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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 6
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Guy Helminger wurde am 20. 1. 1963 in Esch-sur-Alzette (Luxemburg) geboren und lebt seit 1985 in Köln. Bisher ist er mit Lyrik, Hörspielen, zwei Theaterstücken, einem Roman und Kurzgeschichten an die Öffentlichkeit getreten. Morgen war schon ist seine zweite Buchveröffentlichung im Verlag Suhrkamp, in dem er 2005 auch seinen Erzählband Etwas fehlt immer herausbrachte. Bekannt wurde der Autor bereits im Sommer 2004, als er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb für seine Erzählung Pelargonien den 3sat-Preis der Klagenfurter Jury erhielt.
In den meisten Geschichten von Etwas fehlt immer werden alltägliche, vertraute und unauffällige Vorgänge durch das „außergewöhnliche“ Verhalten eines Menschen „verrückt“. Da folgt einer Passanten auf der Straße, läuft wie ein Schatten hinter ihnen her, beobachtet sie, macht sie zu Versuchsobjekten in einem Psycho-Experiment und hält alles penibel in Berichtheften fest. Da telefoniert eine Schauspielerin mit ihrem Freund und berichtet ihm voller Angst und Verzweiflung, auf sie warteten seit drei Jahren, an jedem Abend nach ihren Vorstellungen, ein Mann und eine Frau mit zwei halbwüchsigen Kindern, sprächen kein Wort, ständen nur stumm da und blickten sie an. Da nimmt ein Mann nachts eine Frau mit zu sich nach Hause, geht am nächsten Morgen aus dem Haus, um Salzstangen zu kaufen und findet, als er zurückkommt, seinen Rottweiler neben der zerfleischten Frau auf dem Bett. Da rennt ein Mann nach einem Streit mit seiner Frau wütend aus dem Haus und beschließt, Dinge zu kaufen oder zu tun, um seine Frau zu ärgern, kauft also einen teuren Kugelschreiber, besucht einen Sexclub und bucht schließlich eine Reise nach Irland. Da klaut einer einen Hund, hängt ihn zu Hause mit den Hinterpfoten an die Decke und nimmt tagelang, bis er ihm schließlich die Kehle durchschneidet, das Gejaule und Gewimmer des Tieres mit einem Tonbandgerät auf, um daraus eine Sinfonie zu „komponieren“.
Immer gibt es offene, rätselhafte, unerwartete Schlüsse für diese eigenartigen, manchmal eher kargen, dann wieder komplexen Handlungen und Szenen. Der Mann spielt sich – wie zur Erbauung – die Bänder mit der „Hundemusik“ vor. Die Reise nach Irland endet für den Mann in einem tödlichen Verkehrsunfall. Der Hundebesitzer streichelt seinen Rottweiler und sagt: „So schnell gebe ich dich nicht wieder her. Braver Hund.“ Die Schauspielerin unterbricht schließlich das Telefongespräch, weil sie im Flur Geräusche hört. Und der Schattengänger wird eines Nachts, als er einer Frau folgt, plötzlich selbst von jemandem, der aus der Dunkelheit auftaucht, zusammengeschlagen und fürchterlich zugerichtet.
Man hätte vermuten können, dass die Skurrilität der Geschichten in diesem Erzählband auch in dem neuen Roman von Helminger eine Rolle spielt. Aber nur wenig erinnert darin an den die Realität verzerrenden Blick des Erzählers aus Etwas fehlt immer. Im Gegenteil: Morgen war schon kommt unauffällig wirklichkeitsnah daher und entwickelt sich in einer ruhigen Erzählweise, die kaum an die Texte aus dem Jahr 2005 erinnert. Vor allem ein erzählerisches Mittel in dem Roman schlägt den Bogen zurück zu den Geschichten mit ihren bizarren Lichtmetaphern: die knappen Naturbeschreibungen. Die Sprachbilder, die Helminger für die Natur und die Umgebung, findet, in der seine Figuren agieren, fallen – vielleicht gerade wegen ihrer Knappheit, aber auch ihrer Stimmigkeit und Genauigkeit – besonders auf. Sie unterbrechen den Erzählfluss in einer Weise, die die Aufmerksamkeit für einen kurzen Moment von den Geschehnissen und Figuren weg auf den Raum um sie herum lenkt, haben etwas Gesuchtes und Gewolltes, leicht Absonderliches. „Zwei Stunden später“, heißt es da zum Beispiel, „hatten sich die Wolken in regelmäßigem Abstand zwischen die Hausfassaden gehängt, filterten das Sonnenlicht wie eine unförmige Jalousie in die Straßen.“ oder „Vom Gefieder der schwarzen Schwäne perlte das Licht ab, bildete grelle Lachen im See von Rotorua. Darüber hingen Schwefeldämpfe, verbreiteten den Geruch fauler Eier.“ oder „Am Himmel hingen die Wolken gleichmäßig verteilt wie eine alte graue Decke. Stellenweise war der Stoff abgewetzt und dünn geworden, so dass der helle sonnige Hintergrund durchschimmerte, aber reißen würden die Fasern nicht.“ oder – ein letztes Beispiel – „Am Ende der Straße stieg der Morgen langsam wie ein Heißluftballon über den Brüsseler Platz, den Turm der St. Michael Kirche als ungekapptes Tau unter sich.“ Kurz und knapp sind diese Naturbeschreibungen, anschaulich, genau und einprägsam. Sie liefern nicht so sehr die Stimmung für das, was im Roman passiert, sondern stellen etwas von der Handlung Losgelöstes dar, das alle Geschehnisse wie einen Rahmen umschließt und ihnen etwas Hintergründiges und Alltägliches gleichzeitig gibt, etwas Einfaches und dennoch nicht wirklich Fassbares.
Im Mittelpunkt der Roman-Handlung stehen drei Personen: ein Taxifahrer mit dem auffälligen Vornamen Feltzer, seine Frau Louise und Claudia, die für Feltzer oft einspringt und seine Taxifahrten übernimmt. Alle drei sind Mitte dreißig und jünger, nicht geschlagen vom Leben, aber doch desillusioniert, weil sich wenige ihrer Träume und Wünsche, die sie einst hatten, erfüllt haben. Der Roman erhält seinen Lesereiz aus einer detaillierten Schilderung des nicht gerade ereignisreichen Alltags der drei Figuren. Mit dem Mittel der Montagetechnik schafft Helminger ein komplexes Geflecht aus Personen und Geschehnissen, was der Handlung Tiefenschärfe und eine untergründige Spannung verleiht.
Gleich zu Beginn des Romans wird die Beziehung zwischen Louise und Feltzer in ein merkwürdiges Licht gerückt. Feltzer hat spät am Abend einen Gast im Taxi, der ihn bittet, für ihn bei seiner Schwester anzurufen, da er kein Geld bei sich habe. Feltzer nimmt – eine merkwürdige Entscheidung – den wildfremden Mann mit zu sich nach Hause in seine Wohnung, lässt ihn dort telefonieren und hat nichts dagegen, dass der Mann bei seiner Frau in der Wohnung bleibt, während er mit seinem Taxi weiter durch das nächtliche Köln fährt. Kurz darauf kehrt er zurück und findet den Mann neben seiner Frau auf dem Sofa. Feltzer nimmt ihn in seinem Taxi ein Stück mit und zwingt ihn irgendwann zum Aussteigen. Als sich der Gast auch Tage später nicht bei Louise, wie er es ihr versprochen hat, meldet, hegt die – ein ebenfalls merkwürdiger Erzähl-Einfall – den Verdacht, Feltzer könnte ihn umgebracht haben.
Solche eigenartigen Begebenheiten wie dieses Feltzer-Fahrgast-Ereignis sind immer wieder in die Handlung eingestreut und werden von Helminger in einer Weise erzählt, die ihnen ihre Außergewöhnlichkeit und Skurrilität nimmt und dem Leser das Gefühl gibt, er werde Zeuge von etwas Normalem, das er allerdings nicht ganz verstehen kann. Die Wirklichkeit ist so befremdlich und gleichzeitig belanglos, scheint Helminger sagen zu wollen, eine Mischung aus Gewohntem und Sonderbarem, die das Leben letztlich grotesk macht.
Um die drei Hauptfiguren stellt Helminger – das ist eine erstaunliche Leistung des Romans – viele weitere Figuren, meist aus den Familien von Feltzer, Louise und Claudia, die eine große Realitätsnähe bewirken und den Roman zu einem regelrechten Familienroman machen, zu einem Panorama „lebendiger“ Figuren unserer Gegenwart, Figuren, die aus der Vergangenheit auftauchen, ihre „Geschichte“ aus Sehnsüchten und Verletztheiten „erzählen“ und wieder hinter den drei Hauptpersonen verschwinden. Alles scheint in Helmingers Roman miteinander verwoben, so wie in Köln, wo der Roman spielt, alle Straßen miteinander verbunden sind und Feltzer mit seinem Taxi darin nur scheinbar wirr und ziellos, in Wirklichkeit nach Plan herumfährt. Lebenswege kreuzen sich; Menschen begegnen sich und gehen wieder auseinander. Dabei werden die unterschwelligen Spannungen, die zwischen den Jüngeren und den Älteren herrschen, deutlich. So wie das Leben zwischen Feltzer und Louise einigermaßen „normal“, aber eben nicht reibungslos abläuft, ist auch das Leben der älteren Generation nicht von Problemen frei. Sie alle haben ihre kleineren und größeren Lebenslasten zu tragen.
Es passiert über lange Passagen hin nichts Außergewöhnliches an Glück oder Unglück in Helmingers Roman. Aber am Ende verändert das „Schicksal“ das Leben der drei Hauptfiguren völlig. Claudias Beziehung zu dem Maler Uwe endet in einer Weise, die für sie schmerzhaft ist: Sie fühlt sich vorgeführt und missbraucht, ist verzweifelt. Gleichzeitig birgt das Ende ihrer Liebes-Beziehung zu Uwe auch die Chance eines neuen Beginns: Denn glücklich ist sie schon lange nicht mehr.
Schlimmer trifft es Feltzer und Louise. Sie erfahren, dass Louise ein Kind erwartet, und mit einem Male sieht ihrer beider Leben völlig anders aus: Louise blüht auf und erwacht aus ihrer Lethargie, die sie schon so lange Zeit lähmt. Und Feltzer sieht einen Sinn darin, zu arbeiten, und träumt davon, eine Zukunft mit seiner Familie aufzubauen. Der kleine Lennart wird geboren, aber er ist schwer herzkrank. Eine Operation wird notwendig, von der er sich nicht erholt; er stirbt. – Auch dieses schreckliche Ereignis bedeutet für Feltzer und Louises Leben nicht nur Trauer und Schmerz, sondern eröffnet ihnen, wie es Helminger andeutet, neue Möglichkeiten der Gemeinsamkeit. Vielleicht finden sie jetzt näher zueinander, haben die Zeit, etwas zusammen zu unternehmen, zu vereisen, vielleicht nach New Zealand, Louises Traumland seit jeher. Helmingers Schlusssätze sind typisch für seinen Erzählstil. Sie enthalten genaue Beobachtungen und Beschreibungen, sagen wenig direkt, aber dennoch wird alles klar: „Feltzer hielt die Tür einen Augenblick auf, ließ sie dann wieder zufallen. Der Schlüsselanhänger baumelte zweimal gegen das Holz und beruhigte sich. Feltzer drehte sich um, legte beide Arme um Louise. Sein Kinn berührte ihre Stirn. Im Nebenhaus schloss jemand das Fenster.“
„Morgen war schon“ lautet des Titel des Romans und verweist auf die Desillusionierung der Leben der drei Hauptfiguren. Ihr Leben ist vorbei, bevor sie es merken, bevor es überhaupt wirklich angefangen hat, ohne Vorwarnung eigentlich, wie selbstverständlich. Der Alltagstrott der Menschen verbraucht ihre Energie, die in die Zukunft führen könnte. „Die meisten stehen auf, schmieren sich ihre Stulle, essen ihr Müsli und gehen zur Arbeit oder bringen die Kinder in den Kindergarten“, sagt Claudia an einer Stelle der Geschichte. Auf eine Art und Weise, die sie nicht kontrollieren, schon gar nicht planen können, wird das Leben der drei Hauptpersonen aus der Bahn des täglichen Trotts getragen. Es ist für sie eine schmerzliche Erfahrung. Aber vielleicht der einzige Weg, der Lebensfalle des deprimierenden „Morgen war schon“ zu entkommen.
Herbert Fuchs