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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 5
Naturalismus ist eines der großen Modethemen unserer Zeit; in Illustrierten wie dem Spiegel werden die Thesen bekannter Hirnforscher popularisiert, für die Giordano Bruno-Gesellschaft mit ihren zahlreichen, teils sehr prominenten Mitgliedern ist das uneingeschränkte Bekenntnis zum Naturalismus Pflicht, und auch im Fernsehen wird der Naturalismus immer wieder vorgestellt und manchmal auch kontrovers diskutiert. Der Herausgeber des 1. Bandes der neuen Reihe Deutsches Jahrbuch Philosophie, Peter Janich, ist selbst an dieser Diskussion an prominenter Stelle beteiligt, etwa mit einem Beitrag in FAZ.net, in dem er kritisch Stellung zur Hirnforschung und insbesondere zu den Thesen von Wolf Singer bezieht.
Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um eine offizielle, von der Fritz-Thyssen-Stiftung unterstützte Publikation der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, deren Präsident ein Geleitwort geschrieben hat und auch selbst mit einem Beitrag vertreten ist. Das Jahrbuch dokumentiert eine Marburger Tagung im Herbst 2006, die sich kritisch mit dem Naturalismus beschäftigte. Leider ist nicht das Podiumsgespräch eingeschlossen, an dem neben anderen Wolf Singer teilnahm. „Das klar gesteckte Ziel dieser Tagung war also nicht eine Diskussion mit bekennenden Naturalisten über die Spielarten des Naturalismus zu führen, sondern mit Philosophen unterschiedlicher Einschätzung der Herausforderungen, die von den Naturwissenschaften vom Menschen ausgehen, zu diskutieren.“ (12; unverändertes Zitat) Vorgestellt werden eigentlich nur zwei naturalismuskritische Positionen, die einleitend durch Vorträge von Jürgen Habermas und Peter Janich umrissen werden. Weil sich die meisten anderen Aufsätze an diese Hauptbeiträge anschließen, wird es dann auch vor allem um sie in dieser Besprechung gehen.
Jürgen Habermas eröffnet den Band mit seinem Aufsatz Das Sprachspiel verantwortlicher Urheberschaft. Probleme der Willensfreiheit (15 – 29), in dem er die bekannten Thesen des Manifests Gehirn und Geist kritisch beleuchtet. Einleitend wird gezeigt, wie und in welcher Weise die Unterstellung oder auch Leugnung der Willensfreiheit wesentlich ist für alles, was die Verantwortlichkeit eines Menschen betrifft. Sodann werden verschiedene Lösungen des Problems diskutiert, etwa der „Kompatibilismus“ G.E. Moores, in dem der Versuch unternommen wird, eine naturgesetzlich determinierte Bestimmung unseres Handelns mit dem Bewußtsein unserer Freiheit zu vereinbaren: „Die jeweils maßgebenden Motive sollen gleichzeitig von innen als Gründe und von außen als Wirkungen eines kausal erklärbaren Vorgangs verstanden werden können.“ (22) Habermas demonstriert die Absurdität dieses Versuchs: „Die Kombatibilisten muten der handelnden Person zu, aus Gründen zu handeln, die bei Licht betrachtet zu kausal erklärten Effekten erstarrt und damit jeder Argumentation entzogen sind.“ (23)
Der Aufsatz diskutiert zwei Lösungsstrategien, eine eher traditionell naturwissenschaftlich ausgerichtete, die den Begriff der emergenten Eigenschaften zu nutzen versucht, und eine, die an die Evolutionstheorie anzuknüpfen versucht.
Emergente Eigenschaften sind im Rahmen einer historischen Entwicklung (die hier natürlich jene der Evolution ist) solche, die aus der nicht vorhersehbaren Kombination zweier Eigenschaften entstehen. Dann ließen sich wohl die einzelnen Eigenschaften naturgesetzlich verstehen, nicht aber jene, die sich aus deren Zusammengehen ergeben. An dieser Stelle wendet Habermas kritisch ein, daß eine solche Theorie es nicht erlauben würde, „Abwärtskausalität“ (25) zu erklären. Darunter versteht er offenbar Zwecksetzung, also das Eingreifen des Geistes in das natürliche Geschehen. Diesen Einwand finde ich aber nicht ganz schlüssig, weil es sich einmal (bei der Annahme, der Zusammenschluß zweier Eigenschaften generiere eine neue Eigenschaft) um eine diachrone Argumentation handelt, beim anderen Mal (bei der Zwecksetzung) um einen aktuellen Vorgang. Ein anderer Einwand könnte dieser sein: was erklärt Emergenz eigentlich? Die Annahme scheint schlüssig, daß es Emergenz in der Naturgeschichte wirklich gegeben hat, aber die bloße Tatsache, daß aus der überraschenden Kombination zweier Eigenschaften eine sie weit übersteigende Eigenschaft entsteht, daß sich dank der Kombination des Disparaten eine neue Dimension öffnet, ist dadurch noch lange nicht verständlich gemacht! Im Grunde erkennen wir allein dies, daß gewisse Eigenschaften (zum Beispiel die Stellung des Kehlkopfes) die Voraussetzung für eine andere Eigenschaft ist (das Sprechen). Das Sprechen und vor allem: das Sprechenkönnen wird dadurch aber keinesfalls erklärt.
Die zweite Strategie geht von der Annahme aus, daß „die kognitive Struktur unserer Lebenswelt selber aus einem evolutionären Lernprozeß hervorgegangen ist.“ (kursiv von Habermas) Er fügt diesem Satz einen sehr problematischen hinzu: „Denn die Möglichkeit objektiver Naturerkenntnis ist nur dann gegeben, wenn sich die organischen Ermöglichungsbedingungen selber schon als Ergebnis von kognitiv relevanten Auslese- und Anpassungsprozessen begreifen lassen.“ (28) Hier dreht sich die Argumentation im Kreis, denn es wird Evolution vorausgesetzt, um die Möglichkeit von Evolution zu beweisen. Und die „kognitive Relevanz“ rein hypothetischer Ausleseprozesse wäre auch noch zu diskutieren. Um einen Lernprozeß kann es sich natürlich nicht handeln, sondern offenbar werden evolutionär eingeleitete organische Veränderungen angenommen, welche auf Lernfähigkeit oder Mentalität eines Wesens Einfluß genommen haben. Mit „Ermöglichungsbedingung“ spricht Habermas doch nichts anderes an, als daß jedes Erkennen, Denken und Handeln gewisser organischer Grundlagen bedarf. Aber was ist damit für die Erklärung dieser Fähigkeiten geleistet? Wir wissen, daß Denken ohne Hirn schwierig ist, aber die Arbeit des Hirns verstehen wir deshalb trotzdem noch nicht.
Habermas’ Artikel argumentiert auf weiten Strecken denkbar klar und stellt in verdienstvoller Weise die Probleme heraus, die der Naturalismus in seinem generell etwas zu direkten Zugriff leugnet. Merkwürdigerweise scheint aber auch dieser so eminent belesene Gelehrte nicht die überzeugende Lösung zu kennen, die Nicolai Hartmann mit seinem Schichtenmodell in verschiedenen Teilen seines Werkes für sein Problem anbietet und mit dessen Hilfe sich sowohl die Grenzen als auch die Rechte des Naturalismus aufzeigen lassen. Man unterscheidet nach diesem Modell vier Schichten: die Materie, die Pflanze, das Tier und den Menschen. Die jeweils obere Schicht ist auf der unteren „aufruhend“ in der Begrifflichkeit Hartmanns, aber trotzdem ihr gegenüber frei, wenngleich nur relativ frei. Sie stellt zwar etwas Neues und Weiterführendes dar, ist aber auf ihre Grundlage angewiesen, die immer das Stärkere bleibt. (Das ist das Verhältnis, das Habermas die „Ermöglichungsbedingung“ nennt.) Die Pflanze ruht auf der toten Materie auf und ist ohne diese nicht denkbar, läßt sich aber trotzdem nicht aus dieser heraus erklären, also nicht auf deren Gesetzlichkeit zurückführen und in ihren Kategorien beschreiben. In derselben Weise ist das Tier auf die Pflanze angewiesen und unser Denken auf Organe. Eben auf diese Verhältnisse gründet die relative Freiheit der oberen Schicht: Die Gesetze der unteren Schichten reichen in die obere hinein, verlieren dort aber ihren absoluten Charakter. Deshalb sind wir auch als organische Wesen frei, wenngleich keinesfalls absolut frei.
Man muss sich aber nicht allein die Abhängigkeit des Höheren vom Niederen vor Augen führen, sondern auch das Neue, das die höheren Schichten mit sich bringen. Nichts von dem, was das Denken auszeichnet, läßt sich von unten erklären. In seiner Grundlegung einer Metaphysik der Erkenntnis hat Hartmann von einem „hiatus irrationalis“ gesprochen und klargemacht: „Nervenvorgang und Bewußtseinseinheit bleiben einander genauso transzendent, wie Objekt und Subjekt es im Erkenntnisproblem von Anbeginn sind.“ Den folgenden Satz können wir als schlagende Widerlegung aller Theorien der Hirnforschung lesen: „Wirklich faßbar ist immer nur die Dualität zweier wesensverschiedener Welten. Erklärt wird also nichts.“
In seinem Beitrag Naturwissenschaft vom Menschen versus Philosophie (30 – 51) stellt Peter Janich sein Konzept des Kulturalismus vor, dem eine Reihe von Autoren dieses Bandes (meist seine Schüler) verpflichtet sind und zu dem sich sogar ein Wikipedia-Artikel findet. „Methodischer Kulturalismus“ wird von Dirk Hartmann mit den folgenden Worten umschrieben: „Der Methodische Kulturalismus hält die naturalistische Auffassung für zirkulär und (entgegen ihrer eigenen Intention) metaphysisch belastet.“ (67) Eben darum geht es Janich in seinem Referat. Zunächst demonstriert er die Fragwürdigkeit der Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften und zeigt, daß „keine Naturwissenschaft ohne Philosophie möglich“ (35, kursiv hier wie im folgenden von Janich) ist, wobei man unter Philosophie ein Bündel von kulturell indizierten Vorurteilen zu verstehen hat. Dieser Gedanke wird von Michael Weingarten aufgenommen und in sehr differenzierter Weise ausgeführt, indem er das Verhältnis der Philosophie zu den Einzelwissenschaften reflektiert (276 – 287).
Wer als Physiologe das Auge erforsche, so Janich im zweiten Abschnitt, müsse bereits wissen, was Sehen eigentlich sei. Schärfer ist seine Kritik an der evolutionären Erkenntnistheorie, an der er besonders ihre Verwendung des Begriffes „kognitiv“ kritisiert. (Diese Kritik hat Janich bereits 2006 in dem Suhrkamp-Bändchen Was ist Information vorgetragen.) Als Konsequenz dieser Überlegungen „fordert das kulturalistische Anthropische Prinzip, dass die Naturwissenschaften vom Menschen ihre Ergebnisse so zu fassen haben, dass eben die Fähigkeit zum Treiben dieser Naturwissenschaft vom Menschen erklärt wird.“ Janich vollzieht mit diesem (im Grunde banalen) Prinzip einen Perspektivenwechsel: der Mensch wird „als Autor und Akteur, als Zwecksetzer, Kriterienwähler und Methodenrealisierer betrachtet.“ (41) Damit wendet sich Janich mit common sense-Argumenten (er zitiert den „Mann auf der Straße“, 50) nicht allein gegen den philosphischen Mainstream, sondern gegen eine im Feuilleton heute fast allgegenwärtige Phrase („Der Mensch und andere Tiere“). Keinesfalls möchte er den Menschen als „Definitionsprodukt etwa einer biologischen Taxonomie“ ansehen, sondern er schlägt vor, den Menschen durch eine „offene, sich kulturhistorisch weiter entwickelnde Liste von Zuschreibungen“ (42) zu fassen. Helmuth Pleßner hat in seinem Vorwort zur zweiten Auflage seiner Stufen des Organischen eben ein derartiges Vorgehen an Arnold Gehlen Der Mensch moniert, von dem er sagt, in „geschickter Kombination“ füge es verschiedenste Auffassungen zusammen. Eben dieses im Grunde methodisch und philosophisch anspruchslose Verfahren fordert Janich.
In einem dritten Schritt untersucht der Autor die in der Wissenschaft notwendigen Handlungstypen und führt in den Argumentationszusammenhang das „Prinzip der methodischen Ordnung“ ein, mit dessen Hilfe die Anbindung der Theorie an die Praxis gewährleistet werden soll. Janich räumt selbst ein, daß dieses Prinzip, an das wir uns im Alltag ganz selbstverständlich halten, oft banal sei; zum Beispiel, wenn es „schlicht“ fordere, „die Zwecke vor den Mitteln zu bestimmen“ (47). Die „wichtigste Lehre aus dem kulturalistischen anthropischen Prinzip“ (49) besteht darin, nicht allein auf den Menschen als Forschungsgegenstand zu blicken, sondern darüber nicht den Menschen als Forscher zu vergessen. Seinen vierten Argumentationschritt faßt Janich darin zusammen, daß Mensch „kein Gattungsbegriff der Naturwissenschaften, sondern ein Reflexionsbegriff der Moral- und Rechts- sowie der theoretischen Philosophie“ (50) sei.
Es würde zu weit führen, die neben Janich und Habermas elf weiteren Autoren und ihre Aufsätze vorzustellen, zumal sich die überwiegende Mehrzahl an Janichs Argumentation anschließt beziehungsweise dessen Argumentation zu erweitern versucht. In dem umfangreichsten Beitrag des Bandes (67 – 137) unternimmt es Dirk Hartmann, die kulturalistische Position Janichs von der Erkenntnistheorie auf die Ethik, also von der Frage nach der Wahrheit auf die nach der „Geltung von Aufforderungen“ (68) zu übertragen. Christoph Demmerling geht es darum, über ein „Vokabular“ für die philosophische Anthropologie jenseits der Alternative von Geistes- und Naturwissenschaft nachzudenken; in diesem Zusammenhang denkt er über die Bedeutung nach, welche die Entdeckung der Spiegelneurone für die Philosophie haben könnte (240 – 256).
Abschließend müssen dem Herausgeber noch einige kritische Fragen gestellt werden. So heißt es ausdrücklich, daß nicht allein Originalbeiträge aufgenommen wurden: „Jedenfalls sollte es für die Publikation der vorliegenden Beiträge kein Hinderungsgrund sein, wenn es sich dabei um Texte handelte, die … bereits publiziert waren.“ (13) Wenn die einzelnen Beiträge nach Auskunft des Herausgebers nicht unbedingt Erstveröffentlichungen sein mußten (für ein Jahrbuch ungewöhnlich genug), warum werden wir dann nicht darüber informiert, welcher Aufsatz bereits zuvor erschienen ist? Der Leser erfährt nichts, buchstäblich gar nichts über die Autoren des Bandes oder Details über eine mögliche frühere Veröffentlichung der Beiträge.
Sodann: wenn dieser Band eine Tagung und ihre Vorträge dokumentiert, warum ist dann ein Beitrag 12, ein zweiter immerhin schon 35, ein anderer gar 80 Seiten stark? Um Vorträge kann es sich bei diesem Umfang unmöglich handeln, und deshalb kann dieses Jahrbuch auch unmöglich eine Tagung dokumentieren.
Janichs Beitrag ist der zweite im Band, und bei seiner Lektüre befürchtete der Rezensent das schlimmste, weil er von Fehlern wimmelt, als wäre er kein einziges Mal auch nur flüchtig auf Fehler durchgesehen worden. Sollte es im ganzen Buch so weitergehen? Auf S.41 gibt es „das kulturalistische Anthropische Prinzip“, „die anthropischen Prinizipien“ und die „Anthropischen Prinzipien“. Vielleicht hätte sich der Autor für eine Lösung entscheiden sollen? Es gibt noch zahlreiche andere, oft in die Augen springende Fehler – sinnlose Trennungen durch den Computer, Grammatikfehler, falsch geschriebene Namen („Siegmund Freud“, 30), fehlender Wortzwischenraum (einmal sogar in einer Überschrift, 36) und dergleichen. Ganz offensichtlich hat der Autor nicht Korrektur gelesen oder lesen lassen. Ausgerechnet dieser Aufsatz – neben jenem von Habermas der Hauptbeitrag des Bandes – fällt rein formal deutlich hinter die anderen zurück.
Worin eigentlich besteht die Funktion eines Herausgebers: erschöpft sie sich darin, Drittmittel zu organisieren und im Anschluß daran Word-Dateien zu sammeln und an den Verlag zu schicken? Dieselbe Frage muß dem Lektor gestellt werden, der nach Auskunft des Herausgebers bereits „die gesamte Tagung selbst mit Aufmerksamkeit verfolgt hat“ (14). Warum hat er nicht mit derselben Aufmerksamkeit den Druck überwacht? In diesem Jahrbuch finden sich ganz entschieden zu viele offensichtliche Druckfehler, und daß Zitate aus den 60er Jahren die reformierte Rechtschreibung kennen (207), hätte eigentlich auch auffallen sollen.
Stefan Diebitz