Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 6


 

Lorenzo de’Medici: Die Medici Verschwörung;
Ehrenwirth, Bergisch Gladbach 2007; 332 Seiten; ISBN: 978-3431036923; EUR 19,95

 

Cover

Natürlich sollte man es tunlichst vermeiden, die Lektüre eines Buches auf der letzten Seite zu beginnen – und auch noch davon zu berichten, was man da gelesen hat. Aber nicht nur, daß ein Schlußwort per se einen Reiz der besonderen Art verströmt, der Inhalt des vorliegenden Epilogs wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf das gesamte Werk. In selbigen nämlich informiert der Autor den Leser nicht nur über die gar überraschende Tatsache, daß der vorliegende Roman vor einem realen historischen Hintergrund spielt, sondern die Gespräche der auftretenden Persönlichkeiten auch noch frei erfunden seien. Mögen Pisa & Co noch so tiefgreifende Mängel in der Schulbildung aufgedeckt haben – ein solcher Hinweis erscheint denn doch etwas … übertrieben. Sicherlich ging es dem Autor aber weniger um diese historische Trivia, sondern vielmehr um den koketten Hinweis, daß sich die Ereignisse um die französische Königin Maria de’Medici wohl inspirativ auf Ecos Rosen-Romankonzept ausgewirkt haben – welch perfekte Gelegenheit die „Medici-Verschwörung“ in eine Reihe mit den ganz Großen, eben Umberto Eco, zu stellen, wenn auch getarnt mit dem benevolenten Hinweis, daß auch hier nur das althergebrachte Muster herrscht.

Doch wie heißt es so schön: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Tatsächlich greift der Verfasser nur allzu Bekanntes auf. Da ist zunächst einmal die im Sterben liegende Königin, die, obgleich schon vom unausweichlichen Tod gekennzeichnet, noch immer ehrfurchtsgebietend erscheint. Doch die Sterbende – wie sollte es anders sein - hadert mit ihrer Vergangenheit und läßt selbige (ausschnittsweise) an sich vorbeidefilieren. Dann ist da noch die schöne Dienerin, die zweite Hauptfigur des Romans, die sich war nicht als Tochter höheren Hauses entpuppt, aber nach einer unerfüllten Liebesbeziehung die soziale Stufe nach oben fällt, indem sie einen etwas ältlichen, dafür aber wohlwollenden Adeligen ehelicht; und dem Leser wird die abgedroschene Freude zu Teil sie so vor einer desaströsen Zukunft bewahrt zu sehen, denn das Individuum, das dem jungen Mädchen einst die Unschuld nahm, ist gegen Ende des Romans zu einem schwulen Höfling mutiert. Vor dieser fundamentalen Wandlung fungierte dieses immerhin als genauso liebeshungriger wie –tüchtiger „Beau“ des Palastpersonals. Ach ja, damals, als im Louvre noch echte Männer die Laken durchwühlten…!

Aber auch mit solcherlei trüben Bettgeschichten läßt sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Liebesbeziehung ohne Schwung und die  Beschreibungen der Agierenden schlicht und ergreifend fad ist („Er hatte ein schönes Profil, sehr männlich. Er war groß,... Sein langes dunkelblondes Haar fiel ihm bis auf die Schultern.", S. 108), ihre Gefühlswelt seicht und wenig inspirierend, gespickt mit allerlei narrativer Schlamperei: nicht nur, daß der Anachronismus durch die Verwendung moderner Daten und Uhrzeiten fröhliche Urständ‘ feiert, oder die Szene, in der die sterbende Königin von der Welt Abschied nimmt, schier erbarmungslos gestreckt und gedehnt wird, bis Wiederholungen und Spiegelungen von Gedanken gleichsam zu ihrer Essenz geworden sind, sondern es geschehen gar absonderliche Dinge mit der Figur der Kammerzofe Tinella: 1533 kommt die junge Katharina nebst 13jähriger Kammerzofe nach Frankreich. Als es zu den dramatischen Ereignissen der Bartolomäusnacht kommt, schreibt man das Jahr 1572. Zu diesem Zeitpunkt ist die Zofe laut Adam Riese also schon 51 Jahre alt. Dieses fortgeschrittene Alter hindert den Autor jedoch nicht daran zu vermerken, sie sei „eine junge Frau … in der Blüte ihrer Jahre“ (S. 45f.) Wie das? In Antizipation seiner kommenden Funktion als Museum scheint der Louvre bereits eine äußerst konservierende Wirkung zu zeigen.

Fakt ist: Es ist beinahe verantwortungslos, wie da eine politisch hochbrisante Epoche einer banalen Liebes- und Lebensgeschichte preisgegeben, besser: geopfert wird, denn weder erfährt hier eine abgrundtiefe Liebe vor dem Hintergrund eines der aufreibendsten Kapitel der konfessionellen Auseinandersetzungen ihre entsprechende Apotheose, noch wird ein dramatisches Gespinst erstickender Intrige gesponnen, vielmehr verendet jene bereits elendiglich im Stadium wilder Vorüberlegung. Auf den 332 Seiten, die dieses Buch umfaßt, wird zwar geliebt, gemordet und intrigiert, aber nur ansatzweise, ohne wirkliche Leidenschaft und Konsequenz, denn diese bedarf der klaren Linie und verachtet die Redundanz, die so typisch für diesen Roman zu sein scheint.

Was bleibt ist ein Roman wie so viele andere auch. Nicht besser, nicht schlechter und schon gar nicht überragender, ein Roman, dessen Wirkung nicht auf der Dramatik des Dargestellten gründet, auf eleganter Wortwahl oder der Unerhörtheit des Berichteten, sondern wohl eher auf dem Namen des Autors.

Tanja v. Werner

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