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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 6
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Vor drei Jahren hat Ferdinand Fellmann in seinem Buch Das Paar. Eine erotische Rechtfertigung des Menschen (vgl. meine Rezension in: Marburger Forum Jg. 7 (2006), Heft 1) eine anthropologische Theorie der Paarliebe vorgelegt, welche er in seinem neuen Buch fortzuführen sucht. Lag der Schwerpunkt im ersten auf der fundamental-anthropologischen Begriffsarbeit, so verschiebt er sich im zweiten auf die Anwendung seiner Theorie auf (Liebes-) Beziehungsprobleme der Gegenwartsgesellschaft. Das Paar hat – so könnte man dies auch ausdrücken – programmatischen, Der Liebes-Code eher zeitdiagnostischen Charakter.
Diesmal ist der Begriff des Codes buchstäblich der Schlüsselbegriff, denn es gilt – wie der Untertitel des Buchs verrät – das Phänomen der Geschlechter-Polarität zu entschlüsseln. Die metaphorische Figur des Eros fungiert überraschenderweise nicht mehr als methodisches Vehikel der Fellmann’schen Betrachtung, sondern der abstrakt-funktionale Begriff der Codierung. „Code“ eignet sich in doppelter Hinsicht als Grundbegriff: Er bezeichnet sowohl einen „Verhaltenskodex“ als auch einen „Kommunikationsschlüssel“. „Als Verhaltensregel befreit der Code die Liebe aus der Unmittelbarkeit und Unbestimmtheit des Empfindens und macht sie für den Anderen berechenbar. Als Schlüssel macht der Code die privaten Gefühle dem anderen zugänglich.“ (S. 20) Da man keine eindeutige Antwort auf die Frage, was Liebe im Grunde sei, geben kann, bleibt ihr Code ein Rätsel. Allerdings schlägt Fellmann gleich am Anfang des Buchs seine Lösung des Geheimnisses der Liebe vor: „Das Geheimnis der Liebe ist die Codierung selbst, in der die innere Spannung von biologischer sowie gesellschaftlicher Notwendigkeit einerseits und individueller Selbstbestimmung und Freiheit andererseits zum Ausdruck kommt.“ (S. 25) Aber da der Code eigentlich ein nie gänzlich zu verwirklichendes Ideal ist, bleibt die Arbeit der Entschlüsselung eine unendliche Aufgabe für die menschlichen Paare.
Im ersten Teil Die Vermessung der Liebe zeichnet Fellmann noch einmal die wichtigsten Züge seiner Paaranthropologie nach, weswegen sich dieser Teil fast wie eine gedrängte Zusammenfassung seiner Publikation von 2005 liest. Fast – denn zwei Aspekte kommen hinzu: der Begriff des Spiels und der Grenzfälle der Liebe. Laut Schiller ist der Mensch nur da ganz er selbst, wo er spielt – für Fellmann vor allem da, wo Eros seine Finger im Spiel hat. Erotik ist ja nichts anderes als ein Spiel mit der Lust jenseits der Fesseln des natürlichen Reproduktionszwangs, das zum Selbstzweck wird. Und da auch die Kommunikation zwischen den Liebenden einen wichtigen Anteil an der Gestaltung der Beziehung hat, lohnt sich nach Fellmann eine Erweiterung des Wittgenstein’schen Sprachspielkonzepts in Richtung der Konzipierung einer Sprache der Liebe, die von den Liebenden nach eigenen Regeln gestaltet wird, sodass man hier – im Gegensatz zu Wittgenstein – von einer „Privatsprache“ sprechen könnte (nicht nach Art des Solipsismus, sondern des Paar-Dualismus). Fellmann geht mutig einen Schritt weiter, und meint im Eros, in den Liebesspielen den Ursprung der Sprache selber zu erblicken. Nicht nur dass die Zweigeschlechtlichkeit in struktureller Hinsicht einen universalen Schlüssel (code-script) für die Darstellung von Gefühlen anhand männlicher und weiblicher Erfahrungsformen, welche in der Sprache festgehalten werden, hergibt (Wilhelm von Humboldt und Lévi-Strauss haben bereits in diese Richtung gedacht) – sie macht auch eine universale Sprache möglich, mit der die „Botschaft“ des genetischen Codes für alle Menschen auf dieser Welt verständlich wird.
Neu im Vergleich zum ersten Buch ist die eigentümliche Aufwertung der „abweichenden“ Formen erotischen Verhaltens, der Prostitution und der Homosexualität, welche nicht einfach als „Degenerationserscheinungen“ abgetan werden, sondern in ihrem Grenzcharakter gewürdigt werden. Die Ausnahmen mögen zwar nur die Regel bestätigen, aber die Regel lässt sich in diesem Falle nicht – zumindest nicht vollständig – ohne die Ausnahmen denken. Die käufliche und die gleichgeschlechtliche Liebe markieren die notwendigen Grenzen der heterosexuellen Paarliebe. Andererseits können die Prostitution als ökonomische Codierung der Beziehung von Mann und Frau und Homoerotik als Aufhebung der Zweigeschlechtlichkeit nur in Relation zur heterosexuellen Zweierbeziehung, Ehe und Familie ihr ganzes Sinnpotential gewinnen. Die Grenzfälle der heterosexuellen Liebe werden als „anthropologische Provokationen“ verstanden, welche auf einem anderen Wege die Normalität rechtfertigen; sie repräsentieren den ökonomischen und den ideellen Aspekt der Mann-Frau-Beziehung. Trotz dieses fortschrittlichen Gestus, mit dem er seine Ideen zur Prostitution und Homosexualität vorträgt, sind Fellmanns Ausführungen doch nolens volens von einem Konventionalismus geprägt, indem sie an der „normalen“ heterosexuellen Liebe die Verhaltensnorm postulieren, deren Befolgung eher zum Glück auf Erden führe als ihr Gegenteil. Der Schritt von der Normalität zur Normativität dürfte jedoch alles andere als unproblematisch sein.
Das Anliegen Fellmanns im zweiten Teil Innenansichten der postmodernen Gesellschaft ist eine Zeitdiagnose, ein Blick auf das Treiben der Geschlechter in den Wirren der „Erlebnisgesellschaft“, auf das „ganz normale Chaos der Liebe“. Der postmoderne Mensch steht im Widerstreit der Aufhebung traditioneller Lebensformen (insbesondere der Ehe als der bürgerlichen Institution schlechthin) und der offenen Gestaltung persönlicher Beziehungen auf der einen und des riskanten Beziehungsmanagements und des emotionalen Frusts auf der anderen Seite – zwischen dem Bedürfnis nach wahrer Liebe und der Ware Liebe. Fellmanns Analyse fällt ziemlich ernüchternd aus – dem „flexiblen Menschen“ der Gegenwartsgesellschaft wird zwar nicht die Liebesbereitschaft abgesprochen, aber sie wird als eingeschränkt angesehen, sodass es heutzutage vielen Individuen an einer ausgeprägten Fähigkeit fehlt, einen emotionalen Ausgleich zu schaffen. Der Autor erhofft sich rosigere Zukunftsperspektiven nur von einem kreativeren Umgang mit dem anderen Geschlecht innerhalb der Zweierbeziehung und einem auf gegenseitiger Akzeptanz und Toleranz aufgebauten Verhältnis der Familienangehörigen in der Generationenfolge.
Obwohl es im zweiten Teil wesentlich um Beziehungsprobleme in der Gegenwartsgesellschaft geht, somit ein starker Bezug zu den Ergebnissen empirischer Soziologie zu erwarten wäre, möchte Fellmann, dem Anspruch seiner paaranthropologischen Liebestheorie entsprechend, fundamentaler ansetzen, wiewohl es nicht an Hinweisen auf Umfragen und statistische Untersuchungen fehlt, vor allem am Anfang der jeweiligen Kapitel. Um das ganze Lebensgefühl einer desorientierten Generation in Sachen Paarliebe auf den Nenner zu bringen, bedient er sich eines Wortes, das aus dem alltäglichen Vokabular der heutigen Jugend, aber auch vieler Erwachsener nicht mehr wegzudenken ist: Geilheit ist das neue Prinzip der Vergesellschaftung! Was früher der Ausdruck für einen physiologischen Zustand des Wachstums (nicht nur von Gliedern, sondern auch von (Pflanzen-)Trieben) war, kann heute als Bezeichnung der ökonomisch untermauerten „Herrschaft des Lustprinzips“ dienen. „Die Codierung der Ökonomie wie der Liebe nach der Geilheit zwingt die Menschen unter das Gesetz des Konsums.“ (S. 159) Selbst die Liebe bleibt nicht vom Gesetz des Marktes verschont; vielmehr wird sie von ihm als gewinnträchtige Ressource erkannt. Die Folge: „Eros ist zur Ware geworden.“ (S. 156) Fellmann spricht daraufhin von Warenerotik: „Warenerotik als sanfte Art des Totalitarismus, der nicht als Zwang empfunden wird“ (S. 157). Wir sind also in der Schönen Neuen Welt (Brave New World) angekommen!
Einen Aspekt sollte man bei Fellmanns Analyse besonders hervorheben, nämlich dass Geilheit geradezu als „Existenzial“ bestimmt wird. Unter Geilheit versteht Fellmann expressis verbis „nicht den Zustand sexueller Gereiztheit, sondern eine Grundform des postmodernen Lebens: uneingeschränkte Reizbarkeit und Anschlussfähigkeit an wechselnde Arbeitsverhältnisse“ (S. 161). Fellmanns äußerst interessante kulturphilosophische These lautet daher: „Mit der Ökonomie des Überflusses hat Geilheit die Sorge als Existenzial abgelöst.“ (S. 160) Eine neue „Daseinsanalyse“ muss von der Fremdbestimmung des menschlichen Wesens durch das Prinzip der Geilheit ausgehen. Fellmann verfolgt des Weiteren eine Genese des Geilheitsprinzips, welche ihn überraschenderweise ins Zeitalter der Romantik führt. Diese macht er für das Aufkommen des neuen Lust- und Lebensgefühls verantwortlich. Zwar sprachen Novalis & Co. von „Wollust“ oder „Lüsternheit“, aber gemeint war wohl dasselbe. Die „romantische Liebe“ ist also alles andere als harmlos – sie ist nach Fellmann „eine Spielart des entfesselten Eros“ (S. 166), in welcher bereits Rollentausch und exzessive Körperspiele praktiziert oder zumindest erstrebt wurden. Somit ist die romantische Liebe eine Vorform der warenästhetisch geprägten Erotik der Postmoderne.
Nicht nur die hier leider nur sehr gedrängt zusammengefassten kulturdiagnostischen und fundamentalphilosophischen Ausführungen Fellmanns zum „schlüpfrigen“ Zeitgeist verdienen Beachtung, auch seine Sprachkritik, welche dem Prinzip der Geilheit in den Diskursen der geschwätzigen „Massenindividuen“ auf die Schliche zu kommen sucht, hat es in sich. Sie setzt eine Tradition der vor allem im deutschen Sprachraum praktizierten Sprachkritik fort, welche wesentlich mehr zu bieten hat, als die gängige, akademisch „zurechtgestutzte“ Sprachkritik analytischer Provenienz (man denke nur an Karl Kraus’ Attacke gegen die Sprachverhunzung durch den Journalismus, Victor Klemperers Analyse der faschistischen Sprache oder Theodor W. Adornos Entlarvung des „Jargons der Eigentlichkeit“). Analyse der Sprache ist hier nicht Selbstzweck, sondern dient der Entschlüsselung von Formen gesellschaftlichen Wandels, welche sich in die alltäglichen wie öffentlichen Diskurse der Angehörigen der heutigen Gesellschaft eingeschrieben (vielleicht sollte man auch sagen: eingeschlichen) haben.
Wenn es stimmen sollte, „dass die Schaffung einer neuen Gesellschaftsordnung mit der Einübung einer neuen Sprache verbunden ist“ (S. 163), dann wird sich wohl auch an der Art der sprachlichen Kommunikation zwischen den Angehörigen beider Geschlechter die neue Konfiguration zwischenmenschlicher Verhältnisse ablesen können. Fellmann sieht die Sprache als Ausdrucksmedium – genauer: als Medium zur Schaffung originellen, individuellen Ausdrucks gerade in einer intimen Beziehung – seit einiger Zeit in einer tiefen Krise. Er registriert diese Tendenz vor allem an der Zunahme des sog. dirty talking, des unkontrollierten und meist unreflektierten Gebrauchs von Wörtern, die auf sexuelle Aktivitäten oder die entsprechenden Organe referieren. (Fellmann geniert sich nicht, mehrmals das Wort ‚Ficken‘ zu benutzen, nicht etwa um damit Provokationen auszulösen, sondern gerade auf die heutige Unempfindlichkeit diesem Wort gegenüber hinzuweisen.) Der „Sex-Jargon“ ist mittlerweile so „gesellschaftsfähig“ geworden, dass er selbst in die Sprache vieler Frauen Eingang gefunden hat, was ziemlich erstaunlich ist, da in der „heißen“ Phase der durch Feministinnen forcierten Emanzipation gerade der Sexismus der Männersprache angeprangert und nach neuen, spezifisch weiblichen Ausdrucksformen gesucht wurde. Ein weiterer Auswuchs der „Geilmachung“ der Sprache liefert der von diversen (selbsternannten) Ratgebern und Therapeuten gesprochene „Jargon der Uneigentlichkeit“, wie dies Fellmann ausdrückt, d. h. die perfide Verquickung einer „kommunikativen Verhandlungsmoral“ mit einem aufdringlichen „geschlechtslosen pseudo-wissenschaftlichen“ Gerede. Statt den Leuten zu einem individuellen Ausdruck ihrer Gefühle zu verhelfen, wird jegliche Sprachkreativität im Keim erstickt und stattdessen in einer stereotypen Weise von Liebe gesprochen – falls das Wort ‚Liebe‘ überhaupt noch verwendet wird.
Der Paardualismus wird in der vom Geilheitsexistenzial geprägten Gesellschaft gleichermaßen von einem Massenindividualismus wie von einem Beziehungspluralismus abgelöst. Fellmann demonstriert dies am Beispiel typischer Beziehungsformen, welche die Quelle des Selbst außerhalb des Paares suchen: Singles, „serielle Monogamie“, Homo-Ehe, Prostitution als Job. – Der sog. Single ist der „Prototyp des modernen Individuums“. Eigentlich handelt es sich um eine paradoxe Lebensform: Jemand, der eine feste Beziehung ablehnt, aber ständig auf Suche nach neuen Beziehungen aus ist. Die Suche endet aber nur in weiterem Frust. Ironisch bezeichnet der Paaranthropologe Singles als „Marionetten, die an den Fäden der warenerotischen Geilheit hängen“ (S. 186 f.), was auf eine letztlich von außen diktierte Beziehungsform hinweist, die im Irrtum lebt, durch eine (v. a. sexuelle) Ungebundenheit die absolute Freiheit errungen zu haben. Die Bindungslosigkeit macht nach Fellmann die Ausbildung eines starken Selbst fast unmöglich, weswegen er dieser unter jungen Leuten heutzutage sehr verbreiteten Lebensform mit Skepsis begegnet. Wo das andere Geschlecht als Gegen-Pol fehlt, dreht sich alles um das eigene Ich – letztlich kann dem „selbstgesprächigen“ Single Egozentrismus vorgeworfen werden. Trotz seiner Kontaktfreude bleibt er ein monologisches Wesen.
Als Nächstes wird ein kritischer Blick auf die sog. „serielle Monogamie“ als „marktgerechte Codierung des Partnerwechsels“ geworfen. Damit ist die Beziehungsform jener Leute gemeint, die nach einer gescheiterten Ehe eine neue Beziehung eingehen, welche erneut vor dem Standesamt oder dem Traualtar endet – aber ebenso scheitern kann. Solche Leute meinen ihr Liebespech dadurch zu überwinden, dass sie möglichst schnell eine neue Beziehung eingehen. Aber nach Fellmann widerspricht die Transformation der Ehe in eine Partnerschaft auf Zeit dem Exklusionsanspruch der Liebe, die zwei Menschen dauerhaft zusammenbringt: „Liebe auf Zeit ist ein hölzernes Eisen.“ (S. 192) Nicht Seitensprünge, sondern „Ausbrüche nach Innen“, wie dies Fellmann formuliert, so etwas wie durch Phantasie angeregte Tabubrüche in der intimen Sphäre, welche den Zweck haben, die Partnerschaft zu beleben, sind das Mittel, eine Paarbeziehung vor dem „Alltagstrott“ zu retten. Fellmann spricht in diesem Zusammenhang von der „Erfindung“ des Partners, die ein Bestandteil einer gelungenen (heterosexuellen) Beziehung sein sollte.
Schließlich möchte Fellmann die Prostitution und Homoerotik vor der Ökonomisierung und Normalisierung bewahren, ähnlich wie er die Polarität der Geschlechter von der Nivellierung und Instrumentalisierung verschont sehen möchte. Was er an dem gegenwärtigen Umgang mit Prostituierten und Schwulen als Gefahr sieht, ist die Eliminierung des Provokativen und Exzentrischen, das diese Beziehungs- und Liebesformen mit sich bringen und was sie zu einer Bereicherung der Gesellschaft macht (eine treffende Feststellung Fellmanns). Durch die Aufhebung der Differenz zur sozialen Umgebung, welche die Transformation der „käuflichen Liebe“ in einen Beruf oder Job nach sich zieht, wird das Selbstverständnis der Angehörigen dieses Milieus aufgehoben. Andererseits verliert die Homosexualität ihre „soziale Sprengkraft“, wenn sie als „Lebenspartnerschaft“ institutionalisiert wird. Die „normale“ Ehe lebt von der Spannung der Geschlechter, welche in einer homosexuellen Beziehung fehlt, was man auch darin sieht, dass die Rollenverteilung hier nur künstlich ist, die Identifikation mit den „gespielten“ Rollen nicht gänzlich gelingen kann. Fellmanns Fazit: „Prostituierte und Homosexuelle [sind] ‚Antikörper‘, exzentrische Lebensformen. Sie dürfen in keiner Gesellschaft fehlen, da sie der Macht der öffentlichen Meinung über den einzelnen Grenzen setzen.“ (S. 223)
Fellmann ist abschließend der Meinung, dass die postmodernen Formen des Zusammenlebens es nicht vermögen, die „Totalität der Liebe“ zu treffen. Dies kann nur jenen Beziehungsformen gelingen, welche von der Polarität der Geschlechter leben. Daher sieht Fellmann in der (Neu-)Codierung der Liebe, in der diese Polarität bewahrt wird, eine wichtige Aufgabe, welche gleichermaßen den Ausgang des Individualisierungs- wie Zivilisationsprozesses betrifft: „Die Zukunft der Liebe hängt davon ab, ob es gelingt, das Paar als Ort der Geschlechtsidentität zu erhalten.“ (S. 246) Dieser „Liebeskonservativismus“ mag zwar, in der Sprache des Geilheitsjargons ausgedrückt, als „uncool“ abgestempelt werden, aber zur Verteidigung Fellmanns sei gesagt, dass er immerhin eine Alternative zum gegenwärtigen „warenerotisch“ determinierten „Beziehungsmanagement“ bietet bzw. an der heterosexuellen Paarbeziehung als solcher Alternative weiterhin hält. Selbstverständlich bedarf gerade eine solche Beziehung, falls sie nicht in der Normalität – die oft einer Abnormalität gleichkommt – ersticken will, einer „Neuerfindung“, welche einiges von der Phantasie der „Polaritätsträger“ abverlangen wird, um originelle (sowohl sprachliche als auch emotional-leibliche) Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Liebe zu finden.
Angesichts der in Auflösung begriffenen institutionalisierten Formen des Zusammenlebens von Mann und Frau scheint eine paaranthropologische Theorie ihre Berechtigung zu haben, indem sie mit Nachdruck auf die existenziale Bedeutung der Zuwendung zum anderen Geschlecht für das Leben des Einzelnen hinweist. Polarismus impliziert jedoch keineswegs Harmonismus, wie man allzu schnell den Fehlschluss ziehen könnte. Fellmann ist kein Freund der pathetischen Liebesromantik und -rhetorik, er weiß auch um die Schattenseiten der heterosexuellen Geschlechterbeziehung, den Frust und Schmerz, der damit oft verbunden ist. Ohne diese negativen Aspekte auszublenden, hält er an der heterosexuellen Orientierung als Grundform der Liebesbeziehung fest. Trotz des Erfahrungsgewinns, den eine heterosexuelle Beziehung mit sich bringt, darf man aber nicht vergessen, dass der Status der Orientierung am anderen Geschlecht nicht eindeutig bestimmt ist: Handelt es sich um eine von der Natur vorgegebene Anlage oder doch nur um ein kulturelles Beziehungskonstrukt? Bestimmt der Geschlechtstrieb die Partnerwahl oder kann er infolge der kulturellen Evolution „umprogrammiert“ werden? Fellmann stellt sich (noch) nicht diese Fragen. Dabei befinden wir uns mit ihnen auf dem heiß umkämpften Feld zwischen Natur und Kultur. Natürliche Determination und kulturelle Formung stehen sich gegenüber – und irgendwo zwischen ihnen die menschlichen Paare. Die entscheidende Frage ist, ob wir die heterosexuelle Partnersuche als Folge eines Naturdeterminismus und infolgedessen andersartige Liebesorientierungen als bloße „Abweichungen“ ansehen werden oder ob wir homosexuelle und sonstige „unkonventionelle“ Beziehungsformen als Versuch eines „Ausbruchs“ aus der Naturordnung anerkennen werden, womit sie an anthropologischer Bedeutung gewännen. Ist die Bipolarität das Merkmal des menschlichen Wesens oder doch nur eine seiner (variierbaren) Eigenschaften? Ist nicht die Fähigkeit, sowohl anders- als auch gleichgeschlechtliche Partner zu lieben, ein Faszinosum der menschlichen Spezies? Müsste nicht gerade die Fähigkeit, sich auch in der Liebe weiterzuentwickeln, der Gegenstand einer Paaranthropologie werden? Diese Fragen würde ich an den Autor Des Paares und Des Liebes-Codes weiterleiten. Vielleicht gibt er eine Antwort auf sie in einem dritten Buch …
Damir Smiljanić