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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 4
Todes-Erfahrung
Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Haß
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund
tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.
Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt
durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.
Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebärden dann und wann
aufhebend; aber dein von uns entferntes,
aus unserm Stück entrücktes Dasein kann
uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so daß wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.
Rilke schreibt dieses Gedicht am 24. Januar 1907 zum einjährigen Todestag der Gräfin Luise Schwerin, deren Gast in Schloss Friedelhausen er im Sommer 1905 war [1], und eignet es ihrer Schwester Alice Faehndrich zu. Gedruckt erscheint es dann im Dezember 1907 in den ´Neuen Gedichten´. Am 5.7.1908 schreibt Rilke an Manon zu Solms: „Die Todeserfahrungen meiner letztvergangenen Jahre (1908 war auch Alice Faehndrich gestorben) sind so zahlreich, dass sie mich verwirren müssten, wenn ich nicht erlernte, dass sie, in unser Leben fallend, ihm nicht entgegen sind, vielleicht zu Lebenserfahrungen werden, zu den gewaltigsten, die ich kenne, … zu einer immensen Erziehung, deren Zwecke noch gar nicht abzusehen sind …“
„Denn Verse“, lässt Rilke ´seinen´ Malte Laurids Brigge sagen, „sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), - es sind Erfahrungen. … Aber auch bei Sterbenden muss man gewesen sein, muss bei Toten gesessen haben in der Stube mit dem offenen Fenster und den stoßweisen Geräuschen. Und es genügt auch noch nicht, dass man Erinnerungen hat. Man muss sie vergessen können, wenn es viele sind, und man muss die große Geduld haben, zu warten, dass sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.“
[1] S. den Beitrag von Renate Scharffenberg im Marburger Forum Jg. 6 (2005), Heft 5.
Manfred Jobst