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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 6
1) Frau Dr. Weinbach, Sie sind Stadträtin der Universitätsstadt Marburg und damit, neben dem Bürgermeister und dem Oberbürgermeister, eine der drei Personen, die die Geschicke der Stadt maßgeblich lenken. Wir möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern in einem Porträt vorstellen und beginnen deswegen zunächst mit einigen persönlichen Fragen. Wann wurden Sie geboren, woher stammen sie, welches war Ihr Ausbildungsweg?
Geboren wurde ich am 27. Oktober 1967 in einem heutigen Stadtteil von Koblenz – aber nur, weil dort die Klinik war. Aufgewachsen bin ich (wenige Jahre) in Bad Ems und vor allem dann in Lahnstein, bei meinem Vater und dessen Eltern. Und da in Lahnstein die Lahn in den Rhein mündet, habe ich somit mein ganzes bisheriges Leben wenigstens an dem gleichen Fluss zugebracht!
Mein „Ausbildungsweg“ war ganz schlicht und unspektakulär: Abitur am örtlichen staatlichen Gymnasium, und dann gleich der Wechsel zum Studium der Politikwissenschaft nach Marburg, das ich dann ja auch ohne größere Umwege abgeschlossen habe.
2) Sie haben sich für Marburg als Studienort entschieden. Wie kam es zu dieser Wahl?
Auch das war eigentlich ziemlich schlicht: ich hatte mir in den Kopf gesetzt, Politikwissenschaft (oder, wie ich damals noch sagte: „Politologie“) zu studieren. Mein Ziel war, Journalistin zu werden, eine „investigative“ natürlich, und ein anschließendes Volontariat beim „SPIEGEL“ war mein Traum… Deshalb meinte ich damals, so wurde es in Studienführern jedenfalls vermittelt, es müsste unbedingt ein Diplom-Studiengang sein, weil ich ja „auf keinen Fall“ an der Uni bleiben wollen würde, am Ende gar promovieren oder ähnliches! Politikwissenschaft auf Diplom gab es damals nur in Berlin, Hamburg, Bamberg und Marburg – eventuell habe ich jetzt noch eine weitere Stadt vergessen, aber mehr war es dann wirklich nicht. Berlin und Hamburg waren mir als Kleinstadtkind, noch dazu aus einer komplett studiumsunerfahrenen Familie für den Anfang viel zu groß und auch zu weit weg. Bamberg schloss sich für mich aus politischen Gründen aus (Bayern!). Marburg blieb übrig, gefiel mir aber auch zum einen als Stadt (ein damaliger Mit-Juso aus Lahnstein studierte bereits hier) und zum anderen zog mich natürlich der Ruf der „Roten Uni“ durchaus an – auch wenn ich zu dem Zeitpunkt bereits wusste, dass diese Zeiten eigentlich schon vorbei waren.
3) Neben Politikwissenschaft haben Sie auch Soziologie und Philosophie studiert. Welcher Art waren Ihre Studienerfahrungen in Marburg in diesen drei Fächern?
Wie gesagt: ich komme aus einer Familie, in der ich die erste war, die studiert hat – das führte dazu, dass ich noch viel weniger als andere meiner StudienanfängerkollegInnen wirklich wusste, was mich da erwartet. Ich glaube, meine Wahl der Hochschule hat sich als richtig erwiesen, denn an der Philipps-Universität und speziell auch an „meinem“ Fachbereich 03, Gesellschaftswissenschaften und Philosophie, gelang es ganz gut, den Überblick zu gewinnen, man lernte schnell die HochschullehrerInnen und MitarbeiterInnen kennen, und (zumindest fast) alle Beteiligten waren auch immer hilfreich zur Stelle, wenn Probleme aufgetreten sind. – So stellt es sich jedenfalls gut 20 Jahre später in meiner Erinnerung dar.
Mit den inhaltlichen Angeboten in meinen Fächern war ich auch meist zufrieden, und ich fand auch gerade das Spannungsfeld der noch vorhandenen unterschiedlichen politischen Ansätze sehr inspirierend und lehrreich. Wir hatten ja noch größere Freiheiten, verschiedenste Veranstaltungen aussuchen, –probieren und miteinander kombinieren zu können, als das wohl heute der Fall ist.
Fächermäßig hatte ich es mir ja etwas „einfach“ gemacht, da ja meine Fächer alle zum gleichen Fachbereich gehörten und ich damit auch meine inhaltlichen Schwerpunktsetzungen gut aufeinander abstimmen konnte.
Ansonsten gehören zu meinen bleibenden Erinnerungen die schwierigen räumlichen Verhältnisse in der „Phil-Fak“, überfüllte Seminare, teilweise „wilde“ politische Diskussionen - und eine sehr interessante, lehrreiche und schöne Zeit.
Ich hatte auch das Glück, schon im Studium sehr gut gefördert worden zu sein; bereits zu Beginn des Hauptstudiums hatte ich einen „Hiwi-Job“ und damit die Gelegenheit verbesserter Einsichten in den ganzen Wissenschaftsbetrieb – und damit änderte sich dann auch langsam meine Sicht auf meine möglichen persönlichen Zukunftsperspektiven. Auch die Tatsache, praktisch gleich im Anschluss an das Diplom eine (projektfinanzierte) Stelle am Institut bekommen zu haben, war natürlich eine optimale Chance für meinen weiteren Lebensweg.
4) Promoviert haben Sie in Politikwissenschaft. Sie waren bereits während Ihres Studiums in der SPD aktiv. Wie kam es dazu? Warum haben Sie sich für diese Partei entschieden, in die Sie bereits mit 18 Jahren eingetreten sind?
Zur SPD bin ich bereits in Lahnstein gekommen. Ich wollte mich politisch engagieren – es war immerhin die Zeit der großen Friedens- und Anti-AKW-Demonstrationen. Da Lahnstein eine kleine Stadt ist, war die Juso-AG dort ein zentraler Ort, an dem die verschiedensten örtlichen Aktivitäten dazu zusammen liefen. Sicherlich kommt mit dazu, dass ich aus einer „klassischen“ SPD-Familie stamme. Es war zwar niemand Mitglied der SPD, aber beide Großväter waren (völlig selbstverständlich) in der Gewerkschaft, es wurde (jedenfalls soweit mir bekannt ist) nie etwas anderes als SPD gewählt - und meine Eltern hatten sich seinerzeit auch bei den Jusos kennengelernt…
Ich habe mir mit dem Eintreten aber bewusst erstmal Zeit gelassen und mir meinen 18. Geburtstag als „Entscheidungspunkt“ gesetzt, mit bekanntem Ergebnis.
5) Fraglos ist also die SPD Ihre politische Heimat. Und offensichtlich war auch Ihr Berufsweg immer schon mit dieser Partei verbunden?
Auch hier ist tatsächlich sehr viel Zufall im Spiel. Nicht dass nicht entsprechende Qualifikationen immer wichtig sind, aber ein wenig Glück gehört schon auch dazu, gerade an richtigen Zeitpunkten die richtige Möglichkeit auch ergreifen zu können. Geplant war das wenigste. Dass ich im Anschluss an die Promotion gleich eine Mutterschaftsvertretung als Referatsleiterin in Wiesbaden antreten konnte, war natürlich eine große Sache. Nachdem dann nach der Landtagswahl 1999 rot-grün nicht mehr die Regierung stellen konnte, hatte ich dann eine gute Grundlage, um weiter auch an verschiedenen Stellen der SPD, wie z.B. bei Abgeordneten arbeiten zu können.
Ich habe dann aber auch 2003 bewusst den Weg nach “draußen“ in ein kleines Unternehmen gesucht, um eben nicht ausschließlich für die Partei zu arbeiten. Zum einen war ich zu dem Zeitpunkt ja bereits ehrenamtlich als Vorsitzende der Marburger SPD an einer wesentlichen Stelle für die Partei aktiv, und zum anderen wollte ich beruflich auch noch andere Erfahrungen sammeln.
6) Seit wann sind Sie in der Marburger Stadtpolitik tätig; und seit wann sind Sie im Rathaus?
„In der Marburger Stadtpolitik tätig“ ist schwer abzugrenzen. Ich habe eigentlich schon kurz nach meinem Umzug nach Marburg meinen zuständigen SPD-Ortsverein aufgesucht und war seither auch immer aktiv – allerdings zunächst als „einfaches“ Mitglied, auch bei den Jusos, allerdings früh dann auch schon als Delegierte auf Stadt- und höherer Ebene. Anfang der 90er Jahre bin ich zunächst im Vorstand des Unterbezirks (also Kreisebene) gewesen, Mitte der 90er dann auch im Vorstand der Marburger SPD. 1999 wurde ich dann Vorsitzende der Marburger SPD, das könnte man vielleicht als den „formellen“ Anfangspunkt bezeichnen? In die Stadtverordnetenversammlung kam ich dann erst mit der Kommunalwahl 2001.
Zur hauptamtlichen Stadträtin wurde ich 2005 gewählt, nachdem Egon Vaupel die OB-Wahl gewonnen hatte und entsprechend der Koalitionsvereinbarung Franz Kahle dann zum Bürgermeister „aufrückte“. Amtsantritt für uns drei in den jeweils neuen Funktionen war der 1.7.2005.
7) Als Stadträtin haben Sie eine Fülle von Aufgaben zu bewältigen. Welche Bereiche unterstehen Ihrer Leitung?
Ich bin in unserer Verwaltungsstruktur zuständig für die Fachbereiche 2 und 5, diese umfassen die Bereiche Schule, Kultur, Volkshochschule, Stadtbücherei, Bäder, Soziales, Wohnen und Beschäftigung. Daneben bin ich zuständig für unseren Dienstleistungsbetrieb (DBM), der sich um Müllabfuhr, Straßenreinigung und Grünflächenpflege kümmert, die Marburger Altenhilfe, die zwei Alteneinrichtungen mit verschiedenen Angeboten betreibt, die Stiftung St. Jakob, den Abwasserverband Marburg, den wir gemeinsam mit den Gemeinden Weimar und Cölbe bilden, die Hessische Landestheater Marburg GmbH, die wir gemeinsam mit dem Land Hessen tragen, und die Beschäftigungsgesellschaften Praxis GmbH und Integral GmbH, an denen wir als Stadt ebenfalls beteiligt sind. – Eine ziemlich „bunte“ Palette also, aber das macht für mich gerade einen wesentlich Reiz des Amtes aus.
8) Sie haben also enge Verbindungen zum kulturellen Bereich Marburgs. Wodurch zeichnet er sich Ihrer Ansicht nach besonders aus, was ist positiv, was ist hier zu wenig zu finden, was gefällt Ihnen nicht?
Wir haben in Marburg das große Glück, ein sehr breit gefächertes Kulturangebot zu haben, um das uns viele Städte beneiden. Wir haben praktisch alles im Angebot, was man sich so vorstellen kann (außer vielleicht einem originären Musiktheater), das ist für die Marburgerinnen und Marburger und auch für Gäste der Stadt ein tolles Angebot. Allerdings muss man natürlich zum einen aufpassen, dass man sich nicht gegenseitig das Publikum streitig macht, und zum anderen sind damit automatisch mehr Einrichtungen und Initiativen auch auf städtische Förderung angewiesen, was bei der Diskussion um die begrenzten Haushaltsmittel schon mal zu Schwierigkeiten führt. Alles in allem bin ich aber sehr zufrieden mit dem Marburger Kulturangebot, und wir müssen alles daran setzen, es in seiner besonderen Vielfalt, Qualität und Attraktivität zu erhalten. Alle gemeinsam werden wir auch daran arbeiten müssen, dass wir unser Publikum halten und vergrößern, dass wir die Menschen – gerade auch schon die jungen Menschen - überzeugen, dass Kultur „live“ am besten zu genießen ist und die „Wohnzimmermedien“ nie ein adäquater Ersatz dafür sein können.
9) Das Theater klagt über Zuschauerschwund. Woran könnte das liegen? Gehen vielleicht manche der Inszenierungen an der Interessenlage des Marburger Publikums vorbei?
Das ist keine leichte Frage – was ist denn die Interessenlage des Marburger Publikums? Gibt es eine einheitliche, kann es die überhaupt geben? Im Marburger Theater wird sehr intensiv darüber diskutiert, und es wurden auch schon verschiedene Aktionen gestartet, dem entgegen zu wirken, z.B. durch besondere Stücke, neue Abo-Angebote oder auch das veränderte Erscheinungsbild. Die neue Spielzeit ist auch bisher ganz gut angelaufen. Andererseits ist tatsächlich schwer vorauszusagen, was gut „läuft“ und was weniger gut – da gibt es durchaus immer mal wieder ziemliche Überraschungen.
Aber wir haben es hier nicht zuletzt auch mit einem überregionalen Phänomen zu tun. Die Pressespiegel des Bühnenvereins sind voll von dem Problem zurückgehenden Zuschauerzuspruchs - und wenn mal eine Produktion besonders gut läuft, ist das oft in den örtlichen Zeitungen schon eine dicke Artikelüberschrift wert.
10) Sie sind für die Praxis GmbH und die Integral GmbH zuständig. Worum handelt es sich dabei?
Diese beiden GmbHs sind sogenannte Beschäftigungsgesellschaften, in denen Arbeit organisiert wird für diejenigen, die auf dem „Ersten Arbeitsmarkt“ derzeit keine Chance haben. Heutzutage spielt sich dies im Wesentlichen über Arbeitsgelegenheiten nach dem SGB II ab, aber auch über Ausbildungsprogramme und – leider aus Kostengründen nur verhältnismäßig wenig – über ABM-Projekte. Die (Weiter-) Qualifizierung mit dem Ziel, die Menschen auch „fit“ zu machen für eine Perspektive auf dem Ersten Arbeitsmarkt spielt dabei eine zentrale Rolle.
Solche Projekte gibt es in Marburg auch bei anderen Trägern, z.B. der JUKO oder Arbeit und Bildung (und wir haben auch ein größeres ABM-Projekt beim städtischen DBM), aber an den Gesellschaften Praxis und Integral ist die Stadt Marburg direkt beteiligt.
11) Sie sind zwar nicht, wie der Bürgermeister Herr Dr. Kahle, mit dem Bauressort befasst. Dennoch an Sie, als Marburger Politikerin und Bürgerin, die Frage, welche Chancen und aber auch Risiken mit dem größten Bauprojekt der kommenden Jahre, dem Campus-Ausbau in der Innenstadt, verbunden sein könnten? Haben Sie Sorge vor einer möglichen endgültigen Verschandelung des Stadtbildes durch gesichtslose Blöcke? Wie ließe sich das verhindern?
Aus meiner Sicht ist das Campus-Projekt nicht nur das größte, sondern auch das wichtigste Projekt für die Stadt Marburg in den kommenden Jahren! Nur wenn die universitäre Entwicklung diesen Weg entschlossen und konsequent weitergeht, wird auch die Universitätsstadt Marburg sich weiter so positiv entwickeln können. Marburg braucht die Universität und die Universität braucht den neuen Campus. Und auch der Campus selbst wird eine Bereicherung für die Marburger Innenstadt werden.
Wir befinden uns gerade mitten im Architektenwettbewerb für die ersten Schritte, und ich bin mir sicher, dass daraus auch städtebaulich ein sehr gutes Ergebnis hervorgehen wird. Schon die Vorgaben für den Wettbewerb setzen ja einiges fest, und ich gehe davon aus, dass uns schon da keine „gesichtslosen Blöcke“ angeboten werden. Es gibt ein sehr kompetentes Gremium, das die Ergebnisse des Wettbewerbs bewerten wird, und nach allen Vordiskussionen, die ich kenne oder an denen ich auch teilgenommen habe, werden sich sicher sehr gute Vorschläge unter den eingereichten Arbeiten finden. Ich bin schon sehr gespannt auf die Ergebnisse des Wettbewerbs.
12) Eine ganz andere Frage. Marburg wird, nach dem Frankfurter Vorbild, eine so genannte Fixerstube einrichten. Wie groß ist die harte Drogen konsumierende Marburger Szene? Kann den Abhängigen durch die kontrollierte Vergabe von Drogen geholfen werden? Und wenn dem so ist, warum dauert es solange, bis die Politik solche Maßnahmen ergreift?
Auch in dieser Frage befinden wir uns mitten in der Diskussion. Über die Größe der Marburger Drogenszene gibt es verschiedene Ansichten. Für mich gibt es da aber auch gar keine „Grenzgröße“, bei der ein solcher Raum erforderlich ist oder nicht. Selbstverständlich ist die Marburger Szene bei weitem nicht mit der Frankfurter vergleichbar, und sie soll es natürlich auch nicht werden. Der Drogenkonsumraum soll zum einen eine Hilfestellung sein für die Süchtigen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, wenn sie es denn schon tun müssen, wenigstens möglichst gefahrenarm ihre Droge zu konsumieren. Hier geht es um die möglichst weitgehende Vermeidung von „Konsumunfällen“, da der Konsum unter Aufsicht stattfindet. Zum anderen soll ein solcher Raum aber auch verhindern, dass die Süchtigen ihre Droge im öffentlichen Umfeld konsumieren. Wir haben ja durchaus immer wieder Diskussionen und Beschwerden über die Situation in der Bahnhofstraße und deren Umfeld, dass die DrogenkonsumentInnen sich dort ihre Drogen spritzen; es werden auch zugehörige Utensilien bis hin zu den Spritzen gefunden, was wir auch gerne verhindern oder zumindest deutlich verringern würden. Der bestehende Kontaktladen der Aids-Hilfe, das Saveway, bietet ja bereits den Spritzentausch an; die Möglichkeit, auch den Konsum dort unter geschützten Bedingungen durchführen zu können, wäre eine konsequente Weiterentwicklung.
Allerdings müssen in der Diskussion die berechtigten Bedenken aufgegriffen und diskutiert werden; dies ist kein einfacher Prozess und findet im Moment gerade intensiv statt.
13) Greifen wir ein wenig über die Marburger Politik hinaus. Unterstützen Sie den Kurs von Andrea Ypsilanti, eine von den Linken tolerierte Regierung zu bilden? Und wenn das ein vernünftiger und notwendiger Kurs ist, warum tut sich die Berliner SPD-Spitze so schwer damit, ihn zu unterstützen?
Ich unterstütze den Kurs von Andrea Ypsilanti (der ja nicht nur ihrer, sondern auch der der breiten Mehrheit des Landesverbandes, des Landesvorstandes und der Landtagsfraktion ist) und ich würde mir wünschen, wir könnten unser zentrales Wahlversprechen, die Regierung Koch abzulösen, bald einlösen! Wir haben hart gekämpft für dieses Wahlergebnis - manche der Kritiker aus Berlin und anderswo sind leider weit weg davon, für unsere Partei in letzter Zeit einen ähnlichen Wahlerfolg errungen zu haben... Natürlich hätten wir es lieber gehabt, es hätte für rot-grün gereicht – aber die Variante der Tolerierung durch die Linken habe ich persönlich nie für ein grundsätzliches Problem gehalten, das ist für mich lediglich eine Frage des konkreten Verhandlungsergebnisses.
Zu der Berliner Sicht der Dinge hat sich der Bundesvorstand festgelegt – ich habe immer vertreten, dass wir selbstverständlich als SPD-Landesverband die hessischen Entscheidungen selbständig treffen dürfen, auf der Bundesebene muss die Entscheidung möglicher Koalitionsbildungen auch unabhängig und an der konkreten Situation orientiert getroffen werden können.
14) Ohne die Wahlaussage Ypsilantis, nicht mit den Linken zusammen zu gehen, gäbe es die jetzigen Schwierigkeiten gar nicht. War diese Aussage ein taktischer Fehler? Wie sehen Sie insgesamt das Verhältnis der SPD zur Linken, gibt es Gemeinsamkeiten und welches sind die Hauptunterschiede?
Ich habe bei der Antwort zur letzten Frage bereits angedeutet, dass wir viel wesentlichere Wahlversprechen abgegeben haben. Für mich gehören Koalitionsaussagen maximal am Rande dazu: wir haben uns mit unserem Programm zur Wahl gestellt, und ich gehe davon aus, dass wir vorrangig für dessen Umsetzung gewählt worden sind. Nach einer Wahl erfolgen dann die Verhandlungen, wie (und mit wem) diese am besten umzusetzen sind. Leider springen auch die Medien heutzutage immer mehr aber genau auf diese Fragen an: wer und wer mit wem. Inhalte werden weit weniger intensiv hinterfragt. Wer mal beobachtet hat, mit welcher Penetranz Andrea Ypsilanti im Wahlkampf immer und immer wieder gerade in dieser Frage festgenagelt werden sollte, wird vielleicht nachempfinden können, wie schwer es ist, sich da dauerhaft erfolgreich zu entziehen.
Vielleicht darf man am besten ganz konsequent im Wahlkampf gar nicht mehr auf Koalitionsfragen eingehen, aber hinterher ist man immer schlauer. Andererseits wird auch hier durchaus mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen – sogar unzählige Koalitionen sind bereits geschmiedet worden, die im Vorfeld einer Wahl ausdrücklich ausgeschlossen worden waren, und zwar auf allen politischen Ebenen.
Über das Verhältnis der SPD zu der Partei „Die Linke“ könnte man sicherlich ein ganzes eigenes Interview füllen, wenn man alle Themenfelder einzeln aufgreifen wollte – oder auch nur einen Satz schreiben: Die SPD ist die linke Volkspartei - um diese Stellung müssen und werden wir weiter kämpfen, auch und gerade bei denen, die das Vertrauen in uns verloren haben.
15) Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Linken in der Marburger Stadtpolitik?
Marburg hat eine lange Tradition, dass neben der SPD eine weitere linke Partei in der Stadtverordnetenversammlung sitzt, wie auch immer der jeweils aktuelle Name ist. Aus unserer Sicht ist das politisch natürlich nicht notwendig, zumal die Marburger SPD ohnehin ein deutlich linkes Profil hat; wir haben hier aber im persönlichen Umgang – soweit ich das sagen kann - keine Probleme miteinander.
16) Wenden wir uns zum Schluss wieder mehr Ihrer Person zu. Man kann Ihrer Homepage entnehmen, dass Sie Hundeliebhaberin sind (und auch Mitglied im Tierschutzverein), aber Sie spielen offenbar auch mehrere Instrumente?
Neben der Beschäftigung mit meinem Hund ist die Musik ein ganz wichtiger Ausgleich für mich. Klavierspielen habe ich als Kind – im wahrsten Sinne des Wortes ganz „klassisch“ - gelernt, in der pubertären „Trotzphase“ bin ich dann auf Gitarre (allerdings nur als Gesangsbegleitung) umgestiegen, und vor ein paar Jahren kam dann noch das Saxophon dazu. Schlagzeug würde mir auch noch gefallen, und auch Trompete, aber das will ich meiner Nachbarschaft erstmal noch nicht antun… (Vielleicht später einmal für die RentnerInnen-Band!) Natürlich ist die Zeit dafür leider immer nur sehr begrenzt, aber selbst Musik machen gehört für mich einfach mit zum Leben.
17) Welche kulturellen Veranstaltungen gefallen Ihnen privat besonders, wohin gehen Sie gerne abends oder am Wochenende in Marburg?
Ich gehe sehr gerne ins Theater, auch gerne mal ins Kabarett und zum Varieté und natürlich in Konzerte, bevorzugt Jazz (am liebsten in der Cavete, schon allein wegen der Atmosphäre), zuletzt war ich aber auch mal wieder bei Konstantin Wecker.
Allerdings lässt sich hierbei derzeit „privat“ von beruflich nicht sehr gut trennen – der Vorteil ist, ich komme dienstlich viel öfter überhaupt zu kulturellen Veranstaltungen als früher, andererseits fehlen dann auch mal die freie Abende, an denen ich mich „ganz privat“ für die eine oder andere Veranstaltung entscheiden könnte.
Ansonsten gehe ich „ganz privat“ gerne auch einfach mal gemütlich Essen.
18) Welche Bücher lesen Sie bevorzugt, welche Musik hören Sie, und wo machen Sie am liebsten Urlaub?
Ich lese sehr gerne, Lesen gehört eigentlich neben Hund und Musik auch zu den wichtigen Dingen für mich. Leider kommt das im Alltag auch etwas kurz, weil ich dafür schon etwas Ruhe brauche, gerade wenn es eine nicht ganz so leichte Lektüre ist. Es sind auch ganz verschiedene Bücher, die ich mir zur Lektüre aussuche – da ich das hier schlecht kategorisieren könnte, hier einfach mal die Auswahl aus meinem letzten Urlaub: ein Krimi von Charlotte Link, ein „Regionalkrimi“ aus einem kleinen Verlag aus meiner alten Heimat, „Der Untertan“ von Heinrich Mann, „Jakobs Leiter“ von Steffen Mensching und „Verlorene Illusionen“ von Honoré de Balzac.
Bei Musik ist es bei mir ähnlich unterschiedlich, das hängt auch immer sehr von der Stimmung ab: Jazz natürlich, aber auch alles mögliche andere – meine häusliche Musik-Sammlung ist sehr bunt…
Meinen Urlaub verbringe ich seit einigen Jahren relativ regelmäßig im Herbst immer auf Norderney – einmal Nordsee im Jahr muss sein! Ansonsten besuche ich im Urlaub auch einfach gerne Freunde, die mittlerweile über die ganze Republik verteilt leben oder mache auch einfach in Marburg was Nettes. Für demnächst steht aber unbedingt auch mal wieder Italien auf dem Programm, mal sehen, vielleicht im Frühjahr.
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