheorie geht es in erster Linie um eine Theorienevolution, um eine Evolution unserer Erkenntnis, unseres Wissens, um eine Evolution der Wissenschaften.
Die Evolutionäre Erkenntnistheorie, wie sie beispielsweise von Rupert Riedl und Gerhard Vollmer vertreten wird, setzt die Akzente anders. [13] In ihrem Zentrum steht die Evolution der Erkenntnisfähigkeit. Besser wäre es, sie als biologische Erkenntnistheorie zu bezeichnen, weil es sich bei ihr ja um eine Theorie über die biologische Herkunft unserer kognitiven Strukturen handelt. Ihre Kernthese lautet wie folgt:

„Unser Erkenntnisapparat ist ein Ergebnis der Evolution. Die subjektiven Erkenntnisstrukturen passen auf die Welt, weil sie sich im Laufe der Evolution in Anpassung an diese reale Welt herausgebildet haben. Und sie stimmen mit den realen Strukturen (teilweise) überein, weil nur eine solche Übereinstimmung das Überleben ermöglichte“. [14]

  Die wesentlichsten Bestandteile dieses Ansatzes geben zu bedenken:

  1. Erstens: Es gibt eine reale Welt
  2. Zweitens: Unsere subjektiven Erkenntnisstrukturen passen auf diese Welt
  3. Drittens: Sie passen auf diese Welt, weil sie sich im Laufe der Evolution herausgebildet haben und uns damit das Überleben ermöglichten.

Sehen wir uns diese Aspekte einmal etwas näher an.
Zum ersten Punkt:
Die Evolutionäre Erkenntnistheorie sieht sich genötigt, die Realität einer bewußtseinsunabhängigen Außenwelt anzunehmen (denn täte sie das nicht, gäbe es nichts, an was sich unser Erkenntnisapparat anpassen könnte). Sie vertritt also die Position eines Realismus, allerdings nicht diejenige eines naiven Realismus, welcher behauptet: Es gibt eine reale Welt; diese ist so beschaffen, wie wir sie wahrnehmen. Ein solcher naiver Realismus gerät allein schon durch das Faktum der Sinnestäuschungen ins Wanken. Diejenige Art von Realismus, welche die Evolutionäre Erkenntnistheorie vertritt, bezeichnet sie als hypothetischen Realismus (Popper nennt ihn gelegentlich auch wissenschaftlichen Realismus). Der hypothetische Realismus nimmt an: Es gibt eine vom Bewußtsein unabhängige Außenwelt. Diese Welt besitzt bestimmte Strukturen. Diese Strukturen sind zumindest teilweise erkennbar. Und wir können prüfen, wie weit wir mit unseren Hypothesen kommen.
Die Alternative zu einem so verstandenen Realismus wäre das, was Popper erkenntnistheoretischen Idealismus nennt. Dieser geht davon aus, alles, was wir wahrnehmen, sei nichts als ein Traum, eine selbsterzeugte Illusion, ein Hirngespinst. Letzten Endes könnte derjenige, der solche Gedanken hat, nicht einmal seinen eigenen Körper als real ansehen. Er wäre so etwas wie ein „geflügelter Engelskopf ohne Leib“, wie Schopenhauer einmal gesagt hat. Und er setzt hinzu: eine solche Position finde sich eigentlich nur im Tollhaus. [15] Bertrand Russell hat zu dieser erkenntnistheoretischen Position angemerkt: „Die Annahme, daß das ganze Leben ein Traum sei, in dem wir uns selber alle unsere Gegenstände schaffen, ist logisch nicht unmöglich. Aber es spricht auch nicht das mindeste dafür, daß diese Annahme wahr wäre“. [16]
Erkenntnis wäre unter solchen Bedingungen kaum möglich, erst recht keine Wirklichkeitserkenntnis, damit auch keine Wissenschaft. So kann die Evolutionäre Erkenntnistheorie gar nicht anders, als das Realitätspostulat zu akzeptieren.

Zum zweiten Punkt:
Wie steht es nun um die von der Evolutionären Erkenntnistheorie behauptete Passung zwischen unseren Erkenntnisstrukturen und der Welt?
Hier kann sich die Evolutionäre Erkenntnistheorie auf zahlreiche Ergebnisse moderner wissenschaftlicher Forschung stützen. Und zwar bemüht sie nicht nur die Evolutionstheorie, sondern auch Genetik und Molekularbiologie, Sinnes- und Hirnphysiologie, Verhaltensforschung, Psychologie, Sprachwissenschaft und Anthropologie, um aufzeigen zu können, daß es angeborene Erkenntnis- und Verhaltensstrukturen gibt. (Nebenbei sei gesagt, daß die Evolutionäre Erkenntnistheorie mithin interdisziplinär ausgerichtet ist.) Nach Ansicht der Evolutionären Erkenntnistheoretiker empfiehlt es sich, zwischen ‚angeboren’ und ‚vererbt’ zu unterscheiden. Und zwar wie folgt: Ein Merkmal ist angeboren, wenn es von Geburt an vorhanden ist; es ist ererbt, wenn es sich aufgrund der Erbanlagen entwickelt hat. [17]
Von hier aus nun argumentieren die Evolutionären Erkenntnistheoretiker: In diesem Sinne angeboren sind die Strukturen unserer Sinneserfahrung. Ferner sehen sie nicht nur das Organ „menschliches Gehirn“, sondern auch seine Funktionen wie etwa Bewußtsein, Denken und Begriffsbildung als Ergebnisse der stammesgeschichtlichen Entwicklung an.
Einem weitverbreiteten Mißverständnis zufolge soll die Evolutionäre Erkenntnistheorie behaupten, Reifung und Lernen spielten beim Erkenntnisprozeß keine Rolle: es sei eben alles angeboren. Genau das Gegenteil ist der Fall! So wird schon Popper nicht müde, auf die wichtige Rolle der Lernprozesse hinzuweisen, damit die genetischen Dispositionen sich entwickeln, damit sie reifen können. Und Vollmer betont ausdrücklich: Wenn die Evolutionäre Erkenntnistheorie die Hypothese vom Angeborensein der Kategorien der Erkenntnis unterstelle, dann bedeute das keineswegs, daß physiologisches Wachstum und Lernen aus Erfahrung nicht von Bedeutung wären. „Vielmehr“, so Vollmer wörtlich weiter, „liegt schon in der Wahrnehmung ohne Zweifel ein kompliziertes Zusammenspiel von angeborener Fähigkeit, Reifung und Lernen vor“. [18]
Um ihre These stark zu machen, bemühen die Evolutionären Erkenntnistheoretiker gern die angeborenen Strukturen unseres Wahrnehmungsapparats als Beispiel. Ich versuche das anhand von drei Aspekten zu veranschaulichen:

  1. Farbwahrnehmung:

Unsere Farbwahrnehmung, so kann man sagen, ist sehr „wählerisch“: sie filtert nämlich aus den Signalen der Außenwelt ganz bestimmte Informationen heraus. Das für uns Menschen sichtbare Licht ist physikalisch gesehen nur ein recht kleiner Ausschnitt aus dem breiten elektromagnetischen Spektrum. Dieses reicht von der kurzwelligen Gammastrahlung bis zur langwelligen Radar- und Radiostrahlung. Von diesem Spektrum ‚sehen’ wir nur einen ganz kleinen Teil. Mit anderen Worten: Wir haben nur ein ganz kleines ‚optisches Fenster’ zur Welt.
Und zwar sehen wir nicht die Wellenlängen, sondern Farben. Auf Einzelheiten können und brauchen wir hier nicht einzugehen. Worauf es der Evolutionäre Erkenntnistheorie ankommt, ist, zu betonen: menschliche Farbwahrnehmung ist eine selektive und konstruktive Leistung, die auf angeborenen Dispositionen beruht.
Bienen zum Beispiel haben ein ganz anderes optisches Fenster zur Welt: sie können, wie Karl von Frisch dargelegt hat, kein Rot wahrnehmen, dafür aber Ultraviolett: Eine blühende Wiese oder eine einzelne Blüte zeigt daher für eine Biene eine ganz andere Farbstruktur als für uns. [19]
Ähnlich verhält es sich mit dem Hören: Wir können nur einen schmalen Ausschnitt aus dem Schwingungsspektrum hören: nämlich ca. 16 – 16.000 Hertz. Wir haben also auch nur ein kleines ‚akustisches Fenster’ zur Welt. Andere Lebewesen können Schwingungen jenseits von 20.000 Hertz vernehmen – Hunde zum Beispiel – bzw. Radarwellen (Fledermäuse).
Analog verhält es sich mit dem Schmecken, dem Riechen und dem Tasten.

  1. Raumwahrnehmung:

Das Bild von einem dreidimensionalen Gegenstand auf der Netzhaut ist nur zweidimensional. Das aber bedeutet: Aus einer im wesentlichen zweidimensionalen Information baut unser Wahrnehmungssystem eine dreidimensionale Welt auf. Diese Rekonstruktion dreidimensionaler Gegenstände, so die Evolutionäre Erkenntnistheorie, ist eine konstruktive Leistung des Subjekts, der eine angeborene Struktur zugrunde liegt: Unser Gehirn hat die Disposition, Räumlichkeit zu entwerfen.

  1. Gestaltwahrnehmung:

Die menschliche Wahrnehmung hat die Disposition, Ganzheiten und Muster zu bilden: verschiedenartige Schlüsselreize werden zum Beispiel zu einem homogenen Ganzen integriert, oder unvollständige Konturen werden so ergänzt, daß sie, wie die Gestaltpsychologie gezeigt hat, eine sogenannte ‚gute’ Gestalt ergeben. Solche Dispositionen sind laut der Evolutionären Erkenntnistheorie ein Ergebnis der Evolution. Zugleich aber betonen die Evolutionären Erkenntnistheoretiker, daß diese Dispositionen durch Übung verbessert, verfeinert bzw. überhaupt erst aktiviert werden können.

Ich habe mich hier auf die Wahrnehmungsstrukturen unseres Erkenntnisapparats beschränkt. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie ist nun generell der Überzeugung, man könne grundsätzlich in allen Bereichen geistiger Aktivität nach angeborenen Strukturen fragen. Dazu kann sie auf entsprechende Ergebnisse der vorhin genannten Wissenschaften zurückgreifen. So lassen sich angeborene Strukturen über die genannten hinaus beispielsweise aufzeigen:

  1. beim Bewegungssehen – das meint die Bewegungsillusion, die Film, Fernsehen oder Leuchtreklame erzeugen. Folgen nämlich einander mehr als 16 Lichtblitze pro Sekunde, so kann sie unser Auge nicht mehr getrennt wahrnehmen; wir sehen dann eine kontinuierliche Bewegung. Diese konstruktive Leistung der Wahrnehmung können wir auch wider besseres Wissen nicht ausschalten (Zum Vergleich: Bienen können mehr als 200 Einzelbilder pro Sekunde unterscheiden.)
  2. beim Zeitempfinden
  3. bei der Scheu vor der Tiefe
  4. bei sogenannten Konstanzleistungen, zum Beispiel der Dingkonstanz: das meint die Wiedererkennbarkeit der Gegenstände trotz verschiedener Entfernung und Perspektive; sie schließt Größen- und Formkonstanz ein; ferner bei der Richtungskonstanz: Verschiebungen des Netzhautbildes infolge von Augenbewegungen werden nicht als Bewegungen unserer Umgebung interpretiert
  5. bei der Kenntnis menschlicher Gesichter
  6. bei Lächeln und Wutmimik
  7. bei der Sprachfähigkeit.

Darüber hinaus können als teilweise angeboren angesehen werden:

  1. Intelligenz
  2. Musikalität
  3. logische und elementare mathematische Strukturen [20]
  4. eventuell auch das Kausalgesetz, also der Zusammenhang von Ursache und Wirkung. [21]

Das im einzelnen auszuführen, würde jedoch den Rahmen dieses einführenden Vortrags sprengen. Gleichwohl möchte ich noch kurz bei den Wahrnehmungsstrukturen verweilen und anhand einiger weniger Beispiele die These der Evolutionären Erkenntnistheorie verdeutlichen, diese Strukturen passten auf die Welt. So argumentieren die Vertreter der Evolutionären Erkenntnistheorie im Blick auf unsere Farbwahrnehmung, für den Wahrnehmungsapparat sei es biologisch sinnvoll gewesen, die normale Beleuchtung an der Erdoberfläche als farblich neutral zu interpretieren und nur Abweichungen von der normalen Zusammensetzung des Lichts als Farbe bewußt zu machen.
Ein weiteres Beispiel: Unser Trommelfell ist auf die großen Amplituden der Luftschwingungen eingerichtet. Daher hören wir im Wasser, wo die Schallschwingungen viel geringere Amplituden haben, alles um einiges leiser.
Auch an Fehlleistungen und Verfälschungen läßt sich der Passungscharakter der sinnlichen Wahrnehmung verdeutlichen. Wir kennen alle das Phänomen, daß wir einen ins Wasser gehaltenen geraden Stab als geknickt sowie überhaupt unter Wasser die Gegenstände verzerrt wahrnehmen. Das rührt daher, daß unser Auge dem Brechungsindex der Luft angepaßt ist. Um den für unsere Sinneswahrnehmung sozusagen ‚normalen’ Bezug Auge – Luft wiederherzustellen, müssen wir unter Wasser Schwimm- oder Taucherbrillen benutzen.
Belege für eine Isomorphie zwischen Wahrnehmung und Welt liefert auch die Verhaltensforschung. Konrad Lorenz hat darauf hingewiesen, daß manche Tiere eine ‚schlechtere’ Raumwahrnehmung besitzen als wir. In seiner Abhandlung Psychologie und Stammesgeschichte schreibt Lorenz diesbezüglich: „Organismen aus weniger strukturierten Lebensräumen bedürfen eines weniger genauen und differenzierten Orientierungsverhaltens als solche, die sich auf Schritt und Tritt mit komplizierten räumlichen Gegebenheiten auseinandersetzen müssen. Der homogenste aller Lebensräume ist die Hochsee, und in dieser gibt es denn auch einzelne freibewegliche Lebewesen, die eigentlicher Orientierungsreaktionen völlig entbehren, z. B. Quallen […]
In zwei Dimensionen ist die Steppe gewissermaßen das, was die Hochsee in dreien ist. Es gibt selbst unter den steppenbewohnenden Vögeln und Säugetieren solche, die ein senkrechtes Hindernis nicht verstehen und nicht einmal durch Lernen zu bewältigen vermögen“. [22] Diese Beispiele mögen hier genügen.

Ich komme damit zum dritten Bestandteil der Evolutionären Erkenntnistheorie. Zur Erinnerung: Er besagt: Unsere kognitiven Strukturen passen auf diese Welt, weil sie sich im Laufe der Evolution in Anpassung an diese Welt herausgebildet haben und uns damit das Überleben ermöglichten.
Diesbezüglich kann ich mich sehr kurz fassen. Generell gilt für die Evolutionäre Erkenntnistheorie: Falsche Hypothesen über die Welt werden im Zuge der Evolution schnell eliminiert. Anderenfalls würden wir mit unseren falschen Theorien zugrundegehen. Popper hat das auf die bekannte Formel gebracht: Anstatt daß wir zugrundegehen, lassen wir unsere Theorien sterben. Und Hans Mohr formuliert diesen Sachverhalt folgendermaßen: „Wer auf Grund seiner falschen Erkenntniskategorien eine falsche Theorie der Welt machte, der ging im ‚Kampf ums Dasein’ zugrunde – jedenfalls zu jener Zeit, als die Evolution der Gattung Homo vonstatten ging“. [23] Um es an einem, von dem Biologen G. G. Simpson stammenden, simplen Beispiel zu verdeutlichen: Derjenige Affe, der keine realistische Wahrnehmung von dem Ast hatte, nach dem er greifen wollte, war bald ein toter Affe – infolgedessen gehört er nicht zu unseren Urahnen. [24]
Nun, langer Rede kurzer Sinn: Die Evolutionäre Erkenntnistheorie will damit zu verstehen geben: Die Ausbildung kognitiver Strukturen, die es ermöglichen, die Strukturen der realen Welt zu erfassen, bietet einen ungeheuren Selektionsvorteil. Zu den Gesetzmäßigkeiten, die die Evolutionstheorie beschreibt, gehört: daß nur derjenige überlebt, der hinreichend angepaßt ist. Das erlaubt den Schluß: Daß wir noch leben, ergibt sich ganz einfach daraus, daß wir hinreichend angepaßt sind – und das heißt: daß unsere kognitiven Strukturen hinreichend „realistisch“ sind.
Bereits 1955 hielt der österreichisch-kanadische Biologe Ludwig von Bertalanffy in diesem Sinne fest: „Die Auffassung, daß die Erfahrungsformen einen durch Anpassung entstandenen Apparat darstellen, der sich in Jahrmillionen langem Kampf ums Dasein bewährt hat, stellt sicher, daß zwischen ‚Erscheinung’ und ‚Realität’ eine hinreichende Entsprechung besteht. Schon die Tatsache, daß Tiere und menschliche Wesen noch existieren, beweist, daß ihre Erfahrungsformen der Realität einigermaßen entsprechen“. [25]
Ich komme allmählich zum Schluß und frage zunächst: Was leistet eine Evolutionäre Erkenntnistheorie? Ihr Vertreter betonen, sie beantworte mehrere wichtige Fragen.
Erstens: Sie kann klären, woher die subjektiven Strukturen der Erkenntnis kommen – sie sind nämlich ein Produkt der Evolution.
Zweitens: Sie vermag die Frage zu beantworten, warum die kognitiven Strukturen bei allen Menschen nahezu gleich sind – weil sie genetisch bedingt, also erblich sind und – zumindest als Disposition – angeboren.
Drittens: Sie ist in der Lage, Auskunft darüber zu geben, daß und warum diese Strukturen zumindest teilweise mit den Strukturen der Außenwelt übereinstimmen – weil die Gattung Mensch die Evolution sonst nicht überlebt hätte.
Darüber hinaus kann sie viertens zeigen: Rationalismus und Empirismus bilden nicht den absoluten Gegensatz, den die traditionelle Lesart zwischen beiden erblickt. Indem die Evolutionäre Erkenntnistheorie betont, unsere kognitiven Strukturen seien stammesgeschichtlich erworben – also phylogenetisch a posteriori – und seien damit ontogenetisch a priori, kann sie zwischen Empirismus und Rationalismus vermitteln, den Streit also schlichten. Und zwar wie folgt: Der Rationalismus hat insofern recht, als er betont, es gebe für den einzelnen Menschen ein Apriori: denn der einzelne Mensch jetzt verfügt immer schon über die phylogenetisch erworbenen Erkenntnisstrukturen; für ihn sind sie eine Art „eingeborener Ideen“. Und der Empirismus hat darin recht, daß es für die Menschen als biologische Art kein Apriori, keine „eingeborenen Ideen“ gibt.
Fünftens: Die Evolutionäre Erkenntnistheorie ergänzt die Transzendentalphilosophie Kants um den genetischen Aspekt, den schon Kants Zeitgenosse Herder anmahnte. Das heißt, sie kann Aussagen über die Herkunft der Anschauungsformen und Ordnungskategorien machen, über die nach Kant unsere Sinnlichkeit und unser Verstand verfügen.
Und schließlich sechstens: Die Evolutionäre Erkenntnistheorie kann die eingangs zusammengestellten Grundfragen der Erkenntnistheorie sinnvoll beantworten. Insbesondere bietet sie Antworten an auf die zentralen Fragen: Warum erkennen wir gerade so, wie wir erkennen? Wie sicher ist unsere Erkenntnis? Worauf beruht solche Sicherheit?

Abschließend möchte ich auf einige Grenzen und Gefahren hinweisen:
Erstens: Die Kernthese der Evolutionären Erkenntnistheorie bewährt sich in der Welt der „mittleren Dimensionen“ (wie von Bertalanffy sich ausdrückt). Das meint: Unsere Anschauungs- und Erfahrungsstrukturen sind in den Bereichen unserer unmittelbaren Umwelt – im Mesokosmos – anwendbar. In anderen Bereichen der Welt, das heißt in ungewohnten Dimensionen des sehr Kleinen (des Mikrokosmos) oder des sehr Großen (des Megakosmos) könnten sie möglicherweise versagen. Aber im Laufe der Menschheitsgeschichte mußte sich unsere Erkenntnisfähigkeit ja auch nur in dieser Welt der mittleren Dimensionen bewähren. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie kann den Passungscharakter unserer Wahrnehmungs- und Erkenntnisstrukturen auf die realen Strukturen also nur für den Mesokosmos behaupten.
Zweitens: Die Evolutionäre Erkenntnistheorie speist sich aus vielen einzelwissenschaftlichen Belegen. Diese wurden bislang noch nicht zu einem homogenen Ganzen zusammengefügt. [26] Das heißt: Sie ist nach wie vor ein Forschungsprogramm, das erst noch zu einer vollständigen Theorie ausgearbeitet werden muß. Insbesondere Hirnforschung und Neurowissenschaften könnten hierzu in Zukunft möglicherweise wichtige Beiträge leisten.
Drittens: Der Mensch versucht mehr und mehr in die Evolution einzugreifen oder sie gar zu lenken (Stichwort: Gentechnologie). Vielleicht wird es eines Tages möglich sein, auch unsere kognitiven Strukturen zu verändern, zu manipulieren und dergleichen mehr. Damit würde sich die Frage stellen: Wie stünde es dann um die These des Passungscharakters unserer Erkenntnisstrukturen?
Viertens: Die Evolutionäre Erkenntnistheorie spricht bevorzugt von der Anpassung unserer kognitiven Fähigkeiten an die reale Welt. Eher am Rande wird darauf hingewiesen, daß hier auch eine Wechselwirkung zwischen menschlicher Erkenntnisfähigkeit und Umwelt vorliegen könnte. [27] Zudem läßt sich fragen: Besteht nicht neben der Möglichkeit einer Anpassung des Wahrnehmungs- und Erkenntnissubjekts an das Objekt auch die Umkehrung: die Anpassung des Objekts an das Erkenntnissubjekt? Diese Frage erhebt sich vor allem vor dem Hintergrund des Sachverhalts, daß der Mensch nicht nur in der Lage ist, seine Umwelt umzugestalten, sondern sie tatsächlich ständig technisch verändert.
Fünftens: Wie jede andere Theorie sieht sich auch die Evolutionäre Erkenntnistheorie nach Bestätigungen um. Dazu greift sie – wie erwähnt – auf zahlreiche Einzelwissenschaften zurück, deren Ergebnisse sie zwecks Bestätigung ihrer Grundannahmen heranzieht. Paul Feyerabend nun hat darauf aufmerksam gemacht, daß hier ein Fallstrick lauert. Denn, so Feyerabend, die experimentellen und Beobachtungsergebnisse, die unsere Theorien widerlegen oder bestätigen sollen, können wir auch durch Manipulationen gewinnen. Auf diese Weise können wir selbst sowohl Instanzen erzeugen, die unsere Theorien bestätigen, als auch solche, die sie widerlegen. In seinem Artikel Die Wissenschaftstheorie – eine bisher unbekannte Form des Irrsinns? [28] hat er seine These, daß Theorien die sie bestätigenden Instanzen selbst produzieren können, am Beispiel der Hexentheorie erläutert. Diese Theorie, so legt Feyerabend dar, habe buchstäblich die sie bestätigenden Instanzen und Erfahrungen allererst erzeugt.
Die Evolutionäre Erkenntnistheorie wäre in ihrem ureigensten Interesse gut beraten, sich auf diese Weise nicht selbst zu Fall zu bringen.

[1] Karl R. Popper: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf. 4., verb. u. erg. Aufl., Hamburg 1984. – Gerhard Vollmer: Evolutionäre Erkenntnistheorie. Angeborene Erkenntnisstrukturen im Kontext von Biologie, Psychologie, Linguistik, Philosophie und Wissenschaftstheorie. 8., unver. Aufl., Stuttgart, Leipzig 2002. – Rupert Riedl: Biologie der Erkenntnis. Die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft. Berlin, Hamburg 1979.
[2] Bertrand Russell: Probleme der Philosophie. 8. Aufl., Frankfurt/Main 1979, S. 136.
[3]Platon, Politeia, 476 e.
[4] René Descartes: Die Prinzipien der Philosophie (1644). 8. durchges. Aufl., Hamburg 1992, Schreiben Descartes’ an Picot, S. XLIII.
[5] K. R. Popper: Objektive Erkenntnis, a. a. O., S. 61.
[6[ Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, B 74 ff.
[7] Johann Gottfried Herder: Eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, 1799.
[8] Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, 1. Band. Sämtliche Werke, hrsg. von W. von Löhneysen,  Band I, Darmstadt 1980, S. 225.
[9] Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hrsg. von Giorgio Colli u. Mazzino Montinari. München, Berlin, New York 1980, Bd. 13, S. 326.
[10] A. a. O., Bd. 10, S. 651.
[11] A. a. O., Bd. 13, S. 283.
[12] Konrad Lorenz: Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie. In: Blätter für deutsche Philosophie 15 (1941), S. 94 – 125.
[13] Siehe hierzu Gerhard Vollmer: Wieso können wir die Welt erkennen? Neue Beiträge zur Wissenschaftstheorie. Stuttgart, Leipzig 2003, S. 49 – 88.
[14] G. Vollmer: Evolutionäre Erkenntnistheorie, a. a. O., S. 102.
[15] A. Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, 1. Band, a. a. O., S. 156 u. 163.
[16] B. Russell: Probleme der Philosophie, a. a. O., S. 22.
[17] Siehe G. Vollmer: Evolutionäre Erkenntnistheorie, a. a. O., S. 92.
[18] A. a. O., S. 94.
[19] Karl von Frisch: Aus dem Leben der Bienen. 10. Aufl., Berlin u. a. 1993; Tanzsprache und Orientierung der Bienen, Berlin u. a. 1965.
[20] G. Vollmer: Was können wir wissen? Bd. 1: Die Natur der Erkenntnis. Beiträge zur Evolutionären Erkenntnistheorie. Stuttgart 1985.
[21] Franz M. Wuketits: Biologie und Kausalität, 1981.
[22] Konrad Lorenz: Psychologie und Stammesgeschichte. In: Ders.: Über tierisches und menschliches Verhalten II. München 1965, S. 225 f.
[23] Hans Mohr: Wissenschaft und menschliche Existenz. Freiburg 1967, S. 21.
[24] G. G. Simpson: Biology and the nature of science. In: Science 139 (1963), S. 84; hier zit. nach G. Vollmer: Evolutionäre Erkenntnistheorie, a. a. O., S. 103.
[25] L. von Bertalanffy: An essay on the relativity of categories. In: Philosophy of Science 22 (1955), S. 257; hier zit. nach G. Vollmer: Evolutionäre Erkenntnistheorie, a. a. O., S. 104.
[26] Siehe G. Vollmer, a. a. O., S. 216: Nachwort 1990.
[27] So z. B. G. Vollmer, a., a. O., S. 180.
[28] In: Natur und Geschichte. X. Deutscher Kongreß für Philosophie, hrsg. von Kurt Hübner und Albert Menne. Hamburg 1973, S. 88 – 124.

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]