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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 5
Am 14. August 1919 notiert Frau Gudi Nölke in ihrem Tagebuch über ein Gespräch mit Rilke: „Von Toledo und Ronda bei Gibraltar … Toledo unerhört schön – zuletzt gesundheitlich unmöglich – Ronda bezaubernd – Engländer-Hotel. Mit spanischer Familie dort.“ In diesen wenigen Stichworten, rasch niedergeschrieben nach dem Zusammensein mit Rilke im Gartenhaus des Palazzo Salis in Soglio, wo Rilke vorm Antreten seiner Vortragsreise in der Schweiz Ruhe und Erholung fand, steigen seine Erinnerungen auf an den Winter in Spanien, der ihn nach Ronda verschlagen hatte, obwohl Toledo das eigentliche Ziel seiner Spanienreise gewesen war.[1]
Vom 9. Dezember 1912 bis zum 19. Februar 1913 wohnte Rilke im Hôtel Reina Victoria in Ronda. An Sidie Nádherný schrieb er am 11. Dezember: „In Toledo war ich, genau vor vier Wochen, ungern ging ich fort, beständig zurückschauend, aber die Kälte trieb, und ich fühlte mich nicht gut, körperlich nicht und nicht in der Seele. Seither war ich in Cordoba und (mit wenig Freude) in Sevilla; hier ist starke, herrliche Luft, Berge wie aufgeschlagen um Psalmen daraus vorzusingen, - und auf eine Bergplatte gehäuft eine der ältesten und seltsamsten spanischen Städte.“ Und am 17. Dezember heißt es an die Fürstin Marie von Thurn und Taxis: „Hier wäre nun freilich auch der Ort, recht spanisch zu leben und zu wohnen, wäre nicht die Jahreszeit … zum Überfluß hat der Teufel den Engländern eingegeben, hier ein wirklich ausgezeichnetes Hôtel zu bauen, in dem ich natürlich nun wohne, neutral, theuer und wie es sich der und jener wünschen würde, und dabei bin ich schamlos genug, zu verbreiten, daß ich in Spanien reise.“ Es sind also durchaus gemischte Gefühle, mit denen Rilke seine winterliche Zuflucht schildert – einerseits die großartige Landschaft, zum anderen den so gar nicht spanischen Komfort, den das Hôtel den Engländern bietet, die von Gibraltar heraufkommen.[2]
Der erste Brief aus Ronda, den Rilke seiner Mutter schrieb, ist vom 13. Dezember 1912:
„Meine liebe Mama,
gestern, da es nunmehr den Anschein hat, daß ich in Ronda eine Weile bleibe, an Ruths Geburtstag, telegraphierte ich Dir diese meine neue Adresse, damit das Nachsenden nicht noch den ohnehin reichlich langen Briefweg, der uns in Verkehr hält, verlängert. Und eben, im Moment, da ich die Feder zu dem in der Depesche angemeldeten Brief ansetze, kommt Dein Schreiben über Sevilla. Also tausend Dank gleich vor Allem. Aus meiner Nachricht von Sevilla aus ersahst Du, daß Dein Brief zum 4. mich rechtzeitig erreicht hat, auch Großmamas Brief kam: ich habe ihn umgehend mit einer Karte erwidert.
Hab herzlichen Dank für Dein gutes, treues Gedenken und alles schön und lebhaft Erzählte, - aber ein wahrer Kummer ist mirs, daß sich so viel in Rom verändert, die Piazza Barberini von Elektrischen Bahnen verdorben, die Via del Tritone erweitert und verbanalisiert, - ich mag gar nichts mehr hören. Ein Glück, daß die Via Sistina und anschließend daran der zu den Quattro Fontane aufsteigende Straßenzug durch sein Gefäll und seine Steigung solchen Neuerungen widerstrebt und daß alles um die Trinitá und die Treppe intakt bleiben muß.
Nun muß ich Dir zunächst noch von Sevilla berichten; ich liebe es am wenigsten von den bisher besuchten Orten, es ist mir vielfach zu modern, auch muß die Stadt den Frühling anhaben, wenn sie sich präsentieren soll, so war sie wie eine ausgezogene Puppe, man sah die Gelenke und überall quoll das Werg heraus. Nichtmal die Kathedrale, die von unbestreitbarer Großartigkeit ist, ging mir im Gefühl sehr nah, kein Vergleich mit der von Toledo, wo ich fast gewohnt habe und der als Moschee erbauten Hauptkirche von Cordoba. Gleichwohl war es interessant, gerade den 8. Dezember dort gefeiert zu sehen, Conception ist für die Sevillaner, die sich von jeher einer besonderen Verehrung zur Jungfrau rühmen (hat doch das Land um Sevilla den Namen: Tierra de Maria Santissima -) ein sehr wichtiges Fest, das sie durch acht Tage beschäftigt, die Ceremonien im Dom sind äußerst vielfältig und prächtig, unter anderem besteht ein merkwürdiger Brauch, der im sechzehnten Jahrhundert eingeführt und von den Päpsten gebilligt wurde: daß am Conceptionstag in der Vesper und dann die ganze Oktav hindurch, zehn Knaben in Pagenkleidern unmittelbar vor dem strahlend erleuchteten Hochaltar ein altes Lied singen und einen langsamen schrittweisen Tanz nach dem Rhythmus ihres Gesanges ausführen. Ich hab es am Sonntag gesehen, es war sehr schön und rührend; innerhalb des Gitters, das in Spanien immer den Hochaltar mit seiner nächsten Umgebung von dem übrigen Raum abtrennt, war ein besonderes Streich- und Blasorchester eingerichtet, das ein Priester dirigierte, genau die Mitte vor den Stufen des Hochaltars war durch Schranken abgegrenzt und dort, während rechts und links Domherren in tiefem Gebete knieten, entwickelte sich der feierliche Tanz der weiß und blau gekleideten Knaben: denkt man, daß es Abend war, die ganze immense Kathedrale nur mit Kerzen erleuchtet, in einem großartigen Dunkel, in das nur der über und über schimmernde silberne Bau des Hauptaltars Schein und Widerschein seiner hundert und hundert Lichter strahlte, und eben davor, auf dem lichtesten Platz, dieser reine Gesang und dieser, gleichsam buchstabierte, ganz langsam abgesetzte Tanz, - so ergiebt sich ein Bild von eigener Feierlichkeit. Als Zuschauer selbst fühlte man, daß dieser Tanz sich nicht auf einen bezog, nicht für einen da war, und es war lieblich, das im Übermaß von Licht lächelnde Angesicht der Madonna zu sehen das wirklich diesen Anblick hinzunehmen den Anschein hatte.
Den nächsten Tag reiste ich an die sieben Stunden hierher und bin nun nur drei Stunden von der südlichen Küste Spanien, von Gibraltar, entfernt. Trotzdem ist es hier kälter als in Sevilla, man ist mitten in den Bergen, dafür ist die Luft von wundervoller Klarheit und Frische. Ronda ist eine der ältesten und merkwürdigsten Städte Spaniens, liegt großartig da auf zwei immensen Felsplateaus zwischen denen in einer Tiefe von 150 m und in einer Schlucht, die kaum 90 breit ist, unten der Guadalevin (der Fluß) seinen Weg sucht. Diesen Felsmassen, die die Stadt mehr hochhalten als tragen liegen auf allen Seiten Berghänge gegenüber und über diese fort begrenzen grandiose Gebirgsformen den weiten Horizont: es ist ein Panorama von unbeschreiblicher Hoheit. Die Engländer haben hier ein treffliches Hôtel eingerichtet (siehe Karte) und da auch sonst der Ort viel des Anziehenden und Beobachtenswerten für mich hat, so werde ich, wenn nichts dazwischen kommt, über die Feiertage hier bleiben. Adresse demnach: Ronda (Spagna) Hôtel Reina Victoria.
Ich kann, liebe Mama, von hier aus nicht das Geringste schicken, mit Paketen ists eine Misère, um eines zu expedieren muß man jemanden damit 3 Bahnstunden weit nach Bobadilla schicken, erst dort kann es aufgegeben werden -, also nichts, - sollte aber, wie ich vermuthe und hoffe, ein Paket aus London bei Dir eintreffen, so bitte ich dringend, es erst am 24. zur verabredeten Stunde zu öffnen.
(Herrn Landrichter Sonntag mußt Du, wenns nicht schon geschehen ist, gar nicht antworten und nichts versprechen. Diese Herren sollen sich nur an den Verlag wenden, alles das ist nur überflüssige Belästigung. Wenn Du mir gelegentlich seinen Brief mitschickst, werd ich ihn dem Verlag zur Erledigung übergeben.)
Aber nun Schluß des langen Plauderns, sei herzlich umarmt von Deinem alten René.“[3]
Der nächste Brief Rilkes (vom 16.12.12) an seine Mutter gehört zu den „Weihnachtsbriefen“, die er alljährlich an sie schrieb, damit sie sich am Heiligen Abend verbunden fühlen konnten, unterscheidet sich im Ton deutlich von den vorhergehenden:
„Meine liebe gute Mama,
Du öffnest diesen Brief um 6 Uhr, unserer alten gesegneten Bescherungsstunde - , und ich nehme zu gleicher Zeit aus Deinem das liebe reiche Bewußtsein Deiner Nähe und unseres gemeinsamen Festes, das keine Entfernung weniger vereint zu gestalten vermag.
Gesegnete Stunde denn und ein Herz, fähig, das viele Licht aufzunehmen, das diesen Abend die Erde zu einem anderen Sternenhimmel macht, aus Sternen, die sich in Kinderaugen so tausendfach spiegeln daß der Lichter mehr sein muß als oben in den Sphären. Und wenns auch ein Kinderfest ist, jeder hat eine Stelle pures Kindsein in sich, wo er es heute hell machen, wo er heute neu und rein und erwartungsvoll sein kann und des Beschenktwerdens unerschöpfliche Möglichkeiten, die sonst durch Gaben doch nur eingeschränkt werden, dem unerschöpflichen Leben gegenüber, das trotz allem auf unserer Seite ist und besorgt für uns, offen, weitoffen halten darf. Denn jede Stunde Noth ist vielleicht der Winter einer dahinter schon in den Säften steigenden Freude, - die Krankheit nur ein inniger Willen der Natur zur Gesundheit, der Schmerz: ein Ringen ihn zu überstehen, und wer durch Mühe und Mühsal zur Einsicht des Lebens kommt, reicht näher an es heran, ist ihm blutsverwandter als einer, der immer gleichmäßig neben dem Dasein herlief oder einer, mit dem er sich nie ganz ernst und gewissermaßen nur nebenbei beschäftigte.
Und Dir, liebe Mama, muß Weihnachten diesmal besonders innig sein:
Du verbringst es in Deinem geliebten großen Rom, neben der vertrauten Kapelle, im Schutze der guten treuen Schwestern -, und es sind die ersten Weihnachten seit Du Ruth kennst, das muß alles zusammen diesem Fest einen Frieden geben, eine gestillte Güte, einen sanften Glanz, in dem sich vor und zurückschauen läßt und der guten Gedanken und zuversichtlichen Gefühlen eine günstige und glückliche Atmosphäre bietet.
Segen also Deinem lieben Festabend und den großen Feiertagen; der kleinen Ruth Gedanken, mit der Du Dich so vom ersten Moment an herzlich gefunden hast, werden nicht weniger innig Dich erreichen und bei Dir weilen und so laß Dir das Herz ausruhen in einem freundlichen Verweilen guter Kräfte und glockenreiner Wünsche.
Ich gedachte Dir das Bild von der Patronin von Ronda zu schicken, konnte aber im ganzen Ort nichts auftreiben als das Herzjesubildnis des bei den Barfüßern verehrten Heilands, das das populärste zu sein scheint. So also nur dies für Dein Gebetbuch und noch einmal mein Hôtel mit bezeichnetem Fenster. (Ich hoffe mein aus London bestelltes Paket ist eingetroffen, sonst hab ich ganz ganz leere Hände.) Nun sei innigst umarmt von Deinem Dir herzlich nahen alten René.“ [4]
Es muß fast schockieren, wenn man nun in dem oben schon angeführten Brief an die Fürstin Taxis liest: „Übrigens müssen Sie wissen, Fürstin, ich bin seit Cordoba von einer beinah rabiaten Antichristlichkeit, ich lese den Koran, er nimmt mir, stellenweise, eine Stimme an, in der ich so mit aller Kraft drinnen bin, wie der Wind in der Orgel. Hier meint man in einem Christlichen Lande zu sein, nun auch hier ists längst überstanden, christlich wars, solang man hundert Schritte vor der Stadt den Muth hatte, umzubringen; darüber gediehen die vielen anspruchlosen Steinkreuze, auf denen einfach steht: hier starb der und der, - das war die hiesige Version Christenthums. Jetzt ist hier eine Gleichgültigkeit ohne Grenzen, leere Kirchen, vergessene Kirchen, Kapellen die verhungern, - wirklich man soll sich länger nicht an diesen abgegessenen Tisch setzen und die Fingerschalen, die noch herumstehen, für Nahrung ausgeben. Die Frucht ist ausgesogen, da heißts einfach, grob gesprochen, die Schalen ausspucken. Und da machen Protestanten und amerikanische Christen immer noch wieder einen Aufguß mit diesem Theegrus, der zwei Jahrtausende gezogen hat. Mohammed war auf alle Fälle das Nächste, wie ein Fluß durch ein Urgebirg, bricht er sich durch zu dem einen Gott, mit dem sich so großartig reden läßt jeden Morgen, ohne das Telephon ‚Christus’, in das fortwährend hineingerufen wird: Holla, wer dort? , und niemand antwortet.“[5]
Auch wenn sich Rilke hier in eine wahre Rage hineingesteigert hat, die Probleme, die er mit dem überlieferten Glauben hat, der ihn doch tief prägte, treiben ihn um.
Mit einem Brief Rilkes vom 20. Dezember erhielt Sidie Nádherný eine Reihe von Ansichten Rondas, mit denen er sie ermutigte, einmal herzureisen. Am 18. Dezember hatte er sie angekündigt: „Ich will morgen sehen, noch ein paar Photographien zu finden, die imstand sind, es ihnen deutlicher zu machen, vielleicht ist es ein Ort, mit dem sich die Vorstellung ‚Untertauchen im Fernsein’ merkwürdig gut verbindet, es geht mir nach als eine wirkliche Möglichkeit für das, was Sie brauchen.“ [6]
Dann kam Weihnachten und Rilke beschreibt seiner Mutter das Fest: „für mich wars ein sehr stiller harmonischer Tag, nachmittag ging ich hinüber in die Berge und ließ mir die kleine Kapelle der Señora de le Cabeza aufschließen, eines alten Muttergottesstandbildes, das in Grotten, die noch neben der jetzigen Kapelle bestehen, gefunden worden ist, - eine ganz arme Frau mit einer Unmenge Kinder hatte die Schlüssel, ich ließ mir von ihr alles zeigen und erzählen und beschenkte die Kinder der Reihe nach mit etwas Kupfergeld (es waren sieben glaub ich).
Dann trat ich meinen Heimweg an, auf die wunderbar gelegene Stadt zu, die in der Beleuchtung des Nachmittags immer zu einem unvergleichlichen Schauspiel wird -, zuhause fand ich das Haus festlich, Feuer in allen Kaminen, alle Thüren bekränzt und in der Halle Blumen (sogar Rosen!), die die Frau des Hoteldirektors trefflich zu arrangieren versteht, auf den kleinen bequem verteilten Tischen. Ich zog mich gleich in mein Zimmer zurück, las und schrieb bis zu unserer verabredeten Stunde, die mir friedlich und weihevoll war, und verbrachte dann nach den Essen, das ich unten an meinem gewohnten Tisch einnahm, den Abend in derselben Weise bis zur Mitternachtsmesse. Gegen halb zwölf ging ich hinüber in die Stadt, wo es laut zuging, man hörte aus vielen Häusern Gesang und Tamburins und Gruppen von jungen Leuten zogen singend umher -, ich hatte Zeit bis ans andre Ende durchzuwandern, die über und über geweißten kleinen Häuser sahen aus als hätten sie alle reine Hemden angezogen und dabei lag der Schein des Vollmonds so stark über allem, daß man gelegentlich meinen konnte zwischen lauter Schnee zu gehen und das stille helle Dasein unter dem großen Himmel hatte etwas sehr Feierliches und wirklich Weihnachtliches. Und schon riefen auch die Glocken hinein, von der hlg. Geistkirche, vom Dom, in schnellen hell rufenden Schlägen. Im Dom fand ich viel Volkes, das sich, entsprechend der hiesigen Art, nicht sehr ruhig hielt, aber die vielen in ihren Tüchern knienden Frauen, das Dunkel in das der Altar golden hineinstrahlte, der alte liturgische Gesang, gab der bedeutenden Stunde doch was ihr gebührte. Die Festtage über war ich nicht ganz wohl, - sonst hätte ich schon geschrieben; so aber ließ ich mich, da es wundervoll sonnige Tage waren, in ganzer Trägheit gehen, lag im Garten ausgestreckt in einem Klappstuhl, ohne das Mindeste zu unternehmen.“ (30.12.12)
Um die Jahreswende trug Rilke dann in sein Taschenbuch erste Verse ein. [7]
„Die Mandelbäume in Blüte; alles, was wir hier leisten können, ist, sich ohne Rest erkennen in der irdischen Erscheinung.
Unendlich staun ich euch an, ihr Seligen, euer Benehmen,
wie ihr die schwindliche Zier traget in ewigem Sinn.
Ach wers verstünde zu blühn: dem wäre das Herz über alle
schwachen Gefahren hinaus und in der großen getrost.“
Und am 6. Januar 1913 sandte Rilke an Lou Andreas-Salomé die „Aufzeichnung“, in der es heißt: „Wenn er aber vor den Mandelbaum trat, der in seiner Blüte war, so erschrak er dennoch, es [sein ‚Geschehn’] so völlig dort drüben zu finden, ganz übergangen, ganz dort beschäftigt, ganz fort von ihm; und er selbst nicht genau genug gegenüber und zu trübe, um dieses sein Sein auch nur zu spiegeln.“[8]
Rilke war noch tief versunken in die Schaffenskrise, die seine letzten Jahre verdüstert hatte – hier in Ronda wurde sie, wie aufzuzeigen ist, für einige Wochen unterbrochen. Und dazu trug gewiß auch die heitere Atmosphäre bei, von der er seiner Mutter am 8.1. berichtete:
„Schnell muß ich Dir noch vom Drei-Königstag erzählen: der Abend vorher ist für die Spanier das, was für uns Weihnachten ist, man beschenkt die Kinder, und zwar werden sie wie immer zu Bett gebracht, und (wenn die Erregung sie schlafen läßt) so weckt sie plötzlich der ungewöhnlichste Lichtschein, und in der Stube stehen die drei Könige in eigener Person, umgeben von einer Menge schöner Sachen, die ihr schwarzer Diener eifrigst aus Säcken und Schachteln zieht, während sie nur so exotisch dastehn und glänzen. Ich hatte die Freude, das Ganze aus großer Nähe mitzumachen, indem mein einziger Umgang hier eine spanische Familie bildet, ein Graf v. Vilallonga, mit zahlreichen schönen Kindern aus zwei Ehen: und da wars nun die reizendste Veranstaltung, wie die älteren Geschwister für die noch kleinen die Drei heiligen Könige mimten, mit viel Eifer und Erfolg, und es war schwer zu bestimmen, auf welcher Seite Spannung und Freude größer war.-
Langsam scheint hier die sehr verspätete Regenzeit einzufallen, man erhofft sie sogar für das Land, aber ein paar kurze Regen haben schon so gewirkt, daß draußen in der Campagna die Mandelbäume blühen (schade, daß ich Dir nicht ein paar Zweige schicken kann) und im Garten des Hôtels die Beete voll der schönen lichtblauen spanischen Iris stehen (die im März auch an der spanischen Treppe viel verkauft wird).“
Schon einige Tage zuvor hatte Rilke geschrieben: „Morgen ist Drei-Königstag, das für die spanischen Kinder was bei uns Weihnachten ist. Ich merke etwas davon, denn mein einziger Umgang hier ist eine spanische Familie, ein Graf Vilallonga mit zahlreichen Kindern … Denken Sie, ich sitze manchmal inmitten dieser vergnügten Gesellschaft, spiele Lotto, (was ich seit gut dreißig Jahren nicht mehr gethan habe) und gewinne so unverschämt, daß alle ganz große Augen machen, wie das zugeht. So misch ich mich unter die Jugend, ach, aber nicht aus Gleichberechtigung, schon mehr wie der alte König David als er Abisag bekam, um manchmal warm zu werden…“ [9]
Der elegische Ton ist unüberhörbar, doch sind Rilke in Ronda bedeutende Gedichte gelungen, vor allem „Die spanische Trilogie“ mit den Zeilen:
„Warum muß einer dastehn wie ein Hirt,
so ausgesetzt dem Übermaß von Einfluß,
beteiligt so an diesem Raum voll Vorgang,
daß er gelehnt an einen Baum der Landschaft
sein Schicksal hätte, ohne mehr zu handeln.“
Das sind Zeilen, in denen die Welt um Ronda fühlbar wird, wie sie sich Rilke auf seinen weiten Wegen durch diese Heroische Landschaft erschlossen hat, eine urtümliche Welt der Hirten mit ihren Herden. Wie in Duino „Das Marienleben“ auf die ertsen Entwürfe der Elegien folgte, so entstehen auch jetzt Gedichte aus dem gleichen Themenkreis: „Himmelfahrt Mariae“ I und II, und dann andere aus der christlich-biblischen Welt: „An den Engel“: „Starker, stiller, an den Rand gestellter / Leuchter ...“ und die „Auferweckung des Lazarus“. August Stahl merkt dazu im Hinblick auf das „Marienleben“ an: „Der etwas von außen kommende Anlaß allein aber hätte wohl nicht genügt, Rilke zu dieser Arbeit zu bewegen, wäre nicht die Auseinandersetzung mit dem Christentum und die Neu- oder Umgestaltung der christlichen Glaubensinhalte eine bei ihm durchgehend zu beobachtende Übung. Ja man kann sogar feststellen, daß bedeutende Phasen seines Werkes und die produktivsten Phasen seines Schaffens immer zugleich Aufarbeitungen seiner religiösen Geschichte sind.“ [10] Und so auch hier in Ronda. Ein weiteres, „Der Geist Ariel (Nach der Lesung von Shakespears Sturm)“ – das einzige dieser Gedichte, das Rilke selbst veröffentlicht hat – weist darauf hin, daß dieser Winter in Ronda ein Lesewinter war.[11]
Auch Prosa entstand: die schon erwähnte „Aufzeichnung“ bereits am „Drei-Königstag 1913“, etwas später die beiden „Erlebnis“ überschriebenen Texte, die wiederum Duino heraufrufen.[12]
Das Wichtigste aber war gewiß, daß auch die Arbeit an den „Elegien“ ein Stück weiter gefördert werden konnte – mit den ersten 31 Versen der sechsten „Duineser Elegie“, der Helden-Elegie. Doch daß Rilke sie nicht vollenden konnte, muß er schmerzlich empfunden haben.
Ronda blieb zunächst noch ein Rilke genehmer Ort. Am 2. Februar schickte er seiner Mutter eine Photographie: „Die Aufnahme ist nach meiner Angabe gemacht worden von einem Platz aus, der mir besonders lieb ist. Im Vordergrund erscheint die Ruine des Klosters S. Francisco mit der noch bestehenden Klosterkirche, weiterhin, auf seinem Felsen baut sich Ronda auf, die Cathedrale Santa Maria Major an höchster Stelle, - unterhalb der hohe Körper der Heiligen-Geist-Kirche. Dieser Blick ist nie aufgenommen worden und mir schien er einer der schönsten und ganz besonders charakteristisch für Art und Anlage dieser seltsamen Stadt, in der sicher vieles Merkwürdige noch ganz unbekannt und unaufgefunden in Häusern und Höfen steckt. Das Ensemble der Landschaft ist nun lieblich belebt durch die voll blühenden Mandel- und Pfirsichbäume, auch Blumen stehen da und dort im Freien, in unserm Garten viele viele Veilchen -, aber in Rom genießt man das alles unendlich mehr, hier ist immerhin das Gebirg, und seine Strenge und Herbe drückt sich deutlich aus durch alle Jahreszeiten hin“.
In diesen Februartagen entstanden noch zwei Entwürfe [13], die einen Hauch von dem verspüren lassen, was rein erst in den Frühlingsgedichten von 1924 aufklingt – hier ist es noch getrübt von der Melancholie des Nicht-Gelingens:
„Die weißen Häuser hin ein Überfließen;
ein Reichlichsein vorrätiger Natur,
und Bettler, in fortwährendem Entschließen,
sind der entsprungnen Güte auf der Spur.“
Die Verse tragen den Vermerk „Ronda, Februar 1913 / Vorfrühlings-Sonne“. Und das zweite:
„Da rauscht der Bach und dich, (der du ihn hörst)
dich weiß er nicht. Und drängst du deine Klage
den Lüften auf: er ringt durch reine Tage,
die du nicht hast, die du nicht störst“
Aus Madrid, am 19. Februar 1913 erklärte Rilke seiner Mutter dann: „Es ist nichts zu erzählen über mein Fortgehen von Ronda, der Entschluß kam mir von einem Tag zum andern, unvorbereitet, theils durch ein paar äußere Umstände hervorgerufen, sehr unterstützt durch die Thatsache, daß mir der Frühling, wie er in Ronda zunahm, nicht gut bekam, die Sonne war zu heftig, am Morgen um 7 Uhr war sichtlich Februar, vier Stunden später, gegen 11, hätte man sich rein im August glauben können. Einerseits ging ich schwer weg von Ronda, da es ja zugleich recht eigentlich den Abschied von Spanien bedeutete, - Madrid ist nun schon etwas internationaler (und sehr wenig interessant) und sonst werde ich mich kaum noch irgendwo aufhalten diesmal. Auch die Absicht noch einmal nach Toledo zu gehen, gebe ich auf, ich muß sparen, denn wenn ich gleich meine Möbel u.s.w. in Paris habe, so wird doch die neue Einrichtung nicht ganz ohne Auslagen aller Art abgehen.
Mit Rührung empfing ich gerade noch Deine Karte in Ronda, die mir von der Audienz beim heiligen Vater Vorbericht brachte, - ich hoffe die ausführliche Nachricht erreicht mich noch hier, denn man schickt mir vom Hôtel Reine Victoria alles pünktlich nach. Ich war sehr gut aufgehoben dort, und der Abschied (nach 2 1/2 Monaten)! that allen recht an. Besonders war auch der Graf Vilallonga und seine Familie von der treuesten Herzlichkeit, alle standen lange und winkten und die Kinder gaben mir allerhand liebe Andenken für Ruth mit. Schließlich ist ein jedes Fortgehen schwer …“
Noch aus Madrid, am 24. Februar an Sidie Nádherný, klingt es ein wenig anders: „Montag abend (ich seh, daß es heute schon eine Woche wird) verließ ich Ronda mit nicht lange vorbereitetem Entschluß, die letzten Wochen waren schlecht, eine kurze Aussicht auf Arbeit vorher, die ansetzte, mich innen in Bewegung brachte und mich dann gleich im Stich ließ, seither nur Schlechtes, seelisch wie körperlich, da ichs nicht ganz ohne Aufklärung aushalten wollte, schob ich einen Theil Schuld aufs Wetter, und es ist wahr, daß es unerträglich war, früh um 7 Februar, gegen Mittag, der Sonne nach, mindestens August und so täglich auf und ab im Übermuth. So verlor ich Geduld und Freude - …“[14]
Viele Jahre später, nicht lange nach jenem Gespräch, das Frau Nölke in Soglio notierte, schrieb Rilke an Nanny Wunderly-Volkart vom Schönenberg bei Basel aus, wo er sich hatte „unterstellen“ können (3.4.1920): „… ich weiß, was ein Blütenbaum ist, und ich seh ihn ja doch verständigt an, jeden, jeden, -, nur, es schmerzt, das Alles in so unendlicher Bedeutung gezeigt bekommen zu haben einmal und nicht in diesem letzten Sinne davon ergriffen zu sein. Diese Mandel-Bäume in Ronda, vor dem braunrothen Erdreich gesehen, das hatte nichts mit allen den Rührungen zu thun, die einem der Frühlingsmoment bereiten kann, wenn man ihn in eine Gleichung des Herzens stellt, das war über alle hiesigen Bedingungen und Hoffnungen hinaus, und wer ihn einmal so verstanden hat, diesen Moment, der muß sein Leben innen innen einrichten, dort, wo ihm dies widerfuhr, dort muß er wohnen und aushalten“ – [15]
Anmerkungen
Für die Erlaubnis, aus den Briefen Rilkes an seine Mutter zu zitieren, sei Frau Hella Sieber-Rilke auch an dieser Stelle herzlich gedankt. Die von ihr herausgegebene Ausgabe dieser Briefe aus den Jahren 1896-1926 wird in Kürze erscheinen.
* Ronda, Februar 1913, SW II, S.51.
[1] Das unpublizierte Tagebuch Frau Gudi Nölkes befindet sich im Familienbesitz; s. dazu: R.M.R. „Die Briefe an Frau Gudi Nölke“. Hrsg. von Paul Obermüller, Wiesbaden 1953.
[2] Ingeborg Schnack „Rilke-Chronik“, S. 416/17.
[3] Dieser hier ungekürzt wiedergegebene Brief ist ein schönes Beispiel der über 1200 Briefe Rilkes an seine Mutter Sophia (Phia) Rilke, geb. Entz. Da geht es um Familiäres, die Geburtstage von Rilkes Tochter Ruth und seinen eigenen, dazu um die Großmutter Entz in Prag. Danach geht Rilke auf den Bericht der Mutter aus Rom ein und berichtet erst dann von sich, von Sevilla und der Feier des Tages Mariä Empfängnis dort, von der er weiß, daß sie die Mutter in ihrer Marienverehrung erfreuen wird. Schließlich Ronda – und sozusagen „Geschäftliches“. Durch die Zuwendung in solchen Briefen vermag Rilke die Distanz zu wahren, die er braucht und so ermöglicht er es sich, wirkliche Nähe zu vermeiden.
[4] Veröffentlicht in: R.M.R „Weihnachtsbriefe an die Mutter“, Hrsg. von Hella Sieber-Rilke, 1955 ist S.46/47 ein zweiter Weihnachtsbrief aus Ronda, den Rilke wohl wegen der schwierigen Postverbindungen zusätzlich geschrieben hat.
[5] „Rainer Maria Rilke und Marie von Thurn und Taxis: Briefwechsel.“ Besorgt durch Ernst Zinn, 1951, Band I, S. 245/6.
[6] Brief und Bilder finden sich in: „Rainer Maria Rilke / Sidonie Nádherný von Borutin / Briefwechsel 1906-1926“ Herausgegeben und kommentiert von Joachim W. Storck unter Mitarbeit von Waltraud und Friedrich Pfäfflin, 2007, S.158-162.
[7] SW II, S.43.
[8] SW VI, S.1036 und Briefwechsel mit Lou Andreas-Salomé, S.279.
[9] am 5.1.1912 an eine unbekannte Empfängerin, Privatbesitz.
[10] „Rilke-Kommentar zum lyrischen Werk“ von August Stahl, 1978, S. 258. Dem Autor sei für den Hinweis herzlich gedankt.
[11] Die zitierten Gedichte s. SW II, S. 43-51; zum „Lesewinter“ s. Joachim W. Storck „Rilkes ‚Lesewinter’ in Ronda. Zwischen Altem Testament und Adalbert Stifters ‚Studien’.“ In: Centro Studi „Rainer Maria Rilke e il suo tempo“. Atti dell’ottavo Convegno 3 Ottobre 1979, Quaderno n. 7, Duino-Trieste 1980, S. 13-40.
[12] SW VI, S. 1035-1042.
[13] SW II, S.391.
[14] a.a.O., S.165/66.
[15] R.M.R. „Briefe an Nanny Wunderly-Volkart“, I, S.205.
Erstdruck: Festschrift für Professor Federico Bermudes – Cañete, Granada.