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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 6
[1] Ein paar Kleinigkeiten habe ich Ihnen heute mitgebracht. Zunächst einmal meine beiden bisherigen Aphorismenbände, einen dritten hoffe ich bald vorlegen zu können. Es ist der philosophische Aphorismus vom Sein, Ich und Selbst, der in diesen Arbeiten vorherrscht, aber auch jener Satz, der menschliche Schwächen fokussiert. Der politische oder gesellschaftskritische Aphorismus kommt dagegen weniger vor.
Indes habe ich noch etwas für Sie exemplarisch dabei: einen Bierdeckel, eine Teebeutelhülle, einen Kontoauszug und einen lapidaren Zettel, sämtlich bekritzelt mit Notizen, die mir ehemals in den Kopf kamen, und eine bessere Schreibunterlage war seinerzeit nicht zur Hand. So geschehen im Vorfeld meines ersten, 1997 herausgekommenen Aphorismenbands „Knapp über der Erde“. Für den zweiten Band mit dem Titel „Einen Erdwurf weit“ von 2001 schien mir dieses Verfahren, mit Legionen von Zetteln und Ähnlichem mehr zu hantieren, dann doch einigermaßen suboptimal, so dass ich mich fortan auf Notizhefte verlegte, auch hiervon habe ich Ihnen einige Beispiele mitgebracht. Stets trug ich nun ein solches Exemplar mit mir herum, um es eilig zücken zu können, sollte denn eine Idee anklopfen.
Bevor ich nun zu meinem Referat komme, darf ich Ihnen noch exemplarisch einige wenige Aphorismen aus den genannten Publikationen vortragen, natürlich nur für die unter Ihnen, die meine Schriften noch nicht kennen, derer es erfahrungsgemäß kaum welche gibt ..., zur Sicherheit aber trotzdem:
„Das Nichts ist überhaupt nicht schlimm, im Gegenteil; aber das Nichts, das sich wichtig nimmt, fällt besonders auf.“ [2]
„Der Fingerzeig beim Bedeuten reicht meist zu kurz.“ [3]
„Virtuosen des Sachverhalts halten nicht.“ [4]
„Das Wenn-es-sich-Ergibt eines der so erlesensten wie kostengünstigsten Güter ist.“ [5]
„Der Tod raubt die Flügel, aber nur, wenn dort keine sind.“ [6]
„Blätter, die sich ins Goldene wandeln – lösen sich.“ [7]
„So gibt’s eine Dauer, die sich im Moment nur fassen lässt; einen Moment, der sich auf Dauer nicht fassen lässt.“ [8]
Die nun folgenden Ausführungen zu dem Thema „Gattung und Autor: Einsichten in ihr Zusammenspiel“ möchte ich unter das Motto stellen „Dionysos und Apoll in der Kleinform des Aphorismus“. Dabei beziehe ich mich auf Nietzsches Werk „Die Geburt der griechischen Tragödie“, in welchem er das Spannungsfeld zwischen geistigem Urdrang und nüchterner geistiger Architektonik an den Göttergestalten bzw. geistigen Dispositionen Dionysos und Apoll festmacht. Auch wenn dies vielleicht zunächst ein wenig nach dem großen Geschütz der Geistesgeschichte klingt, so erlauben Sie mir diesen Ansatz dennoch, da er sich, wie ich meine, bis zum heutigen Tag als durchaus fruchtbar erweist.
Dabei geht es mir nicht darum, Nietzsches Begriffspaar Dionysos-Apoll, das in den Fachprofessionen bis heute einige Geltung hat, philosophiegeschichtlich, gar philologisch zu würdigen. [9] Vielmehr geht es mir um die ewig-aktuelle innere Aussagekraft dieser Denkfigur, die – auch unabhängig von Nietzsche – bei verschiedenen Denkern und Autoren ähnlich zum Ausdruck kommt: sei’s bei Blaise Pascal, der in seinen „Pensées“ unterscheidet zwischen der Ordnung des Herzens und der des Verstands oder sei’s bei Thomas Bernhard, der die ideale Magie dort sieht, wo Gedanken völlig frei zu Gefühlen werden und vice versa. [10] Vermutlich wird man auf diese Weise – hier nur angedeutet – zugleich der Sprachweisheit, die beim Aphorismus stets ein Wörtchen mitreden möchte, am ehesten gerecht. Ferner findet dieser Ansatz mittlerweile auch in der Naturwissenschaft einige Beachtung, aber dazu später. Ich selbst darf mir anmaßen, diesen Gedanken vom – etwas pathetisch gesprochen - dunkel-rauschhaften, inspirierten, eben dinonysischen Wollen einerseits und einem klar-nüchternen, eben apollinischen Ordnen und Einordnen aus eigenem Erleben unterstützen zu können. Einen äußeren Hinweis auf das Dionysische habe ich Ihnen bereits in Form der aphoristisch besudelten Zettel und Notizhefte gegeben. Und das Ergebnis einer eher apollinisch-nüchternen Gesamtarchitektur der zunächst eilig hingeworfenen Aphorismen sehen Sie in den fertigen Bänden, genauer: in der dort niedergelegten Anordnung der Aphorismen. Dies alles schließt natürlich nicht aus, dass, wie Friedemann Spicker anführt, in jeder Aphorismensammlung auch Niveauunterschiede zu beobachten sind. [11]
Es scheint mir, dass eine in sich geordnete Aphorismensammlung dieser von Nietzsche so eindringlich formulierten Einsicht des Zusammenwirkens von dionysisch und apollinisch besonders nahe kommt. Nicht umsonst war ja gerade dieser Denker ein Virtuose von Fragment und Aphorismus und deren nüchtern-gegliederter Anordnung. Es sind diese beiden Kräfte, die meines Erachtens mehr oder minder in jeder Gattung und in jedem Autor zusammenwirken und sich in seinem Werk spiegeln, dabei, wie ich meine, gleichsam idealtypisch in einer Aphorismensammlung. In diesem Aspekt besonders zeigt sich mir das Zusammenspiel von Gattung und Autor im Sinne des zu behandelnden Oberthemas. Dass dies für Musik, Malerei, welche Kunst auch immer, ebenso gilt, ja selbst für den schöpferischen Aspekt von Wissenschaft, in gewisser Weise sogar für den gesamten Alltag als Übungsfeld aktiver Gelassenheit im Sinne der indischen Philosophie, das sei hier nur angedeutet. [12]
Bevor ich auf die geistigen Dispositionen alias Dionysos und Apoll weiter eingehe, lassen sie mich kurz davon erzählen, wie ich zum Genre des Aphorismus kam: Man studiert, sozusagen nüchtern-apollinisch, was die Geistesgeschichte so bietet – freilich exemplarisch –, liest die heiligen Schriften, die Philosophen und, und, und. Plötzlich schreibt man selbst, noch wie unwirklich, das eine oder andere Fragment auf, noch ohne zu ahnen, dass man sich im Vorfeld des Aphoristischen bewegt. Übrigens habe ich mich dabei mit dem aphoristischen Schaffen anderer Autoren tatsächlich nie beschäftigt, ebenso wenig mit den formalen Fragen des Aphorismus, die sich meines Erachtens am Zwanglosesten von selbst herauskristallisieren.
Dann, irgendwann, viel später, fängt man damit an, das Produzieren und Sammeln seiner Ideen zielgerichtet zu betreiben, vor allem darauf zu achten, dass einem keine seiner Ideen mehr durch die Lappen geht – und es entstehen in der Folge die voll gekritzelten Zettel und Notizhefte, aus denen es späterhin etwas zu machen gilt. Derart ergibt sich nicht nur der einzelne Aphorismus, sondern auch das Hingeführtwerden zum Aphorismus – in meinem Fall zumindest – einigermaßen unwillentlich. Daher bin ich auch vorsichtig mit dem Etikett Aphoristiker – denn sollte man sich dieses anheften, um sodann rein willentlich als solcher tätig zu werden, so hätte man gewiss mit Zitronen gehandelt, ist es doch bekanntlich der Wille, der behindert, so auch in diesem Fall. Ähnliches wollte uns Nietzsche vermutlich mit dem folgenden Aperçu vermitteln: „Der beste Autor wird der sein, welcher sich schämt, Schriftsteller zu werden.“ [13] Damit wären wir zurück beim Dionysischen, das sich vom Menschen zwar kanalisieren lässt, aber bitte nur ungewollt oder besser noch: ungewollt gewollt bzw. „nolens volens“, wie es die alten Römer zu formulieren wussten.
Ja, gehen wir noch einen Schritt weiter zurück, hin zur Quelle, quasi dorthin, wo sich das Dionysische oder lapidar gesagt die Intuition, die Inspiration auftut, hin zu dem inneren Krater des Ideenflusses oder, in der Sprache Hegels, hin zum „Schreine des inneren göttlichen Anschauens“ [14] oder mit Schillers Wallenstein gesprochen: Hin zum tiefen Schacht, aus dem des Menschen Taten und Gedanken ewig quellen. [15] Kurzum: Hin zum Augenblick, dem angestammten Zeitmaß des Aphorismus! Gleich da und gleich wieder weg, das ist die Entstehungsgeschichte des besten Aphorismus – im Nu gesagt. Dazwischen befindet sich der Autor oder Mittler, der mit gezückter Feder den aufblitzenden Gedanken einfängt, oft so schnell, dass er späterhin seinen Aufschrieb kaum noch zu entziffern vermag. So erlebe ich es in meiner Arbeit, was mir aber vor allem dadurch interessant wird, dass dieses Phänomen viele Zeugen hat. Hierzu erlauben Sie mir eine kleine Leseblüte, die zum Nach- und Weiterlesen anregen könnte. Beginnen wir mit der Mystikerin Teresa von Avila, die im 16. Jahrhundert formuliert: „Sie lassen sich so schwer ausdrücken ..., diese inneren Dinge des Geistes, um so mehr, da sie schnell vorbeigehen, dass es geradezu ein Glücksfall wäre, sie zutreffend auszudrücken.“ [16] Dieselbe: „Ich weiß nicht mehr, was ich gerade gesagt habe, da ... mir, sobald ich an mich denke, die Flügel abbrechen, um etwas Gutes zu sagen ...“ [17] Und dass Goethe und Nietzsche sich zu diesem Phänomen äußern, versteht sich fast von selbst. Spricht jener in seinen Gesprächen mit Eckermann von „Geschenken von oben“, von „reinen Kindern Gottes“ [18], so dieser u.a. von „blitzenden Lichtscheinen“ [19]. Aber auch Walter Benjamin, Vertreter der neomarxistischen Frankfurter Schule, führt für ihn ungewöhnlich mystisch an: „In den Gebieten, mit denen wir es zu tun haben, gibt es Erkenntnis nur blitzhaft. Der Text ist der langnachrollende Donner.“ [20] Ja, selbst der streng empirisch ausgerichtete Wissenschaftsphilosoph Karl Popper vermutet unter Berufung auf Albert Einstein hinter jeder wissenschaftlichen und mathematischen Entdeckung ein irrationales Element. Und zum Schluss dieser kleinen Aufzählung sei noch darauf verwiesen, wie das indische Wort „Brahma“, stehend für den absoluten Geist, auf die Sanskritwurzel „brih“ gleich „sich ausdehnen“ zurückgeht, was der Auffassung von der göttlichen Kraft als spontanem Wachstum und dem Hervorbringen schöpferischer Taten entspricht. [21]
Es spielen sich also Irrationalität und Rationalität gegenseitig in die Hände: Es wird der dionysische Quell durch nüchtern-apollinisches Wissen gespeist und spuckt dafür wieder Erkenntnis aus, die es aufzufangen gilt, in unserem Fall als Aphorismen, die in einem nächsten Schritt apollinisch durchzuordnen, gleichsam mit der „kältesten abstrakten Reflexion zu übergießen“ [22] sind, so ein Wort Schopenhauers. Zunächst bedarf es des Studiums von Welt, Mensch und Schriften, denn einzig per Tabula rasa wird sich – trotz Platons Vorstellung der Wiedererinnerung – wohl nicht viel erreichen lassen. Und dann kommt die Inspiration ins Spiel, etwa in Form aufsteigender Aphorismen, die sodann wieder, soweit möglich, geprüft, ausgesiebt und angeordnet werden wollen. Es sei denn, man möchte die Sätze unkritisch, in der Abfolge wie entstanden anordnen. Warum nicht, einen gewissen voyeuristischen Charme hat dies; in meinem Fall jedoch käme wohl zu viel Spreu und zu wenig Weizen dabei heraus. Ist es doch schätzungsweise nur ein Viertel des Produzierten, das ich letztlich in den Veröffentlichungen verwende, dieses allerdings im Einzelsatz nur unwesentlich umgearbeitet, ja meist erweist sich die ursprüngliche Form sogar als die Beste.
Nun habe ich Sie ein wenig mitgenommen, wie ich zumindest hoffe, hin zum dionysischen Kanal des Schöpferischen, aus dem unter anderem der Aphorismus auftaucht, habe Ihnen aber auch den „Ingenieurmeister Apoll“ vorgestellt, der aus dem Wust dessen, was da aufgestiegen, das Brauchbare herausdestilliert und seine kunstvollen unsichtbaren Brückenwerke zwischen den einzelnen Sätzen einer Aphorimensammlung schmiedet.
Freilich, ein solcher geistesgeschichtlicher Ansatz dürfte für sich allein genommen im 21. Jahrhundert zu wenig sein. Daher lassen Sie mich noch knapp etwas aus den naturwissenschaftlichen Forschungslabors berichten, indes eingedenk des Umstands, dass ich – wie auch bei dem zuvor Gesagten – kein Spezialist bin, eher einer, der so etwas wie sich anbietende Evidenzzusammenhänge aufzuzeigen sucht. Zu den Ergebnissen der Gehirnforschung überleitend erlauben Sie mir nun noch ein lohnendes Zitat von Hermann Hesse: „Gern vergleicht der Bürger den Phantasten mit dem Verrückten. Der Bürger ahnt richtig, daß er selbst sofort wahnsinnig werden müßte, wenn er sich so wie der Künstler, der Religiöse, der Philosoph auf den Abgrund in seinem eigenen Inneren einließe. Wir mögen den Abgrund Seele nennen oder das Unbewußte oder wie immer, aus ihm kommt jede Regung unseres Lebens. Der Bürger hat zwischen sich und seiner Seele einen Wächter, ein Bewußtsein, eine Moral, eine Sicherheitsbehörde gesetzt, und er anerkennt nichts, was direkt aus jenem Seelenabgrund kommt, ohne erst von jener Behörde abgestempelt zu sein. Der Künstler aber richtet sein ständiges Mißtrauen nicht gegen das Land der Seele, sondern gegen jede Grenzbehörde, und geht heimlich aus und ein zwischen Hier und Dort, zwischen Bewußt und Unbewußt, als wäre er in beiden zu Hause.“ [23] In der Wissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang von einem Assoziations- und Intuitionspotenzial, das durch chemische Filterprogramme im Gehirn geregelt wird, wobei die Nervenüberträgerstoffe Dopamin und Serotonin eine zentrale Rolle spielen. Die große Frage, ob es Gehirn-, Nervensubstanz und Chemie sind, die schaffen, oder ob es hinter all diesem in gewisser Weise etwas Feinstoffliches, Geistiges gibt, eine Annahme, zu der ich eigentlich neige, diese Frage würde den Rahmen hier allerdings sprengen. Sind die chemischen Filter nun scharf eingestellt, so wird es zunehmend rational, apollinisch in unserem Kopf, und wenn unscharf, d.h. die genannten Stoffe vermehrt produziert werden, so wird’s intuitiv bzw. dionysisch im Sinne Nietzsches – ja bis hin zum Wortsalat des chronisch Schizophrenen. Und irgendwo dazwischen liegt das Optimum für kreative Leistungen, der Grat indes ist schmal – Stichwort „Wahnsinn und Genie“ -, und Genaues weiß man noch längst nicht. [24] Auch wenn bereits Hans Sachs im Wahnmonolog der Meistersinger davon spricht: „So ist es nun mal bei allen großen Dingen, die nie ohn einigen Wahn gelingen.“ [25] Oder wenn in der indischen Hemisphäre der Philosoph und Guru Sri Aurobindo mahnt, über dem Göttlichen nicht den klaren disziplinierten Intellekt zu vergessen. [26]
Inwieweit sich nun Inspiration bewusst an- und abschalten lässt, sozusagen hin- und hergewechselt werden kann zwischen Dionysos und Apoll bzw. Hier und Dort im Sinne Hesses, wird derzeit von der Wissenschaft untersucht, wobei auch die Rolle von Drogen Forschungsthema ist. Und bedenkt man, dass etwa Alkohol zur Dopamin- und Serotonin-Ausschüttung führt, damit zur Filterreduktion und Intuitionsverstärkung, so drängt sich das folgende Wort Lichtenbergs geradezu auf: „Wenn man manchen großen Taten und Gedanken bis zu ihrer Quelle nachspüren könnte, so würde man finden, dass sie öfters gar nicht auf der Welt sein würden, wenn die Bouteille verkorkt geblieben wäre, aus der sie geholt wurden. Man glaubt nicht, wie viel aus jener Öffnung herauskommt.“ [27] Wohl wäre dies ein hübscher Abschluss für mein Referat, zumal das äußerliche Gottesattribut des Dionysos ja auch die Weinrebe ist. Doch sollte ich zwingend noch hinzufügen: Ohne die „heilignüchternen Wasser“ [28], ein Wort Hölderlins, bzw. eine meditative und zugleich intellektuell-wachsame Einstellung auf dem Boden der Flasche oder der Opiumpfeife [29], auf dem Boden welchen Rausches auch immer, ohne diese heilige Nüchternheit dürfte das schönste Dopamin und Serotonin wohl eher zu Unsinn denn Sinn führen. [30]
[1] Vortrag, leicht variiert gehalten am 4. 11. auf dem 2. Aphoristikertreffen vom 2. – 4. 11. 2006 in Hattingen.
[2] Hanspeter Rings: Knapp über der Erde. Aphorismen. Mit Bildern von Norbert Nüssle. Mannheim 1997, S. 34.
[3] Ebd. S. 45.
[4] Ders.: Einen Erdwurf weit. Aphorismen. Mannheim 2001, S. 56. An dieser Stelle sei die Gelegenheit ergriffen, ein Wort zur graphischen Gestaltung dieses Aphorismenbands zu sagen, was ich besser schon in seiner Vorbemerkung getan hätte. In diesem Band finden sich einige beabsichtigte spiegelschriftliche Seiten, die einerseits die Selbstreferenz all unserer Erkenntnis unterstreichen sollen, andererseits auch nur als Eigentümlichkeit gemeint sind, die dem Leser im Gedächtnis haften mag, wenn er sich ansonsten schon an nichts mehr aus dem Buch erinnert. Dass sich der eine oder andere dabei aber nur an einen Fehldruck erinnert, wie es beim flüchtigen Hinsehen denn auch den Anschein haben kann, das war freilich nicht intendiert. Insofern würde ich mir die mit diesen Sonderseiten verbundene drucktechnische Mühe kein zweites Mal mehr machen. Inspiriert zu diesem Vorgehen hatten mich übrigens die aus dem Rahmen fallenden Buchseiten in Laurence Sternes „Tristram Shandy“.
[5] Ebd. S. 55.
[6] Ebd. S. 12.
[7] Ebd. S. 53.
[8] Ebd. S. 38. Im Jahr 2007 erschien mein dritter Aphorimenband „Erde am Himmel“.
[9] Vgl. Lesky, Albin: Die griechische Tragödie. Stuttgart 1968, S. 24; Dorn, Nico: Das Apollinische und das Dionysische. Nietzsches Gegensatzpaar im antiken Mythos. (http://www.texttexturen.de/arbeiten/apollon_dionysos).
[10] Vgl. Pascal, Blaise: Gedanken. Übertragen von Wolfgang Tüttenauer. Köln 1997, Nr. 32; Bernhard, Thomas: Verstörung. Frankfurt a. M. 1996, S. 113.
[11] Vgl. Friedemann Spicker: Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert. Spiel, Bild, Erkenntnis. Tübingen 2004, S. 16.
[12] Vgl. Indiens Heilige Schriften. In unserem Sprachkreis Dürckheim, Karlfried Graf: Der Alltag als Übung, Bern 1977. Im Chinesischen spricht man von auszugleichendem Yin und Yang.
[13] Menschliches, Allzumenschliches, Erster Band, Nr. 192.
[14] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes. Frankfurt a. M. 1973, S. 55.
[15] Wallensteins Tod, 2. Aufzug, 3. Auftritt (leicht paraphrasiert).
[16] Avila, Teresa von: Wohnungen der Inneren Burg. Vollständige Neuübertragung. Gesammelte Werke, Bd. 4. Hg., übersetzt und eingeleitet von Ulrich Dobhan und Elisabeth Peeters. Freiburg 2005, S. 138 Anm. 4.
[17] Ebd. S. 122.
[18] Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Gespräch v. 11. März 1828, 2. Bd.
[19] Nietzsche, Friedrich: Unzeitgemäße Betrachtungen, Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachteil der Historie.
[20] Benjamin, Walter: Das Passagen-Werk. Gesammelte Schriften Bd. V/1. Hg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M., S. 570.
[21] Vgl. Yogananda, Paramahansa: Autobiographie eines Yogi. Self-Realization Fellowship Publishers 1998, Nachdruck 2005, S. 97 Anm. 6.
[22] Zit. n. Spierling, Volker: Erkenntnis und Kunst, Einleitung zu Arthur Schopenhauer: Metaphysik des Schönen. Philosophische Vorlesungen, Teil III. Aus dem handschriftlichen Nachlaß, Hg. und eingeleitet von Volker Spierling. München 1985, S. 25.
[23] Hesse, Hermann: Die Welt der Bücher. Betrachtungen und Aufsätze zur Literatur (darin: „Sprache“ von 1918). Frankfurt a. M. 1977, S. 150.
[24] Vgl. Rauch, Judith: Genial daneben. In: bild der wissenschaft 1/2005, S. 28 – 33.
[25] Wagner, Richard: Meistersinger, 3. Aufzug (Wahnmonolog).
[26] Vgl. Sri Aurobindo: Das Göttliche Leben. Erstes Buch. Gladenbach/Hessen 2002, S. 24.
[27] Zit. n. Rauch, Judith: Die kleinen Helfer. In: bild der wissenschaft 1/2005, S. 36 – 37, hier S. 36.
[28] Aus „Hälfte des Lebens“, zit. n. Hölderlin, Friedrich: Sämtliche Werke, Erster Band. (Sonderausgabe Die Tempel-Klassiker). Wiesbaden o.D., S. 293.
[29] Vgl. Quincy, Thomas de: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers (1822). München 1985; Weil, Andrew: Drogen und höheres Bewusstsein. Aarau/Schweiz 2000, insbesondere S. 136 ff.; Schuhmacher, Andrea: Wahnsinn im Labor. In: bild der wissenschaft 10/2006, S. 60 – 65.
[30] Vgl. auch Herder, Johann Gottfried: „Als das himmlische Sinnbild aller Jünglingsgenien auf Erden steht Dionysos hier, dessen zarte Idee die niedren Sterblichen so mißkennen, dass ich seinen Namen Bacchus kaum zu nennen wage.“ (Briefe zur Beförderung der Humanität, 6. Sammlung Nr. 66. Hg. v. Heinz Stolpe in Zusammenarbeit mit Hans-Joachim Kruse und Dietrich Simon, Bd. 1-2. Berlin und Weimar 1971 (zit. n. Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka. Studienbibliothek. Digitale Bibliothek 1). Ferner werden Serotonin und Dopamin unter anderem beim Joggen ausgeschüttet mit dem möglichen Effekt einer Steigerung des Glücksempfindens und der Kreativität, vgl. u.a. Strunz, Ulrich: forever young. Das Erfolgsprogramm. München 2003, S. 46. An dieser Stelle sei noch in eigener Sache angemerkt, dass es in erster Linie auf die Verwirklichung des im Menschen angelegten Potenzials zur, lapidar gesagt, inneren Welt ankommt; die äußerliche Droge kann dabei, wie ich meine, nur akzidentiell, nicht aber substantiell wirken. In meinem Fall war es, wie es der sog. Zufall wollte, ein Gesangsstudium, das mich mit seinen unaufhörlichen Vokalisen, trotz stimmlich schöner Erfolge, eher an den Rand der Verzweiflung als den der Bühne brachte. Dafür hatte es den ungewollten, aber womöglich günstigen Effekt, dass es mir evt. analog zum Klangweg des Yoga und dessen Mantras – das wurde mir erst im Nachhinein klar – so etwas wie die innere Welt, besser gesagt, eine innerlich-äußerlich integrierte Welt aufschloss als Voraussetzung unter anderem für den Aphorismus. Meinen künstlerisch inspirierten Gesangslehrer von damals, Herrn Wilhelm Roser, darf ich dabei nicht unerwähnt lassen.
Hanspeter Rings: Erde am Himmel. Aphorismen, Mannheim 2007.
ISBN 978-3-8334-8919-8
Eine Auswahl
Das Vielleicht zum Zweifel verkommen ist, als ob der vieles leicht zu fassen wüsste.
Symbol aufs ewige Leben ist unser eigenes, und wenn wir Pech haben, ist’s nur Logo.
Vorsicht, wenn wir uns Denkmäler setzen, wir könnten darunter liegen.
Man soll niemanden unterschätzen, auch wenn er überschätzt wird.
Was gut ist, lässt sich nicht erfassen, wenn es nur Gut ist.
Wenn man sich schon seine eigene Kunstwelt schafft, sie bitte nicht auch noch erforschen wollen.
Stichworte sind nur noch müde Idee aufs Treffende.
Dort, wo wir unsere Mitlebewesen verspeisen und wieder ausspeien, scheint eine sterbliche Sonne.
Das alte Tieropfer hat noch jenes Leben, das vakuumverpackt tötet.
Wenn wir die Tiere schon in uns beerdigen, so sollte es zumindest geweihte Erde sein.
Nutzgeflügel ist die vielleicht fahlste Idee auf jene des Engels.
So recht gefährlich wird’s erst, wenn wir die Flügel einziehen.
Was erschwinglich ist, muss deshalb noch nicht schwingen.
Am Ganzen ging die Schadenfreude noch stets zu Bruch.
Lebensläufe sich nicht selten zu Tode eilen.
Einserleben nicht vergessen sollten, sie der Null alles verdanken.
Die Weltformel hat zumindest zwei große Unbekannte: Welt und Formel.
Wenn Sie dies gerade lesen, so gehört es auch zur Weltformel – mit ihren vielen Unbekannten.
Wir gehen über Leichen, jedoch: Einige von ihnen leben noch.
Hierarchie ist überall zum Verwechseln ähnlich, obwohl sie Verwechselbarkeit doch gerade ausschließen will.
Die sich ins rechte Licht stellen, sollten ihren Schatten nicht übersehen.
Die volle Last beim Nachtragenden liegt.
Arme wissen noch um den Gestus des Gebens.
Ideen, die wir nicht loslassen, werden rasch fixe.
Überhaupt werden Sehenswürdigkeiten erst dann interessant, wenn man sie überall sieht.
Beim Ärger bedenken, es so noch immer kommen könnte.
Ich’s, die sich verkapseln, sind die gängigste Droge.
Unklar wie sie waren, pochten sie strikt auf klare Verhältnisse.
Wer das Glück sucht, sucht garantiert das Unglück, denn das Glück ist schon da.
Aus der Wirklichkeit schauen Augen der Liebe, die wir nur dann nicht erkennen, wenn wir, ja wenn wir genau so fragen.
Der Reichtum, der uns vorschwebt, nicht am Boden haften sollte.
Es ist die Unmittelbarkeit, welche die Mitte findet.
Seitenhiebe prallten an der Mitte noch immer ab.
Uns erscheint viel zu viel normal, als dass es normal sein könnte.
Wenn das Sinnliche stimmt, ist garantiert eine Note Übersinnliches dabei.
Die feinstoffliche Logik des Wollens ist das Nicht-Wollen.
Bezeichnend ist, wo man den Strich weglässt.
Es gibt kein rationales Geflecht, das nicht irrationale Fäden hätte.
Satzzeichen sind das noch Vorklangliche der Sprache.
Ein so zartes Geschöpf ist die Poesie, sie noch jeder Gedichtband zu zertreten vermag.
Winkelzüge verharren im Dreidimensionalen.
Warum gibt’s die Welt, weil’s ein Warum womöglich nicht gibt ...
Schutz mag schützen, doch Nicht-Schutz schützt.
Das Ich tanzt um den Menschen, das Selbst in ihm.
Du, das ins Selbst reicht, ist nicht mehr billiges Alibi fürs Ich.
Der Widerstand der Materie der Wiederholung der Ideen eigentümlich ähnelt.
Den Namen noch kein Krematorium einzuäschern wusste, schließlich heißt er ja so.
Das traurigste Grab bedecken oft die lustigsten Pflanzen.
Wenn wir die Dinge nicht auf uns zukommen lassen, kommen sie auch nicht auf uns zu.
Der Tod sitzt uns im Genick, als wollte er sagen: weitersehen.
Und sollte alles tot sein, warum sollten wir es nicht zum Leben erwecken.
Wir verstehen den Tod als Endpunkt, nur den Punkt, den haben wir selbst ersonnen.
Von der wunderbaren Verwandlung der Welt, wenn wir einmal „heute“ durch „ewig“ ersetzen.
Nur der Geist hat den Vorteil, dass die Würmer nicht an ihn gehen.
Hier anzukommen, bleibt uns nichts anderes übrig, als in einer anderen Welt zu leben.
Materie pur sei das Lebewesen, dummerweise war da auch vom Wesen die Rede.
Das Wesen sei uns unbekannt, aber Wesen benennen wir mühelos.
Je mehr dem Menschen wesentlich ist, desto weniger gilt ihm oft das Wesen.
Die so genannten Abgeklärten noch selten den Wassern des Selbst entstiegen.
Wir versenken uns und schöpfen Kraft, die uns am Versinken hindert.
Gibt’s eine Versicherung ohne Prämie, die – Selbst – angenommen auch schon ausgezahlt wird.
Apropos Mensch: Nur tote Klangkörper produzieren Lärm.
Das Geheimnis des Lauts ist, dass er nicht laut ist.
Der Bogen in den Klang ist eben kein Verbiegen in den Lärm.
Die Lärmpastillen, die wir täglich schlucken, bestenfalls nur das vergiften, was wir nicht – sind.
Das sprachliche Kunstwerk funktioniert nur als inhaltliches, das inhaltliche nur als sprachliches.
Als rundes Schreiben zu Rundschreiben mutierte.
Der Anspruch dummerweise auf die Sprache verzichtete.
Das Lebens-Elixier das eloquente Nicht-Wort ist ...
Jetzt da, jetzt weg, so eine Welt namens – Jetzt.
Im Leben tot sein und auf ein Leben danach spekulieren, kann schon deshalb nicht funktionieren, weil dort danach auch zuvor – ist.
Apropos Alter: Das Leben beginnt genau – Jetzt.
Die Kunst aufzubauen ist abzubauen – gleichsam die Lebenskunst.
Ältlich wirkt nur das Milieu, und sei es topaktuell.
Das Alter wirft Schatten des Nicht-mehr-Könnens und zaghaft schon Strahlen des Anders-Könnens.
Wir überleben so vieles nicht, wie sollte es ohne Gedankenstrich zum Über-leben auch möglich – sein.
Zu sehr nervt der Mensch, als dass er schmerzfrei sein könnte.
Noch pulst der Wurm im Gefieder der Seele.
Weise mögen wir sein, aber bitte zugleich beim Nicht-Sein.
Die Mutation des Vampirs lebt am Tag, nicht aber am – Tag.
Wo wir – leben –, gibt’s das Wo nicht.
Die Falle klappt nicht zu, wenn wir in uns – Selbst – fallen.
Wir haben keine Zeit, aber die müssen wir uns einteilen.
Die Zeit wird nur erträglich, wenn in ihr auch die Zeitlosigkeit tickt.
Das letzte Geleit uns Sterne geben, die längst verloschen.
Verletzlich wie unser Gehirn ist, sollte es „verletzen“ eigentlich zuletzt denken.
Was uns bewegt, erahnen wir nur, wenn uns etwas bewegt.
Umwelt, die nicht zugleich als Innenwelt betrachtet wird, wird zerstört.
Den Punkt anstreben, wo Kausalität zufällig und Zufall kausal wird.
Schon mal beobachtet? Wie man’s auch macht, eigentlich ist’s doch richtig.
Die nicht überprüfbare Wahrheit ist so überprüfbar wie die überprüfbare nicht überprüfbar.
Wo überprüfbare Wahrheit und nicht überprüfbare sich verbinden, entsteht Anbindung ans – Selbst.
Wir bedanken uns bei Hanspeter Rings für die Genehmigung zur Veröffentlichung