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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 5
Darsteller:
Konsul - Jürgen Helmut Keuchel | Konsulin - Christine Reinhardt | Thomas - Bastian Michael | Christian - Thomas M. Held a.G. | Tony - Ulrike Knobloch | Gerda - Regina Leitner | Hanno - Statist | Grünlich - Sascha O. Bauer | Kesselmeyer - Stefan Gille | Permaneder - Sascha O. Bauer | Morten - Florian Federl | Der Leutnant - Florian Federl
Besetzung:
Inszenierung - David Gerlach
Ausstattung - Axel Pfefferkorn
Dramaturgie - Jürgen Sachs

Bendix Grünlich (Sascha Oliver Bauer) und Tony (Ulrike Knobloch)
Die Welt, von der Thomas Mann schrieb, war eine Welt des Niedergangs, des Verlustes, des Verfalls. Er spricht uns Heutige, die wir mit dem zunehmend ruinösen Verfall unserer Umwelt – sei er finanziell, sozial oder kulturell – konfrontiert werden, mehr denn je aus der Seele.
Thomas Mann auf die Bühne zu bringen, erscheint somit als ein Gebot der Zeit –, zudem sind Umsetzungen für Film und Bühne mittlerweile „in“. Nicht immer gereicht dies dem dergestalt bearbeiteten Werk zum Wohle, wohl aber oft dem Publikum zur hellen Freude.
Mit solch einem Phänomen sah man sich am Abend des 20. September konfrontiert. Die Zuschauer waren begeistert, tobten regelrecht, stampften mit den Füßen als der Vorhang fiel. Verziehen war die unsägliche Akustik (teilweise verkam die Rede der Akteure zu unverständlichem Nuscheln, teilweise bohrte sich die eingespielte Musik schrill ins Trommelfell), verziehen war auch die Vergewaltigung eines der beeindruckendsten Romanwerke der Moderne.
Warum? Ganz einfach, weil die Schauspieler brillant waren: Ulrike Knobloch als Tony, Bastian Michael als Thomas und vor allem Thomas M. Held als Christian Buddenbrook, der die verzweifelte Morbidität der Figur derartig präsent auf die Bühne brachte, daß sich das Publikum beinahe überschlug.
Ebenso konnte Sascha O. Bauer in seiner Rolle als schlieriger Bankrotteur und Mitgiftjäger Bendix Grünlich überzeugen, enttäuschte jedoch völlig als Alois Permaneder, dem er prompt keinen Münchner sondern Wiener Akzent verpaßte und dabei noch einen derartig unverständliches Idiom, daß es selbst einem „Muttersprachler“ unmöglich war, ihn zu verstehen.
Desgleichen mag es zwar nett sein, etwas Schwung auf die Bühne zu bringen, aber das Gezerre zwischen dem Konsul (Jürgen Helmut Keuchel), dem Bankier Kesselmeyer (Stefan Gille) und eben Bendix Grünlich um die Rechnungsbücher war nichts anderes als ein unsägliches Gekasper, gleiches gilt für Tony, die sich gelegentlich in einem großen Schrank versteckte oder auf dem Kanapee lümmelte.
Gelungen hingegen der Bühnenaufbau: Im Hintergrund – nur schemenhaft durch transparente Stellwände ersichtlich, aber stets präsent – das Kontor, im Zentrum altdeutsche Bürgerlichkeit mit Schrank, Tisch, Stühlen, im Vordergrund ein Podium, Raum für all das, was nicht in die Welt des Handels und des Bürgertums paßt: Liebe, Zweifel, Verzweiflung, Ablehnung, schließlich zwei weitere Bühneneinheiten, die je nach Bedarf aus dem Orchestergraben auftauchen und auch wieder versanken, so wie Episoden eben das Leben kurzfristig durchziehen, um es zu beleuchten und danach für dessen Umgestaltung verantwortlich zu sein.
Daß die Umsetzung eines knapp 700 Seiten umfassenden Romans eine Herausforderung darstellt, liegt klar auf der Hand. In der Einführung in die Materie gibt John von Düffel jedoch an, daß „nicht die Quantität des verarbeiteten Materials, sondern die Frage, ob es gelingt, zum Kern der Sache vorzudringen, zum Wesentlichen“ entscheidend sei. Damit mag er durchaus recht haben. Tatsache bleibt aber leider auch, daß es nicht jedem gelingt dorthin vorzudringen. Düffel selbst reduziert die „Buddenbrooks“ auf zwei zentrale Begriffe: „Werte“ und „Ökonomie“ – und verfehlt damit die Botschaft Thomas Manns um Meilen, wenn nicht gar Lichtjahre.
Ohne Zweifel handelt der Roman von Werten, Prinzipien und Zwängen, und ohne Zweifel stellt das ökonomische Denken ein Movens der beschriebenen Figuren dar – aber die zentrale Absicht Thomas Manns lag wohl bei gänzlich anderem, nämlich den „Verfall einer Familie“, so der Untertitel des Romans, durch zunehmende Reflexivität aufzuzeigen, Gedankenblässe, die von Generation zu Generation zunimmt:
Noch ist Johann Buddenbrook senior heiter, irdisch praktisch, sein Sohn Jean ist schon vom ersten Zeichen von Dekadenz behaftet: Frömmigkeit. Bereits Thomas wird zu einem Ästheten, der die Rolle des Bürgers nur noch spielt, Hanno schließlich, völlig lebensfremd, geht am Ekel an der Welt zugrunde.
Doch das ist nicht das Bild, das von Düffel entwirft. Indem er etliche Charaktere einfach streicht, so Johann Buddenbrook senior und Clara, die jüngste Schwester, oder zu Statisten verkommen läßt wie die hochmusikalische Gerda, die Frau Thomas‘ oder Hanno, seinen Sohn, und vielmehr Tony und Christian als „Seele und Herz des Romans“ bezeichnet, und so seine Entscheidung vor allem sie in den Mittelpunkt seiner Bühnenfassung zu stellen, begründet, schreibt und deutet er das Mannsche Werk einfach um. Damit einher geht konsequenterweise eine drastische Veränderung der Charaktere. So ist von Tonys ewig kindlicher Naivität trotz aller Bemühungen Ulrike Knoblochs nur wenig zu spüren und Thomas zerbricht auch nicht daran, daß er ein Ästhet ist, sondern vielmehr, daß er durch widrige familiäre Umstände einer finanziellen Misere entgegentaumelt.
Vieles ist auch nur verständlich, wenn man zuvor den Roman gelesen hat, so die makaberen Umstände unter denen Thomas stirbt, das Entsetzten, daß die Hagenströms schließlich das Haus der Boddenbroocks aufkaufen. Hat man aber den Roman gelesen, so kann man sich keinesfalls mit der Bühnenumsetzung zufrieden geben.
Schade, denn das schauspielerische Können der Akteure wird somit letztendlich von einem nur mittelmäßigen Stück absorbiert.
Tanja v. Werner