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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 6
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Auch wenn der 125. Geburtstag von Franz Kafka in diesem Jahr (2008) naturgemäß zu einer Fülle neuer Kafka-Literatur führen musste, überrascht doch die Zahl an Biografien, die kürzlich erschienen sind. Stachs Monumentalwerk umfasst mittlerweile über 1400 Seiten und schildert manche Tage, ja Stunden im Leben des Prager Schriftstellers, z. B. den berühmten 23. August des Jahres 1912, an dem Franz Kafka zum ersten Mal Felice Bauer traf, fast minutiös, szenisch ausgemalt, detailgenau. Binders gewichtige Bildbiografie und Wagenbachs Bestseller-Bildband zeigen und beschreiben Orte und Figuren eines Lebens, in dem gelegentlich auch die alltäglichen Begebenheiten zu wichtigen Ereignissen uminterpretiert werden. Dabei gilt für die 41 Jahre von Kafkas Leben zwischen 1883 und 1924 eigentlich das Wort von der äußerlich „kargen Lebensbilanz“ (Stach) des Dichters, der die meiste Zeit seines Lebens – weitgehend ereignislose Jahre, wenn man deren äußere Abläufe betrachtet, – in Prag verbrachte.
Ulrich Greiner hat sich in einem Kommentar der Zeit (28. 9. 2008) kritisch zu der gegenwärtigen Schwemme an Biografischem, auch in Hinblick auf die kürzlich veröffentlichten Briefwechsel zwischen Dichterinnen und Dichtern und ihnen nahestehenden Personen, geäußert: „Wahr ist allerdings, dass die biografische Neugierde den Kern der Sache, nämlich das literarische Werk, oft verfehlt. In der Literatur ist die Versuchung immer groß, Text und Leben kurzzuschließen, was bei manchem Schriftsteller zu nichts Gutem führen kann.“ Und er fasst seine Bedenken gegen die Biografienflut folgendermaßen zusammen: „Das biografische Interesse ist letzten Endes ein Irrweg, der das Persönlichste des Autors dort sucht, wo es gar nicht liegen kann: im beklagenswert Allgemeinen, das er mit vielen Zeitgenossen oder Leidgenossen teilt. […] Das Persönlichste, Intimste des Autors ist nichts anderes als der literarische Text.“
Biographien sollten, so darf man Greiners Schlussfolgerungen verstehen, also vor allem eines tun: den Weg zum Werk des betreffenden Dichters weisen. Gilt das für Begleys Buch über Franz Kafka mit dem griffigen Titel Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe?
Auf jeden Fall vermeidet Begleys Kafka-Essay, wie das Buch in der Kritik auch bezeichnet wurde, eine Überbetonung von Persönlichem unter Hintanstellung des Werks. Immer hat Begley den Menschen und den Dichter Kafka im Blick. Er belegt seine Darstellung des Lebens mit einer Vielzahl von Zitaten aus Briefen und Texten von Kafka, die durch Einrückung als Originalsätze des Prager Dichters hervorgehoben werden. Diese Verflechtung von Erzählbericht des Biografen und authentischen Texten Kafkas, von Außensicht des amerikanischen Kafka-Enthusiasten Begley, selbst Autor bekannter Bücher wie Lügen in Zeiten des Krieges (1994) oder Schiffbruch (2003), und der Innensicht des Dichters Kafka macht das Buch zu einer informativen und spannenden Lektüre, sorgt für Erhellung durch Information und vermittelt – in Ansätzen wenigstens – ein Leseerlebnis der originalen Texte des Prager Dichters.
„Kafkas Leben verlangt so zwingend unsere Aufmerksamkeit, weil seine Erzählungen und Romane zu den neuartigsten und größten literarischen Werken des zwanzigsten Jahrhunderts gehören. Ohne sie würde man sich kaum an ihn erinnern.“ Begley stellt in diesen Sätzen eine enge Verzahnung her zwischen Leben und Werk des Prager Schriftstellers und ist überzeugt, so darf man ihn interpretieren, dass Kafkas einzigartige Erzählwelt, die sich herkömmlichen Verständnis- und Leseerwartungen nicht immer sofort erschließt, gerade wegen ihrer „dunklen Abgründigkeit“ eine geheimnisvoll-faszinierende Wirkung auf den Leser ausübt, wodurch dieser – wie selbstverständlich , aus Neugierde, auch aus Hilflosigkeit gegenüber manchen Texten, – biografische Einzelheiten zum Verständnis des Werks heranzieht. „Wer Kafka liest, so der Eindruck, setzt sich immer auch mit dessen Biographie auseinander.“, schreibt Christian Klein im neuen Kafka-Handbuch des Vandenhoeck-Ruprecht-Verlags und verweist damit auf eine Erfahrung vieler Kafka-Leser. Und Kafkas letztlich eher ereignisloses Leben – ein seltsamer „Kreislauf“ – führt immer wieder auf die Romane, Erzählungen, die parabelhaften kurzen Texte, die Briefe und Tagebucheintragungen zurück. Eine Darstellung von Kafkas Leben stößt eher Fragen an, als dass sie diese beantwortete. Sie kann im günstigen Falle Hintergrundinformationen liefern; die Texte selbst kann und darf das Biografische nicht ersetzen.
Begleys Buch trägt solchen Überlegungen schon mit seinem Aufbau Rechnung: Den ersten zwei Dritteln, die biografisch orientiert sind, folgen einige ganz den großen Erzählwerken gewidmete Kapitel. Leben und Werk sind somit eng verbunden. – Der erste Teil des Buches ist, anders zum Beispiel als die große zweibändige Stach-Biografie, die chronologisch aufgebaut ist, aspekt- und themenorientiert. Der Vorteil dieser Darstellungsmethode ist, dass er Begley beides ermöglicht: eine Lebensbeschreibung und gleichzeitig deutende Hinweise zu Kafkas Schreiben, das zu einem nicht geringen Teil von seiner Sozialisation und seinem geistigen Umfeld beeinflusst worden ist, von dieser Seite her allerdings nicht ausreichend erfasst werden kann.
Diese unterschwelligen Einflüsse macht Begley in den Anfangskapiteln deutlich. Er widmet sich darin Kafkas familiärem Hintergrund, seiner komplizierten Beziehung zu Felice Bauer, der kurzen, etwas mehr als ein Jahr dauernden Bekanntschaft und Verlobung mit der zweiundzwanzigjährigen Putzmacherin Julie Wohryzek und Kafkas „großer Liebe“ Milena Jesenská. Begley ergänzt seine Überlegungen über „Kafka und die Frauen“ durch viele Zitate aus Kafkas Briefen, so dass ein spannungsreicher Einblick in diese Seite von Kafkas Charakter entsteht.
Ein Kapitel widmet Begley Kafkas Krankheit, die im September 1917 mit einem Blutsturz begann und sich – trotz vieler Aufenthalte in Sanatorien – von Jahr zu Jahr verschlechterte und schließlich am 3. Juni 1924 zu Kafkas Tod führte. – Ausführlich geht Begley auf die Einflüsse des Judentums auf Kafka und sein Schreiben ein. Diese Ausführungen sind eine informative Schilderung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Prag zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, auch des „allgegenwärtigen Antisemitismus“, mit dem sich Kafka, wo immer er sich aufhielt, konfrontiert sah, was zeitweilig, so Begley, zu einem „Zustand tiefer Erschöpfung“ führte, weil die Ressentiments gegen ihn als Juden dazu führten, dass er seine Dichtungen in Frage stellte oder zu rechtfertigen versuchte, ohne dass es dafür einen wirklichen Anlass gegeben hätte.
Das letzte Drittel des Buches handelt nicht mehr von Kafkas Leben, sondern von seinem Werk: den Erzählungen Das Urteil, Die Verwandlung, Bericht für eine Akademie, dem ersten Kapitel aus Der Verschollene und den Romanen Der Proceß und Das Schloß. Begley geht dabei nicht als Literaturwissenschaftler vor, sondern bleibt auch bei der Auseinandersetzung mit Kafkas berühmten Werken der begeisterte Kafka-Leser und – natürlich – erfahrene Literaturkenner. Diese Mischung aus kenntnisreicher und einfühlsamer Darstellung der inhaltlichen Zusammenhänge und deren enthusiastischer Würdigung macht diesen Teil, gerade für Leserinnen und Leser, deren Kafka-Lektüre schon einige Jahr zurückliegt oder die Kafkas Werke noch nicht so gut kennen, lesenswert. Die Darstellungen zu den Erzählungen und Romanen rekapitulieren in erzählerisch-spannender Form die Inhalte der einzelnen Werke und stoßen mit provozierenden Fragen eine Auseinandersetzung mit Kernaspekten der einzelnen Texte an, die auch für Kafka-Kenner interessant sind.
Begleys Kafka-Buch hilft dem, der Kafka liest und gelegentlich ein wenig ratlos zurückbleibt, seine Lektürehürden zu überwinden. „Wenn man einen „Sinn“ im Urteil, in der Strafkolonie, der Verwandlung, in Der Verschollene, der Proceß oder Das Schloß finden will, dann besteht er in der Reaktion, die diese Werke im Leser hervorrufen“, schreibt Begley am Schluss seines Buches. Vielleicht sind diese verschiedenen Kafkabilder der Leser das eigentliche Geheimnis des „Mythos Kafka“. Jeder Leser, so Begley, darf – oder vielleicht sogar soll? – seine Vorstellungen von dem, worüber Kafka schreibt, formen. Kafka „kannte die Welt auf ungewöhnliche und tiefe Art, selbst war er eine ungewöhnliche und tiefe Welt“, schrieb Milena Jesenská am 6. 6. 1924 in ihrem Nachruf auf den Dichter. Begleys Buch hilft dem Leser, sich dieser faszinierenden Kafkawelt zu nähern und sie vielleicht etwas besser zu verstehen.
Herbert Fuchs