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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 5
1934 beginnt der spanische Philosoph José Ortega y Gasset das Vorwort zu einer erweiterten Neuausgabe seines Erfolgsbuches Der Aufstand der Massen mit diesen Worten: „Das geht zu weit… Was ich damit meine, ist die Tatsache, daß meine Bücher in Deutschland immer neue Auflagen erreichen.“ Diese Zeiten nun allerdings sind lange vorbei. Ortega ist vielleicht nicht vergessen, aber er wird bei weitem nicht mehr so viel gelesen wie in den Jahren bis ungefähr 1980. So ist der ebenso schön gebundene wie sorgfältig gedruckte Band Der Mensch ist ein Fremder ein willkommener Anlaß, sich erneut mit seinem Werk zu beschäftigen. Er enthält drei Texte, die von Stascha Rohmer übersetzt und mit einer gehaltvollen geistes- und philosophiegeschichtlichen Einführung versehen wurden (S.7 – 26). Einige Vorlesungen zur Metaphysik (S.27 – 170) sowie Historische Vernunft (S.171 – 274) sind Vorlesungen, die 1932/33 in Madrid bzw. 1940 in Buenos Aires gehalten wurden. Die große Abhandlung Wilhelm Dilthey und die Idee des Lebens (S.275 – 331), die den Band beschließt, wurde in drei Abschnitten zwischen November 1933 und Januar 1934 veröffentlicht.
Leider erfahren wir nichts über die Überlieferungsgeschichte der Vorlesungen. Liegen dem Druck Manuskripte Ortegas zugrunde, oder handelt es sich um stenographische, vielleicht von Ortega selbst autorisierte Protokolle? Für Protokolle spricht manches, vor allem die direkte Ansprache des Publikums und das gelegentliche Eingeständnis der Vortragenden, nicht mit seiner Zeit zurechtzukommen. Während uns der zweite Vorlesungszyklus einen sauber ausgearbeiteten Text bietet (die meisten Vorlesungen sind ungefähr zwanzig Seiten stark), ist der erste lückenhaft: Einige Stunden, etwa die sechste und siebte, sind nicht vollständig überliefert und brechen in der Mitte ab, und der Text der einzelnen Stunden ist zwischen 5 und 16 Seiten lang.
Ortega, der lange in Deutschland lebte und besonders engen Kontakt zur Marburger Schule pflegte, war ein ausgezeichneter Kenner der gesamten deutschen Philosophie und kannte auch die epochalen Werke, die Ende der Zwanziger Jahre auf Deutsch erschienen. Obwohl ein enger Freund und langjähriger Diskussionspartner von Nicolai Hartmann, zeigt sich Ortega in den Vorlesungen über Metaphysik mehr von dessen Rivalen Martin Heidegger beeinflußt. Das gilt zunächst für den behutsamen Stil, in dem er zur Philosophie hinführt, denn ähnlich wie Heidegger umkreist Ortega sein Thema mit großer Geduld und variiert es immer wieder. Aber Heideggers Einfluß findet sich auch bei einer ganzen Reihe von Begriffen. Zum Beispiel kennt Ortega die „Geworfenheit“: „Das Leben ist uns gegeben – oder besser gesagt, es ist uns zugeworfen bzw. wir sind in es hineingeworfen.“ (53) Es sind die konkreten und je individuellen Lebensumstände, auf die Ortega mit diesen Worten hinweist. Für seine Philosophie des Lebens sind eben diese Lebensumstände von größter Bedeutung.
Ein anderes Beispiel: Was Heidegger „Eigentlichkeit“ nennt, das nennt Ortega „Authentizität“ (46). Auch kennt er das „Man“: „Das Subjekt eines solchen Sagens ist das, was man ‚die Leute’ nennt: das soziale Umfeld, die kollektive Persönlichkeit ohne Individualität, die niemand Bestimmtes ist und die daher niemals Verantwortung kennt.“ (115) Ortega fordert von seinen Studenten, sich vom Man abzuheben, und zwar so, daß ihre Hinwendung zur Wissenschaft eine „lebendig empfundene und authentische Notwendigkeit“ (36) sei. Dieses Thema klingt bereits im Aufstand der Massen (1929 veröffentlicht) an, wenn Ortega die Barbarei geißelt, die in bloßer Neugier gründet und im toten, unverbundenen Detailwissen liegt. Der spanische Philosoph ist also mitnichten ein Heidegger-Epigone, wenn sein Vokabular auch immer wieder an ihn erinnert. So nimmt er den Begriff der „Sorge“ auf und etymologisiert: „Vom lateinischen ‚cur-a’ stanmt ‚cur-iosidad’, die Neugier. Von daher ist unserer (spanischen) Alltagssprache gemäß ein neugieriger Mensch ein sorgfältiger Mensch, d. h. ein Mensch, der mit Aufmerksamkeit, äußerster Genauigkeit und Sorgfalt das macht, was er machen muss, nicht vernachlässigt, was er betreibt, sondern im Gegenteil sich darum kümmert, was ihn beschäftigt.“ (35) Nun unterscheidet Ortega eine authentische von einer oberflächlichen Sorge und damit ebenso oberflächlichen Neugier, in der man sich um Dinge kümmert, die einen in Wahrheit gar nicht berühren, sondern die man selbst als nebensächlich ansieht. Der Hochschullehrer Ortega provoziert seine Madrider Studenten besonders eingangs der ersten Vorlesungsstunde, indem er ihnen ein derart oberflächliches Verhältnis zur Philosophie unterstellt und sein Unternehmen als absurd darstellt: „Wir werden jetzt Metaphysik studieren, und das, was wir jetzt machen werden, ist einstweilen verkehrt.“ (28)
In Der Mensch ist ein Fremder begegnet dem Leser also nicht der elegante Essayist und bissige Zeit- und Kulturkritiker, sondern der akademische Philosoph und anspruchsvolle Hochschullehrer, aber der Professor behandelt dieselbe Thematik wie der Essayist, nur mit einem anderen Vokabular und in einem ganz anderen Stil.
In ähnlicher Weise, in der er das in Madrid getan hat, unterscheidet Ortega in seinem argentinischen Vorlesungszyklus zwischen Glaubensgewißheiten, mit denen wir rechnen, und Ideen, also Gedachtem, das irgendwann eine Glaubensgewißheit werden kann. Unter Glaubensgewißheiten versteht er den Bereich des Selbstverständlichen, der unser gesamtes Denken wie unser tägliches Leben durchzieht und bestimmt. Eben die Glaubensgewißheiten der vergangenen Zeiten wie auch der Gegenwart zu erforschen, ist das Thema der Geschichtsphilosophie. „Was wollten wir, als wir anfingen?“, pflegte Hans Blumenberg in seinen Vorlesungen zu fragen, und diese Frage ist auch die Frage Ortegas, der fest daran glaubt, dass man „die Glaubensgewissheiten eines anderen Menschen entdecken“ (206) kann, auch wenn dieser sie uns nicht mitteilt.
„Der Mensch,“ doziert Ortega in Buenos Aires, „durchlebt und durchschreitet all diese Formen des Seins, er ist ein Pilger des Seins, durchschreitet es seiend und nicht seiend, d.h. durchschreitet es lebend. Der Mensch hat keine Natur. Was er hat, ist Geschichte, denn Geschichtlichkeit ist die Seinsweise eines Wesens, das ganz grundlegend und radikal Beweglichkeit und Veränderung ist.“ (273; kursiv von Ortega). Die Überlegung, daß der Mensch anders als das Tier keine Natur hat, sondern seinem Wesen nach „ein Fremder, ein Emigrant, ein Verbannter“ (76) ist, gab diesem Band den Titel.
Über den Hinweis auf die Geschichtlichkeit des Menschen stellt sich also der Anschluß an den dritten Teil des Buches her, die Abhandlung über Dilthey, in der einem spanischen Publikum die Ausgangsfrage eines ihm bis dahin ganz unbekannten großen Denkers vorgestellt wird. Wie man sehen kann, ist die Zusammenstellung dieser drei so verschiedenen Texte also keineswegs willkürlich oder zufällig, sondern wohl durchdacht und leicht nachvollziehbar.
Es würde sich lohnen, noch andere Aspekte dieses schönen Buches und seiner drei Texte anzusprechen. Dazu zählen besonders die Berufung auf Descartes und dessen Rückzug „von der öffentlichen Meinung seiner Zeit und der Meinung der Sorbonne.“ (188) Es wäre wahrscheinlich auch fruchtbar, die Bildungspolitiker dieses Landes einmal mit den Überlegungen eines Ortega bekanntzumachen.
Man mag den folgenden Satz als typisch für den großen spanischen Philosophen nehmen: „Was ist dies nun, das Leben? Suchen Sie jetzt nicht in weiter Ferne, versuchen Sie nicht, sich an gelerntes Wissen zu erinnern. Die grundlegenden Wahrheiten müssen immer auf der Hand liegen, denn nur auf diese Weise sind sie grundlegend. Bei denen, die man notgedrungen suchen muss, verhält es sich so, dass sie sich nur an einem Platz befinden. Es sind partikulare, lokalisierbare, provinzielle Wahrheiten aus einem Winkel, nicht grundlegende. Das Leben ist das, was wir sind und das, was wir machen. Es ist von allen Dingen dasjenige, was uns am nächsten ist. Halten wir die Hand über es, wird es sich fangen lassen wie ein zahmer Vogel.“ (48)
Stefan Diebitz