Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 6


 

Mein Buch des Monats Dezember

 

Hartmut von Hentig: „Nichts war umsonst – Stauffenbergs Not“. Stuttgarter Stauffenberg-Gedächtnisvorlesung 2007
Herausgegeben vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg und der Landesstiftung Baden-Württemberg gGmbH, Wallstein Verlag, Göttingen 2008, www.wallstein-verlag-de, 64 S., ISBN 978-3-8353-0360-7

Cover

Das beste Leben ist das tätige Leben“ (Aristoteles)
Können die Attentäter vom 20.Juli Vorbild sein? Hartmut von Hentig antwortet: „Ja, indem sie in schwerster Zeit das getan haben, was man selber gern getan hätte.“ Und ganz am Ende (S.61) heißt es, (und das bezieht sich nicht nur auf die Zeit des Nationalsozialismus): „Wir preisen, was uns fehlt. Unsere Helden haben die Tugenden, die wir gerne hätten. ...“ Er zitiert aber auch den Galilei-Satz Brechts: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ und weist  gleichzeitig auf die Widersprüchlichkeit hin, die zwischen der beabsichtigten Befreiungstat und ihrem Scheitern zu bestehen  s c h e i n t . „Man hat gesagt, Männer und Frauen, die mit ihrer Sache scheitern, können schwerlich jungen Menschen als Vorbild für ihr politisches Handeln dienen. Das ist richtig, wenn sie die einzigen Vorbilder sein sollen. Es muß neben den Martin Luther Kings auch die Helmut Schmidts geben. Für jede Möglichkeit unbedingter Tat brauchen wir jedoch die, die ihre Lebenswahrheit mit ihrem Scheitern bekräftigen. Schlösse man diese aus, müßte man auf Sokrates und Jesus, die Brüder Tiberius und Gajus Gracchus und Thomas Becket, Antigone und Jeanne d´Arc, Ödipus und König Lear verzichten.“ (S.59)

Für diese genannten Personen gilt das bewußte Handeln und „Handlung entspringt einem Willen, einer Entscheidung“. Hentig verweist auf Aristoteles, der den Menschen „als Ursprung von Handlung und Tat“ versteht, der sich der Tat als ein „begründetes, gewolltes Handeln mit Folgen“ bewußt sei und damit einen Anfang herstellt, der – es soll wiederholt werden - auf dem Willen beruht und Scheitern mit einbezieht und Hentig gebraucht hier das Wort „Not“. „Wir haben uns vor Gott und unserem Gewissen geprüft: Es muß geschehen.“ Dies sind die Worte Stauffenbergs zu Jakob Kaiser (S.11) Und es mutet seltsam und wie vorausweisend an, daß Stauffenberg als Schüler am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart in einer Schüleraufführung des „Tell“ als Stauffacher die Worte spricht: „Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht“ und: „Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben“ (S.13/14).

Von großem Einfluß auf beide Brüder Stauffenberg, Berthold und Claus, ist die Begegnung mit Stefan George gewesen und mit Gedichten überhaupt (S.15-19). „Reiss mich an deinen rand/Abgrund – doch wirre mich nicht!“ 

Hentig gliedert seine Überlegungen in vier Abschnitte: I. Täter (S.9-19 s.o.), II. Was macht den geborenen Täter zum politischen Täter? (S.20-45), III. Die unmittelbaren Folgen der Tat (S.46-51), IV. Wirkungen über die Tat hinaus (S.52-62). Die Seiten 63/64 verweisen auf mit diesem Thema sich befassende und benutzte Quellen und wir treffen auf bekannte Namen: Gräfin Dönhoff, Joachim Fest, Walter Hofer u.a.

Im zweiten Abschnitt wird der Rußlandfeldzug, „der von Anbeginn falsche Überfall“ und die „teils stümperhafte, teils kriminelle Besatzungspolitik“ vorgestellt, „der sich in allem offenbarende Irrsinn der Germanisierung Osteuropas“, was die Ukrainer und Kaukasier, „potentielle Verbündete“, zu Hassern macht und Stauffenbergs Wandlung einleitet. Dann kam Stalingrad. Kein anderer hochrangiger Offizier (etwa vierzig) war bereit, Hitler die Ver-geblichkeit  der Verteidigung mitzuteilen  – Feldmarschall Manstein wiegelt ab,
obwohl es von ihm heißt: „Claus von Stauffenberg begab sich zu dem aufgrund seines Charakters, seines Verstandes und seiner militärischen Funktion geeigneten Feldmarschall von Manstein, Chef der Heeresgruppe Süd.“ Dem Leser sollen die Seiten 24–28 oben, wo das Wort „Töten“! ausgesprochen wird, nicht vorweggenommen werden. Im Februar 1943 fällt Stalingrad.

Die vorhergehenden militärischen Erfolge in Polen und Frankreich hatten „die Hoffnungen der Widerständler gedämpft“ – und nun will Stauffenberg den Aufstand wagen. Sich mit Stalingrad und dem Opfer von Hunderttausenden deutschen Soldaten abzufinden, sei er nicht imstande – der Fehler liege bei der Obersten Führung. Stauffenbergs Versetzung nach Tunis bringt ihm schwere Verletzungen, hindert ihn nach der Rückkehr aber nicht – trotz der Einwendungen des Freundes und Arztes Ferdinand Sauerbruch am „bedingungslosen Willen zur Tat“ und an der Zusammenarbeit mit dem Kreisauer Kreis, obwohl dessen Mitglieder sich als ziviles Widerstandszentrum betrachteten.

Hentig unterscheidet zwischen Abstand, Widerstand und Aufstand und betont: „Widerstand muß von dem wahrgenommen werden, dem er geleistet wird.“ Er nennt als nicht mit Stauffenberg zu vergleichende Hitlerverächter Ernst Jünger und Gottfried Benn und unterscheidet Verachtung von der Haltung sein Leben einzusetzen. Dem Leser werden die Seiten 30-45 ans Herz gelegt, weil es hier sozusagen um die Quintessenz der Darstellung geht. Widerstand entsteht aufgrund von Bedrohung oder Zwang, kann offen oder verdeckt sein und  gleicherweise heroisch und bewundernswert, so etwa der Protest Hunderter deutscher Frauen in der Berliner Rosenstraße „gegen die Verschleppung ihrer jüdischen Ehemänner“, wobei vieles von den Nazis “absichtlich übersehen“ wurde - stand doch das deutsche Volk „geschlossen hinter ihnen“.
„All dies ließ Claus Stauffenberg hinter sich – er wagte den Aufstand.“ Sein „Wille zur Tat“ überflügelte  Carl Friedrich Goerdeler und  den Kreisauer Kreis, die zurückhaltend reagierten, umso mehr, als er zum erstenmal von den Ungeheuerlichkeiten der Menschenvernichtung erfuhr: Hitler muß weg! Eine neue Regierung wird personell zusammengestellt: Carl Goerdeler, Peter Yorck von Wartenburg, Julius Leber, um einige der bekannten Namen zu nennen und ein Aufruf entworfen: „Ungeheuerliches hat sich in den letzten Jahren vor unseren Augen abgespielt ... Rechtlosigkeit, Vergewaltigung der Gewissen ... Helfe jeder mit, das Vaterland zu retten!“  Mit dem Sozialdemokraten Julius Leber kam es zu einem „festen Vertrauensverhältnis“. Die Eingeweihten waren anfänglich zurückhaltend in ihren Plänen, ein gewaltsamer Aufstand war nicht vorgesehen – „an Putsch oder Attentat mochte man nicht denken ...man stellte Kabinettslisten auf und studierte Gandhi“. Aber langsam kamen die in der Wahl des Widerstandes gegensätzlichen Gruppen aufeinander zu: beide Brüder Stauffenberg, Berthold und Claus, wurden von ihrem Vetter Peter Yorck von Wartenburg damals hinzugezogen und - „Moltke lernte die Notwendigkeit von Gewalt einsehen und Stauffenberg erfuhr mehr von den Ungeheuerlichkeiten, die den Juden, den Geisteskranken .. angetan wurden“.
Stauffenberg fragt seine Nichte, die den Brüdern damals den Haushalt führte, was „ihr Protestantismus“ dazu sage und sie habe nicht antworten können, erzählt sie Hentig und dieser verweist auf Christus: „Man muß aushalten, daß man das Falsche getan hat, wenn man es in gutem Glauben getan hat.“

Die Schwierigkeiten eines Umsturzes oder richtiger, das Gelingen, waren an den Kriegsverlauf gebunden: keine Niederlage im Osten, Waffenstillstand im Westen. Dies war nach dem Eintritt der USA nicht mehr möglich – jetzt ging es
nur noch um eine „bedingungslose Übergabe“ (unconditional surrender). Sozusagen im gleichen Atemzug verkündete Goebbels im Sportpalast den „totalen Krieg“. Damit rückte aber auch das Attentats-Vorhaben in dringliche Nähe, was nur mit Hilfe der Wehrmacht gelingen konnte. „Ein von Hitler genehmigter Plan für den Fall „Innere Unruhen“ .. sollte die Truppen zu einem Gegenschlag zusammenfassen.“ (S.38) Aber, ..., „dies und den weiteren Verlauf
kennt man vor allem aus Filmen“.
Der Leser möge sich den Namenskatalog des neuen Kabinetts nach Hitler  durchlesen und den Aufruf dazu, „dieser Text .. war die eigentliche Bombe“, und es immer wieder bedauern, daß das Attentat mißlungen ist.

Das dritte Kapitel, S.46-51, konfrontiert den (mit den damaligen dann folgenden Geschehnissen unvertrauten) Leser mit dem großen Morden - das Attentat ist mißlungen. „Die Vorgänge sind so erregend wie verwirrend und quälend“ und, so Hartmut von Hentig weiter, er könne sie nicht ohne „Würgen in der Kehle“

wiedergeben. Generaloberst Fromm – auch um sich selbst zu retten – „spricht die standrechtliche Verurteilung aus“ und läßt Oberst von Mertz, General Olbricht, Oberleutnant von Haeften und den Oberst, „den ich mit Namen nicht nennen will“, Claus von Stauffenberg, zum Tode verurteilen und sie sofort erschießen. Ludwig Beck mißlingt die Selbsterschießung und bekommt den „Gnadenschuß“. „Folter, Freisler und der Fleischerhaken wurden ihnen erspart.“
Berthold von Stauffenberg wurde 21 Tage nach den Demütigungen des Volksgerichtshofes gehängt. Von den danach Verhafteten sind „etwa 200“ hingerichtet worden.
Für die Alliierten, abwertend und verächtlich, weil sie sich ein besseres Deutschland nicht vorstellen konnten, „waren es nur Prätorianerkämpfe“.1946 allerdings ehrte ausgerechnet Churchill die Hingerichteten mit den Worten: „In Deutschland lebte eine Opposition .. die zu dem Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte aller Völker je hervorgebracht wurde.“

Im vierten und letzten Abschnitt, „Wirkungen über die Tat hinaus“, S.52-62, zitiert Hentig Joachim Fest, der den 20.Juli 1944 „vor allem eine symbolische Tat“ nennt, die „bei den Deutschen keinen Eingang gefunden habe“ (S.52/53) und fährt fort: „Beginnen wir in Deutschland so etwas wie eine Tradition des Widerstandes aufzubauen?“
Beim „Mustern der Institutionen“ verweist er auf die frühe Verfassung des Landes Hessen vom Dezember 1946, auf die Artikel der Widerstandspflicht und des Widerstandsrechtes, aber auch darauf, daß es kein Drama gebe, das den Widerstand preist und viele Lehrer nach wie vor auf „Wilhelm Tell“ angewiesen seien, abgesehen davon, daß er den Lehrern das Interesse an diesem Thema abspricht – „die meisten wollen so etwas gar nicht“ -  und  meint, die von ihm gelobten Stücke „Kabale und Liebe“, „Emilia Galotti“, „Mutter Courage“ gehörten nicht zum Schulrepertoire, was so nicht stimmt.
 
Was bleibt? Hentig fragt: die Männer des 20.Juli?  und spricht die Befürchtung aus, daß sie ihres Scheiterns wegen von vielen als Vorbild möglicherweise nicht akzeptiert werden könnten, doch: „schlösse man  s i e  aus, müsste man (auch) auf Sokrates und Jesus, Antigone und Ödipus verzichten“.
Mit einer gewissen Bitternis, was die Bedingungen unsrer heutigen Welt betrifft, fügt er hinzu: gegen heutzutagige Bedrohungen, Umweltzerstörung,  Terrorismus  und vieles andere gibt es kaum mehr Möglichkeiten – „nicht einmal den Tschetschenen und Afghanen ist mit Stauffenbergs zu helfen“.

Diesem schmalen Band wären viele Leser zu wünschen

Gudrun Westphal

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